Grenzerfahrung (Etappe 13): Böbrach – Plattling, 40 km, ca. 400 Höhenmeter

Kein Zweifel: Es war ein Surfbrett. Eines von der kleinen Sorte, grad so zwei Meter lang. Der junge Mann hatte es fürsorglich in einen Nikiplüsch-Überzieher gehüllt. Er stellte das Board neben mein Fahrrad und setzte sich. Ich war schon in Plattling in den Zug eingestiegen. Das Board warf Fragen auf: Was macht man mit einem Surfbrett bei 10 Grad, peitschendem Wind und Dauerregen mit einem Surfbrett? War er gestern etwa über die Münchner Isarwelle gesprungen und hatte den Schwung bis zu Donau mitgenommen? Schützt das Nikistöffchen wirklich? Von allen möglichen Fragen stellte ich keine einzige. Bei naseweisen Fragen ist Lächeln geboten. Durch den Mundschutz nicht die leichteste Übung. Außerdem vermutete ich, dass er nicht von einem triefnassen Mittfuffziger in bunten Regenklamotten ausgequetscht werden wollte. 

Die Leute haben komische Marotten. Der Surfer mag die Pfütze unter meinem Sitz wahrgenommen haben. „Bei dem Wetter radeln wollen, was ein Trottel“, las ich hinter der Surferstirn ab. „Kein Wunder, dass er sich in den Zug setzt,“ stand da geschrieben. Weiter wollt ich nicht lesen. Dabei hatte ich mich auf die Etappe gefreut, die flach durch Niederbayern geführt hätte, als verdiente Erholung nach dem Mittelgebirge. Andererseits: In Plattling in den Zug setzen – wenn nicht in Plattling, wo sonst… 

Zuvor war ich die Hänge des Bayernwaldes hintergesurft. Dabei hätt ich gerne Lycra und Fahrrad gegen Neopren und Surfbrett eingetauscht. Die Laster überholten mich mitleidigerweise mit drei Metern Abstand. War aber egal, ich war schon nass. Trotzdem Danke. 

Noch ungemütlicher als das Radeln der Blick auf die gleichgeschalteten Wetter-Apps. Drei Tage Regen vorhergesagt, überall, also in Nieder- und in Oberbayern, über 1000 Metern in Schnee übergehend.  Die Roßberghöhenstraße bei Berchtesgaden im Spätsommer: nicht vor nächstem Jahr. So lange wollt ich doch nicht warten. So spannend ist die Gegend nicht, dass ich mit niederbayrischen Schwänken ein Jahr Diario füllen könnte. 

Erkenntnis des Tages: Es war womöglich ein Fehler, den jungen Surfer nicht zu interviewen. Die Story hätte dieses letzte Rad-Diario des Jahres mit einer nikiplüschen Pointe abgeschlossen. 

Diesen finalen Höhepunkt des modernen Radjournalismus muss nun ich schuldig bleiben. Ich bedaure und gelobe Besserung. Der Plattling dankt fürs allseitige Mitradeln und verabschiedet sich in die Winterpause. Bleibt fit und gesund. 

Ausnahmsweise mal was über Sport. Oder das, was ich im fortgeschrittenen Alter dafür halte. Heute sehr fiese Strecke. Zum Frühstück einen Dachsriegel, vor dem Mittagessen das Tanneneck und dann die Arberstraße. Der lange Berg am Schluß, wenn die Beinchen schon müde sind. Laktatparty. Das muss man wollen. Stellt Euch also einen Sprinter vor, der auf ner Bergetappe irgendwie in der Karenzzeit ankommen will. Und das in Superzeitlupe, so etwa. Vor der Dunkelheit ankommen, darum gehts bei mir. Mein Ein-Mann-Gruppetto startet also megamoderat. Um dann kontinuierlich langsamer zu werden. Hab ich bei der Tour gelernt: „Bist du nicht vorn, spare jedes Korn.“ Andernfalls droht, was man nur mit einem schöngeistigen Spruch beschreiben kann: „Hast du einmal den Sack in der Kette, wird’s richtig schwer.“

Als höchste Passage im bayrischen Wald hätte die Arberstraße das Zeug zu einer klassischen Radstrecke. Aber ich weiß nicht… kaum Aussicht, breite Autobahn, entsprechend Verkehr, sogar an einem Donnerstag im Herbst. Der Bayernwald ist an vielen Stellen so viel schöner. Schön ja der Arbersee. Aber halt Postkarte und draußen nur Kännchen. Tretboote kann man auch chartern. Aber ehrlich, ich hätt ich keine Runde hinbekommen. Ich wär unter lauter Rentnern der Erste gewesen, den sie dort bei schönstem Sonnenschein manövrierunfähig hätten ans Ufer schleppen müssen. Gerne hätte ich die Touristen am Arbersee darauf hingewiesen, dass Bad Brambach viel schöner ist. Aber wer hätte den Radler im orangen Cape zugehört? Ich hätte ebenso einen Wachturm in der Hand halten können. 

Überraschend: Beim Arberaufstieg mochte ich selbst meine eigenen Parolen nicht mehr hören. Von wegen: Man lernt beim Radeln die Landschaft besser kennen, wenn man jedes Prozent bergan oder bergab in den Waden spürt. Ach, Bernd, tret einfach, und denk nicht nach. Drum konzentriere ich mich jetzt auf Laktatabbau. Das Hirn hat Pause, jetzt wird’s esoterisch. Überraschenderweise geht’s nach dem Arbersee noch 200 Höhenmeter hoch. Das hätt ich nicht unbedingt gebraucht. Aber wenn das Hirn abgeschaltet ist, sollte es auch die Beine nicht mehr spüren. Radler-Esoterik klappt nur so semi. Übrigens möchte ich festhalten: Ich gehöre nicht zu denen, die ständig „ihre Grenzen austesten“ wollen. Dieser Sportler- und Motivationssprech liegt mir fern. Wir haben vor vielen Jahren menschenfeindliche Ländergrenzen aufgebrochen. Das sollten wir nie wieder aufs Spiel setzen. Eigene Grenzen hingegen, das ist was anderes, die kann man leicht akzeptieren. Soweit meine 10 Cent Grenzerfahrung. 

Erkenntnis des Tages: Ist schon jemand aufgefallen, dass sich die Wetter-Apps untereinander verschworen haben? Alle, aber auch alle alle alle sagen Dauerregen und eisige Kälte voraus. Ich glaub fast, die sind alle verwandt. Vermutlich mit dem Gates. Wenn ich weitere Indizien habe, meld ich mich wieder, gell. Mein Freund Tim Bandisch macht mich drauf aufmerksam, dass auch Fräulein Menke, die mit dem Tretboot in Seenot geraten war, zu den aktuellen Verschwurblerinnen gehört. Da gibt’s garantiert einen Zusammenhang.  Ich rechne mal die Quersumme der Buchstabenreihenfolge aus. Falls das Hirn wieder anspringt.

Grenzerfahrung (Etappe 12) Tiefenbronn-Stein – Böbrach, 92 km, ca. 1700 Höhenmeter

Dieter Hildebrandts „Notizen aus der Provinz“ war die erste Kabarettsendung im Zweiten. Tief in den Siebzigern. Ein halbes Jahrhundert später ist die Lage der Provinz weitaus dramatischer. Nicht nur was Landflucht und Leerstand betrifft. Auch im Fernsehen wird sie immer bedrohlicher. Carolin Gasteiger hat das kürzlich in der Süddeutschen festgestellt. Sie führt die TV-Serien Dark, How to sell drugs online (fast) und Das Verschwinden an. Gemeinsamkeit: Alle spielen in der Provinz, und zwar einer fiktiven. Also in einer Kleinstadt, die es nicht gibt. Die es aber geben könnte. Die großartige Serie Das Verschwinden (Musik: Notwist) spielt zum Beispiel im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Hier, wo ich gerade bin. Die Autos fahren mit CHA-Kennzeichen durch die Serie. Steht für Cham, gleich um die Ecke. Aber den Ort der Handlung gibt es nicht. Forstenau wurde erfunden. Die Provinz erscheint in allen genannten Serien schraurig. Mit weitläufigem Land und engstirnigen Leuten. Da kann mal schon mal drin verschwinden in dieser Provinz. Aber zur Beruhigung: Ich bin noch da. 

Der bayrische Ostrand hat bei aufkommendem Herbst tatsächlich was Unheimliches. Die Bevölkerung dünnt aus. Die Kleinstädte leeren sich. Der Marktplatz ist noch rausgeputzt. Drumrum ist der Verfall in vollem Gange. Bärnau, Pleystein, Schönsee – überall dasselbe. Furchtlos wie ich bin, stattete ich auch Flossenbürg einen Besuch ab. Die Nazis hatten ihr Tal des Todes im letzten Winkel versteckt. Was ich nicht verstehe: Gleich am Südhang des schaurigen Ortes, hat man vor rund 30 Jahren ein Baugebiet erschlossen. Mit Blick aufs ehemalige KZ sozusagen. Ganz normale deutsche Häuser stehen da. Eine Zufahrt führt direkt über den Hof des ehemaligen Lagers. Jetzt kann man sagen: Ist doch schon lange her. Gut, dass man das Gelände wieder zu etwas brauchen kann. Trotzdem stell ich mir meine Aussicht vom Wohnzimmer anders vor. Dauernd die Gedenkstätte vor der Nase, ich weiß nicht. Ausgerechnet hier, wo es hier in der Gegend wirklich viel Platz zum Bauen hätte. Provinz ist ein weiter Begriff. 

Gasteiger stellt fest: „Indem Serien in der fiktiven Provinz spielen, suggerieren sie vor allem, dass ihre Handlung nirgends geschieht – und damit zugleich überall. Schauriger Subtext: Es könnte auch in deiner Kleinstadt passieren.“ Trotzdem ist es mir in meiner Kleinstadt noch nicht passiert, dass ein fetter Holztransport falschrum um die Verkehrsinsel brettert, wenn ich als Radler auf meiner Seite der Straße entgegen komme. Nein, ich bin nicht unter dem rollenden Vollpfosten verschwunden. 

Meine Route führte mich heute durch den Oberpfälzer Wald, schön rauf und runter, so wie ich das immer klasse finde, wenn ich die Route plane. Das Bedrohliche an der Grenzregion zu Tschechien muss nicht das Crystal Meth sein, mit dem die Teenies in der TV-Serie hantieren. Tschechische Lasterfahrer reichen völlig, um mich unter die Erde zu verfrachten. Geht auch schneller. 

Für Kultur und Radler besonders tragisch scheint mir das Ausdünnen der Landgasthöfe. Selten, dass einer offen ist. Die meisten machen den Eindruck, als wären sie schon vor Corona geschlossen gewesen. Nicht, dass es um die Stammtischparolen schade wäre. Die haben sich längst ins Netz verlagert. Aber der gute Schmorbraten (mit Grilltomate) und die Geselligkeit hinterlassen ein Loch. Und weil man alles selbst machen muss, bin ich in einem der übrig gebliebenen Landgasthöfe abgestiegen. Wie man sich täuschen kann. Vielleicht hat das Gasthaussterben auch etwas mit den Wirten zu tun. 

Die Gaststube beim Steiner Wirt sitzt proppenvoll. Im Familienbetrieb schmeißen die Eltern die Stube, der Sohn kocht. Von wegen Grilltomate. Ich bekomme Tatar empfohlen, atme danach hausgemachte Fettucine ein und crumble mich schließlich durch Birne und Eis. Der Sohn hat am Tegernsee gelernt und wirbelte danach durch die Küche des Roßwager Lamm, ein Stern. Ja, die Provinz hat manche Überraschung parat. Heute: das  Roßwager Lamm. Drei Kilometer von meinem Heimatdorf entfernt. Dort, wo meine Familie meine Konfirmation feierte, als das Lamm noch nicht nach den Sternen griff. Man stelle sich den Radler im Konfirmationsanzug vor… oder besser nicht. Besser ihr merkt Euch den Steiner Wirt. 

Erkenntnis des Tages: Die Provinz steckt voller Überraschungen. Und falls ich mal verschwunden sein sollte: Sucht mich beim Steiner Wirt in der Küche. Die Birnen aus dem Crumble stammen übrigens von dem Baum, an dem ich mein Rad abgestellt habe. Ach ja… Radfahren… blöde Idee. 

Grenzerfahrung (Etappe 11) Neualbenreuth – Tiefenbach-Stein, 102 km, ca. 1500 Höhenmeter

Flossenbürg: Wohngebiet mit Blick auf die Gedenkstätte
Neukirchen zu St. Christoph

Information ist alles. Höchste Zeit, die umbesungenen Informationsquellen zu würdigen: die blitzgescheiten Tafeln am Wegesrand. Nicht immer sind sie  fein gestaltet. Aber immer verbinden sie Stadt und Land mit Geschichte, Biologie, Geologie oder irgendetwas anderem, was man nicht erwartet hätte an dieser Stelle. Für unvorbereitete Radfahrer stets ein Quell der Freude. Verdient ist die Pause schließlich immer. Information vergoldet die Rast. Kurz vor meinem Tagesziel in Neualbenreuth erfuhr ich per Tafel, dass ich mich im Herzen des Stiftlandes befinde. Aha! Stiftland. Schön, wenn das Irgendwo ein Etikett bekommt. „Wo warst du im Urlaub?“ „Im Stiftland“ Naja, man kann’s ja mal versuchen. „Oberpfalz“ ist die nächst größere Region, aber auch diese Antwort stiftet gerne Verwirrung. Nordostbayern wäre wohl die informativste Antwort. Ah jetzt! Danke für das Mitleid. 

Auf so einer Informationstafel las gestern ich Ungeheuerliches. Ich rastete am Hefekloß, einer Passhöhe am Übergang vom Erzgebirge zum Vogtland. Dahinter beginnt die Ortschaft Carlsfeld. „Das Carlsfelder Bandonion gilt bis heute als Herz und Seele des argentinischen Tangos“ Gehts nicht ne Nummer kleiner? Verschlafenes Kaff macht einen auf großen Tango. Ich glaub, die hat’s! Allerdings war ich angefasst, ob der Information. Meine größtenteils unbeschwerte Kindheit wurde von einem ähnlichen Instrument namens Akkordeon nicht unwesentlich beschwert. Fünf Jahre dauerte es, bis Mutter einsah, dass beim Sohn jeder Ton verloren ist. Montag war Übungsstunde. Horror! Die Anderen der Gruppe orgelten Schneewalzer. Ich traf weder Knopf noch Taste und quetschte die Kommode per Luftknopf. Die einzige Möglichkeit, keinen falschen Ton zu spielen, war gar keinen zu spielen. Heute würde man das Playback nennen. Die Anderen walzten und ich holte mal kurz Luft. Akkordeon MilliVanilli. 

Jetzt aber Bandonion. Das Ding ist ja noch übler. Hat mehr als hundert Knöpfe auf der einen und mehr als hundert Knöpfe auf der anderen Seite. Hundert mal hundert Möglichkeiten den falschen Ton zu treffen. Und das Ding soll vom Erzgebirge nach Argentinien… ? In der Tat! Die Informationstafel lügt nicht. Bis Ende des 19. Jahrhunderts bestand das klassische Tangoorchester aus Gitarre, Violine und Querflöte. Die Quetschdinger aus dem sächsischen Kaff verdrängten die Querflöte. Jetzt echt. Und fast alle stammten sie aus diesem verschlafenen Dorf. Wie segensreich das gewesen sein muss, kann ich ebenfalls nachfühlen. Ich war mal mit einer Querflötistin zusammen. Sagen wir mal so: Ich mochte die -in mehr als die Querflöte. Da haben die Bandonions (übrigens nach dem Erfinder benannt, einem Herr Band) Dich was Gutes getan. Sie wurden in ferne Länder verschickt, weit weg davon hierzulande Kinder einen üblen Montag zu bescheren. 

Wo war ich gleich nochmal? Infotafel. Im Vogtland übrigens wenig Infotafel auf meinem Weg. Dafür viel Gegend. Feine Städtchen mit überraschend zahlreichen Gründerzeithäusern. Ich komm ja aus Württemberg, wir waren damals ein armes bäuerliches Volk. Das südliche Vogtland, heute eher Zonenrand, muss damals richtig hip gewesen sein. Kein Wunder, das Gebiet war reich, gegen Tschechien hin vermischten sich die Völker. Heute geht dem Vogtland gen Süden die Luft aus. Bad Brambach liegt in einen einsamen Zipfel, umgeben von arg viel Tschechien. Auf Sizilien verschenken Dörfer inzwischen verlassene Häuser zum symbolischen Preis von einem Euro. Nur damit die nicht aussterben. Nur so ein Gedanke, falls jemand aus Bad Brambach  mitliest. 

Wie bin ich jetzt auf das alles gekommen? Ach ja, mit dem Rad. Was ein wundervoller Tag! Mein Pedal-Tango im Wiegetritt war zwar schon mal ausdrucksvoller. Aber heute war’s egal. Dann halt schleichen. Die Gegend hat kleine, aber scheußlich steile Stellen. Wo war gleich nochmal der Luftknopf? Wären die Aufstiege mit Infotafeln bestückt worden, ich hätt sie alle im Vorbeifahren lesen können. 

Erkenntnis des Tages: Das Stiftland nennt man auch „Land der tausend Teiche“ (gesprochen: Deiche). Teils sehr schöne Tümpel dabei. Wirklich. Doch als Radler warne ich: Hüte dich vor Teichen. Danach gehts immer bergauf. In jeder Richtung. 

Grenzerfahrung (Etappe 10) Klingenthal – Bad Neualbenreuth, 85 km, 1.400 Höhenmeter

Irgendein Bismarckturm steht überall rum
Kurtümpel Bad Brambach
Über die Unmöglichkeit, mit dem Handy schöne Landschaften zu fotografieren
Waldsassen

Im Erzgebirge gibts viel zu entdecken, vor allem drunter. Schon im Mittelalter wurde Silber, Zinn und anderes Zeugs gefunden. Um es abzubauen, setzen die Bergleute Feuer. Anfangs überirdisch. Der Steinbruch brannte. Dann wurde gelöscht. Zinn war geschmolzen und hatte sich getrennt. . Auf diese Weise kam man dort, wo Metall vorhanden war, immer tiefer. Gefurchte Riesenlöcher entstanden. 1803 fielen die Furchen eines Loches beim Erzgebirgsstädtchen Geyer ein. Zwei Bergleute liegen bis heute da drunter. Geyer erreiche ich mit meinem Carbonrad bereits nach dem ersten Berg. Es sollte noch schlimmer kommen.

Für Fotografen mit Vorliebe für Hidden Places ist das Erzgebirge pures Gold. Eldorado Hilfsbegriff. Überall verlassene Industriebauten. Alte Gebäude, teils mit eindrucksvollen Fassaden. So viel hippe Agenturen gibts gar nicht, wie da einziehen könnten. Schon gar nicht im Erzgebirge, wo sich Design auf traditionelle Holzfiguren und anderes Ornament beschränkt. Die schönen Industriepaläste verfallen. 

Mein Radweg geht weiter nach Oberwiesental. Ich dachte früher, dieser Teil der DDR würde nur aus vier Siedlungen bestehen: Oberwiesental, Klingenthal, Oberhof und das schönste: Zellameliss. Da waren immer die extrafitten Langläufer, Skispringer und Eisläufer her, die in den blauen Anzüge immer oben auf dem Treppchen standen. Zu Zeiten von Bruno Moravetz, der wusste das. Erst später hab ich erfahren, dass man Zellameliss anders schreibt, und wie auch Oberhof eigentlich woanders liegt. 

Ich strample den Fichtelberg hoch, steige den Sachsen sozusagen aufs Dach. Da oben steht ein riesiges Haus, so Dinger nennt man in diesen Regionen „Bauden“. Mein Freund Frankie hat vor mehr als zwanzig Jahren einen empfehlenswerten Reiseführer über die Gegend geschrieben. Frankie stammt von hier und kennt sich mit dem Boden gut aus, das hilft in bei der bergmännischen Geschichte enorm. Vor Oberwiesental warnt er, nicht aus berg- sonder aus weltmännischen Gründen: Es sei das Zentrum des DDR-Massentourismus gewesen. Aber wie immer wenn die Sonne scheint, stelle ich fest: so schlimm isses gar nicht. Sonne hilft auch bei sozialistischer Urlaubsarchitektur. Über die Baude auf dem Fichtelberg notiert er, wie der Erzgebirgsverein schon 1889 sein Bauwerk besang, es würde für alle Zeiten für die Opferwilligkeit der Mitglieder stehen. 1963 brannte der ewige Ruhm vollständig ab. 1967 wurde es in der heutigen Form wieder aufgebaut. Der FDGB Reiseführer übernimmt jetzt die Laudatio: „Das Gebäude fügt sich hervorragend ins Landschaftsbild ein“ wird dort behauptet. Den Satz verwenden bis heute viele Architekten, um ihre Werke schönzureden. Sie gleichen Boutique-Fachkräften, die auch immer schwärmen, wenn man was ganz Scheußliches anprobiert.

Nach dem Weltkrieg kam es noch schlimmer fürs erzreiche Gebirge. Dieses dämliche schwarze Pechzeugs zwischen den Schichten störte ja schon immer. Jetzt kam man drauf, dass es Uran ist, also dazu werden könnte, wenn man feste damit arbeitet. Die Russen konnten das echt gut brauchen. Bombenzeugs das.. Also gründete man Wismut, ein riesiges deutschrussisches Unternehmen, bei dem die Russen das Sagen hatte. Dass es gefährlich sein könnte, hier zu arbeiten, das sagten die Russen nicht. In den Fünfziger Jahren baute man dann bergmännische  Krankenhäuser. In Erlabrunn schau ich mir eines an. Nur von außen freilich, denn ich bin schon außerhalb jeder Marschtabelle. Der Fichtelberg geht ja noch, aber diese Gifthügel! Ich sammle stattliche 2250 Höhenmeter, wie mein Garmin penibel mitteilt. Die Waden strahlen von innen beim Bergmann auf zwei Rädern.  

Historisches zum Schluß: der Aschberg. Noch so ein klassischer Hügel der Friedensfahrt. Und siehe da: Ampler, Schur und Wesemann rächen sich. Der Aschberg nicht gerade hochalpin, aber mit Wellen. Und Steilstücken. Aua. Mit Müh vermeide ich Schiebung. Als ich fürs Fotografieren absteige, haut mir Ampler links einen Krampf rein, Schur nimmt das rechte Bein. Wesemann erzählt, dass sie damals den Berg gleich dreimal hochgefahren sind. Ich hör nicht hin. 

Erkenntnis des Tages: So ein guter Reiseführer ist was zeitloses. Frankie empfiehlt allerdings Wandertouren. Jetzt weiß ich auch warum. 

Grenzerfahrung (Etappe 9): Zwönitz – Klingenthal, 114 km, ca. 2200 Höhenmeter

Erzgebirgsbahn
Fichtelberg
Fichtelberg
Ehrenzipfel
Aschberg bei Klingenthal

Meerane liegt irgendwo im Irgendwo bei Zwickau. Die Straße heißt „An der steilen Wand,“ irgendwo im Süden der westsächsischen Kleinstadt. Die kleine Rampe Steilewand ist 248 Meter Kopfsteinpflaster lang. Sie geht mit 11 Prozent rund 35 Höhenmeter hoch. An sich nichts besonderes. Und doch ein historischer Ort. Am Finaltag der Tour de France steh ich allein am Fuße des legendärsten Anstiegs der Friedensfahrt, der sogenannten Tour de France des Ostens. Zwei fahrradferne Personen wundern sich, warum ich diese komplett durchschnittliche Straßenecke fotografiere. Während die Welt auf die Champs-Élysées schaut, steh ich dort, wo schon lange kein Friedensfahrer mehr auftaucht. Der letzte Course de La Paix wurde 2006 das letzte Mal gefahren. In der letzten Ausgabe musste die steile Wand gleich dreimal bezwungen werden. 

Mir ist nicht ganz klar, warum es mir eigentlich wichtig ist, mal diese  Stelle gesehen zu haben. Die Filme, die den Eindruck von damals vermitteln, stehen im Web. Dafür muss man nicht nach Irgendwo-Meerane. Es gibt nichts, was ich hier Neues erfahre. Man hätte auch zu Hause googeln können. Ein Radklub hat eine Gedenktafel angebracht. Auch die radfahrfernen Touristen haben sie entdeckt. Der Text darauf findet sich auch im Web. Mehr ist hier nicht, auch kein Meer. Die Kleinstadt heißt so, weil Mer auf sorbisch Grenze heißt. Der Bach an der Wand heißt Meerchen. Wo das zweite e dazukam, wissen vielleicht die Sorben. Aber ich möchte an dieser Stelle bitte festgehalten wissen, dass ich hier war, am vielleicht einzigen, wirklich legendären Berg des deutschen Radsports. Mini-Mythos. Ich. Da. Super! Freu mich riesig. Die Steile Wand hoch geschlichen: ich! Wie einst Täve Schur, Uwe Ampler, Steffen Wesemann und Miguel Indurain. Mit denen darf man mich jetzt in einem Atemzug nennen. Wahrscheinlich sind alle in einem Atemzug hochgefahren. Alle außer mir. 

Genau hier starte ich zum zweiten Teil der Grenzerfahrung, meiner Mini-Deutschlandtour entlang der Ostgrenze. Freund Michl Luz, der mich in Teil eins begleitete, ist zu Hause geblieben. Ich kann jeden Menschen verstehen, der nicht durch halb Deutschland reist, um an einem x-beliebigen Kleinstadthügel mit Schild dumm rum zu stehen. Meerane im Irgendwo wohlgemerkt. Nicht Meran in Südtirol, dort wär‘s ja schön. 

Von meinem Freund Manfred stammt die Erkenntnis, dass man die Landschaft viel besser versteht, wenn man drüber rollt, sie in den Waden spürt. Man sagt ja auch, man sammle Erfahrungen. Redewendungen sind kein Zufall. Unmotorisiert sammelt man noch intensiver. Geht langsamer, und die Erfahrungen blasen schön die Waden auf. Zumindest bei Hobbystrampler. Bei Sportwagen sagt man, man spüre jeden Kieselstein auf der Straße. Auf dem Rad noch so viel mehr als doofe Steine. Und auf ostdeutschem Kopfsteinpflaster astreiner Spür-Overload.

Aber mal ehrlich: Hab schon mächtigere Wände befahren. Täve Schur hat gesagt, die Wand wäre deshalb so imposant erschienen, weil man unten um die Ecke kommt, und sie daher vorher nicht sieht. Könnte was dran sein. Und dazu noch der Titel, den wohl ein Reporter erfunden hat. Tut weh die Wand, aber die flämischen Hellinge stehen auf der nach oben offenen Fiesheitsskala noch eine Stufe drüber. Aber nicht vergessen: Die damaligen Staatsamateure hatten schwere Räder, schwere Gänge und mehrere schwere Etappen in den Beinen. Da hab ich leicht reden. Unter meinem Hintern ein Gerät, von dem sie damals gedacht hätten, es wäre aus der Weltraumforschung. Mit allem dran, nur kein Akku. Alles wegen der Erfahrung. 

Ich drehe ins Erzgebirge ab, um an die Route des ersten Teils der Grenzerfahrung anzuschließen. Traumhafte Landschaft, schöne Dörfer. Nicht alle so rausgeputzt wie die paar an der steilen Wand, aber viele mit Müh und Wollen aufgehübscht. Dazu leuchtet alles im Traumwetterchen. Mit meiner neuen orangenen Sonnenbrille sieht das noch schöner aus. Orange sticht rosarot, meine Meinung. Leider wird die primitivsexistische Werbung von Fußbodenleger Carsten Schmidt aus Hohndorf nicht besser, wenn man sie in orange taucht. Handwerkerhumor. Fußbodenleger noch dümmer als Dieter Nuhr. „Ich steh da“ nicht „drauf“ Dafür genieße ich die sächsische Gastfreundschaft in der neuen Brauerei Zwönitz. Ich verzieh mich ins Zimmer namens Schwarzbier. Endlich Niveau. Dort steht ein frisches Mineral, übrigens gleich links neben einer großen Flasche Schwarzbier, hausgebraut.

Erkenntnis des Tages: Kein cooler Move, Quartier in einer Brauerei zu buchen, wenn du diszipliniert radeln willst. Dabei wollt ich dieser Fernsehsportler-Gewohnheiten eigentlich… ach, Auf Euer Wohl, ihr Lieben

Grenzerfahrung, Etappe 8: Meerane -Zwönitz, 51 km, ca. 800 Höhenmeter

Bergwertung an der Steilen Wand
Rausgeputzt
Rechts oder links???
Niederlungwitz, kein Witz
Affalter

(Buckelgezuckel, Tag 6)

In der Mite von Deutschland läuft ein grünes Band ziemlich willkürlich durch die Pampa. Es teilt auch das sogenannte Eichsfeld. Der Verlauf der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze wirkt willkürlich. Nicht der Landschaft angepasst, keinem Fluß. Er bildet keine gerade Linie. Die Grenzanlagen wurden damals schnell platt gemacht. Verständlich. Heute ist nur der Kolonnenweg erhalten, auf dem die Ost-Grenzer patrouillierten. Der Rest ist Biotop: Das grüne Band spreißt seit dem Grenzrückbau. Irgendwie tröstlich, dass man Mauern, Betonwände und Zäune wieder rückbauen kann.

Ich fahre auf meiner Strecke zum Zug Richtung Heimat durch Hundeshagen, auf der Thüringer Seite der Grenze. Wie schon auf der gesamten Tour stechen mir diese verachtenswerten Gärten ins Auge, die aussehen wie die Restmülllager von Steinbrüchen. Geröll, drei exponierte Zucht-Pflanzen und kindische Obi-Baumarktsbaukunst verdichten sich zu einem „Garten des Grauens“. Die gleichnamige Fotogalerie sei ausdrücklich empfohlen. Die Gärten sind samt und sonders ein Verbrechen an der Natur. Ob man sie auch mal wieder rückbauen wird? Ich fürchte nicht. In Hundeshagen fällt mir auf, dass drei von drei Grauensgarteneigentümern Mitglied im Schützenverein sind. Kenntlich durch die Plaketten und Ehrenscheiben an ihren Hauswänden. Besteht ein Zusammenhang? Lassen die Leute nur deshalb nichts wachsen, damit sie ihr Schussfeld gut einsehen? Dann wäre die ausgestellte rostige Baumarktskunst nur Ablenkung. Sind Grauensgärtner dementsprechend Vorgartenkonservative, die die steinig-rechtwinklige Ordnung vor allem anlegen, weil sie ihre Macht gegenüber der Natur ausdrücken wollen? Also Herrenmenschen und -weibchen, die wider die Natur handeln, weil sie ihr sommerliches Wachstum fürchten und die asoziale Kontrollwut über ihr eigenes Gut über die Erhaltung unserer kostbaren Lebensräume stellen. Steine statt Blumen. Wo ich wohne, ist schon alles tot, außer mir. Gartengestaltung aus zwanghafter Angst vor dem Kontrollverlust.

Mir fällt auf, das manche Hauszufahrten aussehen wie die Kolonnenwege an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Eines Tages wird sich die Natur die Grundstücke zurückholen, die vorrübergehend von totalitären Vorgartenregimen besetzt sind.

Wie gut, dass das Eichsfeld dünn besiedelt ist. Eine großartige weite Landschaft, in der die paar Gärtner mit den Steinen in ihren Herzen kaum ins Gewicht fallen. Es geht feine Hügel rauf. Gar nicht stressig. Schon die sanften Höhen bieten feine Rundumsichten. Ich fahre grundversöhnt die letzten Meter des Buckelgezuckels und steige in Leinefelde in den Zug, der mich nach Hause bringt. Vielleicht, denke ich, sind die Geröllgärtner auch nur zu faul zur Gartenpflege. Von einem befreundeten Landschaftsgärtner habe ich erfahren, dass naturnahe Gärten im Trend liegen. Es besteht Hoffnung. Sogar für Hundeshagen.

Erkenntnis des Tages: Alleinradleln macht schrullig und produziert merkwürdige Gedanken. Vielleicht ganz praktisch, dass ich mich in der nächsten Woche wieder auf seriöse Sachverhalte konzentrieren darf. Die Steinhirne sollen ihre Freiheit genießen. Auch Loriots pussierliche Steinlaus braucht schließlich ein artgerechtes Biotop.

Lockeres Ausrollen, Langenhagen – Leinefelde, 26 km, 550 Höhenmeter.

(Buckelgezuckel, Tag 5)

Als der Papst im Jahr 2011 zu Gast war, schien die Sonne. Das kleine Kirchlein im Wallfahrtsort Etzelsbach war rausgeputzt. 90.000 Pilger säumten die Felder. Radabenteurer Hardy Grüne entwarf mir die Route des Tages und führte mich per Navi an zwei Wallfahrtsorten vorbei, von den ich im Leben noch nichts gehört hatte. Einer davon: Etzelsbach. Vermutlich wollte er mich daran erinnern, dass Radausfahrten nicht anderes sind als Pilgertouren per Drahtesel. Seit jeher wurde das grundlose Fortreisen aus der Heimat mit dem höheren Ziel des Ankommens im Irgendwo verklärt. Zu irgendwas sollte die entbehrungsreiche Reise schließlich taugen. Die Pilger im späten Mittelalter beteten am Zielort Etzelsbach, dass Familie, Viecher und sie selbst von der Pest verschont werden. Der Pilger von heute besichtigt huldvoll die Ziele der Brüder und Schwestern im Geiste, insgeheim ist er allerdings überzeugt, dass die Sache mit der Pilgerei noch funktioniert. Der gute Zweck ist jedoch weniger mystisch. Fitness, Gesundheit und Entdeckerfreuden sind unmittelbar erfahrbar.

Die Wahrheit der ganzen Pilgerei liegt natürlich dazwischen: genau zwischen Heimat und Ziel. Es geht um das Leben auf den Wegen. Heute ist es deutlich angenehmer als früher. Die Buckel und Tage, die sich summieren, sorgen für eine süße Form der Entbehrung. Immer wenn’s rauf geht, ist das Konzept „Pilgern“ in den Waden und am Gesäß präsent. Zugegeben: Bei Hightechpilgern wie mir hat die Askese abends Pause. Der Radler braucht Nährstoffe, am besten in drei Gängen (und manchmal Gin Tonic). Ob mich aus diesem Grund die schmerzvolle Muttergottes in Etzelsbach mit dicken Wolken und einer entschlossenen Einrüstung empfing, eben weil ich’s nicht so genau genommen hatte mit der Entbehrung? Nun, ich glaube nicht. Schließlich weiß sie auch, dass die ganze Welt gerade eine Baustelle ist. Man muss die Schuttmulde vor der heiligen Kappelle zu deuten wissen. Die mittelalterlichen Pilger hatten damals jeder ihre eigene Interpretation der Heiligen Dinge. So ist das heute noch.

So zog ich als strampelnder Pilger hin und her, mal in Thüringen, mal in Niedersachsen, das alte Grenzband der deutschdeutschen Grenze immer wieder überquerend. Von Westen zog Sturm auf, der Himmel in allen Grautönen. Blau leuchteten nur die Schwimmbäder. Tatsächlich: Ein hervorragender Tag für Schwimmbadfotos. Viel zu kalt zu schwimmen, so dass die kleinen Dorfschwimmbäder total menschenleer waren. Unten leuchtendes Blau, oben grau, tolle Kontraste. Die Fotografin Andrea Altemüller fotografiert seit vielen Jahren exotische und gewöhnliche Pools. Ohne Menschen. Sie hätte eine helle Freude gehabt an dem düsteren Nachmittag. Ich erlaubte mir, auch Schwimmbad-Bilder zu machen, wie wohl mir natürlich das Urheberrecht auf die Motividee fehlt und auch die Exzellenz der Umsetzung.

Zur heutigen Route: Erst dem schönen Werratal folgend (Geheimtipp) und dann durchs Eichsfeld nach Norden. So heißt diese weite, schöne Landschaft, in die es mich verschlug, weil Hardy am nördlichen Ende wohnt. Er hatte extra ein paar Steigungen für mich eingebaut, damit ich nicht so sehr fremdle in seiner Heimat. Tolle Abfahren, mit schön unrhythmischen Kurven. Ich mags ja, wenn’s abwechslungsreich ist. Warum der Papst allerdings hier aufschlug, weiß man nicht so genau. Jeder andere Wallfahrtsort hätte es auch verdient. Auf den Tafeln ist vermerkt, dass er gern hergekommen wäre, weil er so viel von den Eichsfeldern gehört hätte. Da könnte er geflunkert haben. Die Gegend gilt als katholischfromm. Und die Kirche hat Statistiken. Auch der Papst geht gerne dorthin, wo das dankbarste Publikum sitzt. Wo er einst mit dem Papamobil erschien, sauste ich heute den Berg hinab. Ich passiere den vierten Ort namens Steinbach auf dieser Tour, entdeckte in Flinsberg schon wieder einen Mittelpunkt Deutschlands und entkam dem kalten Regen. Soweit die Tagesbilanz. Damit gehts in den verdienten Pausentag.

Erkenntnis des Tages: Die Änderung der Straßenverkehrsordnung hat tatsächlich etwas gebracht. Viele Autofahrer verhalten sich rücksichtsvoller Radlern gegenüber. Nicht alle. Aber genug, um sich über den Fortschritt zu freuen.

Buckelgezuckel, Tag 5, Eisenach – Fuhrbach bei Duderstadt, 110 km, ca. 1200 Höhenmeter.

Werratal
Dr.Ernst-Wiedemann-Bad, Mihla
Wallfahrtsort Etzelsbach

(Buckelgezuckel, Tag 4)

Überall wird dieser Rhönsprudel angepriesen. Sogar hier in Eisenach, in einiger Entfernung. Mit „der puren Kraft der Rhön“ bewirbt man das Wasser. Als ich am hellen Morgen den Plakaten vorbeistrampelte, wollt ich schon anhalten und umfüllen. In meinen Flaschen nur schnödes Leitungswasser mit indifferentem Magnesium. Ohne Wumms. In den Waden kam da nichts an. Mir war plötzlich nach Rhönsprudel, spritzig bitte. Als es zu von oben sprühen begann, überlegte ich, wo das viele Wasser der Rhön eigentlich herkommt. Das mineralisches Grundwasser muss doch wieder aufgefüllt werden. Und jetzt blaue Frage: Wie heißt der höchste Berg der Rhön? Wasserkuppe! Nach runden 800 Höhenmetern der Beweis: Nur noch Wolken. Richtig hochalpines Ambiente. Die weißen Schwaden zogen mir in Böen um den Zinken. Auf den Bildern siehts glatt nach 2500 Höhenmetern aus. Dabei ist alles nur Mittelgebirge.

Und meine Form: leider nicht mal medium, sondern nur sanft perlend. Dabei war ich doch auf der Königsetappe.

Vielen Dank für Eure motivierenden Worte in den letzten Tagen. Drum habe ich heute trotz wässriger Vorzeichen nicht gekniffen. Aber auch die Briten muss man loben, und zwar für ihre Socken. Nach der ersten Abfahrt waren die italienischen Modelle schon durch. Dann zog ich die britischen auf. Sealskinz. Wasserdichte Socken. Da kommen nur die Briten drauf. Wohlige Wärme stellte sich ein. Die Sonne tat ihr Übriges. Vermutlich hatte sie endlich auf den Kalender geschaut. Ich schlich mit warmen Zehen und lahmen Waden zum Ellenbogen, der höchsten Rhönstelle auf Thüringer Seite. Endlich konnte ich was von der schönen Gegend erkennen. Nett hier. Trotzdem gebe ich zu, dass der Vorteil des Radeln unbedingt im Weiterkommen liegt. Also verzichtete ich auf den Besuch des kleine Goethemuseums in Kaltennordheim. Ein Schild informierte darüber, dass man den Schlüssel in der Gaststätte hätte holen müssen. Goethe stand auch schon höher im Kurs. Das Schild, das Original Thüringer versprach, fand ich verlockender. Bratwurst – vielleicht ist das die Mitte von Deutschland, dachte ich als sie knackte. Sind ja immer noch zu viele Fleischesser. Mich eingenommen. Geographisch gesehen gibt es ja ungefähr 19 Mittelpunkte – je nach dem, wie man es rechnet. Fast alle hier in der Gegend. An den meisten der 19 steht eine festliche Markierung, viele davon hier im südwestlichen Thüringen. Man diskutiert noch, welche Rechenmethode die richtige ist. Sonst ja die Thüringer nicht so für die Mitte zu haben. Aber ich will im Land von Böcke und Kennwernich nicht allzu politisch werden. Nur soviel: Eigentlich sehr schön hier, warum wählen die so einen Scheiss?

Sonst ja eher das Sportliche im Vordergrund heute. Nach den beiden hohen Bergen zuckelte ich mit meinem frisch geprüften Rhönrad über mehrere namenlose Buckel. Ich perlte sanfter und sanfter. Zum Schluß noch über den Rennsteig. In diesem, erneut sehr selektivem, letzten Aufstieg beschloss ich dass ich es unter drei Menuegängen heute Abend nicht mache. Bewährte Motivationstechnik. Askese ist ja auch keine Lösung. Gibt mehr Wadenwumms als jedes Magnesiumgedöns. Funktioniert so gut wie die 50er-Sonnencreme, die ich heute morgen auftrug, um die Sonne scheinen zu lassen.

Erkenntnis des Tages: Die Menschen sind schon komisch. Fahren mit SUV auf mikroebenen Straßen. Und mit superschlanken Rennrädern auf scheußlich holprigen Radwegen.

Buckelgezuckel, Tag 4. Neuhof bei Fulda – Eisenach: 113 Kilometer, ca. 1750 Höhenmeter.

Vor Abtsroda
Auf der Wasserkuppe
Auf der Wasserkuppe
Melperts
Rennsteigkante

Buckelgezuckel, Tag 3

Dem Durchschnittlichen haftet Negatives an. Es ist nicht der Rede wert. Nichts Besonderes, also nichts zum Erzählen. Journalisten kriegen hektische Flecken vom Durchschnitt. Dabei ist er wirklich super. Ich muss das wissen. Früher in der Schule brauchten die Lehrer kaum den Notendurchschnitt ausrechnen. Einfach meine Note nehmen. Fertig. Viele Schuljahre war ich ein durchschnittlicher Schüler, später war froh, den Durchschnitt zu erreichen. Ich erinnere mich heute daran, als ich feststellte, dass die Gegend hier nichts Besonderes hat. Nichts zum Gucken. Nette Dörfer zwar und Kleinstädte, meist liegt ein Buckel dazwischen. Manche tragen nette Namen mit L, Linsengericht oder Lieblos. Aber sonst? Wetterau, Vogelbergskreis. Man muss in Geografie besser als Durchschnitt gewesen sein, um zu wissen, wo das auf der Landkarte rumfährt. Oder bei den braunen Autobahnschilder extrem gut aufpassen. Aber ich will nicht ungerecht sein. Ich gebe zu: Hätte sich irgendwo in der Landschaft etwas Besonders versteckt, hätt ich’s nicht gesehen.

Mit dem heutigen Tag ist meine Mission eigentlich schon erfüllt. Ich wollte dorthin, wo sich sonst kein Tourist verirrt. Das empfehlen die Krisenexperten. Nicht dahin reisen, wo es überlaufen ist. Jetzt bin ich hier. Neuhof bei Fulda. Genau unterhalb des Monte Kali. Die Abraumhalde thront mächtig über der kleinen Stadt. Sie stellt sie in ihren Schatten, hätt ich an einem anderen Tag geschrieben. Piloten wissen, dass sie in der deutschen Mitte um manche Kalimanscharos herum fliegen müssen. Gut fürs Grundwasser sind sie nicht. Aber als Landmarke! Ist ja schon was besonderes. Skilift oder Downhillstrecke hab ich leider nicht entdeckt. Aber es gibt den Rad- und Skiclub Monte Kali. Es besteht also Hoffnung. Heut um sechs haben sie sich zur wöchentlichen Ausfahrt getroffen. Allerdings ohne mich. Ich bin schon nass.

Das schönste Blau, das ich heute sah, war das der Mülltonnen. Eher unterdurchschnittliches Wetter heute. Viele Wirtshäuser heißen Sonne. Offen hatten die wenigsten. Corona ist ein Sauhund. Tourismus gibts hier eh nicht. Und die Einheimischen kaufen Fertiggerichte im Penny. Hätte mich heute auch nicht getraut einzukehren. Sonst wär wieder eine Wirtschaft geschlossen worden, wegen Überflutung. Die Vogelsbergkraxelei ließ ich sein. Keine Tour, die sich im November empfiehlt. Stattdessen pausierte ich an einer autoritären Scheune in Radmühl. Das Tor war übersät mit selbstgemachten Holztafeln voller Sinnsprüche. Bauernregeln, Oköbelehrungen und andere Weisheiten. Aber so ist das halt, wenn du es fotografierst: In dem Moment tritt der schräge Künstler heraus, und du kommst ums Fachgespräch nicht umhin. Erstmals an diesem Tag war es gut, dass ich nass war. Tut mir leid, Unterkühlung droht. Ich strampel weiter.

Erkenntnis des Tages: Schönes Wetter – schöne Gegend. So ist das halt auf Reisen. Hier gibts nur Eighty Miles of Grey. Vermutlich bin ich der Mitte des Landes ziemlich nah. Darum kann ich sicher sagen: Die Zeit, in der Wahlen in der Mitte gewonnen werden, ist in diesem Land ein für allemal vorüber. Ich muss das wissen: Ich, der ein Prophet vom Monte Carlo (oder so ähnlich).

Buckelgezuckel, Tag 3: Alzenau – Neuhof bei Fulda: 80 Kilometer, ca. 750 Höhenmeter.

zwischen Oberreichenbach und Radmühl
Als Friseure noch Salons hatten (Freigericht)
Wolferborn
Neuhof bei Fulda