Von der Damen-Toilette in die Verlagsbroschüre

Die Mannschaft von Union Böckingen ist in vielerlei Hinsicht legendär. In den späten Zwanzigern und frühen Dreißiger Jahren waren sie eine der beherrschenden Mannschaften in Württemberg – auf Augenhöhe mit den Stuttgarter Kickers, dem VfB Stuttgart oder dem 1.FC Pforzheim. Gastspiele in Böckingen waren gefürchtet. Da gab’s immer gut auf die Socken. Die Union spielte Arbeiterfußball im Klischeesinne. Gradlinig bis rustikal. Anhand Heilbronner Derbys lässt sich schön beweisen, dass Ausschreitungen keine Erfindung des modernen Fußballs sind. Sie sind beinahe so alt wie die Sportart selbst. In Heilbronn wurden in den Zwanziger Jahren schon Spiele abgebrochen. Es soll Regenschirme von der Tribüne geregnet haben, sagt man. „Elf Spieler machen ein Dorf berühmt“, titelte eine Berliner Illustrierte im Jahre 1931, als die Union Württembergischer Meister wurde. In diesem Zusammenhang möchte ich mich herzlich beim Journalisten und Böckinger Union-Chronisten Siegfried Schilling bedanken. Aus dessen wundervollen Archiv stammen manche Informationen und die historischen Aufnahmen, die ich für das Buch verwenden durfte.

Mit Schillings Hilfe erscheinen also nach 80 Jahren die alten Böckinger Kicker wieder: Nicht nur im Buch, sondern auch in der Programmbroschüre des Silberburg Verlages wurden sie groß abgebildet, die stolzen Burschen des FV Union. Das Bild stammt von 1923. Eine würdige Formation, die sich für „Heimspiele“ in Reihe aufgestellt hatte. Erst wenn man genauer hinschaut, entdeckt man die Besonderheit: Warum haben sich die Herren bloß ausgerechnet vor der Damentoilette aufgestellt? Nun, an dieser Stelle muss ich zugeben, dass es mir im Laufe meiner umfassenden Recherchen nicht gelungen alle brennenden Geheimnisse der Fußballgeschichte zu einhundert Prozent aufzuklären. Trotz 280 Seiten geballten Informationen bleiben offenbar zentrale Fragen offen. Das muss man mal so stehen lassen können.

Doppelseite Verlagsbroschüre

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Die Heimspiele-Doppelseite in der Verlagsbroschüre

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Mal ehrlich, kann man einem geneigten Leser in weniger als 90 Geschichten erklären, warum um alles in der Welt, ausgerechnet Baden-Württemberg so bedeutend sein soll –  so aufschlussreich, dass man insgesamt 94 Heimspiele lesen muss, und zwar selbst dann, wenn man in Schleswig-Holstein wohnt? Nun, dieser Versuch würde über viele Argumente führen. Die vielleicht wichtigsten drei Punkte davon sind:

Erstens: Baden und Württemberg sind frühe Hochburgen des Fußballs.

Als die Sportart am Ende des 19. Jahrhunderts nach Deutschland einsickerte, fiel sie vor allem dort auf fruchtbaren Boden, wo ein aufgeschlossenes Bürgertum die festgesetzten Konventionen der vorherrschenden Turner durchbrechen konnte. In Karlsruhe, Mannheim, Freiburg, Pforzheim und Stuttgart entwickelte sich der Sport mit hohem Tempo. Der Karlsruher FV gilt als erste deutsche Super-Truppe. Walter Bensemann, später Gründungsmitglied des KFV hatte schon zuvor das erste Fußball-Spiel auf süddeutschen Boden veranstaltet, das amtlich dokumentiert wurde. Bensemann gilt vielen als erster Fußball-Intellektueller. Später gründete er in Konstanz das kicker Sportmagazin.

Mein zweites Argument: Baden-Württemberg ist Trainerland.

Und zwar das Trainerland schlechthin. Der besagte Karlsruher FV hatte damals einen der ersten englischen Trainer angestellt, den wir in Deutschland hatten, übrigens eine revolutionäre Maßnahme. Auf wundersame Weise hat sich das Land diesen Vorsprung erhalten. Von acht Trainern, die die Nationalmannschaft bisher führten, stammen genau die Hälfte aus Baden-Württemberg: Otto Nerz, Sepp Herberger, Jürgen Klinsmann und Jogi Löw. In der Vorrunde der Saison 2014/2015 wurde ein Drittel aller Bundesligisten von Baden-Württembergern trainiert: Robin Dutt, Joe Zinnbauer, Jürgen Klopp, Christian Streich, Tayfun Korkut und Markus Gisdol. Natürlich gebe ich zu, dass eine solche Trainer-Zählung nur eine begrenzte Haltbarkeit besitzt. Oft muss man an einem Tag gleich dreimal durchzählen, damit man auf dem aktuellen Stand bleibt. Trotzdem halte ich die vielen Übungsleiter, die das Land hervorgebracht hatte, für nicht zufällig gewachsen. Nachweislich hat die badische und württembergische Trainerschule in den zurückliegenden zwanzig Jahren einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet, Deutschland und seinen Fußball wieder international konkurrenzfähig zu machen. Wo gute Trainer, da auch gute Spieler. Bildung ist alles, sagt man. Nicht nur im Fußball.

Und schließlich drittens: Baden-Württemberg ist prall voll mit einzigartigen Fußball-Revieren.

Und dabei meine ich nicht nur die Metropolen wie Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart oder Freiburg. Auch dort, wo ich es nicht erwartet hätte, bin ich plötzlich auf eine Spur eines fußball-historisch aufschlussreichen Erzählstrangs gestoßen – oder es hatte sich etwas zugetragen, das ich so bemerkenswert, tragisch, anrührend, skurril oder mysteriös fand, so dass ich meinte, es würde sich lohnen, den Dingen auf den Grasnarbe zu gehen. Und obwohl das Buch kein Reiseführer sein soll, behaupte ich: Eine Fußball-Tour durch das Land lohnt in jeden Fall. Die vorliegenden 90 Reiseziele (plus vier am Rande), die in diesem Buch versammelt sind, machen einen Anfang. Tatsächlich sind die Fußball-Plätze, bei denen ein Besuch lohnt, weit zahlreicher. Die Geschichten sind es sowieso. Doch Vollständigkeit, so habe ich mir sagen lassen, passt nicht zwischen zwei Buchdeckel, und schon gar nicht, wenn es um den Fußball des Landes geht.