Die historische Friedensfahrt führte durch die Tschechoslowakei, Polen und die DDR und ging über zwei Wochen im Mai. International war sie, weil neben den Staatsamateuren des Ostblocks auch Belgier, Franzosen, Dänen, Spanier und viele andere mit fuhren, zum Beispiel Miguel Indurian am Beginn seiner Karriere. Die Internationalen werden den Staatsamateuren in nichts nachgestanden sein, was Doping betrifft. Für die Ostblocknationen gehörte es zum Prestige, zu gewinnen, am besten die Mannschaftswertung. Die Friedensfahrt war ein riesiges Publikumsereignis. Mehr Begeisterung als bei der Tour, behauptete man im Osten. Gegenüber den heutigen Radrennen hatte die Friedensfahrt manche Spezialität, unter anderem. Etappenziel waren stets die großen Städte. Ankunft war in der Regel in prall gefüllten Stadien. Die Profis drehten beim Zielsprint noch eine Stadionrunde auf der Aschenbahn. Es gibt viele Bilder davon. Eines davon zeigt das Publikum 1960 in Brünn, als der Deutsche Täve Schur gewann. Die Ziellinie war im Stadion Za Lusankami. Zielsprint in einem Stadion ohne Radrennbahn. Für heutige Radrennen ist mir das nicht bekannt. (Roubaix hat überhöhte Kurven) Historische Aufnahmen aus vielen Städten dokumentieren die Ankünfte. Das Za Lusankami ist heute so verfallen wie die Friedensfahrt selbst. Seit 20 Jahren kein Fußballspiel mehr. Irgendwelche Auflagen waren es, die den FC Zbrojovka Brünn zwangen, seine Spiele in einem kleineren Stadion auszutragen. Seither gilt das Za Lusankami als schönste Stadionruine Europas. Und jetzt ich: War ja klar, dass ich auch eine Stadionrunde als Etappenankunft haben wollte. Am besten in Brünn. Aber Planungsfehler. Ausgerechnet dieser Abschnitt war 160 km lang – und das mit müden Beinen. Ich gebe zu, dass ich gestern überlegte, ob ich in Znojmo in den Zug soll. Aber dann: Ölige Maschine schnurrte wieder und auch beim Fahrer durfte man von Formanstieg sprechen. Auch das Wetter passte – und wie: Ein Gewitter war im Anflug, aber es erwischte mich nicht. Der frische Wind am Rand des Wetters schob mich genau in die gewünschte Richtung. Dazu führte die zweite Etappenhälfte eben übervollstes Land. Der Rouleur war wieder am Start und surfte auf einer perfekten Welle nach Brünn. Nach runden siebeneinhalb Stunden bog ich nach einer Etappe von würdiger Friedensfahrtlänge ins Za Lusankami. Drei Arbeiter führten wohl noch Alibiarbeiten kurz vor Feierabend aus. Um Sechs schlossen sie das Tor. Da hatte ich meine Stadionrunde längst beendet, und die Bilder im Kasten, die ich mir unbedingt gönnen wollte. Erkenntnis des Tages: Wenn Tschechen eine Straße sperren, tun sie das extrem rabiat. In meinem Fall war die Straße gleich nach der Grenze gesperrt. Der Grenzübergang wohl auch, wie mir die Bauarbeiter bedeuteten. Aber ich wußte, dass ich das Stadion bei Licht nicht mehr sehe, wenn ich den Übergang 30 km weiter nehme. „Pozor“, sagten sie – und machten das internationale Zeichen für „kassieren“. laut Google Weltwissen heißt das aber nicht „Verbot“ sondern nur „Sei vorsichtig“. Kann ich nix für, falls es anders sein sollte.

Raabs an der Thaya – Brünn: 160km, ca. 1080 Höhenmeter

Bei Brezani
Am Rande des Gewitters
Grenze bei Drosendorf
Za Lusankami 1960 bei der Friedensfahrt