Grenzerfahrung, Etappe 5: Cottbus – Pirna, 138 km, 800 Höhenmeter.

Nein, das sind nicht die Bilder, die man von uns sehen will: Die windschlüpfrigen jungen Männer am Straßenrand bei der Flickschusterei. Hatte ja vor der Reise ein wenig Bammel ausgerechnet in Pirna hängen zu bleiben. Weil kein Antinazispray dabei. Das kommt von den Vorurteilen: Wir wären fast schon vor Pirna hängen geblieben. Während halb Deutschland launige Pfingstmontagsausflüge unternimmt, verbringen wir Stund um Stund dort am Straßenrand, wo der Schlauch seine Luft fahren lässt. Auch der Ersatzschlauch hat Launen. Aber der Michl am Abend zur Höchstform aufgelaufen. Erst in einer Minute den megaengen Mantel auf die Felge geworfen (beim vierten Mal an diesem Tag bestens geübt) und dann pfeilschnelle 25 Schlusskilometer gestrampelt, um die letzte Bestellung im Hotelrestaurant zu erwischen. Sonst eher so guckhierguckda, der Michl. Aber wenn’s um die Essensbestellung geht: Motivatione maximale. Voll fokussiert. Als die tschechische Biergartenkraft allerdings mitteilte, dass „keine Bestellung mehr“, weil zwei nach Achte, ich am Rande eines spätnachrichtenfähigen Kapitalverbrechens. Gut, dass jemand fünf Minuten später auf die Idee kam, uns mitzuteilen, dass nur der Biergarten dicht macht und man drin im Restaurant noch was bekommt. Geht doch. 

Sonst natürlich klasse Tag. Zickzack durch die oberen Spreetalseen, durch Bautzen, durch … schönes Niemandsland und am Abend pfeilschnell durch die sächsische Schweiz. Sonne senkrecht in der SüdLausitzer Toskana. Als es mal hochprozentig hoch ging, der Michl sich wieder mit Podcast im Ohr sich abgelenkt. Marotte. Axel Hacke erzählte, dass man bei Schreibblockaden  besser raus aus der eigenen Komfortzone sollte, nicht immer nur das Alltägliche, das Erwartbare, das Routinierte, das Eingespielte. Auch ausnahmsweise im Pasternoster stehen bleiben und obenrum. Bereit sein für das Ungewöhnliche, eventuell sogar Unnütze. Ich würde sagen, an die Hacke-Empfehlung setzen wir heute einen Haken dran. In den sächsischen Hügeln ein abschließendes 25-km-Zeitfahren zu absolvieren, damit du das Pirnaer Dönertaxi vermeidest und im Restaurant noch was Ordentliches bekommst: Sinnbefreit genug. Wegen einer feschen Portion Spargel mit Fertighollandaise den neuen Weltrekord in der Basteibesichtigung aufzustellen: ganz nah an der von Hacke geforderten Antikomfortzone. Basteibesichtung etwa so: „Guck mal die Bastei dort unten“ „Ja, schön, noch 20 Minuten bis Acht, gell“ Und bitteschön: Von wegen Schreibblockade beim Zuständigen Tagebuchautor.  Werde heute Tagesbester in der Haas‘schen Verb-Auslassung. Hilfshaas Hilfsausdruck. (Sorry, der war für die Wolf-Haas-Fans unter den virtuellen Mitradlern. Sind ja nicht wenige) 

Erkenntnis des Tages: Beim Ersatzschlauch kaufen nicht in philosophischen Optimismus verfallen, sondern genau auf die Zahlen achten. Die geben die Größe an.  Die Dinger haben zwar Spiel und Toleranz, aber scheinbar nicht endlos. Vermutlich hatten wir das Ding schlicht zu klein mitgenommen, bei dem ach so sympathischen Startup-Repaircafé, das ich vor drei Tagen noch so lobte.  Deutlich vor dem Abend. 

Cottbus
Cottbus Bahnhof Zoo
Günthersdorf