Der eigentliche Grund, warum wir zum Nachtreten antraten, war dieser gar grimslige Pass, der sich im Frühjahr extrem garstig präsentierte, inklusive Wolken, klirrender Kälte, Lawinen und einer saftigen Komplettsperrung. Dickköpfe wie wir reagieren darauf mit besonderer Sturheit. Manchmal nicht das schlechteste. Swissmeteo gönnte uns nochmal formidable Bedingungen. Maximaler Lichtschutzfaktor. Die grimslige Nordseite hat drei wunderbare Stauseen. Tatsächlich ist nicht jeder Eingriff des Menschen gleich ein landschaftliches Debakel. Gut… die Strommasten. Aber an einem solchen Tag wollen wir nicht kleinlich werden. Kann man eigentlich die Wasserkraft direkt in die Waden umleiten? Das Zeug in der Trinkflasche taugte kaum für eine radlerische Energiewende. Hilfreich dagegen die Fotopausen. Waren ja verkappte Verschnaufpausen, mit Kamera als Alibi. All zu lange konnten wir uns nicht nicht aufhalten. Den Zug in Visp am späten Nachmittag durften wir auf keinen Fall verpassen. So blieb ich nur kurz an der Egan-Bernal-Kurve stehen, also der Kurve, in der der spätere Toursieger fast in der Almwiese gelandet wäre. Man muss sich von den Profis ja nicht jeden Trick anschauen, einen aber schon: Niemals bei Tempo 55 die Nase putzen. Froomy hatte sich dadurch die ganze Saison an einer Hauswand vermasselt. Wir dagegen: EinsA Zinken, also immer reichlich Luft. Praktisch Erfolgsgeheimnis. Erkenntnis des Tages: Manchmal hilft es, ein sturer Type mit einer großen Nase zu sein, vor allem, wenn du einen ebensolchen Kumpel hast.

Passkontrolle Nachtreten, Etappe 3: Innertkirchen – Visp
90 km, ca. 1850 Höhenmeter

Guttannen
Unterer Grimselsee
Grimselpass
Grimselpass
Grimselpass
Grimsel Südseite
Tagesfilm

Was ein Privileg! Das Reisen sowieso. Aber vor allem, dass wir beide Freischaffenden uns einen Wochenanfang frei schaffen können. Megaprivileg. So kannst du ohne Blechkarawane die Pässe genießen. Tatsächlich: Heute nur kümmerliche Pensionistenchapter unterwegs. Die Fettkutten der üblichen Midlifecrisis-Lederäffchen hängen im Ikeaschrank. Darum drivdet die Ode an den Susten ins ungereimt Euphorische: „Oh Susten. Oh Susten, schon von vorn biste wunderschön, vielleicht ein wenig zu hoch, aber es soll dich auch nicht jeder im Vorbeistrampeln erobern. Das war schon mühselig, musste zugeben, mein liebes Susten, und oben, das war fast schon zickig, gell, aber es sei Dir verziehen, liebes Süstchen, denn von oben und hinten, fantastisch!“ Tatsächlich ist die Seite von Innertkirchen die schönere. Ein Gletscher (ja, sowas gibts noch) lappt über den Kamm und tropft aufs feinste in den klaren Sustensee. Ein einheimischer Radheld verriet uns die schönste Aussichtsplattform. Da fotografierst du dich dämlich. Nur um festzustellen, dass Aufnahmen scheitern müssen. Sie sind in jedem Fall zu zweidimensional für diese aufregende Kulisse. Besser Kamera weg, und einfach genießen. Oder runterfahren. Die entsprechende Ode an die Sustenabfahrt verkneif ich mir besser, sonst wird’s unanständig. Erkenntnis des Tages: Wer dem Pass jedes Korn geopfert hat, wird seine Pasta in einem Zug einatmen.

Passkontrolle Nachtreten, Etappe 2: Vierwaldstätter See – Innertkirchen
72 km, ca. 2000 Höhenmeter

Sustenpass

Susten
Susten
Susten
Sustensee
Tagesfilm

Die Sonne scheint. Der Belag rollt. Die Radwegstreifen sind vorbildlich markiert. Zwei Espresso im schäbigen Pappbecher machen siebenfuffzich. Wir sind in der Schweiz. Rütischwur vom Mai. Da waren in Rüti in die Bahn gestiegen, wegen Sturzregen bei 4 Grad, ich mit den Lippen blauer als meine Augen. Darum jetzt nachtreten. Die Pässe, die wir im Mai ausließen, müssen kontrolliert werden. Ehrensache. Heute Ibergeregg. Bei Kaiserwetter, wenn die Schweiz einen hätte. An meiner Seite Passkontrolleur und Kameramann Michael Luz. Kann also fast nix schief gehen, außer das Übliche. Mal echt, so sonnig gesehen ist die Schweiz ihr horrendes Eintrittsgeld wert, und zwar jeden Rappen. Ich mag die Schweizer ja überhaupt nicht, wenn sie selbstherrlich behaupten, ihre paar Quadratmeter wären die schönsten der Welt. Aber was willste heute machen? Null Argumente dagegen. Am Nachmittag kurbeln wir vom Zürisee, die Rampen hoch in Richtung Schwyz. Mit einem Lächeln, weil man gar nicht schneller fahren will, bei der Landschaft (Ja, auch nicht kann). Ich mag ja keinen Kitsch, aber wenn’s so dicke kommt… Postkartenaussichten, wo du nur hinguckst. In der urigen Hütte unterhalb der Passhöhe krönen wir den Sahnetag mit einer Meringe, für die man eine Jahresproduktion Schweizer Zucker geopfert hat. Die nächsten Jahre sollte Unterzucker kein Thema sein. Im Abendlicht gleiten wir auf fizinalem Landsträßchen zum Vierwaldstätter hinab. Das Leben ist schön an solchen Tagen. Erkenntnis: Auch bei Kaiserwetter können Umstände eintreten, die einen in die Bahn zwängen. Steinschlag auf dem Radweg, der die einzige Verbindung außer einem langen Schnellstraßentunnel für den Fernverkehr darstellt. Die braven Schweizer hatten extra einen Streckenposten aufgestellt, der die Alternativlosigkeit der Lage erklärte. Bon, Michl hatte sowieso den Helm in Stuttgart liegen lassen. Steinschlag also ernst zu nehmendes Argument.

Passkontrolle Nachtreten, Etappe 1: Zürich – Vierwaldstätter See
107 km, ca. 1700 Höhenmeter

Zürichsee
Feusisberg
Oberiberg
Abfahrt vom Ibergereck
Vierwaldstätter See
Tagesfilm

In die Hirschkuh fuhr der Schreck, etwa so wie in mich rund zwanzig Minuten zuvor, als mein Höllenwecker lärmte. Man kann die Hirschkuh verstehen. Ich sause selten morgens gegen Fünfe aus dem Haus. Und schon gar nicht 25 Kilometer Einzelzeitfahren von Osteno nach Lugano zum Bahnhof. Da es erst dämmerte und ich schon die Sonnenbrille auf der Nase hatte, bemerkte ich das Viech erst, als es auf Höhe meines Vorderrades geschwind vom Ufersträßle galoppierte. Danach war ich so wach wie eine Hirschkuh. Es ist schon ein großes Privileg, eine solche Reise zu unternehmen. Die grandiose Natur (und damit meine ich nicht nur den Arsch des Hufwilds), das Fort- und Ankommen, das Entdecken der Welt in allen Kontrasten und Winkeln hat den Horizont der eigenen kleinen Welt geweitet. Kleines Stoßlüften des Hirns. Das Ganze gemeinsam mit dem großartigen Michl Luz im synchronen Auf und Ab der Pedale. Jedes Pathos berechtigt. Das Selfie nahmen wir am Donnerstag auf – als einzige Gäste in der Oma&Enkelin-Bar im Val Formazza. Wir melden: Die Pässe sind kontrolliert. Alle Passagen gültig – mit Ausnahme des Grimsel. Gut, dass wir nachgeschaut hatten. Ich schreibe für uns beide, wenn ich allen Verfolgern dieser frühen und feuchten Transalp herzlichen Dank sage. Eure hohen Daumen, spöttischen Kommentare und manch stummes Unverständnis über das abgefahrene Projekt waren uns Motivation und Vergnügen. Erkenntnis der Tour: Wenn du mit einem Genussmenschen unterwegs bist, bleibt Gewichtsabnahme eine Utopie. Es sei denn, Du läßt Teile des Gepäcks in Pensionen liegen.

Cronometro finale: Osteno – Lugano
28 km

Die Kapelle Santuario di Madonna di Ghisallo ist das Heiligtum des italienischen Radsports – und unsere finale Passkontrolle. Der klassische Anstieg führt von Postkartenstädtchen Bellagio am Comer See hoch auf den Bergrücken. Kein langer Anstieg, ungefähr 400 Höhenmeter, aber ein giftiger. Schon 1919 tauchte der Anstieg im Radsport auf. Coppi, Magni, Bartali und all die Helden sind hoch geschnauft und wurden im Radsportmuseum neben der Kappelle verewigt. Endlich ist die legendäre Passage wieder im Giro enthalten. Und wir Kinder der Sonne haben die Ehre, dabei zu sein. Radsport und Religion hautnah beieinander.

Drei Stunden vor Marschtabelle klettern wir zur Madonna, in dem wir uns in die lycra-gekleidete Perlenkette einreihen, die die maximal 14%ige Steigung hochschnürt. Die federgewichtigen Styleposer unter den Hobbyradler ziehen leichtfüßig an uns vorbei. Trotzdem hilft uns der eigene Schmerz die Leistung der Profis zu beurteilen, weil wir die Steigung selbst in den Waden haben. In den Serpentinen warten schon die Leute. Ich steige vom Rad um den verdienten Beifallsturm für Michl zu organisieren, stelle mich aber einigermaßen doof an. Statt vor Ovationen fährt Michl vor lauter verdutzten Gesichtern vorbei. Die Stille war direkt schreiend, die wir entfachten. Die Aussicht über den Comer See ist atemberaubend. Die Pause, sie zu genießen, erspart uns den direkten Vergleich. Den Profis reichen 20 Minuten. Wir… sind ganz gefangen von der Atmosphäre. Ganz oben können wir sogar bei der Bergwertung durchfahren. Jetzt mal ganz ohne Pathos, aber wer so tickt wie wir, für den hat sich die Reise von Degerloch schon wegen dieses einen Moments gelohnt. Unbezahlbar! Wir stellen uns eine Kurve unterhalb der Kappelle auf eine Mauer und warten auf die Helden. Mimmo, Michls Wirt in der Dorfbar in Osteno, kennt Vincenzo Nibali persönlich. Beide sind gebürtige Sizilianer und beide hier im Norden hängen geblieben. Forza Nibali! Tatsächlich ist unser Held in der Gruppe der Klassementsfahrer leicht auszumachen. Mission completed! Der Schmerz in den Gesichtern der Profis ist bei allen abzulesen, die sich nicht ins Gruppetto haben fallen lassen. Tröstlich und überaus eindrucksvoll. Nibali erreicht am Ende den dritten Platz, das erfahren von Mimmo in der Bar di Lago, als wir zurück in Osteno ankommen. Wir gönnen uns eine Prosetscho auf dem Rad und ein finales Filmchen.

Erkenntnis des Tages: Radsport mag nicht der spektakulärste Sport sein, aber sicherlich einer der qualvollsten. Und das nicht nur wegen der scheußlichen Trikots, die unter Radsportlern so verbreitet sind. Vor jedem einzelnen Profi ziehe ich meinen Hut und sage Champs-Élysées. Oder wie man korrekt auf Italienisch sagt: Château!

Aufstieg zur Madonna di Ghisallo
Ausreißer Dario Cataldo und Mattia Cataneo
Gruppe der Classementsfahrer
Luke Durbridge
Pawel Poljanski

Tappa otto: Osteno – Madonna di Ghisallo – Osteno:
70 km

Der Tagesfilm von Michl

Genussetappe. Vom Lago Maggiore rüber zum Lago di Lugano, oder wie die Isländer sagen, vom Matschiado zum Ladde Lugano. 80 km fast flach. Da kann man schon mal einen Gin&Tonic am Vorabend genehmigen. Dass auch Genussetappen mit Strampeln verbunden sind, offenbart sich am nächsten Morgen.

Gaaaanz schlechter Auftakt: Die Kaffeeautomatenbehauptung entpuppt sich als Blinklichtorgel mit üblem braunen Abwasser. Nix was meinem Kreislauf hilft. Erst nach zwanzig Kilometern sorgt ein ordentlicher Caffe für den notwendigen Tretmühlenrhythmus. Zwischen Matschiado und Latte Lugano auch Industrie, Tankstellen, Industriebrachen und doofe Radwege. Aber auch kitschige Postkartenmomente und Bonzenvillen mit vollverspiegelten Nobelkarrossen in den Parkbuchten. Irgendwie gestrig dieser Wohlstand. Vermutlich leben dort menschliche Auslaufmodelle. Oder leide ich etwa unter Sozialneid? Will ich jetzt nicht wissen. Doch die Wohlstandskritik wird unterbunden von brennenden Waden und hohem Puls. Gin&Tonic wird ein weiteres Mal von der Sportlerernährungliste gestrichen.

Bald erreichen wir Osteno, das „Atelier Süd“ von Michl. Natürlich im Regen, unser Wetter. Aber jetzt ist es egal, denn Michl hat ne feine Dusche. Außen! Mit Blick über den Luganer See. Ich stelle das Wasser sehr heiß. Der Duschkopf ist auf Zweimeterfuffzig. Bis das Wasser bei mir unten ist, sind schon ein mehrere Grade futsch. Wein kommt ins Spiel. Am Abend bekommen wir vom Wirt einen Doppelten spendiert. Weil ich ihn zu schnell kippe, schenkt er nochmal bis oben nach. Grazie Mille. Das Zeug wirkt morgen garantiert besser als Gin&Tonich. Hoch die Tassen auf die guten Vorsätze! Ob Michls Cowboygang dem Grappa oder den Bergetappen geschuldet ist, ist jetzt auch wurscht. Die Vorfreude auf morgen ist intakt. Morgen fahren wir nur wenig. Wir lassen fahren. Und endlich geht es um echten Radsport.

Erkenntnis des Tages: Für die philosophische Betrachtung über Vorwärtskommen, Ankommen und das Ziel als Weg ist es jetzt zu spät. Ein Andermal vielleicht. Ist noch Wein da?

Fähre über den Lago Maggiore
Auf der Fähre
Porlezza
Porlezza

Tappa sette: Verbania – Osteno:
80 km

Der Tagesfilm von Michl

Zum Schtäg, Früduwald, Unrumschtaldä – Walserdörfer führen herzallerliebste Bezeichnungen. Könnten auch aus Herr der Ringe sein. In der Früh waren wir ganz oben, durch alle Dörfer durch, am Stausee, wo die Sonne den Schnee in die Knie zwingt. Ein Hochgefühl. Niemand oben, außer den Pedaleuren aus Stuttgart. Zwischen dem Walserraum und dem italienischen Raum ist das Tal so eng und steil, dass man sich gut vorstellen kann, wie die Schweizer Einsiedler unbehelligt lebten.

Wir nahmen die Serpentinen runter durch die Engstelle und landeten zum Mittag vor Domodossola in einem Ristorante. Normalerweise hat jeder Italiener, den man kennenlernt mindestens einen Bruder in Stuttgart. Schöne Variation des alten Themas: Der Koch kennt Stuttgart von der Rad-WM damals. Bravo! Wie schnell ein Tag von traumhaft nach alptraumhaft wechseln kann, erlebten wir am Nachmittag. Da führte uns eine unvorsichtig ausgesuchte Route in ein anderthalbkilometer langes Steilbergauftunnel mit schlimmem Verkehr. Der Michl hat das gut gemacht. Er vertrieb sich die quälende Leidenszeit mit schwäbischen Fluchen. Hallt so schön. Aber irgendwann waren wir oben auf der letzten Bergwertung. Der örtliche Radsportclub hatte ein Pantani-Denkmal auf die Passhöhe gestellt. Ist irgendwie auch tröstlich: Wenn man langsamer berghoch fährt, lebt man länger. Gilt auch für bergrunter im übrigen. Nach 120 km kommen wir in Verbania am Lago Maggiore an. Heute gilt: Hoch die Hände, Wochenende! Am Ufer ist Prominierpflicht. Das gilt für alle, bis auf zwei Radfahrer, denen die zweite Bergetappe hintereinander die Beine kaputt gemacht hat.

Erkenntnis des Tages: Man kann tatsächlich etwas Sahne in ein Arrabiata-Sugo geben. Bis heute dachte ich, man würde sofort aus Italien ausgewiesen werden, wenn man es trotzdem tut. Stimmt wohl nicht… wenn der Koch sein Handwerk beherrscht.

Tappa sei: Val Formazza – Verbania:
120 km

Riale
Lago di Morasco

Sackgassen können so spannend sein. Wir stecken mal wieder in einer. Und zwar mit Absicht. Schon mal was vom Val Formazza gehört? Wir auch nicht. Das Tal wird die kleine Walser-Republik Italiens genannt. Laut Wiki leben 442 Einwohner ständig hier oben, mehr nicht. Besiedelt wurde das Tal von Norden, aber auf Pfaden. Der Hauptort selbst hat sechs Ristorante. Davon sind heute sechs geschlossen. Im kleinen Onkel-Walter-Laden ergattern wir noch Formaggio und Prosciutto. Der zittrige Mann an der Kasse erzählt uns ungefragt, dass er ein Nachfahre eines Lehrers aus dem Berner Oberland ist. Walser sind stolz. In der einzigen Bar findet man zwei Bier für uns. Wir bestellen mit schlechtem Gewissen, weil die Barfrau noch betagter als Onkel Walter und mit zwei Tedesci und zwei Bier überfordert. Wie gut, dass die Enkelin noch da ist. Weiter unten, wo wir herkommen, heißt das Tal anders, irgendwie italienisch. Nur hier oben walserisch. Los ist gar nichts, eher noch weniger. Keine Zwischensaison, sondern Unsaison. Heute also 444 Menschen hier, vielleicht war die Alte deshalb so verstört, weil wir Bier anstelle von Schnaps bestellten. Auf unserem Weg nach Süden sind wir nun nördlicher als gestern. Die kleine italienische Walser-Republik keilt sich ins Eidgenössisches Gebiet. Wir nahmen übrigens nicht den Weg der Walser, sondern von Brig aus den Simplon. Das waren 1500 Höhenmeter und die lange Sackgasse talaufwärts nochmal 1000 Meter dazu. Endlich Radsport, der den Namen verdient hat. Feine Beine auch bei mir, im engen Hochtal zusätzlich angeschoben von erlesenem Fürwind. Ich bilde mir sogar ein, dass sich unter dem Bauch sowas ähnliches wie ein Bauchmuskel befindet. Welcome back! Überhaupt ein kompletter Sahnetag. Kein Wolke, fast kein Verkehr über den Simplon, sogar die pensionierten Zahnärzte auf ihren kindischen Harleys störten nur selten. Die Schussfahrt den Simplon herunter wurde mit bester italienischer Bauernküche gekrönt – zu einem Preis, für den wir gestern kein Salatblatt auf einem Teller bekommen hätten. Erkenntnis des Tages: Das Pumatt – wie Formazza auf walserdeutsch heißt – ist zwar der Arsch der Welt, aber unter all diesen fraglos der knackigste.

Tappa cinque: Brig – Val Formazza:
110 km

Simplon Altes Spittel
Crevoladossola
Baceno
Der Tagesfilm von Michl

Ach, wie schön ist die Schweiz. Manchmal zu schön. Überall wohlfeile Puppenstubigkeit. Alles so akkurat aufgeräumt, dass man den pedantischen Geist dahinter lieber nicht kennen lernen möchte. Und überall wehen Schweizerfahnen. Häufiger sogar als kroatische Flaggen in deutschen Schrebergärten. Bei schönem Wetter fällt das besonders auf. Aktuell wird das Bild vervollständigt durch Plakate mit deutlich rechter Ästhetik, auf denen vor unschweizerischen Umtrieben gewarnt wird. Unschweizerisch! Geht’s noch dümmer? Es geht um Waffenmeldepflichten. Gestern donnerten laute Kanonenschüsse durchs verlassene Grimseltal, dass wir bei der Abfahrt fast vom Rad gefallen wären vor Schreck. Und Angst, die Vorderladeridioten könnten uns mit radelnden Keilern verwechseln.

Darum heute Kontrastprogramm. Keine protzigschweizerische Landschaftsschönheit mit traumhaften Seen, aufgeräumten Dörfern und imposanten Bergen. Sondern ein Mannschaftszeitfahren von Visp nach Brig, also dort, wo das Wallis am hässlichsten ist. Kein autofreies Heileweltsaasfee oder Fototapetenzermatt. Sondern Visp. Wir hatten Lust auf Industrie. Und etwas Bewegung, denn nach zwei anstrengenden Bergetappen gönnt sich der große Giro auch was flaches oder kurzes. So wie wir. Zwischen unschweizerischen Beton- und Kraftwerken und zweifelhaften Baracken hindurch führte unsere Lockerungsrunde. Morgen greifen wir wieder voll an.

Auch unseren Marketingpflichten sind wir endlich nachgekommen. Fototermin für neue Profilbilder sind im Kasten. Die Schweizer stimmten übrigens für strengere Meldepflichten bei den Waffen. Erfrischend unschweizerisch, wie ich finde. Loben darf man allerdings die Bahn, mit der wir unser grimseliges Pech gestern korrigieren konnten. Status: En Route. Morgen Simplon. Mir wird schon jetzt ganz domm und dossola, wenn ich dran denke. Erkenntnis des Tages: Die erste Weltmeisterschaft 1954 hat Deutschland nicht dem Geist von Spiez zu verdanken (gesprochen „Spiiz“), sondern dem Geist von Spiez (gesprochen „Spi-ez“) also mit Betonung auf dem e. Ich muss das wissen. Ich bin das Wunder von Bernd und heute in Spi-ez umgestiegen.

Cronosquadre Brig – Visp – Brig:
14 km

Radservice Brig
Brig

Wenn alles glatt läuft, ist‘s ja eher langweilig. Lustig wird das Reisen erst, wenn was schief geht. Passiert bloß selten, wenn zwei Vollprofis zur Passkontrolle schreiten. Heute also Königsetappe: vom Vierwaldstätter See über den Brünigpass ins Berner Oberland und dann über den Grimsel in Wallis. Besonders grandios ist unsere Planung unter anderem, weil der Grimsel schon geräumt ist, aber noch für Autos gesperrt. Da hast Du als Radler den Pass für Dich alleine. Die Webcams von der Grimselhöhe letzte Woche gecheckt: biggobello. Zugegeben, das Wetter gestern, das kannste nicht planen. Aber sonst: Super Reiseplan. Und heute ein großes Wetterfenster ohne Regen angesagt. Nur am Abend wieder Niederschlag, aber da sind wir längst im Wallis, wo es besser sein soll. Extrem umsichtige Reiseplanung! Mit allen Wassern gewasch… lassen wir das. Wir also früh raus, damit wir die erste Fähre über den See erwischen. Für den Geschmack des Fährmanns waren wir zwar etwas zu gut drauf, aber kannste auch nicht anders, wenn alles wieder trocken ist und die Sonne schon zaghaft durchscheint. Beine übrigens auch bene. Sonst wären wir den steilen Stich am Brünig niemals hochgekommen. Bißle spät dran am Fuße des Grimsel, aber egal. Und da muss man schon sagen: Gut, wenn du mit einem Michl Luz unterwegs bist. Mein Vier-Uhr-Loch in den Oberschenkeln hat der einfach wegmoderiert. Klasse Leistung! Ab Grimselsee wurde es dann garstig. Von hinten die Wolken, von vorne die Gesperrt-Schilder, aber wir wussten ja, dass alles frei sein würde. Dann Wolken von vorne und nach der nächsten Biegung von der Seite. Michl lustig am Fotografieren. Mein Vier-Uhr-Loch längst vergessen. Bißle frostig gewiss, aber egal, die schwäbischen Helden können beim Grimselüberflug von nichts und niemandem aufgehalten werden. Bald ist oben Passkontrolle. Und dann Runtersausen ins warme Wallis. Noch ne Biegung und ääh… die Straße versank unter meterhohem Schnee. Klarer Fall von Ende Gelände. Kurzer Euphorieknick der Zweimann-Reisegruppe. Also wieder zurück nach Norden, dorthin wo Regen mit Schweizer Pünktlichkeit erschien. Keine Forellen, denen ist es zu kalt da oben. Als wir unten in Innertkirchen beim Hotel um ein Zimmer ersuchten, war fast alles wieder so wie gestern. Parole Portemonnaieföhnung. Die freundliche Wirtin des Posthotels ließ es sich nicht nehmen, die triefend deutschen Reiseprofis dahingehend zu informieren, dass der Grimsel um diese Zeit nie wirklich frei ist. Erst Anfang Juni, niemals früher, und dieses Jahr gleich dreimal nicht, wo noch vor zwei Wochen acht Meter Schnee lagen. Das Wort „naiv“ leuchtete ihr von hinten durch die Stirn. Michl und ich verschluckten unseren grundsoliden Webcam-Check. Erkenntnis des Tages: Wo Planung versagt, fängt Duschen an. Die haben feine Duschköpfe in den Hotels. Kein Wunder, im Wasserspritzen ist die Schweiz echt suuuper.

Tappa quadro: Vierwaldstätter See – fast Grimsel – Innertkirchen
100 km

Fähre Vierwaldstätter See
Grimsel
Grimsel
Ende Gelände
Der Tagesfilm von Michl