Wenn Du in Stuttgart die schönen Künste bewundern willst, sollest Du Dich vom Stadion fern halten. So war das zumindest in den letzten Jahren. Drum liebe Fußballfeinschmecker: Wie wärs mit Rhythmus? Werte Musikliebhaber: Wie wärs mit einer Portion erlesenem Kickerblues? Hier der Teaser zum Joe Bauers Flaneursalon am 7. März. Habe die Ehre der Mitwirkung. Initiator und Vorleser Joe Bauer erläutert den Abend aus kreativtaktischer Sicht:

„Zum dritten Mal ist der Flaneursalon auf Einladung im Stuttgarter Stadtarchiv, das in der Bellingstraße in Cannstatt (Veielviertel) beheimatet ist. Diese Institution, in einem schönen historischen Backsteingebäude gegenüber der Kulturinsel untergebracht, nennt man das „Gedächtnis der Stadt“. Dort ist von kommender Woche an die Ausstellung „Heimat Kickers – die Blauen in bewegten Zeiten“ zu sehen. Das Fanprojekt des Vereins hat die Dokumentation über die Ära der Stuttgarter Kickers von 1899 bis 1949 erarbeitet. Wir können uns beim – für mich stets grenzwertigen – Thema „Tradition“ über den legendären „100-Tore-Sturm“ der Blauen unterhalten. Wir können aber auch darüber reden, dass die 1936 im Spanischen Bürgerkrieg gefallene Fotokünstlerin und Kriegsreporterin Gerda Taro in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Spiele der Kickers besuchte. Am 1. August dieses Jahres steht ihr 110. Geburtstag an. Selbstverständlich machen wir in Cannstatt keinen Themenabend, sondern eine wie immer bunt gemischte Lieder- und Geschichtenshow. Mit, äh, Humor. 

Zu den Gästen gehört zum zweiten Mal Dietrich Krauß, der mit Claus von Wagner und Max Uthoff die Texte und Szenen der großartigen ZDF-Satireshow „Die Anstalt“ schreibt. Dietrich war als junger Kerl selbst mal Kabarettist – im Flaneursalon tritt er wieder live auf, wie jetzt erstmals bei uns sein Freund Bernd Sautter, ein bühnenerfahrener Autor, der den Fußball originell von unten betrachtet. 

Und wir haben wieder großartige Musik. Die amerikanische Sängerin Eva Leticia Padilla wird von Stefan Brixel (g) und Dany Lambada Martinez (g, perc) begleitet. Und das Trio Gadjo tritt mit der Sängerin Katalin Horvath, dem Gitarristen Frank Wekenmann und dem Staatsorchester-Geiger Sebastian Mare auf. Insgesamt sind wir also neun Mitwirkende, für Sound und Licht bringen wir wieder den großartigen Bühnentechniker Stefan Hees mit – und das Ganze für einen Eintrittspreis von 15 Euro plus Vorverkaufsgebühren. Für dieses Geld sieht man in Kleinkunstbühnen wie Renitenztheater oder Rosenau nicht mal einen Solo-Comedian (der keinerlei technischen Aufwand hat). Hinzufügen muss ich, dass im Flaneursalon – mit Ausnahme von mir – nur professionelle Künstler auftreten. Wäre natürlich schön, wenn wir den Stadtarchiv-Saal mit seinen 200 Plätzen füllen könnten. Damit die Kinder unserer Mamas & Papas ihre Bio-Milch kriegen.“

Hier geht es zum Vorverkauf:  KARTEN FLANEURSALON

Bild: Trio Gadjo

Jetzt sind es nur noch zwei. Der Vereinsbeirat des VfB schlägt Claus Vogt und Chrsitian Riethmüller als Präsidentschaftskandidaten vor. Längst bevor die Wahl durch die Mitglieder fällt, stehen Gewinner und Verlierer bereits fest.

Es ist ein Richtungswechsel, wie er radikaler nicht sein kann. Völlig gleich, wer es wird – Claus Vogt oder Christian Riethmüller – beide stehen für einen maximalen Gegenentwurf zum vormaligen Präsidenten, der wegen mangelnder Sozialkompetenz förmlich aus dem Amt gebrüllt wurde. Es ist offensichtlich: Der Vereinsbeirat, der kraft Satzung die schwierige Aufgabe hatte, in einer Art Expertenkommission vorzuwählen, hatte offenbar genug von präsidialen Herrschergehabe, das cholerische Anfälle als Mittel der Machtausübung durchaus vorsieht. Dabei darf erwähnt werden, dass es der Beirat nicht leicht hatte. Nachdem die Öffentlichkeit entdeckte, wer dieses Gremium überhaupt sein soll, schoss der Vetterleswirtschaftsverdacht an jeder undichten Stelle durch die nichtasphaltierten Stellen des Cannstatter Wasens. Der Porth! Der Jenner! Der Schlensog! Hinter jeder Kandidatin und jedem Kandidaten wurden die einschlägig bekannten Liasons Dangereuses vermutet. Mit Recht übrigens, schließlich hat derlei Geklüngel eine Tradition, die länger ist als der Brustring. Und der ist bekanntlich so kreisrund, dass er nie aufhört.

In dieser Hinsicht versagte der Vereinsbeirat aufs Erfreulichste. Die Damen und Herren waren vor ihrer eigenen Wahl damals durch eine intensive Prüfung gejagt worden, die man als VfB-Treueprüfung verstehen konnte, aber auch deutliche Teile von Wolle-Dietrich-Treue als Prüfgegenstand enthielt. Mit der Wahl der beiden Kandidaten hat der Beirat erstmal jeden Verdacht der freundlichen Fremdsteuerung entkräftet. Vogt und Riethmüller haben mehrere Gemeinsamkeiten. Die vielleicht hervorstehende Übereinstimmung: Es handelt sich bei den Beiden um Persönlichkeiten, die den Verdacht der Beeinflussbarkeit nicht zerstreuen müssen, weil er gar nicht erst aufkommt. Die Chefs des Buchhändlers Osiander und des Facility-Management-Unternehmens Intesia kommen aus einer ganz anderen Ecke als diejenigen, die bisher – mehr hintenrum als vornerum – die Geschicke des Vereins und seiner AG leiten wollten. Vogt und Riethmüller setzten bei Ihrer Kandidatur voll auf Mitbestimmung, Gemeinsamkeiten und gesellschaftliche Verantwortung. Bemerkenswert ist dabei, dass ihre ersten Statements jetzt schon glaubwürdiger ihr Anliegen verkörpern als jeder Satz, den ihr lispelnder Vorgängergreis vom Papier abgestottert hatte.

Die Gewinner stehen damit längst fest: Ganz egal, wie turbulent es bei der nächsten Versammlung zugehen wird. Gewinner 1: Thomas Hitzlsperger. Der grundsympathische Turbokarrierist muss zwar seine Vorschusslorbeeren noch rechtfertigen, aber er kann sich sicher sein, dass er von Vereinsseite einen kooperativen Partner an die Seite gestellt bekommt. Schließlich gehört dem Verein die ganze AG-Chose hochprozentigerweise. Gewinner 2: Der Vereinsbeirat. Das Gremium hat seine Eigenständigkeit bewiesen und hat alles getan, um den Fehler wieder wett zu machen, den sich noch im Sommer begangen hatten, als es in einer Art Zeitspiel versuchte, den greisen Choleriker seines Amtes noch fertig walten zu lassen. Gewinner 3: Die Mitglieder. Sie können es sich nun sparen, nach Verstrickungen zu fahnden. Beide Kandidaten haben ein ähnliches Profil. Es wird eine schwere Wahl. Allerdings scheint der Präsident des FC PlayFair!, ein Verein, der sich für Integrität im Profifußball einsetzt (dem der Autor angehört) im Vorteil zu sein. Allerdings werden beide Kandidaten wissen: Diesen VfB-Mitgliedern wird man nichts mehr versprechen können – oder erst dann, wenn die Glaubwürdigkeit wieder hergestellt ist. Und das geht nicht durch Worte, sondern einzig durch Taten.

Und das Sportliche? Banale Antwort: Es wird, wie es wird. Der Verein ist dafür nicht mehr direkt zuständig. Das sportliche Schicksal haben die Mitglieder in die Hände der ausgegliederten AG dirigiert. Ob es dort besser aufgehoben ist, wird sich erweisen müssen. Für die Präsidentschaftskandidaten galt jedenfalls: Die Erfahrungen der WM 90 und das Meistertor von Leverkusen ’92 konnten leider nicht als Kriterium gewertet werden. Und das war auch: Gut so!

Wie es so ist, wenn es nicht unentschieden ausgehen kann, finden wir beim ganzen Kandidatenprozedere auch zwei Verlierer. Bemerkenswerterweise hatten sich beide noch letztes Jahr etwas in der „Wolle“. Verlierer Nummer 1: Ein gewisser Herr Porth. Noch vor einigen Monaten hatte er in grober Missachtung jeder Daimler Compliance versucht, zu retten, was nicht mehr zu retten war. Ein Daimler-internes Mail gab VfB-Mitgliedern, die unter dem guten Stern arbeiten eine eindeutige Wahlempfehlung. Vielleicht hat Porth inzwischen eingesehen, dass er sich besser gründlich um die automobile Zukunft kümmern sollte als um die fußballerische. Bei diesem Unterfangen kann man ihm nur Glück wünschen – und die dazu notwendige Aufrichtigkeit.

Als Loser Nummer zwei gilt man ein Mann, der in einem unauffälligen Büro in Ludwigsburg sein Tagwerk verrichtet: Roland Eitel. Der Spin Doctor aus dem Untergrund des deutschen Fußballschaffens hatte erst seinen Kunden Jürgen Klinsmann in Stellung gebracht und dann seinen Kunden Guido Buchwald. Als er sah, dass man mit Klinsmann nicht landen konnte, geschah ein öffentlichkeitswirksamer Rückzug. Es war wie beim Skat, wenn man den Kreuzbuben opfert, weil man listigere Pläne verfolgt. Was auch immer der Plan war: Er scheiterte krachend. Spätestens als Freund Berthold von kruden Plänen mit einem Filderstadion träumte, musste allen klar gewesen sein, dass sich die große Zeit des Spin Doctors dem Ende entgegen neigt.

Der Vereinsbeirat als Gremium hat nun seine große Probe bestanden. Mit der Wahl der beiden Kandidaten beweist er eindrucksvoll: Er ist mehr als ein Rat der alten, weisen Männer. Die Wahl Mitte Dezember darf mit Spannung erwartet werden. In ersten Spontanumfragen, die im Netz kursieren, liegt Vogt vor Riethmüller. Ob die Wahl gut und erfolgreich verlaufen wird, ob also der VfB einen neuen Präsidenten bekommt, liegt allerdings nicht an den Mitgliedern und nicht an den Kandidaten. Es ist einzig die Frage, ob das W-LAN funktioniert.

Wer sich aus erster Hand informieren möchte, dem sei diese Veranstaltung vorgeschlagen (unter meiner bescheidenen Mitwirkung)

Kommet zuhauf ins SSC Vereinsheim

Wer den Baden-Württembergischen Fußball und die Tradition, in der dieser Verein mit dem Brustring steht, unter die Lupe nehmen möchte: bitte gerne. (Kann man auch bei Osiander käuflich erwerben)

Oder noch mehr? Beim Traditionsabend im VfB-Fanprojekt hat sich schnell herausgestellt, welch großes und unübersichtliches Thema wir besprechen. Doch gerade dort, wo objektive Meinungen kaum zu formulieren sind, kann ein Meinungsaustausch spannend werden. Auf dem Podium diskutierten: Hardy Grüne (Fußballhistoriker, von der FAZ als „Gedächtnis des deutschen Fußballs“ geadelt), Prof. Dr. André Bühler (Direktor des Deutschen Instituts für Sportmarketing) und Martin Harsch (Brustring-Talk). Inklusive Publikum waren mehr deutlich mehr als 50 Perspektiven auf die Tradition vorhanden.

Auf den Brustring-Talk von Martin Harsch verlinke ich an dieser Stelle gerne. Dort kann man die gesamte Veranstaltung nachhören.

https://www.brustringtalk.de/bt061-traditionsabend-im-vfb-fanprojekt-mit-hardy-gruene/

Einige Statements, quer durch die verschiedenen Epochen und Aspekte unserer Diskussion:

Martin Harsch: „Für uns Fans ist die Tradition ein ganz ganz wichtiges Thema. Mit der Tradition können wir uns abheben. Uns gibt’s länger. Wir haben schon in den Fünfzigern und Sechzigern Erfolg gehabt. Natürlich hab ich das nicht selbst erlebt. Bis mir mein Papa mal erklärt hat, wer dieser Schlienz war. „

Hardy Grüne: „Was ist eigentlich Tradition? Beim VfB ist das unbestritten. 1893 die Wurzeln, seither eine stringente Linie, da kann man definitiv von einem Traditionsverein sprechen. Es wurde Leverkusen erwähnt, es wurde Wolfsburg erwähnt. Leverkusen ist 1904 gegründet, vor der Stadt Leverkusen, seither eine stringente Linie im Fußball. Kein Traditionsverein, nur weil Bayer dazu steht, finde ich schwierig. Wolfsburg. Die Stadt Wolfsburg ist 1945 gegründet. Der VfL Wolfsburg ist 1945 gegründet. Der konnte gar nicht früher gegründet werden. Der VfL hat in den fünfziger Jahren in der Oberliga Nord gespielt, hat den HSV geschlagen. Keine Tradition? Find ich schwierig. Die Definition der Tradition ist schwer und immer eine Frage der Perspektive.“

Hardy Grüne: „Ich finde es sehr spannend zu sehen, dass Tradition auch beweglich ist. Wo wir gerade beim VfB Wappen sind… offensichtlich fängt sie beim Wappen nicht bei 1893 an, dann wären wir nämlich beim Kronenklub oder dem Stuttgarter FV, sondern wir sind bei der Zeit, so 1949, bei dem Wappen, das eingeführt wurde und jetzt wieder verwendet wird. Der Begriff Tradition ist also offenbar etwas flexibel. Viele verbinden das meistens mit einer Zeit, in der sie groß geworden sind.“

André Bühler: „Tradition hängt viel mit Geschichten zusammen, die man erlebt hat. Meine VfB Tradition besteht aus Jürgen Klinsmann, Fallrückzieher, 7:0 gegen Dortmund mit zwei Allgöwer-Toren, die Meisterschaften 92 und 2007, das sind Geschichten. Natürlich kann RB Leipzig diese Geschichten jetzt noch nicht erzählen, aber wenn es die in 40 Jahren noch geben sollte, dann haben sie die gleichen Geschichten wie der VfB jetzt.“

André Bühler: „Meine Familie regt sich traditionellerweise seit 40 Jahren über den VfB auf. Das ist auch eine Form der Tradition.“

Hardy Grüne: Wir reden ja gar nicht über Tradition, wir reden über Kommerz. Und Kommerz ist etwas, das immer zum Fußball gehört hat. Da sind wir wieder bei dem Ding Früher-war-alles-besser. Aber in den Zwanziger Jahren haben sie auch überall gemeckert, weil vieles zu kommerziell geworden ist.“

André Bühler: Was mich an dem Konstrukt Leipzig aufregt: Red Bull ist ein Marketingkonzern, die zufälligerweise auch Energydrinks herstellen. Aber sie erzählen die Geschichte, sie wollen diesen Bundesligastandort Leipzig aufblühen lassen. Absolut gar nicht! Null! Die wollen auch gar nicht erfolgreich Fußball spielen lassen. Die wollen ihre Getränkedosen verkaufen. Das ist das Narrativ und das stört mich, dass sie das nicht offen zugeben.“

Martin Harsch: „Mein Vater ist ein überzeugter Schwabe. In Fellbach aufgewachsen. Ich hatte recht früh eine Flagge vom Königreich Württemberg, auf der „Furchtlos und treu“ stand. Deswegen ist für mich das „Furchtlos und treu“ nicht negativ belegt. Es kam ja auch bei der Gründung zu dieser Verbindung zwischen Königreich und Volk. Wir gemeinsam, furchtlos und treu.“

Teaser: Nächste Veranstaltung. fan.tastic females. Ausstellung und Diskussion über Frauen in Fanszenen. Diskussion am Montagabend, 8. April 2019. Herzlich willkommen!