Endlich! Die Ausstellung „fan.tastic females“ rückt die Frauen unter den Fußballfans ins Licht. Die Ausstellung mit beeindruckenden Dokumenten und spannenden Geschichten kommt jetzt nach Stuttgart. Zu sehen zwischen 6.4. und 18.4. im VfB-Fanprojekt Stuttgart, Hauptstätter Str. 41. Die Podiumsdiskussion mit der Co-Ausstellungsmacherin Antje Grabenhorst findet am 8.4. statt.

Wieder eine spannende Veranstaltung im Fanprojekt, für die ich mich gerne einsetze. Freue mich vor allem auf die Podiumsdiskussion, am Montag 8. April 2018. Hier einige Infos über die Hintergründe von Ausstellung und Diskussionsabend.

Mehr als ein Viertel der Stadionbesucher in Deutschland sind weiblich. In einer Studie geben mehr als die Hälfte aller Frauen zwischen 16 und 69 Jahren an, dass sie an Fußball interessiert sind. Das sind 18 Millionen weibliche Fußballfans. Die Liebe zum Fußballspiel hat längst eine deutlich weibliche Dimension. Doch in der allgemeinen Wahrnehmung kommen die Frauen in den Fanszenen kaum vor. Dagegen ist das Bullshit-Bingo von Frauen und Fußball kaum auszurotten. Ausgehend von der Frage, was wohl bitteschön abseits sei, wird den weiblichen Fans aller Orten Kompetenz und Hingabe abgesprochen. Die Männergesellschaft dominiert. Manchmal ist es krasse Diskriminierung und schlimmer Sexismus.

Weil bereits das abgestandene Frauenklischee gehörig auf die Nerven geht, konzentriert sich die Ausstellung „fan.tastic females – football her.story“ komplett auf das weibliche Gesicht des Fußballs. Dabei geht es keineswegs um plumpe Abgrenzung oder den erhobenen Zeigefinger. Es geht vor allem um wundervolle Geschichten und ihre ausschließlich weiblichen Hauptdarstellerinnen, die möglicherweise bekannter wären, wenn es sich um Männer gehandelt hätte. Die Ausstellungsmacherinnen des Netzwerks Football Supporters Europe haben ihre Storys in sechs verschiedene Kategorien eingeteilt: weibliche Fans wie du und ich, weibliche Ultras, Frauen in Führungspositionen, Ikonen der Fankultur, weibliche Fan-Netzwerke und weibliche Fangruppen. 

Von der Sektion Menstruation aus Österreich über die slowakischen Gangster Girls bis zu einer weiblichen Hooligan Gruppe inszeniert die Ausstellung die gesamte Bandbreite. Dass die Liebe zum Spiel auch unter gesellschaftlich schwierigen Bedingungen glüht, bestätigen weibliche Fans von Besiktas und Hapoel Katamon Jerusalem. Auch die Geschichten werden erzählt, die fast zu schön sind, um wahr zu sein: zum Beispiel von der schottischen Dauerbesucherin, Jahrgang 1924, die seit den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts fest zu ihrem Verein hält. Die Kunst- und Medienwissenschaftlerin Antje Grabenhorst konzipierte die Ausstellung mit. Grabenhorst beschreibt den großen gemeinsamen Nenner aller Hauptdarstellerinnen: „Sie alle verbindet, dass sie das Fußballstadion als ihr Zuhause sehen.“

Weil „fan.tastic females“ alles andere als eine trockene Ausstellung ist, sollten die Gäste auf einen vollen Akku ihres Smartphones achten. Auf den Tafeln sind QR-Codes aufgebracht. Wer sie scannt, erlebt die fantastischen Geschichten in kurzen Filmen. Die Ausstellung war bereits an einigen Bundesligastandorten zu Gast. Die Fanbetreuung des VfB Stuttgart und das VfB-Fanprojekt haben in einer Gemeinschaftsaktion fan.tastic females nach Stuttgart geholt. Eröffnet wird die Ausstellung zum VfB-Heimspiel gegen Nürnberg am Samstag, den 6. April. Der Raum des VfB-Fanprojektes in der Hauptstätter Straße 41 steht rund um die beiden Spieltage gegen Nürnberg und Leverkusen offen – sowie an Werktagen von 15 bis 20 Uhr. Die Ausstellung in Stuttgart, die am 18. April weiterzieht, wird unterstützt von der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenpolitik Baden-Württemberg.

Am Montag den 8. April laden die Veranstalter zu einer Podiumsdiskussion ins VfB-Fanprojekt ein. Mit von der Partie sind die Co-Ausstellungsmacherin Antje Grabenhorst, die Vorsitzende des Landtagsausschusses für Kultus, Jugend und Sport Brigitte Lösch, die schon seit Jahren eine Dauerkarte beim VfB Stuttgart hat. Außerdem auf dem Podium: die Fanbeauftragte des VfB Stuttgart Antje Büscher-Tittes und Britta Kotzuschkewitz vom VfB-Fanclub Chaoszwerge. Die Podiumsdiskussion wird moderiert von Swantje Dake, der Chefredakteurin Digital der Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten. Los geht’s um 19.30 Uhr.

fan.tastic females
im VfB-Fanprojekt
Hauptstätter Str. 41

Ausstellung
6. April bis 18. April
Mo. – Fr.  15 bis 20 Uhr
und rund um die VfB-Heimspiele

Podiumsdiskussion
Montag, 8. April, 19.30 Uhr

Danke für’s Foto an fan.tastic females /Ariane Gramelspacher


Oder noch mehr? Beim Traditionsabend im VfB-Fanprojekt hat sich schnell herausgestellt, welch großes und unübersichtliches Thema wir besprechen. Doch gerade dort, wo objektive Meinungen kaum zu formulieren sind, kann ein Meinungsaustausch spannend werden. Auf dem Podium diskutierten: Hardy Grüne (Fußballhistoriker, von der FAZ als „Gedächtnis des deutschen Fußballs“ geadelt), Prof. Dr. André Bühler (Direktor des Deutschen Instituts für Sportmarketing) und Martin Harsch (Brustring-Talk). Inklusive Publikum waren mehr deutlich mehr als 50 Perspektiven auf die Tradition vorhanden.

Auf den Brustring-Talk von Martin Harsch verlinke ich an dieser Stelle gerne. Dort kann man die gesamte Veranstaltung nachhören.

https://www.brustringtalk.de/bt061-traditionsabend-im-vfb-fanprojekt-mit-hardy-gruene/

Einige Statements, quer durch die verschiedenen Epochen und Aspekte unserer Diskussion:

Martin Harsch: „Für uns Fans ist die Tradition ein ganz ganz wichtiges Thema. Mit der Tradition können wir uns abheben. Uns gibt’s länger. Wir haben schon in den Fünfzigern und Sechzigern Erfolg gehabt. Natürlich hab ich das nicht selbst erlebt. Bis mir mein Papa mal erklärt hat, wer dieser Schlienz war. „

Hardy Grüne: „Was ist eigentlich Tradition? Beim VfB ist das unbestritten. 1893 die Wurzeln, seither eine stringente Linie, da kann man definitiv von einem Traditionsverein sprechen. Es wurde Leverkusen erwähnt, es wurde Wolfsburg erwähnt. Leverkusen ist 1904 gegründet, vor der Stadt Leverkusen, seither eine stringente Linie im Fußball. Kein Traditionsverein, nur weil Bayer dazu steht, finde ich schwierig. Wolfsburg. Die Stadt Wolfsburg ist 1945 gegründet. Der VfL Wolfsburg ist 1945 gegründet. Der konnte gar nicht früher gegründet werden. Der VfL hat in den fünfziger Jahren in der Oberliga Nord gespielt, hat den HSV geschlagen. Keine Tradition? Find ich schwierig. Die Definition der Tradition ist schwer und immer eine Frage der Perspektive.“

Hardy Grüne: „Ich finde es sehr spannend zu sehen, dass Tradition auch beweglich ist. Wo wir gerade beim VfB Wappen sind… offensichtlich fängt sie beim Wappen nicht bei 1893 an, dann wären wir nämlich beim Kronenklub oder dem Stuttgarter FV, sondern wir sind bei der Zeit, so 1949, bei dem Wappen, das eingeführt wurde und jetzt wieder verwendet wird. Der Begriff Tradition ist also offenbar etwas flexibel. Viele verbinden das meistens mit einer Zeit, in der sie groß geworden sind.“

André Bühler: „Tradition hängt viel mit Geschichten zusammen, die man erlebt hat. Meine VfB Tradition besteht aus Jürgen Klinsmann, Fallrückzieher, 7:0 gegen Dortmund mit zwei Allgöwer-Toren, die Meisterschaften 92 und 2007, das sind Geschichten. Natürlich kann RB Leipzig diese Geschichten jetzt noch nicht erzählen, aber wenn es die in 40 Jahren noch geben sollte, dann haben sie die gleichen Geschichten wie der VfB jetzt.“

André Bühler: „Meine Familie regt sich traditionellerweise seit 40 Jahren über den VfB auf. Das ist auch eine Form der Tradition.“

Hardy Grüne: Wir reden ja gar nicht über Tradition, wir reden über Kommerz. Und Kommerz ist etwas, das immer zum Fußball gehört hat. Da sind wir wieder bei dem Ding Früher-war-alles-besser. Aber in den Zwanziger Jahren haben sie auch überall gemeckert, weil vieles zu kommerziell geworden ist.“

André Bühler: Was mich an dem Konstrukt Leipzig aufregt: Red Bull ist ein Marketingkonzern, die zufälligerweise auch Energydrinks herstellen. Aber sie erzählen die Geschichte, sie wollen diesen Bundesligastandort Leipzig aufblühen lassen. Absolut gar nicht! Null! Die wollen auch gar nicht erfolgreich Fußball spielen lassen. Die wollen ihre Getränkedosen verkaufen. Das ist das Narrativ und das stört mich, dass sie das nicht offen zugeben.“

Martin Harsch: „Mein Vater ist ein überzeugter Schwabe. In Fellbach aufgewachsen. Ich hatte recht früh eine Flagge vom Königreich Württemberg, auf der „Furchtlos und treu“ stand. Deswegen ist für mich das „Furchtlos und treu“ nicht negativ belegt. Es kam ja auch bei der Gründung zu dieser Verbindung zwischen Königreich und Volk. Wir gemeinsam, furchtlos und treu.“

Teaser: Nächste Veranstaltung. fan.tastic females. Ausstellung und Diskussion über Frauen in Fanszenen. Diskussion am Montagabend, 8. April 2019. Herzlich willkommen!


Dem kritischen Fußballpublikum sei diese Veranstaltung wärmstens empfohlen. Sie ist ganz kurzfristig auf den Terminkalender gekommen. Ich freue mich auf Ronny Blaschke und Dr. Stephan Kaußen.

  • Fanprojekt Stuttgart, Hauptstätter Straße 41 (neben Immer Beer Herzen)
  • Mittwoch, 6. Juni 2018, 19.00 Uhr

Hier die „offizielle“ Pressemitteilung:

Vor der WM in Russland: Spielwiese Menschenrechte

Kann eine Weltmeisterschaft ein Gastgeberland nach vorne bringen oder bleibt dies nur eine sportpolitische Wunschvorstellung? Vielleicht ist das Gegenteil der Fall. Wenn die Versammlungsfreiheit eingeschränkt wird, Einwohner vertrieben werden und Bauarbeiter auf Baustellen zu Tode kommen, darf man das gute Verhältnis von Sport und Ethik in Zweifel ziehen. Die Wirkung eines sportlichen Großevents auf die Zivilgesellschaft eines Landes steht im Mittelpunkt des Vortrags- und Diskussionsabends im Fanprojekt Stuttgart. Zu Gast sind mit Ronny Blaschke und Dr. Stephan Kaußen zwei anerkannte Experten, die sich schon seit Jahren mit gesellschaftlichen und politischen Wirkungen von Megaevents befassen. 

Ronny Blaschke

Autor und Sportjournalist Ronny Blaschke beschäftigt sich vor allem mit ethischen Gesichtspunkten im Sport. Er schreibt an gegen Gewalt und Menschenfeindlichkeit. Für sein Engagement gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus wurde er 2013 vom DFB  mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet. Ronny Blaschke tourt seit Beginn des Jahres mit seinem Vortrag durch Deutschland. Mit seinem Bericht von der „Spielwiese Menschenrechte“ wird er die Diskussion eröffnen. Darin thematisiert er unter anderem die Aushöhlung von Menschenrechten und den Schutz von Minderheiten. Andererseits stellt er die Frage, ob Kritik auf Basis eines eurozentristischen Weltbilds überhaupt legitim erscheint.

Stephan Kaußen

Danach wird Dr. Stephan Kaußen von seinen vielfältigen Erfahrungen auf großen Turnieren berichten. Kaußen hat viele Berufe, er arbeitet unter anderem als Dozent, Politikwissenschaftler und Sportreporter. Fußballfans kennen seine Stimme aus der legendären Bundesliga-Konferenz der ARD Radiosender. Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit liegt allerdings außerhalb der Bundesliga: in Südafrika. Er schrieb unter anderem über den Beitrag des Sports zur Versöhnungspolitik im ehemaligen Apartheidstaat und analysierte den gesellschaftlichen und politischen Wandel. Kaußen kann am Beispiel Südafrika die Auswirkungen einer Weltmeisterschaft einschätzen. Auch die anderen Europa- und Weltmeisterschaften der letzten Jahre hat Kaußen aus Fanperspektive erlebt und wird von seinen Erfahrungen berichten.

Der Abend wird veranstaltet vom Fanprojekt Stuttgart mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Moderation hat Bernd Sautter. Die Veranstaltung beginnt am 19 Uhr in den Räumen des Fanprojekts Stuttgart in der Hauptstätter Straße 41. Der Eintritt ist frei.