Stelvio am Morgen

Kein Schnee, danke. Einigen wir uns auf Eisregen. „Das Schöne am Radfahren“, stellte Martin am Abend fest, „ist ja das Elementare“. Die Technik ist so einfach. Du trittst. Das treibt die Kette an. Das Rad dreht. Du kommst vorwärts. So simpel, das versteht jedes Kind. Und wenn was am Rad kaputt geht, kannst du es meistens sogar selbst reparieren. Das ist übrigens auch der Vorteil gegenüber dem E-Bike. Wenn das nicht mehr vorwärts will, stehst du mit einem 25-kg-Monster ratlos in der Landschaft. Auch die Lautlosigkeit begeistert, mit der man sich bewegt. Man hört alles und reicht alles. Ich hörte gestern Murmeltiere pfeifen und hatte Kiefern in der Nase, nur zum Beispiel. Auch das Wetter kriegst du hautnah mit. Wenn es heiß ist, bekommst du von keiner Klimaanlage eine Erkältung. Selbst wenn es kalt ist, bleibst du normalerweise gesund, weil du ja in Bewegung bist. Du bist aktiv, das steubert das Herz, wie wir Schwaben sagen, wenn wir „stabilisieren“ meinen. Es ist das Elementare, das uns begeistert, da war ich mit Martin gleich einig. Fehlt ein letzter Gedanke: Wenn es bei drei Grad eisregnet, dann frierst Du dir gehörig die Flossen ab, den Stelvio runter. Was andererseits bedeutet, dass der folgende Dauerregen bei zweistelliger Gradzahl fast warm anmutet. Das sind (leider) nur elementare Erkenntnisse, die man im Urlaub locker formulieren kann – aus dem trockenen Zimmer heraus. Wer des Winters täglich mit dem Rad zum Geschäft fährt, wird meine Einlassungen schönfärberisch finden, wenn nicht gar verlogen. Sorry, aber die milde Strafe dafür haben wir heute erhalten: Nach der Beschaffenheit unserer Haut zu schließen, sind wir nicht geradelt, sondern runde einhundert Kilometer geschwommen. Im Freistil durch Südtirol. Meine Beine glühen jetzt noch. Alles hat eben sein Gutes, denkt sich der Rouleur, dem der Wintereinbruch eine schwere Bergetappe erspart hat.

Erkenntnis des Tages: Beim herbstlichen Rotwein lässt sich prächtig radsonnieren. Hicks.

Wegen Eisregen: Stelvio vom Vortag
Wegen Eisregen: Stelvio vom Vortag

Tappa Nove: Stelvio – Bolzen
122 km, ca. 200 Höhenmeter