Die kleinen Sünden… Meine strukturelle Kritik an Termoli wurde auf der heutigen Strecke sofort bestraft. Erst ging’s fuffzich Kilometer langweilig gradeaus. Eine schmucklose Schnellstraße rüber an den Gargano. Keine Dörfer, kaum Vegetation und der Duft von spontanen Müllhalden entlang der Straße. Einige Kilometer Straßenstrich am frühen Mittag bildeten die einzige Abwechslung. Schön ist anders. Währenddessen kündigte die Sonne an, dass sie heute nicht gewillt war, Pausen zu machen. Hinter San Severo überlegte ich, ob es nicht angebracht gewesen wäre, mich der nordkoreanische Ordnung auf dem Touristrand von Termoli zu fügen. Aber ich wollte ja noch zum Gargano, des Stiefels hügeliger Sporn. Mein Mittagsziel war San Marco, offenbar im Tal gelegen, bevor ich am Nachmittag noch eine kleine Bergwertung holen wollte. Man sollte halt Karten lesen können. San Marco liegt schon auf 500 Höhenmetern, was ich erst ahnte, als der komplett schattenlose Anstieg im vermeintlichen Tal nicht aufhören wollte. Den Gargano als hügelig zu bezeichnen ist schlichtweg falsch. Noch vor Mittag traten die Beine in Bummelstreik. Ich stand. Als ich auf dem letzten Tropfen meiner Wasserflaschen San Marco erreichte, stand die Sonne senkrecht. Ich bog in die erstbeste Caffebar ein, um sie leer zu trinken. Die Bedienung klagte über eine Erkältung. Am späten Nachmittag setzt ich meine Pilgerfahrt fort. Auf der Abfahrt natürlich wieder Imperatore-Feeling. Aber auch kontrollierte Fahrweise, ein Schlagloch hätte mir gerade noch gefehlt. Nach weiteren geraden Kilometern begleitet von Olivenbäumen und ohrenbetäubenden Grillenkonzerten erreiche ich Manfredonia und muss sagen: Na also… Eine gewachsene Stadt mit Charakter und schönen weißen Fassaden. So wie sich’s in Apulien gehört. Auch Strand gewiss, auch Urlaub, aber viel mehr Stadt. Morgen ist Feiertag. Abendliche Passeggiata ist obligatorisch. Die Leute kennen sich. Währenddessen kämpfen sich die Kleinwagen durch die engen Straßenschluchten. Der Gemüsestand stört kaum, er steht fast in der Straßenmitte. Am Corso Manfredi sind alle Parkbänke besetzt. Wer heute nicht passeggiert, hängt morgen als Todesanzeige auf den Anschlagsflächen. Oder sitzt im Plastikstuhl mit den Nachbarn vor der Haustüre. Italien pur. Welt in Ordnung. Als ob ich mich nicht schon wohl genug fühle, stolpere ich am Ende der Fußgängerzone ins wundervolle Stadio Miramare. Innenstadtstadion, wo gibt’s denn sowas noch? Zwei Seniorenmannschaften duellieren sich unter Flutlicht und den Augen von immerhin dreihundert Zuschauern. Die Stadionkneipe ist klasse. Obwohl mich die Lokalen Ultras neugierig mustern. Aber ich habe keine Lust auf ein Fachgespräch. Das sollte als Stadionpunkt durchgehen. Erkenntnis des Tages: Meer: toll. Vom Stadion aus gesehen.

113 km, ca. 1115 Höhenmeter

San Marco in Lamis
Manfredonia