Am Lago di Garda entlang

Ein paar Kilometer durften wir auf dem verträumten Radweg gondeln, dann ging’s rein in den zähfließenden Verkehr am schnöden Gardasee entlang. Ich bin vor kurzem von einer Joggerin gefragt worden, was man so denkt beim Radfahren. Nun, so meditativ wie das Joggen ist es nicht. Wichtigster Unterschied: Man steckt voll im Verkehr und sollte hübsch aufpassen, was die anderen Verkehrsteilnehmer treiben. Außerdem muss man schalten, das gibt’s beim Joggen auch nicht. Ferner geht alles schneller. Wenn man nicht bei jedem Feldweg aus dem Tritt kommen will, sollte man schon vorher wissen, wo es bei der nächsten Biegung lang geht. Im Reisebustempo zogen wir am trüben See entlang. In den Orten haben manche Bars Techno-Ufftata aufgedreht, so schlimm, dass es die Beine noch zusätzlich beschleunigt. Los ist trotzdem nix. Überall werden Sachen mit Aqua vornedran beworben. Aquadromo, Acquaterme, Aquagarda… Dabei muss man nur Radfahren, dann kommt das Wasser von allen Seiten. Von oben sowieso, aber auch von unten. Während mein Rouleurantrieb auf Touren kommt, denke ich zu den eben beschriebenen Gedanken noch folgendes: Dass es ein lustiges Gefühl zwischen den Zehen ist, wenn man sie im Schuh runterdrückt, wobei das Wasser zwischen den Zehen hochquillt. Meine Maschine macht erstaunliche 35 Sachen flach. Wie einst Fabian Cancallara, denke ich. Aber nur so lange bis ein leichter Hügel kommt. Den fahr ich wieder so dynamisch hoch wie Rainer Calmund. Wie gut, dass heute wenig Hügel kommen.

Inzwischen versteht sich auch die britische Bergziege hinter mir gut aufs Rollen. Allerdings ist mein hilfreicher Windschatten, den ich Martin spende, ein vergifteter Freundschaftsdienst. Er kommt mit zusätzlichen Spritzwasser und feinst gelöstem Straßenstaub daher. Eine kleine Rache des schweren Mannes für die vielen Berge, an denen mich Martin überzeugend distanziert hat. Von Garda geht’s dann über den Hügel nach Verona – und ich knautsche alles aus mir heraus, um wenigstens beim kurzen Berg an seinem Hinterrad zu bleiben. Was ich in diesen zehn Minuten Lungerauskotzen noch alles gedacht habe, schreib ich besser nicht auf. Arg meditativ war es wieder nicht. Aber ich hatte mich bis oben erfolgreich festgebissen.

Erkenntnis des Tages: Radfahren ist auch schön, wenn‘s vorbei ist. Wieviele Kugeln? La Copa grande, per favore, und dann tutti frutti, siamo im Unterzucker, aber drastisch. Grazie.

Unterm Regencape von Martin Reber: das Trikot des Giro-Bergkönigs
Finale Grande

Tappa undici: Dra – Verona
105 km, ca. 400 Höhenmeter

 

 

Brücke bei Villa Banale (heißt tatsächlich so)

Schon gestern Abend wußten wir, dass wir uns die Morgendusche sparen können. Das hat die große Wolke erledigt, unter der wir zwischen Bozen und Salurn vierzig Kilometer lang hindurch pfeilten. Doch offenbar wurde das andauernde Wasser selbst dem Wetter zu langweilig. Plötzlich sahen wir Sonne. Höchstes Radfahrerglück. Die Straßen trockneten – sogar unsere Klamotten. Im schönsten Licht getaucht, nahmen wir bei Andalo nochmal einem klassischen Berg des Giro. Eine sonnige Schussfahrt in Richtung Gardasee entschädigte uns für manchen Tauchgang der letzten Tage. Wunderschöne Radwege zwischen steilen Schluchten. Meistens abschüssig. Ein Träumchen. Wer das Diario kennt, mag vielleicht ahnen, dass angesichts meiner ungezügelten Euphorie sicherlich bald etwas schief geht. Einen Platten, ein Sturzgewitter oder eine schwungvolle Unpässlichkeit des Enddarms wären das Mindeste, was man jetzt erwarten kann. Und was soll ich sagen: Nichts von alledem. Im Gegenteil. Auf kurvigen Radwegen fetzten wir an Flüssen entlang oder durch die schier endlosen Apfelplantagen. Alles malerisch bis kitschig. Wäre jeder Tag so schön, hätte ich bald keine Leser mehr.

Erkenntnis des Tages: Schön ist’s, wenn’s auch mal ohne Pointe geht, oder?

Aussicht vor Andalo
Sarche
Abfahrt nach Sarche

Tappa undici: Bolzano – Dra
110 km, ca. 1300 Höhenmeter

 

 

Stelvio am Morgen

Kein Schnee, danke. Einigen wir uns auf Eisregen. „Das Schöne am Radfahren“, stellte Martin am Abend fest, „ist ja das Elementare“. Die Technik ist so einfach. Du trittst. Das treibt die Kette an. Das Rad dreht. Du kommst vorwärts. So simpel, das versteht jedes Kind. Und wenn was am Rad kaputt geht, kannst du es meistens sogar selbst reparieren. Das ist übrigens auch der Vorteil gegenüber dem E-Bike. Wenn das nicht mehr vorwärts will, stehst du mit einem 25-kg-Monster ratlos in der Landschaft. Auch die Lautlosigkeit begeistert, mit der man sich bewegt. Man hört alles und reicht alles. Ich hörte gestern Murmeltiere pfeifen und hatte Kiefern in der Nase, nur zum Beispiel. Auch das Wetter kriegst du hautnah mit. Wenn es heiß ist, bekommst du von keiner Klimaanlage eine Erkältung. Selbst wenn es kalt ist, bleibst du normalerweise gesund, weil du ja in Bewegung bist. Du bist aktiv, das steubert das Herz, wie wir Schwaben sagen, wenn wir „stabilisieren“ meinen. Es ist das Elementare, das uns begeistert, da war ich mit Martin gleich einig. Fehlt ein letzter Gedanke: Wenn es bei drei Grad eisregnet, dann frierst Du dir gehörig die Flossen ab, den Stelvio runter. Was andererseits bedeutet, dass der folgende Dauerregen bei zweistelliger Gradzahl fast warm anmutet. Das sind (leider) nur elementare Erkenntnisse, die man im Urlaub locker formulieren kann – aus dem trockenen Zimmer heraus. Wer des Winters täglich mit dem Rad zum Geschäft fährt, wird meine Einlassungen schönfärberisch finden, wenn nicht gar verlogen. Sorry, aber die milde Strafe dafür haben wir heute erhalten: Nach der Beschaffenheit unserer Haut zu schließen, sind wir nicht geradelt, sondern runde einhundert Kilometer geschwommen. Im Freistil durch Südtirol. Meine Beine glühen jetzt noch. Alles hat eben sein Gutes, denkt sich der Rouleur, dem der Wintereinbruch eine schwere Bergetappe erspart hat.

Erkenntnis des Tages: Beim herbstlichen Rotwein lässt sich prächtig radsonnieren. Hicks.

Wegen Eisregen: Stelvio vom Vortag
Wegen Eisregen: Stelvio vom Vortag

Tappa Nove: Stelvio – Bolzen
122 km, ca. 200 Höhenmeter

 

 

Stelvio Kehre 32

Die Mauern an den Serpentinen trugen die Namen von Scarponi, Aru, Nibali und Pantani. Als wir losfuhren dachte ich allerdings eher an den ersten nicht-italienischen Giro-Sieger, den Schweizer Hugo Koblet. Ihm zu Ehren hatte ich mir vor der Tour noch ein T-Shirt mit dem Schriftzug „Pédaleur de Charme“ zugelegt. Diese Hommage erhielt Koblet vom Chansonnier Jacques Trello. Von Koblet wird berichtet, dass er immer einen Kamm im Trikot hatte, damit er sich vor der Ziellinie nochmal die Haare schön machen konnte. Koblet mochte die schönen Künste, er war ein eleganter Fahrer, ein Idol seiner Zeit. Also vervollständigte ich erstmals während meines Giros den blauen Ton-in-Ton-Raddress mit den passenden tiefblauen Ringelsocken. Blöd nur, dass Stelvio und Wetterumschwung jeden Style im Ansatz vernichteten. Das Regencape hatte ich nicht beachtet, es war mal gar nicht Ton-in-Ton. Auch mein Tritt verlor zusehens an Eleganz – mit jeder der 48 Serpentinen mehr. Unten kurbelte ich noch kraftvoll und stetig wie ein kleines Mühlrad. Oben bearbeitete ich meine arme Rennmaschine mit der Verzweiflung eines Schmieds, der vergeblich versucht, ein kaltes Eisen zu biegen. Eine runde Viertelstunde nach Martin, der im Stile Geraint Thomas, das Stilfers Joch hochtänzelte, erreichte ich mit pitschepatschenassen Ringelsöckchen die Passhöhe. Von Koblets Esprit keine Spur. Wo er Küsschen in die Menge geworfen hätte, überfuhr ich fast eine Souvenirverkäuferin, weil mir der Bogen um ihre ausladende Figur zu weit gewesen wäre. Ich nahm den Helm ab, suchte das Warme und verzichtete auf das Kämmen.

Erkenntnis des Tages: Auf dem Stilfser Joch zu übernachten, mag eine schöne Idee gewesen sein. Zumal unser Hotel noch Original aus den Siebzigern stammt, inklusive des Lächelns des Kellners. Trotzdem möchte ich die zuständigen Instanzen bitten, den Wintereinbruch noch drei Tage zu verschieben. Trocken muss nicht sein, aber bitte kein Schnee.

 

Stelvio
Stelvio Passhöhe

Tappa Nove: Laatsch – Stelvio
33 km, ca. 1924 Höhenmeter

 

 

Am Ruhetag nahmen wir uns Zeit für die Videoanalyse. Sie bestätigt: Auf schwerem Terrain kommt der Rouleur nicht ins Rollen. Bereits im ersten Teil des Vivione-Anstiegs vor Azzone gleicht seine Fahrweise einem Lastentaxifahrer. Die Meckerei zeugt von fehlender Moral. Nicht im Bild: Der Dumoulin-Moment wenige Kilometer später. Dagegen kurbelt die britische Bergziege leicht und locker der Passhöhe entgegen. Radsport wie aus dem Lehrbuch. Danach die entscheidende Szene der achten Etappe: Der große Bergkönig übersieht das Umbrail-Schild und wird zum Warten gezwungen. Unverhofft erkennt der Rouleur aus dem Ein-Mann-Gruppetto die Gunst der Stunde. Er zieht unwiderstehlich davon – auf die letzten 200 Meter zur Passhöhe. Gegen die Wertung am Umbrail läuft bereits ein Protest.

 

Stelvioanstieg

Pfffff… mein britischer Freund Martin würde sagen, ein solcher Tag sei „characterbuilding“. War ja klar, dass die dritte schwere Bergetappe hintereinander an die Substanz geht. Heute ging’s nur ums Durchkommen. Ein Tag im kleinsten Gang. Die Strecke kannte 60 km lang nur eine Richtung: hoch. Kein Rouleur Terrain, kein bißchen. Meinen einzigen Dumoulin-Moment, hatte ich ganz oben auf dem Umbrail, da stand sein Name auf der Straße. Aber von den Comebackqualitäten des Tom Dumoulin bei mir keine Spur. Pfffft, die Luft war raus. Und dann die Südseite des Stilfers Jochs nachmittags: Als Radfahrer muss man schon einen starken Charakter haben, damit man all den verhinderten Motorradrennfahrern das Bergerlebnis gönnt. Hundertvierzig Sachen müssen nicht sein. Auch die aufgedrehten Lautsprecher mit der armen Rockmusik von vorgestern müssen nicht sein. Vielleicht versage ich im Charaktertest des Gönnenkönnens. Lange genug hatte ich Zeit, um die Ärsche zu vermessen, die sich auf den Motorrädern in die Breite drücken. Ästhetisch geht anders. Wenn die sich mal von hinten sehen würden, hätten wir weniger von der Sorte. Gut, dass die schlimmen Ansichten schnell an einem vorüber ziehen. Auch die bösen Gedanken weichen schnell. Denn der marode Radfahrerkörper ist mit sich selbst beschäftigt. Eigenkritik. Hätte man nicht gut daran getan, selbst ein paar Kilo runterzutrainieren? Und wenn nicht, warum plant man dann drei Bergetappen hintereinander? Niemand ist perfekt. Und ich schon gar nicht. Auch eine Erkenntnis, aber keine neue. Erkenntnis des Tages: Ferien auf dem Bauernhof sind gewiß was Schönes. Morgen wird das Diario platzen vor lauter spannenden Ruhetagserlebnissen vom Vinschgauer Bauernhof. Sportphysiologischer Fachbegriff: Passive Erholung. Pffft.

Ein Schweizer Umbrailbezwinger
Umbrailpass

Tappa Otto: Tirano – Laatsch
91 km, ca. 2300 Höhenmeter

 

 

Vor Dezzo

An siebten Tag kann man sich schon mal überlegen, warum man das eigentlich macht. Vor allem, wenn das Einzige, was morgens die Beine von Beton unterscheidet, die Tatsache ist, dass der Beton selbst keinen Schmerz spürt. Also warum das alles? Warum die Qual?

Antwort 1: Um dem Altern davonzufahren.

Antwort 2: Um mal alles Andere auszublenden, weil nur der nächste Berg zählt.

Antwort 3: Weil das nomadische Radfahren eine Illusion von Freiheit und Ungebundenheit erzeugt (und man im selben Moment doch weiß, dass die Freiheit zum Finale wieder durch wohlige Geborgenheit abgelöst wird).

Antwort 4: Weil das Radfahren mit seiner körperlichen Erfahrung die Gegend und das persönliche Erleben wertvoller macht als beispielsweise mit dem Motorrad. Weil die eigenen Muskeln im Spiel sind und nicht die Zapfsäule.

Antwort 5: Weil’s nicht jeder kann.

Antwort 6: Weil es ein Tourismus ist, der nicht sonderlich schadet, weder der Umwelt, noch einem selbst.

Antwort 7: Weil du abends fressen kannst (sorry, genießen), wie und wieviel du willst und du trotzdem nicht zunimmst.

Antwort 8: Weil Du manchmal wie auf Drogen durch die wundervolle Bergwelt schnürst, auch dann noch, wenn mal wieder 16 Prozent Steigung über drei Kilometer eingebaut waren – und es danach wieder flach wird, so dass die Beine plötzlich Schub geben, dass man selbst vor Kraft fast platzen möchte.

Antwort 9: Weil die einsame Südseite des Passo Vivione, das Schönste ist, was du in den Alpen fahren kannst. Den Feldweg, der ein Pass ist, kennt keine Sau. Wie schön, wie ruhig, wie kostbar. Vivione!

Antwort 10: Weil am Ende eines Supertages kein Beton mehr vorhanden ist. Im Gegenteil durfte ich heute sogar Dumoulin-Momente erleben, da hat selbst die britische Bergziege gestaunt. Wenn der Rouleur plötzlich am Berg die Pace macht… gibts eigentlich gar nicht.

Erkenntnis des Tages: Die Qual hat sich auch heute wieder gelohnt. Sie wirkt wie ein Geschmacksverstärker für’s Erlebte. Nur echter, authentischer und gesünder als die doofe Nahrungschemie. Und hinterher hast Du einen Riesendurst. (Im Bild: Schilpario auf der Viviano-Südseite. Der große Fehler am Radfahren ist nur, dass man solche Szenen wieder verlassen muss)

Am Morgen in Borno
Passo Vivione

Tappa Siete: Borno – Tirano
91km, ca. 2300 Höhenmeter

 

 

Borno

Auf Regen folgt Sonnenbrand. Als wir mittags den vielleicht schönsten Radweg Europas genießen durfte, hatten wir schon den Trainingspass der Lombarden in den Beinen. Auch die Abfahrt vom Passo de Tre Termini runter zum Lago d‘Iseo ist kaum zu überbieten. Die letzten Schwimmer der alljährlichen Lago-Durchquerung kamen gemeinsam mit uns ans Ufer. Wir zollten ehrlichen Applaus und dachten: Die haben doch ein Rad ab, diese Ausdauersportler! Dann schob uns der Wind weiter hinein in die Berge. Erst entlang des Lago. Dann tiefer rein ins breite Tal des Oglio. Zum Sportlichen: Mein Ein-Mann-Gruppetto feierte Wiederauferstehung. Für die Nicht-Profis: Im Gruppetto versammeln sich bei großen Rundfahrten diejenigen Fahrer, die bei Bergetappen nur ein Ziel haben: gerade noch innerhalb der erlaubten Zeit anzukommen. Während die britische 57-kg-Bergziege locker den zweiten Anstieg hochwippte, ächzte mein 85-kg-Gruppetto auf den letzten Körnern nach Borno. Gegen die Briten ist auf Rundfahrten eh nichts zu machen. Ich fürchtete fast, Martin hatte schon ein 3-Gänge-Menue verdrückt, bevor ich endlich auf 1000 Höhenmetern erschien. Bei den vier Kugeln Eis war ich aber schneller. Ein Schluck für 4 Kugeln ist auch kaum zu toppen.

Inzwischen sind die Energiespeicher wieder aufs Feinste gefüllt. Wir nächtigen in einem B&B&T. Das T steht für Trattoria. Das Navertino liegt so abseits, dass zufällige Laufkundschaft niemals vorbeikommt. Alle Gäste wissen sehr genau, warum sie den steinigen Weg hoch zur Trattoria Navertino klettern. Als wir erscheinen, jausten noch manch Wanderer. Man erkannte genau: Es handelte sich nicht um die Ehrgeiz-, sondern um die Genußfraktion. Wir tafelten zünftigalpine Hausmannskost, rustikaldelikat, wundervoll von Antipasti bis Dolci. Wäre ich Schwimmer, würde ich morgen untergehen.

Erkenntnis des Tages: Am Stelvio hat’s geschneit. Ich werde das Tempo sicherheitshalber weiter verlangsamen, damit der Schnee auf jeden Fall geschmolzen ist, bis wir dort oben sind. Vielleicht erst im nächsten Sommer.

Lago d’Iseo
Iseo

Tappa Sei: Brescia – Borno
88 km, ca. 1900 Höhenmeter

 

 

Brendola am Morgen

Kannst du niemandem erklären, warum du hundertfuffzig Kilometer durch die schöne Po-Ebene strampelst, um dann ausgerechnet in Brescia anzukommen, dem Pforzheim Italiens. Aber wenn schon, dann richtig. Wenn wir das Fenster unseres Hotels in Bahnhofsnähe aufmachen, bekommen wir die Atmosphäre der großen Billigbushaltestelle frei Haus. Volle Dröhnung. Auch bei uns haben sie den großen Spülknopf gedrückt. Pfützenhüpfen statt Stadtspaziergang. Die Pizzeria in Plieningen kann das übrigens besser als die einzige, die hier wohl offen hatte. Von wegen, wo voll ist, muss das Essen gut sein. Gilt nicht, wenn die Auswahl gegen Null geht. Samstagabend – und die Stadt ist ausgestorben (bis auf die Billigbushaltestelle) Verständlich, dass die Leute hier weg wollen. Wir wollten hin. Durchreise. Ein besseres Argument fällt mir leider nicht ein. Gute Einstimmung also für mein Freund Martin, die Bergziege, den ich heute in Verona traf. Es kann nur besser werden.

Über die Fahrt hierhin kann übrigens man nicht meckern. Wir surften wohltemperiert durch die Hügel der Weinregion südlich des Gardasees. Zu zweit geht’s natürlich schneller. Endlich mal nicht so heiß. Regen gabs heute morgen, als ich noch alleine unterwegs war – und heute Abend, als wir das Ortsschild Brescia passiert hatten. Seitdem läuft die Spülung durch. Regen nicht wie am Schnürchen, sondern an ganzen Seilen. Freuen wir uns mit der einheimischen Landwirtschaft. Jetzt sind wir also endlich da, wo keine anderen Touristen sind. Im echten Italien – und dann ist auch wieder nicht recht. Jaja.

Erkenntnis des Tages: Lieber in einem der zigtausend Venedigs des Nordens als im einzigen Pforzheim des Südens.

Isola Rizza
Brescia

Tappa Cinque a: Brendola – Verona
55 km, ca. 150 Höhenmeter

Tappa Cinque b: Verona – Brescia
90 km, ca. 500 Höhenmeter

 

Vicenza

An diesem Platz (Beitragsbild) hatte ich um Fünf ein Date mit der attraktiven Giulia.

Noch am Morgen wellte ich über leichte Hügel in Richtung Bassano. Erst war ich zu viert. Dann allein. Dann zu tritt. Bassano immer viele Ciclista. Kein Wunder bei der schönen Strecke. Da mach ich gerne die Pace für die Einheimischen auf ihrer Genussrunde. Nach Bassano ging meine Kaffeefahrt weiter. Flach. Diesmal lutschte ich an einem freundlichen Hinterrad, das mit einem Dreißigerschnitt in meine Richtung schnürte. Meine Beine brauchen aktive Regeneration. Vicenza. Wieder Caffe. Danach noch lockere 40 km über die Colli Berici, eine harmlose Hügelkette südlich von Vicenza. Italien kann ja nicht ohne Berge, nicht mal in der Po-Ebene. Als gegen Drei der Asphalt fast brannte, flitzte ich hinein in die schönen Colli. Plötzlich stieg das kleine Sträßchen empor. Unvermittelt. Und zwar nicht irgendwie. Nee, oder… ? Bevor ich die ungefähre Prozentzahl taxierte, war meine Kaffeefahrt zu Ende. Da ging gar nichts mehr. Ich schob. S. C. H. O. B. In Stuttgart hätten sie Stäffele gebaut. Die Routine des Rouleurs sagte: Mach die Beine hier nicht kaputt. Der Atem sagte: Hier kommst du eh nicht anders hoch. Zieht mir also bitte einen runden Kilometer meiner Tour ab. Wann lerne ich endlich in der Streckenführung bei kleinen Hügeln die Nebenstraßen zu meiden?

Trotzdem erschien ich pünktlich zum Date. Giulia hatte natürlich Verspätung. Sie zeigte mir das blaue Zimmer ihres B&Bs (im großen Bild rechts). Dann schwirrte sie ab. Ich treff mich morgen in Verona mit meinem Freund Martin, der Bergziege. Nix Balkon.

Erkenntnis des Tages: Italien ist dort viel schöner, wo weniger Touristen sind. Zum Beispiel hier in Brendola. Und noch viel schöner in Savona, wo meine Tour enden wird.

Bassano del Grappa
Bassano del Grappa

Tappa Quattro: Quero – Brendola
150 km, ca. 600 Höhenmeter