(Buckelgezuckel, Tag 4)

Überall wird dieser Rhönsprudel angepriesen. Sogar hier in Eisenach, in einiger Entfernung. Mit „der puren Kraft der Rhön“ bewirbt man das Wasser. Als ich am hellen Morgen den Plakaten vorbeistrampelte, wollt ich schon anhalten und umfüllen. In meinen Flaschen nur schnödes Leitungswasser mit indifferentem Magnesium. Ohne Wumms. In den Waden kam da nichts an. Mir war plötzlich nach Rhönsprudel, spritzig bitte. Als es zu von oben sprühen begann, überlegte ich, wo das viele Wasser der Rhön eigentlich herkommt. Das mineralisches Grundwasser muss doch wieder aufgefüllt werden. Und jetzt blaue Frage: Wie heißt der höchste Berg der Rhön? Wasserkuppe! Nach runden 800 Höhenmetern der Beweis: Nur noch Wolken. Richtig hochalpines Ambiente. Die weißen Schwaden zogen mir in Böen um den Zinken. Auf den Bildern siehts glatt nach 2500 Höhenmetern aus. Dabei ist alles nur Mittelgebirge.

Und meine Form: leider nicht mal medium, sondern nur sanft perlend. Dabei war ich doch auf der Königsetappe.

Vielen Dank für Eure motivierenden Worte in den letzten Tagen. Drum habe ich heute trotz wässriger Vorzeichen nicht gekniffen. Aber auch die Briten muss man loben, und zwar für ihre Socken. Nach der ersten Abfahrt waren die italienischen Modelle schon durch. Dann zog ich die britischen auf. Sealskinz. Wasserdichte Socken. Da kommen nur die Briten drauf. Wohlige Wärme stellte sich ein. Die Sonne tat ihr Übriges. Vermutlich hatte sie endlich auf den Kalender geschaut. Ich schlich mit warmen Zehen und lahmen Waden zum Ellenbogen, der höchsten Rhönstelle auf Thüringer Seite. Endlich konnte ich was von der schönen Gegend erkennen. Nett hier. Trotzdem gebe ich zu, dass der Vorteil des Radeln unbedingt im Weiterkommen liegt. Also verzichtete ich auf den Besuch des kleine Goethemuseums in Kaltennordheim. Ein Schild informierte darüber, dass man den Schlüssel in der Gaststätte hätte holen müssen. Goethe stand auch schon höher im Kurs. Das Schild, das Original Thüringer versprach, fand ich verlockender. Bratwurst – vielleicht ist das die Mitte von Deutschland, dachte ich als sie knackte. Sind ja immer noch zu viele Fleischesser. Mich eingenommen. Geographisch gesehen gibt es ja ungefähr 19 Mittelpunkte – je nach dem, wie man es rechnet. Fast alle hier in der Gegend. An den meisten der 19 steht eine festliche Markierung, viele davon hier im südwestlichen Thüringen. Man diskutiert noch, welche Rechenmethode die richtige ist. Sonst ja die Thüringer nicht so für die Mitte zu haben. Aber ich will im Land von Böcke und Kennwernich nicht allzu politisch werden. Nur soviel: Eigentlich sehr schön hier, warum wählen die so einen Scheiss?

Sonst ja eher das Sportliche im Vordergrund heute. Nach den beiden hohen Bergen zuckelte ich mit meinem frisch geprüften Rhönrad über mehrere namenlose Buckel. Ich perlte sanfter und sanfter. Zum Schluß noch über den Rennsteig. In diesem, erneut sehr selektivem, letzten Aufstieg beschloss ich dass ich es unter drei Menuegängen heute Abend nicht mache. Bewährte Motivationstechnik. Askese ist ja auch keine Lösung. Gibt mehr Wadenwumms als jedes Magnesiumgedöns. Funktioniert so gut wie die 50er-Sonnencreme, die ich heute morgen auftrug, um die Sonne scheinen zu lassen.

Erkenntnis des Tages: Die Menschen sind schon komisch. Fahren mit SUV auf mikroebenen Straßen. Und mit superschlanken Rennrädern auf scheußlich holprigen Radwegen.

Buckelgezuckel, Tag 4. Neuhof bei Fulda – Eisenach: 113 Kilometer, ca. 1750 Höhenmeter.

Vor Abtsroda
Auf der Wasserkuppe
Auf der Wasserkuppe
Melperts
Rennsteigkante