Stelvio Kehre 32

Die Mauern an den Serpentinen trugen die Namen von Scarponi, Aru, Nibali und Pantani. Als wir losfuhren dachte ich allerdings eher an den ersten nicht-italienischen Giro-Sieger, den Schweizer Hugo Koblet. Ihm zu Ehren hatte ich mir vor der Tour noch ein T-Shirt mit dem Schriftzug „Pédaleur de Charme“ zugelegt. Diese Hommage erhielt Koblet vom Chansonnier Jacques Trello. Von Koblet wird berichtet, dass er immer einen Kamm im Trikot hatte, damit er sich vor der Ziellinie nochmal die Haare schön machen konnte. Koblet mochte die schönen Künste, er war ein eleganter Fahrer, ein Idol seiner Zeit. Also vervollständigte ich erstmals während meines Giros den blauen Ton-in-Ton-Raddress mit den passenden tiefblauen Ringelsocken. Blöd nur, dass Stelvio und Wetterumschwung jeden Style im Ansatz vernichteten. Das Regencape hatte ich nicht beachtet, es war mal gar nicht Ton-in-Ton. Auch mein Tritt verlor zusehens an Eleganz – mit jeder der 48 Serpentinen mehr. Unten kurbelte ich noch kraftvoll und stetig wie ein kleines Mühlrad. Oben bearbeitete ich meine arme Rennmaschine mit der Verzweiflung eines Schmieds, der vergeblich versucht, ein kaltes Eisen zu biegen. Eine runde Viertelstunde nach Martin, der im Stile Geraint Thomas, das Stilfers Joch hochtänzelte, erreichte ich mit pitschepatschenassen Ringelsöckchen die Passhöhe. Von Koblets Esprit keine Spur. Wo er Küsschen in die Menge geworfen hätte, überfuhr ich fast eine Souvenirverkäuferin, weil mir der Bogen um ihre ausladende Figur zu weit gewesen wäre. Ich nahm den Helm ab, suchte das Warme und verzichtete auf das Kämmen.

Erkenntnis des Tages: Auf dem Stilfser Joch zu übernachten, mag eine schöne Idee gewesen sein. Zumal unser Hotel noch Original aus den Siebzigern stammt, inklusive des Lächelns des Kellners. Trotzdem möchte ich die zuständigen Instanzen bitten, den Wintereinbruch noch drei Tage zu verschieben. Trocken muss nicht sein, aber bitte kein Schnee.

 

Stelvio
Stelvio Passhöhe

Tappa Nove: Laatsch – Stelvio
33 km, ca. 1924 Höhenmeter