Klassische Berge kennt die Friedensfahrt keine. Kein Stilfser, kein Ventoux, kein Alpe d‘Huez. Anders als bei der Tour bezahlte kein Urlaubsort und kein Kuhkaff dafür, dass sie als Etappenorte erkoren wurden. Italiener wissen, dass die Straßen besser sind, wenn vorher der Giro drüber führte. Tour und Giro haben daher oft Etappenziele in der Provinz auf dem Routenplan. Ganz anders die Friedensfahrt des real existierenden Sozialismus. Sie wurde von Stadt zu Stadt gefahren. Die Streckenführung war weniger wichtig. Höchste Priorität hatte, wer auf der Ehrentribüne saß. Die Parteikader hielten Hof. Je voller die Stadien, desto besser. Daher waren große Städte gesetzt. Dort ließ sich’s besser repräsentieren. Durch welche Dörfer die Strecke führte, ist nur in Fragmenten überliefert. Selbst die Fahrer können sich kaum noch erinnern, an welchem Hügel sie die Konkurrenz ziehen lassen mussten. Das exakte Nachfahren einer Etappe ist kaum möglich. Auch Berge und Hügel liegen meist im Dunkeln, zumindest in online zugänglichen Quellen findet sich wenig. Bei den Anstiegen mögen mir die Insider mit der „steilen Wand von Meerane“ kommen, einem giftigen Kopfsteinpflasteranstieg in einer ostdeutschen Kleinstadt. Aber was bitte sind 40 Höhenmeter gegen die 18 Serpentinen in Alpe d‘Huez? Obwohl das Plakative fehlte, war die Friedensfahrt keinesfalls leichter als Tour oder Giro, im Gegenteil. Wenn’s nich grad an der Ostsee entlang führte, ging’s dauernd rauf und runter. Wer die Etappenfahrt auf den miserablen Straßen hinter sich hatte, empfand danach das Pavé bei Paris-Roubaix als sanften Teppich, über den man ruhig schweben konnte. An all das dachte ich heute während einer scheinbar harmlosen Etappe von Olmütz nach Ostrau. Was. Ein. Scheiss! Erst hatte man mir ein Mittelgebirge in den Weg gestellt. Dort oben gab’s nichts als einen alten Truppenübungsplatz. Die Betonplattenstraßen mit ihren aufgerissenen Nahtstellen sind überall ähnlich, nur in Tschechien noch holpriger. Ja, der Sattel ist nicht zum sitzen da, ich weiß. Dass der Wind anhaltend von der falschen Seite kommt, hatte ich bereits erwähnt. Und dann diese Gegenhügel. Dabei wollte ich in der zweiten Etappenhälfte sanft an der Oder entlang schnüren. Aber nichts da. Die rabiaten Baustellensperrungen erforderten fortlaufend Umwege. Das Tal der jungen Oder ist nicht so breit, wie ich mir das gewünscht hätte – an einem Tag, der nicht als goldener im Leistungssport gelten kann. Dass der Handyempfang überall besser ist Deutschland, stimmt übrigens nicht. Den Ortsunkundigen Alternativrouten auf Straßenschildern anzubieten, findet man doof analog. Nachnavigieren bei spärlichem Empfang. Das Leben ist eine Kreuzung. Und dann diese Straßen: Auf zehn Metern runde fünf Flicken in der Höhe von Maulwurfshügel. Wenn du da runde 100 Kilometern in den Beinen hast, summiert sich das auch zum Mont Ventoux. Und irgendwann hat dann auch das Material nachgegeben. Einige Kilometer vor Ostrau landete meine Lenkertasche auf dem Vorderrad. Um die Halterung wieder festzuzurren, hätte es einer Zange bedurft. Also einhändig in die Stadt reinbalanciert, die Tasche in der Hand, über miserable Radwege oder grausliche Großstadtstraßen. Erkenntnis des Tages: Das Lichtlein! Kurz vor meinem Hotel steuerte ich geradewegs in die Ladentür eines Cyclingshops. Das hält jetzt. Tschechisch geziert für tschechische Straßen. Ich wohne in der Stodolni Straße. Nein, der Stodolni war kein Komponist. “Sto“ heißt hundert, und „Dolni“ sowas wie… sehr frei übersetzt: Bar. Und genau dort tippte ich soeben diese Zeilen. Disziplin wär jetzt hilfreich.

Olmütz – Ostrau 130 km dank Umwege, ca. 1200 Höhenmeter, es hätten auch weniger getan.

Restaurace