Wenn Fußball und Musik Tikitaka spielen. Pascal Claude an den Turntables. Ein betörnender Abend mit The Ramblers, Borodjuk und Gerald Wrede sowie Lenni, König und den Wattenscheider Jungs. 

In Deutschland leben 40 Millionen Bundestrainer. In ESC- oder The-Voice-Zeiten sind es eben so viele Millionen, die mit absolutem Gehör und totalem Musiksachverstand durcheinander fachsimplen. Der Verdacht, dass es sich um ein und dieselben Personen handelt, drängt sich auf. In den Fachgesprächen stolpern die Tonarten durcheinander. Eine Kackophonie des heiligen musikalischen Ernstes. Alle wissen es besser. Keiner kann es wirklich. Weder Ball stoppen noch Ton halten. Die gute Botschaft dabei: Minus und minus gibt plus. Unterm Strich entsteht: das Fußballlied in seiner ganzen Pracht. Als Vereinshymne, als Kickerlied, als Turniersong. In jeder Form ein kultureller Hochgenuss.

Kulturelle Konzentration

Singende Beine hat Pascal Claude sein Programm genannt, in dem er all dieses vorführt. Der Schweizer besitzt ungefähr 1.200 Fußballsingles. Er sammelt sie. Nur Singles, keine LPs, keine CDs, kein anderes modernes Format. Nur Singles mit Knisterspaß und bunten Papiercovern. Sammeln verlangt Konzentration. Der Meister seines Fachs steht an den Turntables. Wir lauschen ihm – und freuen uns über jede Scheibe, die er auflegt und ebenso kenntnisreich wie humorvoll würdigt. Der Kenner weiß: Oft sind auf der B-Seite die besten Dinger versteckt. Er lobt was man kennen sollte – und warnt vor den Werken, vor denen man sich fürchten muss.

Claude serviert Fußball und Musik wie Tiki und Taka. Lässig, mit Ironie vorgetragen und stets zum fatalen Fehlpass bereit. Er lässt Beine singen und Stars erklingen. Juste Fontaine, Paolo Rossi und Jimi Hartwig. Ich ergattere mir Claudes Buch Football Disco, in dem er nicht bestreitet, dass seine Sammelleidenschaft von Sozialpsychologen kritisch gesehen wird. Eitelkeit, Narzissmus und Machtdemonstration kann den Sammlern unterstellt werden. Auch vom vergeblichen Versuch, die Zeit anzuhalten, wird gesprochen. Claude reagiert auf diese Unterstellungen wie ein Fallrückzieher von Cristiano Ronaldo. Er stellt die Singles ins Netz. Für jeden zu hören. Für alle zugänglich. Das nimmt den egoistischen Charakter, sagt er. Open Source. Man muss es lieben.

Bloß nicht überheblich werden

Im Jahr 1964 hat es beim legendären Schlagerfestival in San Remo einen Sonder-Contest für Fußballlieder gegeben. „Una canzone per la vostra squadra“. Das Internet weiß wenig. Pascal Claude viel. Er bekennt selbst: „Die Überheblichkeit gegenüber dem Genre der Fußballschallplatte ist im Laufe der Jahre einem echten Interesse und der Bewunderung für die Vielfalt gewichen. Aber vielleicht, so merkt er selbstkritisch an, handelt es sich bei seiner Sichtweise um eine deformation professionell.

Bedauerlicherweise tourt Pascal mit seinem Programm nicht im klassischen Sinne. Job und Familie lassen es nicht zu. Wer an der Fußballkultur interessiert ist, dem bleibt: Pascal Claude abspeichern – und auf einen seltenen Zufall hoffen. Ja, man kann sich an der Open Source auf www.45football.com bedienen. Das komplette Universum des Pascal Claude eröffnet sich aber nur, wenn der MCFußballlied an den Turntables steht. Sein Prinzip: Er spielt die Titel nur an, bis der Refrain kommt. Als er seine Vorgehensweise am Beginn des Sets ankündigt, stellt sich Erleichterung ein. Im Laufe des Abends findet man die Kürze jedoch zunehmend bedauerlich. Ich habe inzwischen einige Songs auf der Plattform zehnmal gehört. In Verneigung vor dem großen Sammler mit dem absoluten Gefühl für den Ball und Ton: Pascal Claude!

Wer’s nicht glaubt: Hier einige vollkommen geschmackssichere Anspieltipps  mit meinem unfehlbaren ESC-Voice-Fußballsachverstand und mit Hilfe von Pascal Claude.

Meine persönlichen Super 3:

– The Ramblers, El Rock de Mundial, Offizielles Lied zur WM 62 in Chile, das erste offizielle WM-Lied überhaupt. Nie wurde ein besseres aufgenommen -> www.45football.com -> Football Themes -> World Cup 62

– Peter Behrens (Drummer von Trio), Das Tor. „Ja, wenn ein Tor fällt, ja, wenn ein Tor fällt, dann bau’n wir’s wieder auf“
-> www.45football.com -> Year 1988 -> nach „Das Tor“ suchen

– Lucio Guzzo, Forza Palermo, wunderbarer Song auf dem Höhepunkt des italienischen Sixtiesflows -> www.45football.com -> Clubs and National Teams -> US Palermo


Meine persönlichen Superdry:

– Master, Son tutti figli di Bearzot, Coverversion von Trio’s Da Da Da -> www.45football.com -> 1982 -> Cover mit Da Da Da

– Milton Fisher, Borodjuk, Decubitus, Gerald Wrede, „Ich glaube an den SVD“, totale Einheit vom musikalischer Form und inhaltlicher Botschaft
-> www.45football.com -> SV Darmstadt 98

– Lenni, König und die Wattenscheider Jungs, Weil Wattenscheid weiter lebt -> www.45football.com -> Clubs and National Teams -> SG Wattenscheid 09