Grenzerfahrung, Etappe 1, Kap Arkona – Greifswald 170 km, 600 Höhenmeter

Etwas rechtwinkliger Menschenschlag hier in Südschweden. Hätten die lockeren Dreikronen vielleicht etwas länger hier bleiben sollen, nachdem der schwedische König am Kap Arkona die Treppe hoch ist, um das Land zu erobern. Schweden ist das meist übersehene Nachbarland Deutschlands. Gibt ja keine wirkliche Grenze in dem Sinn. Aber der freundliche schwedische Einfluß im Pommerschen Charakter hätte gerne deutlicher sein dürfen. Als Gast bitte kein Sonderwünsche, sonst „Hamwernich“, in schroff. Nicht Frühstücken ohne Anmeldung. Auch wenn’s noch so viele freie Tische draußen hätte. Nur zum Beispiel. Aber der Michl ja ausdauernd. Das barsche Grummeln wird mit beharrlicher Freundlichkeit überwunden, und guck: geht doch. Dort am Kap Arkona, dem nördlichsten Punkt auf Rügen standen wir heute morgen, um die Herausforderungen anzunehmen. Von dort aus in Richtung Watzmann (Spoiler: kam was dazwischen). Traumhafte Wege. Wunderbares Licht. Überraschend bergig, die Insel. Bestellter Rückenwind war rechtzeitig geliefert worden. Üppiges Frühstück auch. Fein!

An die Einhaltung der Hygienevorschriften wird man sogar auf dem Rad erinnert. Wenn man sich während der Fahrt unterhält (schwierig wegen laut und Aerodingsdas), ist Mundbedeckung angezeigt, sonst Mückennachtisch. Dabei war das Sassnitzer Krabbenbrötchen vom Feinsten – wer braucht da ein mächtiges Dessert? Möglicherweise auf diese Art die leise Kritik an den Pommerschen Leuten geahndet. Mag sein. So sollte man bei schlechten Witzen oder ähnlichem Hirngespinsten verfahren: Mitten im Geschwätz eine moralbewusste Hygienemücke reinfliegen lassen. Dann ist erstmal Ruhe. Noch vor der Pionte. Oder auf Hygienedemos. Da gehören Hygienemücken eigentlich hin.

Wenn die Pommern die touristische Dienstleistung komplett einstellen, ist es aber auch kacke. Was wären wir gerne vom Fährmann der Glewitzer Fähre angeraunzt worden. Da kannst du von Rügen aufs Festland übersetzen. Zugegeben, es gab ein Schild, auf dem „Fähre gesperrt“ stand. Aber wir, nicht doof: Super freundliche Einheimische gefragt, ob das stimmt. „Nö, die ist offen, da macht Euch keine Sorgen, könnt ihr ruhig hinfahren“ . Wenn die Pommern freundlich sind, sollte man misstrauisch werden. Da standen wir an der Glewitzer Fähre, nur ohne Fähre. Die einzige Alternative bestand aus einem 50 km Umweg über den Stralsunder Damm. So wurde aus Einrollen eine 170-Kilometer-Challenge, aber glücklicherweise gab’s auf dem letzten Abschnitt von Stralsund nach Greifswald wieder leichten Schiebewind.

Erkenntnis des Tages: Es gibt zwei direkte Verbindungen von Stralsund nach Greifswald. Eine neue Bundesstraße für Raser – und eine alte B96, auf der man einsam radeln kann. Die alte B96 könnte sogar denkmalgeschützt sein. Nach runden 25 Kilometer historischem Kopfsteinpflaster erreichten wir Greifswald mit allerfeinst gelockerter Muskulatur. Endlich angekommen waren wir gerührt und geschüttelt.

Vonn Breege nach Altenkirchen
Am Kap Arkona
Am Kap Arkona
Bei Goor
Bisdamitz
Sassnitz
Alte B96 von Stralsund nach Greifswald
https://youtu.be/CjYE2PMZtLs
Etappe 1 im Spot