Der Sozialismus fiel, so vorhersehbar wie ich vom Rad fiel nach 133 km mit knapp 2000 Höhenmetern. Gute Idee vom Prinzip, aber nicht so und nicht so viel. Mit der Neuordnung der östlichen Staaten verlor auch die Friedensfahrt ihre Schutzpatronen. Die Parteibonzen war ihren Apparat los, und das Radrennen auch. Man hielt die wilde Fahrt am Leben, in dem man sie umkrempelte. Sponsoren dringend gesucht – und Argumente, sie zu überzeugen. Plötzlich wollte man sie doch haben, die mythischen Berge anderer Rundfahrten, Galibier, Tourmalet, und wie sie alle heißen. Bei der Friedensfahrt 1994 stand eine Bergankunft auf der Lysa Hora auf dem Programm. Es ist der höchste Berg der Beskiden, einem Gebirgszug zwischen Tschechien, Polen und der Slowakei. Runde 1300 Meter nochwas ist das Ding hoch, und weil oben ein Fernsehsender aufgebaut wurde, war praktischerweise eine Straße auf den „kahlen Berg“ (Lysa hora) angelegt. Die erste Bergankunft gewann ein Freiburger, die zweite ein Magdeburger. Weil der Berg so steil war, begaben sich viele Zuschauer an den Aufstieg. Alle waren glücklich, nur nicht die Naturschützer. Als der Lysa hora im Begriff war, eine Institution zu werden, war er weg vom Fenster. Bei der Austragung 1996 hatten Naturschützer die Strecke blockiert, das Radrennen musste umgeleitet werden und endete ohne finale Bergankunft einige hundert Meter tiefer. Die Lysa hora wurde nie wieder berücksichtigt. Als ich am Einstieg in den Berg in Papezov ankam: keine Naturschützer, also keine Ausreden. Weil ich ahnte, dass es heute länger dauern würde, war ich schon vor Achte im Sattel. Erst hindurch Frydek-Mistek, die tschechische Version von Wanne-Eickel. Mit Industrie war es dann bald vorbei. Was folgte war Wald, und nochmals Wald. Auch schön, vor allem weil die achteinhalb Kilometer hoch zur TV-Station völlig autofrei sind. Im Tempo einer beskidischen Wanderameise trat ich die Rampen hoch. Bis zu 14% steil, Serpentinen nur wenn es unbedingt sein musste. Oben wackelte ich sofort in die große Hütte, die nach dem großen tschechischen Läufer Emil Zátopek benannt wurde, der aus der Gegend stammt. Erst nachher las ich von seinen ungewöhnlichen Ernährungsgewohnheiten (Zwiebeln und Knoblauch vor dem Wettkampf), was die Suppe dort oben erklären könnte. Nur den Lernerfolg darf man mir lassen: Mutige Bestellungen nach der Belastung und nicht davor. Nur so semi gestärkt fuhr ich weiter Richtung Slowakei. An meinen Zustand an den beiden anderen Beskidenhügeln kann ich mich kaum noch erinnern. Nach einer Königsetappe gehört es zum guten Ton, dass man völlig fertig ist. Vermutlich hatte ich einen ähnlich unorthodoxen Stil auf dem Rad wie Zátopek beim Laufen. Nur dass Emil ohne Rad deutlich schneller gewesen wäre. Erkenntnis des Tages: Ein Ruhetag, das wärs jetzt.

Frydek-Mistek
Papezov
Lysa hora
Chata Emil Zátopek

Ostrau – Zilina: 133 km, ca. 1900 Höhenmeter