Die schönste Nebensache der Welt (FC Winterthur – FC St.Pauli 0:1)

„Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht,“ stellte Sepp Herberger einmal fest. Wer am Samstag in Winterthur bei der Saisoneröffnung war, ist geneigt, dem großen alten Herrn des deutschen Fußballs zu widersprechen. Tatsächlich konnte Herberger nicht ahnen, dass es einmal so etwas wie einen „alternativen“ Fußball geben würde. Also einen Fußball mit subkultureller Prägung, der sich den üblichen Gesetzen des Kommerzes entziehen will – und trotzdem im „normalen“ Liga-Betrieb mitmischt. Zu diesen Vereinen gehören der FC Winterthur und der FC St. Pauli. Ein Spagat gewiss, aber das möge bitte an andere Stelle diskutiert werden.

Konzentrieren wir uns aufs Spiel. Oder auch nicht. Denn das Spiel war eigentlich herzlich egal. Herberger zum Trotz: Wenn sich diese beiden Teams zur Saisoneröffnung treffen, ist es völlig wurscht, wie es ausgeht. Und die Zuschauer kommen nicht, weil sie neugierig sind, wie das Spiel wohl ausgehen mag. Sie erscheinen wegen… Ach, weiß ich auch nicht.  Sie kommen halt. Und das ist auch gut so. Die alte Sportreporter-Floskel „Das Spiel lebte von der Spannung“ war völlig deplatziert. Man schaute den Kickern eigentlich nur zu, weil die Tribünen eben so geneigt sind, dass sich alle Blicke aufs Spielfeld richten. Wie beim Autofahren. Man unterhält sich intensiv – aber schaut den Gesprächspartner auf dem Beifahrersitz nicht an. Und wenn, dann nur kurz. Man weiß ja schließlich, wie er aussieht. So ähnlich geschah das auch auf der Schützenwiese. Eine ganze Sommerpause lang hatte man seine Freunde nicht gesehen. Da gab es vieles zu besprechen. Zumal die Bude voll war, St. Pauli zieht immer. Drum waren auch 5.000 statt der üblichen 3.000  erschienen. Gegen Pauli sind eben immer ein paar Freunde mehr da – aus der Schweiz, aus Süddeutschland und natürlich aus Hamburg. Dementsprechend waren sogar in der Winti-Bierkurve diejenigen in der Überzahl, die St. Pauli-Trikots trugen. Damit sahen sich  die Gastgeber natürlich in der Pflicht, sich um ihre Freunde zu kümmern. Die ganze Konzentration galt den Gästen – und zwar nicht denen auf dem Platz, sondern denen auf der Tribüne. Ein Freundschaftsspiel im eigentlichen Sinne.Movie Fifty Shades Darker (2017)Watch movie online The Lego Batman Movie (2017)

Ich wunderte mich eigentlich nur, dass drüben auf der anderen Seite des Stadions einige St.Pauli-Fans im Gästeblock übrig geblieben waren. Hätte schwören können, sie stehen alle in der Winti Bierkurve, untergehoben wie Hefe unter den Bierteig. In der prallen Sonne ist das Gemisch dann prompt aufgegangen. Selbstverständlich unter permanenter Zugabe von weiteren Flüssigkeiten. Umrühren nicht vergessen. Also tauschte man munter die Plätze. Ein bißchen „Hallo“ hier, ein kurzer Schnack da, und „Ach, Du bisch joa au doa.“ Wer seine Freunde vor lauter Halligalli aus den Augen verloren hatte, traf sie sie am Bierstand wieder. Alternatives Sehenundgesehenwerden. Tatsächlich hingen die Sonnenbrillen tief an diesem Nachmittag. Heiss war’s, was auch praktisch war, weil die gesamte Tattoo-Kollektion präsentiert werden konnte.

Nur einer stand etwas verloren rum. Ein FC-Zürich-Fan war mit einigen Kumpels auf die Schützenwiese gekommen. Während der Unterhaltung stellte sich schnell heraus, dass er noch gehandicapt war, Metall im Ellenbogen und so weiter. Offenbar waren auch andere Körperteile von härterer Sorte – vor allem diejenigen, die dort platziert sind, wo wir anderen über etwas verfügen, das zu besonnenen Gedanken fähig ist. Unser Freund aus Zürich war eingetragenes  Mitglied der Fraktion Stadionverbot. 5 Jahre hatte er bekommen, hätte also gar nicht rein dürfen durch die Kontrollen an der Schützenwiese. Aber für die Pazifisten aus Winterthur entsteht auch dabei kein Problem. Unser kleiner Hool war ohnehin von Winterthur und diesem pazifistischen Kokolores frustriert. „Ich hab mich schon durchgefragt, geht gar nichts ab heute. Ich weiß eigentlich gar nicht, wieso ich hierher gefahren bin,“ stellte der Jung-Hool im St.-Pauli-Pelz fest. Man kann sich seine Fans nicht aussuchen.

Also verzog ich mich wieder zu meinen Freunden in die Bierkurve, wo vollgepiercte Damen Süßigkeiten für fünf Franken reichten. Es sei ein Damengetränk, wurde erklärt, und so fügte ich mich gerne in der Gender-Zuordnung. Hätte der Likör nicht rosa sein sollen? Mag sein. Aber das leuchtende Hellblau funktionierte ebenfalls als Abschreckung. Darum nahm ich von einer Verköstigung Abstand, zumal mit dem Genuss des kurzen Blauen offenbar der Befehl verbunden war, hernach mit einer Portion vom sahnigen Weißen herunterzuspülen, und dabei handelte es sich ganz offensichtlich um pure Schlagsahne. Eine ungenutzten Versuchung sei genug, dachte ich, und verkrümelte mich zum Wurststand. Die Nürnberger auf der Schützenwiese schmecken tatsächlich fantastisch. „Und wann’s zweng Soss isch, saggetses – odrr ssia kommet nommali.“ So herzlich wird man selten bedient in deutschen Stadien.

Ach ja, ein Spiel gab es auch noch. Während ich mich gerade angeregt unterhielt, muss wohl drüben ein Tor gefallen sein. Wär ja auch schade, wenn ein Freundschaftsspiel Null zu Null ausginge. Gesehen hatte ich das Tor freilich nicht. Es gab ja Wichtigeres. Und trotzdem ereignete sich noch eine Szene, bei der alle im Stadion aufhorchten. Als ein Flitzer vor der neuen Gegentribüne alle Stadionwürste zeigte, die er in den letzten zehn Jahren verzehrt hatte, war die Tribüne aus dem Häuschen vor Begeisterung. Obwohl von Jugendgefährdung keine Rede sein konnte, schritten die Sicherheitskräfte ein, und führten das rollende Schlachthauserzeugnis ab. In Deutschland wäre das Ding sogar von der FSK freigeben worden. Seine Rundungen waren so nämlich so üppig ausgeprägt, dass das flatternde Stadionwürstchen darunter komplett aus dem Blickwinkel geriet.

Ach, und wie das Spiel ausging? Weiß ich gar nicht so genau. Auf jeden Fall 1:0 für den Flitzer. Und ich glaube auch 1:0 für Pauli. „Odrr?“

Für alle die nicht dabei waren, sei die Bildergalerie von Milad empfohlen, einer der genialsten Stadion-Fotografen der Welt, schon deshalb lohnt sich der Klick durch seine Galerie.

(Was das alles mit Fußball in Baden-Württemberg zu tun hat? Nun, Anfang Oktober liegt „Heimspiele“ im Buchhandel, da steht’s drin.)