Vor Dezzo

An siebten Tag kann man sich schon mal überlegen, warum man das eigentlich macht. Vor allem, wenn das Einzige, was morgens die Beine von Beton unterscheidet, die Tatsache ist, dass der Beton selbst keinen Schmerz spürt. Also warum das alles? Warum die Qual?

Antwort 1: Um dem Altern davonzufahren.

Antwort 2: Um mal alles Andere auszublenden, weil nur der nächste Berg zählt.

Antwort 3: Weil das nomadische Radfahren eine Illusion von Freiheit und Ungebundenheit erzeugt (und man im selben Moment doch weiß, dass die Freiheit zum Finale wieder durch wohlige Geborgenheit abgelöst wird).

Antwort 4: Weil das Radfahren mit seiner körperlichen Erfahrung die Gegend und das persönliche Erleben wertvoller macht als beispielsweise mit dem Motorrad. Weil die eigenen Muskeln im Spiel sind und nicht die Zapfsäule.

Antwort 5: Weil’s nicht jeder kann.

Antwort 6: Weil es ein Tourismus ist, der nicht sonderlich schadet, weder der Umwelt, noch einem selbst.

Antwort 7: Weil du abends fressen kannst (sorry, genießen), wie und wieviel du willst und du trotzdem nicht zunimmst.

Antwort 8: Weil Du manchmal wie auf Drogen durch die wundervolle Bergwelt schnürst, auch dann noch, wenn mal wieder 16 Prozent Steigung über drei Kilometer eingebaut waren – und es danach wieder flach wird, so dass die Beine plötzlich Schub geben, dass man selbst vor Kraft fast platzen möchte.

Antwort 9: Weil die einsame Südseite des Passo Vivione, das Schönste ist, was du in den Alpen fahren kannst. Den Feldweg, der ein Pass ist, kennt keine Sau. Wie schön, wie ruhig, wie kostbar. Vivione!

Antwort 10: Weil am Ende eines Supertages kein Beton mehr vorhanden ist. Im Gegenteil durfte ich heute sogar Dumoulin-Momente erleben, da hat selbst die britische Bergziege gestaunt. Wenn der Rouleur plötzlich am Berg die Pace macht… gibts eigentlich gar nicht.

Erkenntnis des Tages: Die Qual hat sich auch heute wieder gelohnt. Sie wirkt wie ein Geschmacksverstärker für’s Erlebte. Nur echter, authentischer und gesünder als die doofe Nahrungschemie. Und hinterher hast Du einen Riesendurst. (Im Bild: Schilpario auf der Viviano-Südseite. Der große Fehler am Radfahren ist nur, dass man solche Szenen wieder verlassen muss)

Am Morgen in Borno
Passo Vivione

Tappa Siete: Borno – Tirano
91km, ca. 2300 Höhenmeter