Dieter Hildebrandts „Notizen aus der Provinz“ war die erste Kabarettsendung im Zweiten. Tief in den Siebzigern. Ein halbes Jahrhundert später ist die Lage der Provinz weitaus dramatischer. Nicht nur was Landflucht und Leerstand betrifft. Auch im Fernsehen wird sie immer bedrohlicher. Carolin Gasteiger hat das kürzlich in der Süddeutschen festgestellt. Sie führt die TV-Serien Dark, How to sell drugs online (fast) und Das Verschwinden an. Gemeinsamkeit: Alle spielen in der Provinz, und zwar einer fiktiven. Also in einer Kleinstadt, die es nicht gibt. Die es aber geben könnte. Die großartige Serie Das Verschwinden (Musik: Notwist) spielt zum Beispiel im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Hier, wo ich gerade bin. Die Autos fahren mit CHA-Kennzeichen durch die Serie. Steht für Cham, gleich um die Ecke. Aber den Ort der Handlung gibt es nicht. Forstenau wurde erfunden. Die Provinz erscheint in allen genannten Serien schraurig. Mit weitläufigem Land und engstirnigen Leuten. Da kann mal schon mal drin verschwinden in dieser Provinz. Aber zur Beruhigung: Ich bin noch da. 

Der bayrische Ostrand hat bei aufkommendem Herbst tatsächlich was Unheimliches. Die Bevölkerung dünnt aus. Die Kleinstädte leeren sich. Der Marktplatz ist noch rausgeputzt. Drumrum ist der Verfall in vollem Gange. Bärnau, Pleystein, Schönsee – überall dasselbe. Furchtlos wie ich bin, stattete ich auch Flossenbürg einen Besuch ab. Die Nazis hatten ihr Tal des Todes im letzten Winkel versteckt. Was ich nicht verstehe: Gleich am Südhang des schaurigen Ortes, hat man vor rund 30 Jahren ein Baugebiet erschlossen. Mit Blick aufs ehemalige KZ sozusagen. Ganz normale deutsche Häuser stehen da. Eine Zufahrt führt direkt über den Hof des ehemaligen Lagers. Jetzt kann man sagen: Ist doch schon lange her. Gut, dass man das Gelände wieder zu etwas brauchen kann. Trotzdem stell ich mir meine Aussicht vom Wohnzimmer anders vor. Dauernd die Gedenkstätte vor der Nase, ich weiß nicht. Ausgerechnet hier, wo es hier in der Gegend wirklich viel Platz zum Bauen hätte. Provinz ist ein weiter Begriff. 

Gasteiger stellt fest: „Indem Serien in der fiktiven Provinz spielen, suggerieren sie vor allem, dass ihre Handlung nirgends geschieht – und damit zugleich überall. Schauriger Subtext: Es könnte auch in deiner Kleinstadt passieren.“ Trotzdem ist es mir in meiner Kleinstadt noch nicht passiert, dass ein fetter Holztransport falschrum um die Verkehrsinsel brettert, wenn ich als Radler auf meiner Seite der Straße entgegen komme. Nein, ich bin nicht unter dem rollenden Vollpfosten verschwunden. 

Meine Route führte mich heute durch den Oberpfälzer Wald, schön rauf und runter, so wie ich das immer klasse finde, wenn ich die Route plane. Das Bedrohliche an der Grenzregion zu Tschechien muss nicht das Crystal Meth sein, mit dem die Teenies in der TV-Serie hantieren. Tschechische Lasterfahrer reichen völlig, um mich unter die Erde zu verfrachten. Geht auch schneller. 

Für Kultur und Radler besonders tragisch scheint mir das Ausdünnen der Landgasthöfe. Selten, dass einer offen ist. Die meisten machen den Eindruck, als wären sie schon vor Corona geschlossen gewesen. Nicht, dass es um die Stammtischparolen schade wäre. Die haben sich längst ins Netz verlagert. Aber der gute Schmorbraten (mit Grilltomate) und die Geselligkeit hinterlassen ein Loch. Und weil man alles selbst machen muss, bin ich in einem der übrig gebliebenen Landgasthöfe abgestiegen. Wie man sich täuschen kann. Vielleicht hat das Gasthaussterben auch etwas mit den Wirten zu tun. 

Die Gaststube beim Steiner Wirt sitzt proppenvoll. Im Familienbetrieb schmeißen die Eltern die Stube, der Sohn kocht. Von wegen Grilltomate. Ich bekomme Tatar empfohlen, atme danach hausgemachte Fettucine ein und crumble mich schließlich durch Birne und Eis. Der Sohn hat am Tegernsee gelernt und wirbelte danach durch die Küche des Roßwager Lamm, ein Stern. Ja, die Provinz hat manche Überraschung parat. Heute: das  Roßwager Lamm. Drei Kilometer von meinem Heimatdorf entfernt. Dort, wo meine Familie meine Konfirmation feierte, als das Lamm noch nicht nach den Sternen griff. Man stelle sich den Radler im Konfirmationsanzug vor… oder besser nicht. Besser ihr merkt Euch den Steiner Wirt. 

Erkenntnis des Tages: Die Provinz steckt voller Überraschungen. Und falls ich mal verschwunden sein sollte: Sucht mich beim Steiner Wirt in der Küche. Die Birnen aus dem Crumble stammen übrigens von dem Baum, an dem ich mein Rad abgestellt habe. Ach ja… Radfahren… blöde Idee. 

Grenzerfahrung (Etappe 11) Neualbenreuth – Tiefenbach-Stein, 102 km, ca. 1500 Höhenmeter

Flossenbürg: Wohngebiet mit Blick auf die Gedenkstätte
Neukirchen zu St. Christoph