(Buckelgezuckel, Tag 6)

In der Mite von Deutschland läuft ein grünes Band ziemlich willkürlich durch die Pampa. Es teilt auch das sogenannte Eichsfeld. Der Verlauf der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze wirkt willkürlich. Nicht der Landschaft angepasst, keinem Fluß. Er bildet keine gerade Linie. Die Grenzanlagen wurden damals schnell platt gemacht. Verständlich. Heute ist nur der Kolonnenweg erhalten, auf dem die Ost-Grenzer patrouillierten. Der Rest ist Biotop: Das grüne Band spreißt seit dem Grenzrückbau. Irgendwie tröstlich, dass man Mauern, Betonwände und Zäune wieder rückbauen kann.

Ich fahre auf meiner Strecke zum Zug Richtung Heimat durch Hundeshagen, auf der Thüringer Seite der Grenze. Wie schon auf der gesamten Tour stechen mir diese verachtenswerten Gärten ins Auge, die aussehen wie die Restmülllager von Steinbrüchen. Geröll, drei exponierte Zucht-Pflanzen und kindische Obi-Baumarktsbaukunst verdichten sich zu einem „Garten des Grauens“. Die gleichnamige Fotogalerie sei ausdrücklich empfohlen. Die Gärten sind samt und sonders ein Verbrechen an der Natur. Ob man sie auch mal wieder rückbauen wird? Ich fürchte nicht. In Hundeshagen fällt mir auf, dass drei von drei Grauensgarteneigentümern Mitglied im Schützenverein sind. Kenntlich durch die Plaketten und Ehrenscheiben an ihren Hauswänden. Besteht ein Zusammenhang? Lassen die Leute nur deshalb nichts wachsen, damit sie ihr Schussfeld gut einsehen? Dann wäre die ausgestellte rostige Baumarktskunst nur Ablenkung. Sind Grauensgärtner dementsprechend Vorgartenkonservative, die die steinig-rechtwinklige Ordnung vor allem anlegen, weil sie ihre Macht gegenüber der Natur ausdrücken wollen? Also Herrenmenschen und -weibchen, die wider die Natur handeln, weil sie ihr sommerliches Wachstum fürchten und die asoziale Kontrollwut über ihr eigenes Gut über die Erhaltung unserer kostbaren Lebensräume stellen. Steine statt Blumen. Wo ich wohne, ist schon alles tot, außer mir. Gartengestaltung aus zwanghafter Angst vor dem Kontrollverlust.

Mir fällt auf, das manche Hauszufahrten aussehen wie die Kolonnenwege an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Eines Tages wird sich die Natur die Grundstücke zurückholen, die vorrübergehend von totalitären Vorgartenregimen besetzt sind.

Wie gut, dass das Eichsfeld dünn besiedelt ist. Eine großartige weite Landschaft, in der die paar Gärtner mit den Steinen in ihren Herzen kaum ins Gewicht fallen. Es geht feine Hügel rauf. Gar nicht stressig. Schon die sanften Höhen bieten feine Rundumsichten. Ich fahre grundversöhnt die letzten Meter des Buckelgezuckels und steige in Leinefelde in den Zug, der mich nach Hause bringt. Vielleicht, denke ich, sind die Geröllgärtner auch nur zu faul zur Gartenpflege. Von einem befreundeten Landschaftsgärtner habe ich erfahren, dass naturnahe Gärten im Trend liegen. Es besteht Hoffnung. Sogar für Hundeshagen.

Erkenntnis des Tages: Alleinradleln macht schrullig und produziert merkwürdige Gedanken. Vielleicht ganz praktisch, dass ich mich in der nächsten Woche wieder auf seriöse Sachverhalte konzentrieren darf. Die Steinhirne sollen ihre Freiheit genießen. Auch Loriots pussierliche Steinlaus braucht schließlich ein artgerechtes Biotop.

Lockeres Ausrollen, Langenhagen – Leinefelde, 26 km, 550 Höhenmeter.