Bologna

Der Weg zum Wildparkstadion in Karlsruhe ist der wohl schönste Spaziergang zu einem Heimspiel in Deutschland. So habe ich es im Buch aufgeschrieben, besser: abgeschrieben, denn eigentlich stammt der Gedanke von den neutralen Beobachtern des 11Freunde-Magazins. Wenn man für diese Kategorie den weltweit schönsten Stadion-Spaziergang  sucht, kommt man an Bologna kaum vorbei. Von den Innenstadt kann man den Passo di San Luca nehmen, den längsten Arcadengang weltweit. Insgesamt ist er etwa vier Kilometer lang. Wer mitzählen will: 658 Arkadenbögen müssen es am Ende sein, oben beim Heiligtum der Madonna di San Luca.

Fußballfans werden beim Heimspiel gewiss nicht aufsteigen, sondern nach der Hälfte der Wegstrecke beim Arco de Meloncello nach rechts abbiegen. Tatsächlich wurde beim Bau des Stadio dall’Ara eine Verzweigung des Passo di San Luca angelegt. Im Stile des 1715 fertiggestellten Bogenganges wurde ein Anschluss an den Eingang des Stadions angelegt. Die Tifosi können also trockenen Fußes von der Porta Saragossa an der Innenstadt bis zum Stadioneingang gelangen. Über eine Strecke von etwa zwei Kilometern. Ein weitwelt einmaliger  Stadionspaziergang. Symbolisch und wunderschön.

Wieso hat es keinen Aufstand der Gläubigen gegeben, die Verzweigung hätte doch als Gotteslästerung empfunden werden können? Die Antwort fällt leicht, sie ist erschreckend schlicht: Protest war damals keine Haltung, die ratsam erschien. Der Bau des „Stadio Littoriale“ wie es damals hieß, fällt in die faschistische Zeit, was man am Baustil unschwer ablesen kann. Die hochaufragenden Ränge bilden ein Mix aus kaiserlich-römischen und faschistischen Elementen. Eingeweiht wurde das Stadion dann von Mussolini persönlich. Dementsprechend sind keine fundamental-religiöse Bedenken überliefert.

1983 wurde das Stadion nach Renato Dall’Ara benannt, dem verdienten Präsidenten des FC Bologna, unter dem der FC Bologna seine größten Erfolg feierte. 1990 wurde es zur Weltmeisterschaft renoviert. Seither ist es unverändert. Im Moment wird über einen weiteren Ausbau diskutiert. Um mit modernen Stadien mithalten zu können, erscheint der Wunsch nach mehr Komfort verständlich. Trotz des schwierigen Baugeschichte der Arena bleibt zu hoffen, dass beim weiteren Ausbau auf den Erhalt der historischen Substanz Rücksicht genommen wird. Es wird kolportiert, dass der Investor vor den Maßnahmen die Fans zu den Ausbauplänen befragen möchte.

Ob dann auch der Säulengang wieder ans Stadion angeschlossen wird? Es ist zu hoffen. An keinem Bauwerk der Welt kann man die Verbindung von Fußball und Religion so klar ablesen. Es soll nicht wenige Fans geben, die inzwischen hoch zum Heiligtum marschiert sind, wo sie um eine sensible Renovierung des Dall’Ara an oberster Stelle nachgefragt haben.

 

 

  • Share