Und danach: Heim mit dem Bummelzug

Finale Grande: Das römische Marmorstadion ist umringt von den klassischen Helden des Sports. Alle Disziplinen sind vertreten. Sogar Bogenschießen. Radfahren fehlt. Also stelle ich mich gleich auf den freien Sockel. Falls es mir da oben zu langweilig wird, ziehe ich Plan B: Mit Zug und Bike zurück nach Stuttgart. Freunde, Grazie mille für den großartigen Support auf meinem privaten Giro. Euer Ein-Mann-Gruppetto für das Team Chianti Classico springt ins Regenerationsbecken. Erkenntnis des Tages: Warum in den wiederkehrenden Abnehm-Ratgebern des Frühjahrs der Vorschlag „Giro d’Italia“ noch nie aufgetaucht ist, bleibt ein Geheimnis der deutschen Presselandschaft.

100 km, ca. 1450 Höhenmeter

Ternana

Bilderbuchtag, von Perugia auf der Landstraße der Sonne entgegen. Pittoresk wie ein kitschiges Bild in einem durchschnittlichen Hotelzimmer. Die Umbrer bauen ihre Straßen nicht im Tal, sondern über die Rücken der Hügel. 360-Grad-Idyll. Man weiß gar nicht wohin schauen, so schön. Doch dann trifft einen der Schlag, und man weiß es wieder: am besten schaut man auf die Schlaglöcher, die kommen so sicher wie die nächste Cafébar. Leben im Paradies. Will ich das? Könnte das langweilig werden? Bevor ich mir das überlege, erreiche ich das Etappenziel Terni. Städtebaulich toppt Terni unsere Metropolen Offenbach, Pforzheim und Bielefeld bei weitem. Wie es zu Terni kommen konnte, bleibt rätselhaft. Aber auch dort ist eine Bar und eine Weinflasche, in der kein Korken mehr steckt. Erkenntnis des Tages: Schöne Dörfer sollten drauf verzichten, am Ortseingang ihre Partnerschaft mit Melsungen auszuloben. Das ist so ernüchternd, wie ne schicke Italienerin, die zu einem alten Proll-Fettsack ins Auto steigt.

90 km, ca. 1020 Höhenmeter

Perugia

Zugegeben, es war nicht mein bester Tag. Trotz flachem Profil musste ich beißen. Um die Dreckpfütze, die man Lago di Trasimeno getauft hat, duellierte ich mich mit eisigem Ostwind. Auch zur umbrischen Straßenbaukunst könnte ich in einem kurzen Impuls-Vortrag einige Vorschläge zur Optimierung ausrollen. Das Pavé kurz vor Roubaix fährt sich besser als das, was hier so geflickteert wird. Aber ey, wundervoll war der Tag allemal, und alte Fotografenregel: Je klarer die Luft, um so schöner die Bilder. Und dann der Höhepunkt: Nach 110 km (Ich selbsterklärtes Orientierungsgenie kann auch Umwege) eine knackige Bergankunft, innerstädtisch in Perugia. Dass mir dann die versammelten Fans nur mit dem Hintern zujubelten, das empfand ich allerdings als ungerecht. So schlecht war meine Form nun auch wieder nicht. Erkenntnis des Tages: Scamorza, der Käse, der aussieht wie Mauro Camoranesi von der Seite, Scamorza muss man backen, mit etwas Speck die kleine Form auslegen, Scamorza rein und schmelzen lassen. Legendär.

90 km, ca 1.050 Höhenmeter

Passo del Croce

Genau so! An Tag 10 spüre ich erstmals Rückenwind. Ich gleite durch das flache Chianti Rufina wie ne Vespa. Nur ohne Gestank. 35er-Schnitt flach, mindestens, das kann ich leicht behaupten, weil mein Navi-Tacho schon vor einer Woche die Biege gemacht hat. Aber da steht ja noch ein Appenin-Pass im Weg. 800 Höhenmeter circa. Aber oh Wunder, er liegt in der Sonne, und meine Beine machen mit. So wollt ich das haben, der trockene Traum des Tourenfahrers (feucht war mir’s auf meinem Giro schon viel zu häufig). Ich spiele mit dem Pass, auf kurzen Flachstücken schalte ich aufs große Ritzel, ich greife an. Der ganze Pass ist motorradfrei. Weit und breit keiner dieser fetten Folklorezwerge, die mit fetter Maschine und Mickymaus-Lederfransen ihre Minderwertigkeit kompensieren. Heute ist der Tag des Wahren Mannes. Ich, der Rouleur als Bergziege. Marco Pantani lebt, in mir, mit Rotwein als Doping. Zugegeben, oben musste ich dann doch beißen. Aber das gehört dazu. Trotz erstmals erlebter Bergeuphorie hab ich mich nicht übernommen. Belohnung: Kurz vor Arezzo fand ich mich plötzlich auf der Strecke des „echten“ Giro wieder. Mit rosa Fahnen schön markiert. Bernardo, der Blitz im Rosa Trikot. Ey, mal echt, ohne Scheiss.

Erkenntnis des Tages:

Kutte, lange Fransen, ZZ Top,
scheisser noch als Kümmel,
Nix inner Hose, nix im Kopp,
der Bauch hängt übern Lümmel.

Die Natur hat’s so gewollt,
niemals zeugt er einen Sohn.
Wer sich nicht bewegen kann, der rollt,
durch die Welt auf einer Harley-Davidson.

(Sorry an alle Kümmel-Liebhaber)

103 km, ca. 1030 Höhenmeter

Paso di Raticosa

Puh, trotz Ruhetag schwere Beine. Und dann auch noch zwei Appenin-Pässe heute. Der Paso di Raticosa lag noch in der Sonne. Aber schon unten am Passo di Gioco wurde es feucht. Wer Bilder von der heutigen Etappe des großen Giro gesehen hat: ich war nur 100 km davon weg. Also triefnass. Aber egal wie: Das Schönste ist immer der Zieleinlauf. Heute ganz besonders. In meinem kleinen Toscana Palazzo wurde Kommunion gefeiert. Alle Hundert der Großfamilie hatten sich anständig rausgeputzt. Gestört hat eigentlich nur so ein Typ in Radklamotten, der eine Spur Tropfwasser hinter sich her zieht. Mein Zimmer war direkt hinter der Festtafel. Bravo. Die Gesellschaft mutete durchaus adelig an. Ich hatte immerhin blaue Lippen von der letzten langen Regenabfahrt. Erkenntnis des Tages: Auch wenn man der Sonne entgegen fährt, können die Wolken schneller sein.

95 km, ca. 1350 Höhenmeter

Marco

Mann, bin ich doof. Ohne Perso wär ich im Leben nicht mehr durch den österreichischen Grenzzaun am Brenner geschlüpft. Also zügig retour nach Mantova, wo ihn mir die berüchtigten Empfangsdamen mutwillig vorenthalten hatten. Aber auch wieder: perfektes Timing. Beim umsteigen in Modena treffe ich pünktlich zum letzten Heimspiel der abstiegsgefährdeten Gialloblu ein. Stadion ist nur wenige Meter von Bahnhof entfernt. Am Ticketschalter adoptiert mich ein Ultra vom Typ „Früher Schläger, heute Frauundkinder“ Also schnell noch Café und Grappa und nix wie rein, mitten in den Block der wilden Tifosi. Muss ich erwähnen, dass Modena nach 2:2 noch 3 Stück gefangen hat? Hätte der Marco gewußt, dass er sich mit mir einen Abstiegsexperten aus Stoccarda, der neuen weltweiten Abstiegshauptstadt, in den Block holt, hätte er mit Arschtritt gleich wieder zum Bahnhof befördert. Fino alla Fine: Avanti Gialli! FC Modena hat noch ein Spiel, und wahrscheinlich noch Relegation. Dagegen bin schon multibel abgestiegen. Erkenntnis des Tages: Och, zweite Liga kann auch ganz lustig sein.

Concordia Sulle Seccia

Wochenende. Besser die Locanda vorbuchen, dachte ich. In Bologna bin ich schließlich nicht der einzige Tourist. Nach hundert Kilometern böiger Seitenwind durch die Poebene geht der 23%-Anstieg entlang des Paseo di San Luca eigentlich gar nicht mehr. Doch da oben wurden schon Etappen des echten Giro beendet. Also hoch. Wie gut, dass mir ein radenthusiastischer Barista bei meinem letzten Café-Stopp erklärt hatte, wie man von hinten, also länger und flacher zu San Luca hoch kommt. Guter Tipp. Schon beim Schleichweg brannten mir die Beine. Milde lächelnd bremste ich anschließend die Steilstrecke runter, dass es nur so quietschte, während andere sich hoch quälten. Unten am Stadio dall’Ara schaute ich, wohin es gleich nochmal zu meiner Locanda ginge. Sie liegt ein wenig außerhalb der Stadt, im Süden. Moment mal. Im Süden? Da liegt doch auch San Luca, oder? Und die anderen Dinger sind doch ähnlich steil? Genau, und zwar ungefähr 23%. Erkenntnis des Tages: Don’t mess around with Mantova. Meine Scherze von gestern werd ich morgen büßen. Aber das lass ich mal als Cliffhanger meines kleinen Travelporn-Diarios stehen. Lesen Sie auch morgen wieder, wenn sie Bernd am Ruhetag sagen hören wollen: „Mann, bin ich doof“

123 km, ca. 940 Höhenmeter

Etschtal vor Verona

Die Leitung des Giro hatte wegen Sturmwarnung die Etappe nach Vicenza gecancelt. Stattdessen ging es streng südlich nach Mantova. Für einen Rouleur wie mich war das extrem praktisch. Flach aus den Alpen raus. Schön am Gewitter vorbei, welches zu den vorwiegend Münchener Pauschalis an den Gardasee zog. Derlei schadenfreudige Gedanken bestraft Mantova sofort. Im angesteuerten Hotel (nicht rigoletto) lauerte eine Empfangsfurie, die mir angesichts meines Fahrrades das häßlichste Gesicht Italiens offenbarte. Romeo stammt übrigens aus Mantua. Schon klar, warum der so dringend bei Julia in Verona um sein Glück bettelte. Erkenntnis des Tages: Mein angeblich wasserdichter Garmin Radnavigator kann manches, aber nicht wasserdicht. Das Ding ist mausetot. Wie praktisch, dass alle Wege nach Rom führen.

135 km, ca. 900 Höhenmeter

Malgolo

Endlich richtig Italien. Hinterm Gampenpass ging’s los. Das Echte. Mit echtem Dauerregen. Jetzt Trient. Typisch: Italien lässt sich nicht so einfach erobern. Bevor man richtig warm wird, steht man gerne mal rum wie ein begossener Pudel. Besonders doof für mich. Denn für haarglättende Mittelchen war kein Platz im Gepäck. Insider ahnen, warum ich erneut vom Selfie absehe. Könnte dank waschechter Einsteinfrisur als Stargast im Golden Pudel Club durchgehen. Erkenntnis des Tages: In bestimmten Wetterlagen sind Gummistiefel den leichten Stoffschuhen durchaus vorzuziehen.

90 km, ca. 1800 Höhenmeter

Dorf Tirol

Bei den großen Rundfahrten stehen immer Einzelzeitfahren auf dem Plan. Meine Vermutung: 90 Prozent des Feldes achten nur auf die Sitzposition – um derart sportlich getarnt die Strecke gnadenlos runterzubummeln. Nur diejenigen, die in der Gesamtwertung vorne sind, kurbeln anständig. Nach den schweren Bergetappen der letzten Tage schnappte ich mir also meine Zeitfahrmaschine (ohne Gepäck) und nahm die kurze Strecke Meran – Schloß Tirol in Angriff. Dass es eine viel schönere Route gegeben hätte als die scheisssteile Hauptstraße, die man senkrecht den Berg hinauf geteert hatte, hab ich erst beim Runterfahren gemerkt. Gerade noch rechtzeitig. Während der geschmeidigen Abfahrt entdeckte ich nämlich die absolut schönste Serpentine der Welt. Miss World Serpentine. Verschwiegen von jedem Reiseführer. Warum eigentlich? Sie ist doch so formschön, so ausgewogen, so wundervoll proportioniert. Da bleibt einem echten Cyclisten tagelang die Spucke weg. Natürlich bin ich zurückgeklettert, um sie gleich nochmal zu umrunden. Mit meinem zärtlichsten Reifen und dem rundesten Bogen, der mir gegeben war, hab ich sie für mich erobert. Jetzt ohne Witz: Du hättest hören sollen, wie sie wohlig geschnurrt hat, die Schöne Serpentine. Erkenntnis des Tages: Ein Bergzeitfahren ist niemals ein Ruhetag.

16 km, ca. 400 Höhenmeter