Information ist alles. Höchste Zeit, die umbesungenen Informationsquellen zu würdigen: die blitzgescheiten Tafeln am Wegesrand. Nicht immer sind sie  fein gestaltet. Aber immer verbinden sie Stadt und Land mit Geschichte, Biologie, Geologie oder irgendetwas anderem, was man nicht erwartet hätte an dieser Stelle. Für unvorbereitete Radfahrer stets ein Quell der Freude. Verdient ist die Pause schließlich immer. Information vergoldet die Rast. Kurz vor meinem Tagesziel in Neualbenreuth erfuhr ich per Tafel, dass ich mich im Herzen des Stiftlandes befinde. Aha! Stiftland. Schön, wenn das Irgendwo ein Etikett bekommt. „Wo warst du im Urlaub?“ „Im Stiftland“ Naja, man kann’s ja mal versuchen. „Oberpfalz“ ist die nächst größere Region, aber auch diese Antwort stiftet gerne Verwirrung. Nordostbayern wäre wohl die informativste Antwort. Ah jetzt! Danke für das Mitleid. 

Auf so einer Informationstafel las gestern ich Ungeheuerliches. Ich rastete am Hefekloß, einer Passhöhe am Übergang vom Erzgebirge zum Vogtland. Dahinter beginnt die Ortschaft Carlsfeld. „Das Carlsfelder Bandonion gilt bis heute als Herz und Seele des argentinischen Tangos“ Gehts nicht ne Nummer kleiner? Verschlafenes Kaff macht einen auf großen Tango. Ich glaub, die hat’s! Allerdings war ich angefasst, ob der Information. Meine größtenteils unbeschwerte Kindheit wurde von einem ähnlichen Instrument namens Akkordeon nicht unwesentlich beschwert. Fünf Jahre dauerte es, bis Mutter einsah, dass beim Sohn jeder Ton verloren ist. Montag war Übungsstunde. Horror! Die Anderen der Gruppe orgelten Schneewalzer. Ich traf weder Knopf noch Taste und quetschte die Kommode per Luftknopf. Die einzige Möglichkeit, keinen falschen Ton zu spielen, war gar keinen zu spielen. Heute würde man das Playback nennen. Die Anderen walzten und ich holte mal kurz Luft. Akkordeon MilliVanilli. 

Jetzt aber Bandonion. Das Ding ist ja noch übler. Hat mehr als hundert Knöpfe auf der einen und mehr als hundert Knöpfe auf der anderen Seite. Hundert mal hundert Möglichkeiten den falschen Ton zu treffen. Und das Ding soll vom Erzgebirge nach Argentinien… ? In der Tat! Die Informationstafel lügt nicht. Bis Ende des 19. Jahrhunderts bestand das klassische Tangoorchester aus Gitarre, Violine und Querflöte. Die Quetschdinger aus dem sächsischen Kaff verdrängten die Querflöte. Jetzt echt. Und fast alle stammten sie aus diesem verschlafenen Dorf. Wie segensreich das gewesen sein muss, kann ich ebenfalls nachfühlen. Ich war mal mit einer Querflötistin zusammen. Sagen wir mal so: Ich mochte die -in mehr als die Querflöte. Da haben die Bandonions (übrigens nach dem Erfinder benannt, einem Herr Band) Dich was Gutes getan. Sie wurden in ferne Länder verschickt, weit weg davon hierzulande Kinder einen üblen Montag zu bescheren. 

Wo war ich gleich nochmal? Infotafel. Im Vogtland übrigens wenig Infotafel auf meinem Weg. Dafür viel Gegend. Feine Städtchen mit überraschend zahlreichen Gründerzeithäusern. Ich komm ja aus Württemberg, wir waren damals ein armes bäuerliches Volk. Das südliche Vogtland, heute eher Zonenrand, muss damals richtig hip gewesen sein. Kein Wunder, das Gebiet war reich, gegen Tschechien hin vermischten sich die Völker. Heute geht dem Vogtland gen Süden die Luft aus. Bad Brambach liegt in einen einsamen Zipfel, umgeben von arg viel Tschechien. Auf Sizilien verschenken Dörfer inzwischen verlassene Häuser zum symbolischen Preis von einem Euro. Nur damit die nicht aussterben. Nur so ein Gedanke, falls jemand aus Bad Brambach  mitliest. 

Wie bin ich jetzt auf das alles gekommen? Ach ja, mit dem Rad. Was ein wundervoller Tag! Mein Pedal-Tango im Wiegetritt war zwar schon mal ausdrucksvoller. Aber heute war’s egal. Dann halt schleichen. Die Gegend hat kleine, aber scheußlich steile Stellen. Wo war gleich nochmal der Luftknopf? Wären die Aufstiege mit Infotafeln bestückt worden, ich hätt sie alle im Vorbeifahren lesen können. 

Erkenntnis des Tages: Das Stiftland nennt man auch „Land der tausend Teiche“ (gesprochen: Deiche). Teils sehr schöne Tümpel dabei. Wirklich. Doch als Radler warne ich: Hüte dich vor Teichen. Danach gehts immer bergauf. In jeder Richtung. 

Grenzerfahrung (Etappe 10) Klingenthal – Bad Neualbenreuth, 85 km, 1.400 Höhenmeter

Irgendein Bismarckturm steht überall rum
Kurtümpel Bad Brambach
Über die Unmöglichkeit, mit dem Handy schöne Landschaften zu fotografieren
Waldsassen