Im Erzgebirge gibts viel zu entdecken, vor allem drunter. Schon im Mittelalter wurde Silber, Zinn und anderes Zeugs gefunden. Um es abzubauen, setzen die Bergleute Feuer. Anfangs überirdisch. Der Steinbruch brannte. Dann wurde gelöscht. Zinn war geschmolzen und hatte sich getrennt. . Auf diese Weise kam man dort, wo Metall vorhanden war, immer tiefer. Gefurchte Riesenlöcher entstanden. 1803 fielen die Furchen eines Loches beim Erzgebirgsstädtchen Geyer ein. Zwei Bergleute liegen bis heute da drunter. Geyer erreiche ich mit meinem Carbonrad bereits nach dem ersten Berg. Es sollte noch schlimmer kommen.

Für Fotografen mit Vorliebe für Hidden Places ist das Erzgebirge pures Gold. Eldorado Hilfsbegriff. Überall verlassene Industriebauten. Alte Gebäude, teils mit eindrucksvollen Fassaden. So viel hippe Agenturen gibts gar nicht, wie da einziehen könnten. Schon gar nicht im Erzgebirge, wo sich Design auf traditionelle Holzfiguren und anderes Ornament beschränkt. Die schönen Industriepaläste verfallen. 

Mein Radweg geht weiter nach Oberwiesental. Ich dachte früher, dieser Teil der DDR würde nur aus vier Siedlungen bestehen: Oberwiesental, Klingenthal, Oberhof und das schönste: Zellameliss. Da waren immer die extrafitten Langläufer, Skispringer und Eisläufer her, die in den blauen Anzüge immer oben auf dem Treppchen standen. Zu Zeiten von Bruno Moravetz, der wusste das. Erst später hab ich erfahren, dass man Zellameliss anders schreibt, und wie auch Oberhof eigentlich woanders liegt. 

Ich strample den Fichtelberg hoch, steige den Sachsen sozusagen aufs Dach. Da oben steht ein riesiges Haus, so Dinger nennt man in diesen Regionen „Bauden“. Mein Freund Frankie hat vor mehr als zwanzig Jahren einen empfehlenswerten Reiseführer über die Gegend geschrieben. Frankie stammt von hier und kennt sich mit dem Boden gut aus, das hilft in bei der bergmännischen Geschichte enorm. Vor Oberwiesental warnt er, nicht aus berg- sonder aus weltmännischen Gründen: Es sei das Zentrum des DDR-Massentourismus gewesen. Aber wie immer wenn die Sonne scheint, stelle ich fest: so schlimm isses gar nicht. Sonne hilft auch bei sozialistischer Urlaubsarchitektur. Über die Baude auf dem Fichtelberg notiert er, wie der Erzgebirgsverein schon 1889 sein Bauwerk besang, es würde für alle Zeiten für die Opferwilligkeit der Mitglieder stehen. 1963 brannte der ewige Ruhm vollständig ab. 1967 wurde es in der heutigen Form wieder aufgebaut. Der FDGB Reiseführer übernimmt jetzt die Laudatio: „Das Gebäude fügt sich hervorragend ins Landschaftsbild ein“ wird dort behauptet. Den Satz verwenden bis heute viele Architekten, um ihre Werke schönzureden. Sie gleichen Boutique-Fachkräften, die auch immer schwärmen, wenn man was ganz Scheußliches anprobiert.

Nach dem Weltkrieg kam es noch schlimmer fürs erzreiche Gebirge. Dieses dämliche schwarze Pechzeugs zwischen den Schichten störte ja schon immer. Jetzt kam man drauf, dass es Uran ist, also dazu werden könnte, wenn man feste damit arbeitet. Die Russen konnten das echt gut brauchen. Bombenzeugs das.. Also gründete man Wismut, ein riesiges deutschrussisches Unternehmen, bei dem die Russen das Sagen hatte. Dass es gefährlich sein könnte, hier zu arbeiten, das sagten die Russen nicht. In den Fünfziger Jahren baute man dann bergmännische  Krankenhäuser. In Erlabrunn schau ich mir eines an. Nur von außen freilich, denn ich bin schon außerhalb jeder Marschtabelle. Der Fichtelberg geht ja noch, aber diese Gifthügel! Ich sammle stattliche 2250 Höhenmeter, wie mein Garmin penibel mitteilt. Die Waden strahlen von innen beim Bergmann auf zwei Rädern.  

Historisches zum Schluß: der Aschberg. Noch so ein klassischer Hügel der Friedensfahrt. Und siehe da: Ampler, Schur und Wesemann rächen sich. Der Aschberg nicht gerade hochalpin, aber mit Wellen. Und Steilstücken. Aua. Mit Müh vermeide ich Schiebung. Als ich fürs Fotografieren absteige, haut mir Ampler links einen Krampf rein, Schur nimmt das rechte Bein. Wesemann erzählt, dass sie damals den Berg gleich dreimal hochgefahren sind. Ich hör nicht hin. 

Erkenntnis des Tages: So ein guter Reiseführer ist was zeitloses. Frankie empfiehlt allerdings Wandertouren. Jetzt weiß ich auch warum. 

Grenzerfahrung (Etappe 9): Zwönitz – Klingenthal, 114 km, ca. 2200 Höhenmeter

Erzgebirgsbahn
Fichtelberg
Fichtelberg
Ehrenzipfel
Aschberg bei Klingenthal