(Buckelgezuckel, Tag 6)

In der Mite von Deutschland läuft ein grünes Band ziemlich willkürlich durch die Pampa. Es teilt auch das sogenannte Eichsfeld. Der Verlauf der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze wirkt willkürlich. Nicht der Landschaft angepasst, keinem Fluß. Er bildet keine gerade Linie. Die Grenzanlagen wurden damals schnell platt gemacht. Verständlich. Heute ist nur der Kolonnenweg erhalten, auf dem die Ost-Grenzer patrouillierten. Der Rest ist Biotop: Das grüne Band spreißt seit dem Grenzrückbau. Irgendwie tröstlich, dass man Mauern, Betonwände und Zäune wieder rückbauen kann.

Ich fahre auf meiner Strecke zum Zug Richtung Heimat durch Hundeshagen, auf der Thüringer Seite der Grenze. Wie schon auf der gesamten Tour stechen mir diese verachtenswerten Gärten ins Auge, die aussehen wie die Restmülllager von Steinbrüchen. Geröll, drei exponierte Zucht-Pflanzen und kindische Obi-Baumarktsbaukunst verdichten sich zu einem „Garten des Grauens“. Die gleichnamige Fotogalerie sei ausdrücklich empfohlen. Die Gärten sind samt und sonders ein Verbrechen an der Natur. Ob man sie auch mal wieder rückbauen wird? Ich fürchte nicht. In Hundeshagen fällt mir auf, dass drei von drei Grauensgarteneigentümern Mitglied im Schützenverein sind. Kenntlich durch die Plaketten und Ehrenscheiben an ihren Hauswänden. Besteht ein Zusammenhang? Lassen die Leute nur deshalb nichts wachsen, damit sie ihr Schussfeld gut einsehen? Dann wäre die ausgestellte rostige Baumarktskunst nur Ablenkung. Sind Grauensgärtner dementsprechend Vorgartenkonservative, die die steinig-rechtwinklige Ordnung vor allem anlegen, weil sie ihre Macht gegenüber der Natur ausdrücken wollen? Also Herrenmenschen und -weibchen, die wider die Natur handeln, weil sie ihr sommerliches Wachstum fürchten und die asoziale Kontrollwut über ihr eigenes Gut über die Erhaltung unserer kostbaren Lebensräume stellen. Steine statt Blumen. Wo ich wohne, ist schon alles tot, außer mir. Gartengestaltung aus zwanghafter Angst vor dem Kontrollverlust.

Mir fällt auf, das manche Hauszufahrten aussehen wie die Kolonnenwege an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Eines Tages wird sich die Natur die Grundstücke zurückholen, die vorrübergehend von totalitären Vorgartenregimen besetzt sind.

Wie gut, dass das Eichsfeld dünn besiedelt ist. Eine großartige weite Landschaft, in der die paar Gärtner mit den Steinen in ihren Herzen kaum ins Gewicht fallen. Es geht feine Hügel rauf. Gar nicht stressig. Schon die sanften Höhen bieten feine Rundumsichten. Ich fahre grundversöhnt die letzten Meter des Buckelgezuckels und steige in Leinefelde in den Zug, der mich nach Hause bringt. Vielleicht, denke ich, sind die Geröllgärtner auch nur zu faul zur Gartenpflege. Von einem befreundeten Landschaftsgärtner habe ich erfahren, dass naturnahe Gärten im Trend liegen. Es besteht Hoffnung. Sogar für Hundeshagen.

Erkenntnis des Tages: Alleinradleln macht schrullig und produziert merkwürdige Gedanken. Vielleicht ganz praktisch, dass ich mich in der nächsten Woche wieder auf seriöse Sachverhalte konzentrieren darf. Die Steinhirne sollen ihre Freiheit genießen. Auch Loriots pussierliche Steinlaus braucht schließlich ein artgerechtes Biotop.

Lockeres Ausrollen, Langenhagen – Leinefelde, 26 km, 550 Höhenmeter.

(Buckelgezuckel, Tag 5)

Als der Papst im Jahr 2011 zu Gast war, schien die Sonne. Das kleine Kirchlein im Wallfahrtsort Etzelsbach war rausgeputzt. 90.000 Pilger säumten die Felder. Radabenteurer Hardy Grüne entwarf mir die Route des Tages und führte mich per Navi an zwei Wallfahrtsorten vorbei, von den ich im Leben noch nichts gehört hatte. Einer davon: Etzelsbach. Vermutlich wollte er mich daran erinnern, dass Radausfahrten nicht anderes sind als Pilgertouren per Drahtesel. Seit jeher wurde das grundlose Fortreisen aus der Heimat mit dem höheren Ziel des Ankommens im Irgendwo verklärt. Zu irgendwas sollte die entbehrungsreiche Reise schließlich taugen. Die Pilger im späten Mittelalter beteten am Zielort Etzelsbach, dass Familie, Viecher und sie selbst von der Pest verschont werden. Der Pilger von heute besichtigt huldvoll die Ziele der Brüder und Schwestern im Geiste, insgeheim ist er allerdings überzeugt, dass die Sache mit der Pilgerei noch funktioniert. Der gute Zweck ist jedoch weniger mystisch. Fitness, Gesundheit und Entdeckerfreuden sind unmittelbar erfahrbar.

Die Wahrheit der ganzen Pilgerei liegt natürlich dazwischen: genau zwischen Heimat und Ziel. Es geht um das Leben auf den Wegen. Heute ist es deutlich angenehmer als früher. Die Buckel und Tage, die sich summieren, sorgen für eine süße Form der Entbehrung. Immer wenn’s rauf geht, ist das Konzept „Pilgern“ in den Waden und am Gesäß präsent. Zugegeben: Bei Hightechpilgern wie mir hat die Askese abends Pause. Der Radler braucht Nährstoffe, am besten in drei Gängen (und manchmal Gin Tonic). Ob mich aus diesem Grund die schmerzvolle Muttergottes in Etzelsbach mit dicken Wolken und einer entschlossenen Einrüstung empfing, eben weil ich’s nicht so genau genommen hatte mit der Entbehrung? Nun, ich glaube nicht. Schließlich weiß sie auch, dass die ganze Welt gerade eine Baustelle ist. Man muss die Schuttmulde vor der heiligen Kappelle zu deuten wissen. Die mittelalterlichen Pilger hatten damals jeder ihre eigene Interpretation der Heiligen Dinge. So ist das heute noch.

So zog ich als strampelnder Pilger hin und her, mal in Thüringen, mal in Niedersachsen, das alte Grenzband der deutschdeutschen Grenze immer wieder überquerend. Von Westen zog Sturm auf, der Himmel in allen Grautönen. Blau leuchteten nur die Schwimmbäder. Tatsächlich: Ein hervorragender Tag für Schwimmbadfotos. Viel zu kalt zu schwimmen, so dass die kleinen Dorfschwimmbäder total menschenleer waren. Unten leuchtendes Blau, oben grau, tolle Kontraste. Die Fotografin Andrea Altemüller fotografiert seit vielen Jahren exotische und gewöhnliche Pools. Ohne Menschen. Sie hätte eine helle Freude gehabt an dem düsteren Nachmittag. Ich erlaubte mir, auch Schwimmbad-Bilder zu machen, wie wohl mir natürlich das Urheberrecht auf die Motividee fehlt und auch die Exzellenz der Umsetzung.

Zur heutigen Route: Erst dem schönen Werratal folgend (Geheimtipp) und dann durchs Eichsfeld nach Norden. So heißt diese weite, schöne Landschaft, in die es mich verschlug, weil Hardy am nördlichen Ende wohnt. Er hatte extra ein paar Steigungen für mich eingebaut, damit ich nicht so sehr fremdle in seiner Heimat. Tolle Abfahren, mit schön unrhythmischen Kurven. Ich mags ja, wenn’s abwechslungsreich ist. Warum der Papst allerdings hier aufschlug, weiß man nicht so genau. Jeder andere Wallfahrtsort hätte es auch verdient. Auf den Tafeln ist vermerkt, dass er gern hergekommen wäre, weil er so viel von den Eichsfeldern gehört hätte. Da könnte er geflunkert haben. Die Gegend gilt als katholischfromm. Und die Kirche hat Statistiken. Auch der Papst geht gerne dorthin, wo das dankbarste Publikum sitzt. Wo er einst mit dem Papamobil erschien, sauste ich heute den Berg hinab. Ich passiere den vierten Ort namens Steinbach auf dieser Tour, entdeckte in Flinsberg schon wieder einen Mittelpunkt Deutschlands und entkam dem kalten Regen. Soweit die Tagesbilanz. Damit gehts in den verdienten Pausentag.

Erkenntnis des Tages: Die Änderung der Straßenverkehrsordnung hat tatsächlich etwas gebracht. Viele Autofahrer verhalten sich rücksichtsvoller Radlern gegenüber. Nicht alle. Aber genug, um sich über den Fortschritt zu freuen.

Buckelgezuckel, Tag 5, Eisenach – Fuhrbach bei Duderstadt, 110 km, ca. 1200 Höhenmeter.

Werratal
Dr.Ernst-Wiedemann-Bad, Mihla
Wallfahrtsort Etzelsbach

(Buckelgezuckel, Tag 4)

Überall wird dieser Rhönsprudel angepriesen. Sogar hier in Eisenach, in einiger Entfernung. Mit „der puren Kraft der Rhön“ bewirbt man das Wasser. Als ich am hellen Morgen den Plakaten vorbeistrampelte, wollt ich schon anhalten und umfüllen. In meinen Flaschen nur schnödes Leitungswasser mit indifferentem Magnesium. Ohne Wumms. In den Waden kam da nichts an. Mir war plötzlich nach Rhönsprudel, spritzig bitte. Als es zu von oben sprühen begann, überlegte ich, wo das viele Wasser der Rhön eigentlich herkommt. Das mineralisches Grundwasser muss doch wieder aufgefüllt werden. Und jetzt blaue Frage: Wie heißt der höchste Berg der Rhön? Wasserkuppe! Nach runden 800 Höhenmetern der Beweis: Nur noch Wolken. Richtig hochalpines Ambiente. Die weißen Schwaden zogen mir in Böen um den Zinken. Auf den Bildern siehts glatt nach 2500 Höhenmetern aus. Dabei ist alles nur Mittelgebirge.

Und meine Form: leider nicht mal medium, sondern nur sanft perlend. Dabei war ich doch auf der Königsetappe.

Vielen Dank für Eure motivierenden Worte in den letzten Tagen. Drum habe ich heute trotz wässriger Vorzeichen nicht gekniffen. Aber auch die Briten muss man loben, und zwar für ihre Socken. Nach der ersten Abfahrt waren die italienischen Modelle schon durch. Dann zog ich die britischen auf. Sealskinz. Wasserdichte Socken. Da kommen nur die Briten drauf. Wohlige Wärme stellte sich ein. Die Sonne tat ihr Übriges. Vermutlich hatte sie endlich auf den Kalender geschaut. Ich schlich mit warmen Zehen und lahmen Waden zum Ellenbogen, der höchsten Rhönstelle auf Thüringer Seite. Endlich konnte ich was von der schönen Gegend erkennen. Nett hier. Trotzdem gebe ich zu, dass der Vorteil des Radeln unbedingt im Weiterkommen liegt. Also verzichtete ich auf den Besuch des kleine Goethemuseums in Kaltennordheim. Ein Schild informierte darüber, dass man den Schlüssel in der Gaststätte hätte holen müssen. Goethe stand auch schon höher im Kurs. Das Schild, das Original Thüringer versprach, fand ich verlockender. Bratwurst – vielleicht ist das die Mitte von Deutschland, dachte ich als sie knackte. Sind ja immer noch zu viele Fleischesser. Mich eingenommen. Geographisch gesehen gibt es ja ungefähr 19 Mittelpunkte – je nach dem, wie man es rechnet. Fast alle hier in der Gegend. An den meisten der 19 steht eine festliche Markierung, viele davon hier im südwestlichen Thüringen. Man diskutiert noch, welche Rechenmethode die richtige ist. Sonst ja die Thüringer nicht so für die Mitte zu haben. Aber ich will im Land von Böcke und Kennwernich nicht allzu politisch werden. Nur soviel: Eigentlich sehr schön hier, warum wählen die so einen Scheiss?

Sonst ja eher das Sportliche im Vordergrund heute. Nach den beiden hohen Bergen zuckelte ich mit meinem frisch geprüften Rhönrad über mehrere namenlose Buckel. Ich perlte sanfter und sanfter. Zum Schluß noch über den Rennsteig. In diesem, erneut sehr selektivem, letzten Aufstieg beschloss ich dass ich es unter drei Menuegängen heute Abend nicht mache. Bewährte Motivationstechnik. Askese ist ja auch keine Lösung. Gibt mehr Wadenwumms als jedes Magnesiumgedöns. Funktioniert so gut wie die 50er-Sonnencreme, die ich heute morgen auftrug, um die Sonne scheinen zu lassen.

Erkenntnis des Tages: Die Menschen sind schon komisch. Fahren mit SUV auf mikroebenen Straßen. Und mit superschlanken Rennrädern auf scheußlich holprigen Radwegen.

Buckelgezuckel, Tag 4. Neuhof bei Fulda – Eisenach: 113 Kilometer, ca. 1750 Höhenmeter.

Vor Abtsroda
Auf der Wasserkuppe
Auf der Wasserkuppe
Melperts
Rennsteigkante

Buckelgezuckel, Tag 3

Dem Durchschnittlichen haftet Negatives an. Es ist nicht der Rede wert. Nichts Besonderes, also nichts zum Erzählen. Journalisten kriegen hektische Flecken vom Durchschnitt. Dabei ist er wirklich super. Ich muss das wissen. Früher in der Schule brauchten die Lehrer kaum den Notendurchschnitt ausrechnen. Einfach meine Note nehmen. Fertig. Viele Schuljahre war ich ein durchschnittlicher Schüler, später war froh, den Durchschnitt zu erreichen. Ich erinnere mich heute daran, als ich feststellte, dass die Gegend hier nichts Besonderes hat. Nichts zum Gucken. Nette Dörfer zwar und Kleinstädte, meist liegt ein Buckel dazwischen. Manche tragen nette Namen mit L, Linsengericht oder Lieblos. Aber sonst? Wetterau, Vogelbergskreis. Man muss in Geografie besser als Durchschnitt gewesen sein, um zu wissen, wo das auf der Landkarte rumfährt. Oder bei den braunen Autobahnschilder extrem gut aufpassen. Aber ich will nicht ungerecht sein. Ich gebe zu: Hätte sich irgendwo in der Landschaft etwas Besonders versteckt, hätt ich’s nicht gesehen.

Mit dem heutigen Tag ist meine Mission eigentlich schon erfüllt. Ich wollte dorthin, wo sich sonst kein Tourist verirrt. Das empfehlen die Krisenexperten. Nicht dahin reisen, wo es überlaufen ist. Jetzt bin ich hier. Neuhof bei Fulda. Genau unterhalb des Monte Kali. Die Abraumhalde thront mächtig über der kleinen Stadt. Sie stellt sie in ihren Schatten, hätt ich an einem anderen Tag geschrieben. Piloten wissen, dass sie in der deutschen Mitte um manche Kalimanscharos herum fliegen müssen. Gut fürs Grundwasser sind sie nicht. Aber als Landmarke! Ist ja schon was besonderes. Skilift oder Downhillstrecke hab ich leider nicht entdeckt. Aber es gibt den Rad- und Skiclub Monte Kali. Es besteht also Hoffnung. Heut um sechs haben sie sich zur wöchentlichen Ausfahrt getroffen. Allerdings ohne mich. Ich bin schon nass.

Das schönste Blau, das ich heute sah, war das der Mülltonnen. Eher unterdurchschnittliches Wetter heute. Viele Wirtshäuser heißen Sonne. Offen hatten die wenigsten. Corona ist ein Sauhund. Tourismus gibts hier eh nicht. Und die Einheimischen kaufen Fertiggerichte im Penny. Hätte mich heute auch nicht getraut einzukehren. Sonst wär wieder eine Wirtschaft geschlossen worden, wegen Überflutung. Die Vogelsbergkraxelei ließ ich sein. Keine Tour, die sich im November empfiehlt. Stattdessen pausierte ich an einer autoritären Scheune in Radmühl. Das Tor war übersät mit selbstgemachten Holztafeln voller Sinnsprüche. Bauernregeln, Oköbelehrungen und andere Weisheiten. Aber so ist das halt, wenn du es fotografierst: In dem Moment tritt der schräge Künstler heraus, und du kommst ums Fachgespräch nicht umhin. Erstmals an diesem Tag war es gut, dass ich nass war. Tut mir leid, Unterkühlung droht. Ich strampel weiter.

Erkenntnis des Tages: Schönes Wetter – schöne Gegend. So ist das halt auf Reisen. Hier gibts nur Eighty Miles of Grey. Vermutlich bin ich der Mitte des Landes ziemlich nah. Darum kann ich sicher sagen: Die Zeit, in der Wahlen in der Mitte gewonnen werden, ist in diesem Land ein für allemal vorüber. Ich muss das wissen: Ich, der ein Prophet vom Monte Carlo (oder so ähnlich).

Buckelgezuckel, Tag 3: Alzenau – Neuhof bei Fulda: 80 Kilometer, ca. 750 Höhenmeter.

zwischen Oberreichenbach und Radmühl
Als Friseure noch Salons hatten (Freigericht)
Wolferborn
Neuhof bei Fulda

Buckelgezuckel Tag 2

Jetzt bin ich zwei Tage streng nach Norden gestrampelt und wo gelandet? In Bayern. Ce-fix! Hier in Alzenau nahe Frankfurt firmiert sogar der Fußballklub als „Bayern“, mit einer billigen Kopie des Wappen der Münchener Bayern. Muss man sich fast wundern, dass Rummenigge noch kein Markenrechtsstreit angefangen hat. Die ungerechtfertigte Ausdehnung des Bayrischen geht wohl auf Napoleon zurück. Der sortierte die wirre Kleinstaaterei auf fränkischem Gebiet so, dass die Franken heute noch zürnen. Andererseits ein sehr angenehmes Bayern hier in Unterfranken – so ganz ohne bayrisch. Das Fachwerk sieht eher westfälisch aus. Die Leute sprechen astreines Hessisch. Und die Preise sind angenehm fränkisch. Das mag der Schwabe. Langsam komm ich der Mitte Deutschlands nahe. Auch inhaltlich. Erste Arbeitsthese: Da wartet tatsächlich ne Mischung aus allem. Mittelding Hilfsbegriff. Apropos Sparfuchs: Beim Buchen des Hotels hatte ich was von Golfen gelesen, praktisch Golfhotel, und wunderte mich über die bezahlbaren Preise. Als ich daherrollte, erkannte ich sofort den Irrtum. Das ausgewiesene Adventure Golf ist lediglich die asbestfreie Variante des Minigolfs. Schön hier im Minigolfhotel.

Die Ode an den Odenwald darf nicht fehlen. Zweimal ging’s streng bergauf. Einmal passierte ich Falken-Gesäß. Runder Tritt. Dreißig Kilometer weiter scheuerte mein Hintern durch Weiten-Gesäß. Und immer wieder dasselbe auf meinen Radtouren: Die kleinen Sträßchen sind klasse, aber manchmal überraschend steil-steil. Dafür war der Wald aufs feinste radlertemperiert. Hätte fast im Flachen den Windshot angezogen, mitten im Juli. Sehr erfrischend, dieser Wald. Wenig los überdies. Also eher gar nichts. Auf den Landstraßen bin ich fast erschrocken, als ein Auto kam. Singen wir die Ode an die Öde. Was nicht für Erbach gilt: Wette mein Gesäß, dass das feine Städtchen als Kleinstadtperle vermarktet wird. Erbach ist so mondän, da hat sogar der Fußballplatz eine Galopprennbahn außenrum.

Mit diesem Tag ist auch letztgültig bewiesen, dass sich der gerade Weg nicht zum Reisen nicht eignet. Den Fehler hab ich lange genug gemacht. Eher die gerade Linie gefahren, weil man weiter kommt damit. Falsch. Die Umwege sind’s. Die kleinen schörkeligen Abwege. So bin ich – eigentlich überflüssigerweise – nach Aschaffenburg in einen Ausläufer des Spessarts reingesirmelt. Hat mich Kilometer und empfindliche Höhenmeter gekostet, aber das keilförmige eingeschnittene Tal und der putzige kleine Flecken machten das Strampeln zu wahren Freude. Steinbach im grünen Tal. Wie ich später erfahren habe, auch als Steinbach hinter der Sonne bekannt. Ein Idyll. Nur die Kneipe hatte geschlossen. Kein Kuhdorf ist perfekt. Aber wie willst du eine Wirtschaft betreiben in einem Dorf, das gerade mal 600 Einwohner hat, und sich die Auswärtigen nur dann verirren, wenn sie in Aschaffenburg die falsche Ausfahrt erwischen?

Erkenntnis des Tages: Diese verachtenswerten Schwarzrotgold-Beflaggungen in den Vorgärten werden ausschließlich von Messis in verlodderten Bruchbuden mit Gartengestrüpp hochgezogen. Ich sollte mal eine Bilderserie machen. Aber bitte mit langem Tele. Hab sonst Angst. Das beweist: Deutschland wird ein Sauhaufen, wenn man es denjenigen überlässt, die darauf stolz sind.

Buckelgezuckel Tag 2: Heidelberg – Alzenau, 134 km, Ca. 1500 Höhenmeter

Hirschhorn am Neckar
Anstieg nach Beerfelden
Privates Motorsägenmuseum
Erbach
Aschaffenburg
Steinbach hinter der Sonne
Steinbach hinter der Sonne

(Buckelgezuckel, Tag 1)

In diesem kleinen Häuschen hab ich damals meinen ersten Vollsuff kassiert. Oder es war die Hütte rechts daneben? So genau kann ich mich nicht erinnern. Die kuschelige Wengerterstube thront hoch über der Roßwager Halde. Ob der Wein der beste der Region ist, soll der Punkteparker sagen. Die Lage ist jedenfalls die allerbeste. Wie jede Wengerterstochter hatte Anita damals nicht nur genügend Wein bevorratet, sondern auch Schnaps. Wir waren jung. Falls sie heute das Bild sieht, wird sie garantiert meckern. „Typisch Saudi,“ würd sie goschen, „da ist er einmal im Wengert, natürlich grad dann, wenn es nichts zu tun gibt, und dann auch noch fünfunddreißig Jahre zu spät.“

Habe die gute alte Heimat in die erste Etappe eingebaut. Der Besuch bei den Eltern in Aurich, wie immer vorzügliche Nährstoffe dort. Schwäbisch währt am längsten. Mit gefüllten Speichern über Stromberg und Heuchelberg hinweg ins Kraichgau. Aber halt! Muss noch was zu Gündelbach loswerden. Das liegt tief vergraben zwischen zwei Höhenzügen. Auch dort Weinberge, dort scheint die Sonne so grad noch hin. Ob unten im Dorf je ein Lichtstrahl gelandet ist, da waren wir uns schon früher unsicher. Wenn du in reinfährst, begrüßt dich per Plakat die Deutsche Weinkönigin in der Version 18/19. Mit Namen Carolin Klöckner, Gündelbacherin. Jetzt echt: Da wächst eine nach. Als ob die unsägliche Julia, deutsche Weinkönigin der Amtszeit 95/96 nicht genug wäre. Die nächste grinsende Klöcknerin mit identischer Qualifikation kommt aus dem Stromberg. Aufgewachsen ohne Licht. Plakat kann sie schon mal. Reicht ja, sagen viele.

Stromberg weinköniginneutral betrachtet eine sehr feine Region. Durfte kürzlich für die Touristiker des Landes einen Text über schöne Gegend schreiben. Also die eigene Heimat besingen. Komisch, danach wieder ganz andere Einstellung. Dass man sich selbst überzeugt beim Schreiben ist ja wohl das mindeste, was man bei der Arbeit von mir verlangen kann. Die Gegend firmiert ja werbetextlich schon lange unter dem Etikett „Land der 1000 Hügel“. Und ist tatsächlich traumhaft. Die Anstiege hören etwa dort auf, wo ich nicht mehr kann. Nicht so wie anderswo, wo die Berge dann erst anfangen. Und wenn du hinten runter fährst ins Kraichgau sind die Dörfer plötzlich irgendwie französisch, so Haus an Haus direkt an der Straße. Ob das jetzt schön ist oder nicht muss ich noch mit mir diskutieren. „Anderswo ist auch scheisse“, fällt mir ein. Aber ich bin nicht aus dem Pott. Daheim ist schon klasse.

Erkenntnis des Tages: Die Etappe eins in Heidelberg abzuschließen, war ne gute Idee. Von Fremdenführer Christian Prechtl bei einer Vor-Ort-Begehung viel erfahren über die gute Kneipenkultur. Eine weniger gute Idee war es vor Heidelberg den Renommierberg Königsstuhl einzubauen. Im Sportsprech ausgedrückt: ein sehr selektiver Anstieg.

Roßwag
Gündelbach
Die Gündelbacher Post
Auf dem Heuchelberg
Die Ravensburg
Adelshofen
Aufstieg zum Königsstuhl
Weiler

BUCKELGEZUCKEL

Acapulco, Biarritz, Capri – hört sich klasse an. Schon rein phonetisch. Bei solchen Reisezielen musst du niemandem erklären, welch feine Tour du unternimmst. Wissen ja die wenigsten, dass Acapulco längst heruntergekommen ist. Die Taschendiebe von Biarritz wären dort ne Lachnummer. Capri ist ja auch irgendwie Sechziger. Die Tourismusexperten empfehlen in diesem Jahr abseitige Reiseziele. Damit meinen sie Orte, auf die man sonst nie kommen würde. Zumindest nicht, wenn man von Urlaub spricht. Zum Beispiel die Mitte von Deutschland. Bisher treffen sich nur die Menschen mit den schnittigem Businesskombis, bei denen die engen Zeitfenster serienmäßig drin sind, in der Mitte Deutschlands. Mitte ist gerecht. Anfahrtszeiten sind alle ähnlich. Kann man sich auch gut auf den Businessplan konzentrieren, in der Mitte lenkt nichts ab. Irgendwas zwischen Frankfurt, Fulda und Kassel wird gern für treffs und Tagungen genommen. Eher so ein Landgasthof. Hessen, das Businessacapulco Deutschlands. Wir treffen uns in der Pilsbar Calypso. Dort wo die Häkeldeckchen sauber gebügelt sind. Morgen werd ich dorthin aufbrechen.

Könnte die passend exotische Gegend für mich sein. Die letzten beiden Touren waren kürzer als ursprünglich gedacht. Vielleicht komm ich diesmal an. Der vortreffliche Radabenteurer Hardy Grüne hat letzte Woche meine Tour vom Ende her gedacht. Er residiert im südlichen Niedersachsen und hat mir die Schlussetappe entworfen. So weit will ich kommen. Freu mich schon. Ihn werde ich besuchen, falls nicht das dazwischen kommt, was üblicherweise dazwischen kommt. Halt irgendwas. Wenn’s trotzdem klappt: Langenhagen statt Biarritz. Wie hip ist das denn? Ich halte Euch auf dem Laufenden.