Ausrollen nach Annaberg, 57 km, 600 Höhenmeter

Die Athletin auf den Skirollern war fast so schnell wie wir. „Wintersportler werden im Sommer gemacht“, sagte sie in lockerem sächsisch, als ich ein paar Meter neben ihr rollte. Puh, war die fit. Wie gut, dass wir uns nicht zu den Sportlern zählen, die Leistung- vorne dran schreiben. Andersrum gedacht: Würde das mit den Jahreszahlen auch für uns gelten, müsste man bei Wind und Wetter raus. Im Winter! Mit Trainingsplan und so. Ach nee. Am Ende bekämen diese Reisenotizen einen kämpferischen Tonfall. Bitte nicht.

Wir sind halt einigermaßen windschnittig von Natur. Wintertraining nur wenns mild ist. Wir radeln, weil wir was sehen wollen, und strampeln so weit uns die Waden kurbeln lassen. Ein Genuss, wenn’s läuft. Und wenn sich eine Grenzerfahrung draus machen lässt, um so besser.

Apropos Grenze, damit jetzt nicht die deutsch-tschechische gemeint. Heut morgen tatsächlich der Michl platt wie sein Reifen kürzlich. Aber mal richtig im Sack. Antritt am flachen Berg wie ne tote Oma. Die Reifen kannst du flicken und aufpumpen. Die Luft im Körper braucht etwas, bis die Waden wieder wollen. Die Extremsportler faseln dann immer was von „eigene Grenzen verschieben“, steigen auf Berge, kommen unter Lawinen oder kriegen anderweitig einen Kollaps. Diejenigen die irgendwo ankommen, sind längst arbeitslos, halten Diavorträge in Kleinstadthallen oder sitzen mal in einer Talkshow, wenn sie Glück haben. Von uns ist nichts dergleichen zu befürchten. Wir beschließen auf Erzgebirgshöhen zwischen Rübenau und Kühnhaide, dass es besser wäre die Grenzerfahrung zu halbieren. Wir werden auch keine Unternehmensberater zu einem schicken Sabbatical auf dem Rad überreden, an dem wir als Personal Trainer, Reiseleiter oder sonstwas die Kohle für die nächste Reise verdienen. Nichts von alledem. Stattdessen nehmen wir nochmal die 14-Prozent-Steigung in Jöhstadt. Nur zum Check. Dann rein ins Café. Eis und Apfelstrudel fett. Dann gehts im Zug nach Hause. Erzgebirge, wir kommen wieder. Fortsetzung folgt. So sicher wie das „Gar“ vor dem „Nicht“, wenn du von einem Sachsen etwas außer der Reihe willst.

Erkenntnis der Grenzerfahrung Teil 1: Die deutsche Ostgrenze absolut erfahrenswert. Vor allem mit dem großen Connaisseur und Rouleur Michl Luz, der in jeder Situation das Beste aus den Leuten herausholt, vor allem wenn sie Essen reichen. Von uns beiden geht ein herzliches Dankeschön raus an alle, die uns mit Likes, Posts und Kommentaren motivierten oder wenigstens die Freundschaft nicht beendeten, obwohl wir eine Woche lang nervten mit Aufsätzen vom Inhalt „Mein schönstes Ferienerlebnis. Danke (sagt Michl) Danke (sagt Bernd). Bis zur nächsten Antiextrem-Tortour.

Saigersmühle in Olbernhau
Garagen bei Krähwinkel
Zwischen Reitzenhain und Reitzenhain
Annaberg Bahnhof

GRENZERFAHRUNG, ETAPPE 6: Pirna – Olbernhau, 81km, 1.200 Höhenmeter

Mittagessen bei einer uninzeniert-urigen Metzgerei in Altenberg. Was wohl die „Tiegelwurst“ sei, wollten wir wissen. „So ne Grützwurst.“ Die alte Metgzersfrau interpretierte richtig, dass wir mit der Antwort wenig anfingen und schob nach: „Wir sagen auch tote Oma dazu“. „Aha, dann bitte doch Spirelli.“ Diese Nudeln sind in Sachsen heimisch, und haben rein gar nüscht mit Pasta zu tun. Spirelli zwar Nudeln, optisch gesehen, aber von Geburt an lapprig und verkocht. Sie sind nur original, wenn sie nach nichts schmecken. „Gar nichts“, wie der Sachse gerne betont, um weitere Nachfragen im Keim zu ersticken. Dazu werden Bröckelchen gereicht, die nach Wurst aussehen, und Käse drübergestreut, der vermutlich aus Wasserersatzstoff hergestellt wurde. Beides schmeckt mit den saucenlosen Spirelli vermischt, wie… man hat was im Mund. Bißchen wie Zellstoff im Ofen verbrennen, macht zwar Feuer an, aber niemals heiß. Hatte das schon mal probiert mit den Spirelli. Beim Auswärtsspiel bei Erzgebirge Aue. Genau identisches Geschmackserlebnis: Gar nüscht.

Derart gestärkt sind Erzgebirgsrampen eine echte Challenge. Bei bestem Wetter und extra wenig Ausflugsverkehr trotzdem ein großer Genuss. Wir gondelten durch unbesiedelte Wiesentäler an der Tschechischen Grenze entlang und entdeckten Dörfer, die ich fast als angeschnitten von der Außenwelt bezeichnen würde, wenn nicht Satellitenschüsseln auf jedem Dach angebracht wären. Mehr als die Hälfte der Sachsen arg eifrig mit dem eigenen Garten. Putin aufgehübscht mit Blümlein und Figürlein. Aber hoch und runter, du machst dir keinen Begriff. Die wohnen alle am Berg. Uff. Tatsächlich waren die letzten fünf Tage im Flachland kräftezehrender als gedacht. Und wer‘s nicht wahrhaben will, dass die Muskeln einen auf tote Oma machen, dem hilft die fünfzehnprozentige Erzgebirgsrampe bei der Erkenntnis.

Bei der Bienenmühle wollte ich hoch, weil die Friedensfahrt diese Steigung einst genommen hatte. Doch der schöne Name Bienenmühle steht im harten Kontrast zur Wand, die sich dahinter verbirgt. Was ein Bienenstich! Bitter gradaus hoch. Etwa wie der sächsische Charme: stets gradlinig vorgetragen, schnörkel- und sepentinenlos. Aber die Sachsen muss man sagen: nicht über einen Kamm scheren! Nur doof, dass die Doofen halt die lautesten sind. (Ja, ich sollte selbst leise sein beim Thema Lautstärke) Diese Rufschädiger brüllen Radfahrer aus dem fahrenden Auto an oder sprühen „Elb Kaida“ meterhoch an Hauswände. Und trotzdem: Mehr feine Sachsen als man gemeinhin mitbekommt. In der Dienstleistung sowieso, aber auch beim freundlichen Gruß auf der Straße. Feiner Menschenschlag. Und das mit den dummen Lauten: Bin besser ruhig, ich komm aus Stuttgart, sollte diese Zusammenhänge gewohnt sein.

Erkenntnis des Tages: Wenn man mal eine Etappe unter hundert Kilometer einlegt, ist‘s ja fast wie ein Tag Urlaub.

Prina an der Elbe
Gersdorf
Börnersdorf
Geising
Altenberg
Freiberger Mulde
Bei Cämmerswalde
Neuhausen / Erzgebirge

Grenzerfahrung, Etappe 5: Cottbus – Pirna, 138 km, 800 Höhenmeter.

Nein, das sind nicht die Bilder, die man von uns sehen will: Die windschlüpfrigen jungen Männer am Straßenrand bei der Flickschusterei. Hatte ja vor der Reise ein wenig Bammel ausgerechnet in Pirna hängen zu bleiben. Weil kein Antinazispray dabei. Das kommt von den Vorurteilen: Wir wären fast schon vor Pirna hängen geblieben. Während halb Deutschland launige Pfingstmontagsausflüge unternimmt, verbringen wir Stund um Stund dort am Straßenrand, wo der Schlauch seine Luft fahren lässt. Auch der Ersatzschlauch hat Launen. Aber der Michl am Abend zur Höchstform aufgelaufen. Erst in einer Minute den megaengen Mantel auf die Felge geworfen (beim vierten Mal an diesem Tag bestens geübt) und dann pfeilschnelle 25 Schlusskilometer gestrampelt, um die letzte Bestellung im Hotelrestaurant zu erwischen. Sonst eher so guckhierguckda, der Michl. Aber wenn’s um die Essensbestellung geht: Motivatione maximale. Voll fokussiert. Als die tschechische Biergartenkraft allerdings mitteilte, dass „keine Bestellung mehr“, weil zwei nach Achte, ich am Rande eines spätnachrichtenfähigen Kapitalverbrechens. Gut, dass jemand fünf Minuten später auf die Idee kam, uns mitzuteilen, dass nur der Biergarten dicht macht und man drin im Restaurant noch was bekommt. Geht doch. 

Sonst natürlich klasse Tag. Zickzack durch die oberen Spreetalseen, durch Bautzen, durch … schönes Niemandsland und am Abend pfeilschnell durch die sächsische Schweiz. Sonne senkrecht in der SüdLausitzer Toskana. Als es mal hochprozentig hoch ging, der Michl sich wieder mit Podcast im Ohr sich abgelenkt. Marotte. Axel Hacke erzählte, dass man bei Schreibblockaden  besser raus aus der eigenen Komfortzone sollte, nicht immer nur das Alltägliche, das Erwartbare, das Routinierte, das Eingespielte. Auch ausnahmsweise im Pasternoster stehen bleiben und obenrum. Bereit sein für das Ungewöhnliche, eventuell sogar Unnütze. Ich würde sagen, an die Hacke-Empfehlung setzen wir heute einen Haken dran. In den sächsischen Hügeln ein abschließendes 25-km-Zeitfahren zu absolvieren, damit du das Pirnaer Dönertaxi vermeidest und im Restaurant noch was Ordentliches bekommst: Sinnbefreit genug. Wegen einer feschen Portion Spargel mit Fertighollandaise den neuen Weltrekord in der Basteibesichtigung aufzustellen: ganz nah an der von Hacke geforderten Antikomfortzone. Basteibesichtung etwa so: „Guck mal die Bastei dort unten“ „Ja, schön, noch 20 Minuten bis Acht, gell“ Und bitteschön: Von wegen Schreibblockade beim Zuständigen Tagebuchautor.  Werde heute Tagesbester in der Haas‘schen Verb-Auslassung. Hilfshaas Hilfsausdruck. (Sorry, der war für die Wolf-Haas-Fans unter den virtuellen Mitradlern. Sind ja nicht wenige) 

Erkenntnis des Tages: Beim Ersatzschlauch kaufen nicht in philosophischen Optimismus verfallen, sondern genau auf die Zahlen achten. Die geben die Größe an.  Die Dinger haben zwar Spiel und Toleranz, aber scheinbar nicht endlos. Vermutlich hatten wir das Ding schlicht zu klein mitgenommen, bei dem ach so sympathischen Startup-Repaircafé, das ich vor drei Tagen noch so lobte.  Deutlich vor dem Abend. 

Cottbus
Cottbus Bahnhof Zoo
Günthersdorf

Grenzerfahrung, Etappe 4: Reitwein – Cottbus, 120 km, 650 Höhenmeter

Artenreichtum an der Oder natürlich enorm. Viele Ornithologen dort. Auch Botaniker streifen durch die Auen. Für die Möven braucht man keinen Feldstecher. Die kann man sogar als Radfahrer erkennen. Intelligente Viecher sind das übrigens. Um Muscheln zu knacken, lassen sie die Dinger von hoch oben auf geteerte Straßen fallen, wo sie in viele Teile zerschellen. Auf dem Radweg kann man die weißen Splitterreste gut erkennen. Oder reinfahren. Was uns schon am frühen Morgen platt macht und zeitlich ins Hintertreffen bringt. So ist das halt auf Tour. Irgendwas ist immer. Darauf erstmal eine rote Fassbrause.

Frankfurt/Oder in feines Licht getaucht. Kommt ja auch sehr drauf an, ob du eine Stadt im Novembernebel kennen lernst oder bei Sommersonne im Zenit. Wer rechtwinklige Architektur schätzt, kommt gewiss auf seine Kosten. Als malerisches Kontrastprogramm nehmen wir den Radweg durch das Schlaubetal. Ein Kleinod zwischen den endlosen Kiefernwälder. „Bißchen wie Wutachschlucht“, sagte die Wirtin der Pension, die aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis stammt. „Nur eben in Brandenburg, wo sowas überraschender ist“. So ist das eben in Deutschland: Entweder rechtwinklig wie Frankfurt oder mit reichlich Ornament wie in der putzig-puppenstubigen Gartenwirtschaft Schlaubetalmühle, wo man nicht weiß, ob es noch ein Hang zur liebevollen Verzierung ist oder schon eine Unfähigkeit, den Gartennippes auf einem Schrotthaufen zu entsorgen.

Die ansatzlosen Anraunzungen, die vereinzelte Pommern uns entgegen schmetterten, hier in Brandenburg eher weniger. Wirklich sehr freundlich alle. Vielleicht liegt’s an Pfingsten, vielleicht an uns oder doch an der Mentalität der Leute. Die Anrede „Junger Mann“ hörten wir schon oft in diesen Breitengraden. Wobei man wiederum sagen muss: Als Süddeutscher weiß man dann doch nicht so recht. Das sagt man bei uns zu Teenies, die man nur so semi voll nimmt. Oder eben ironisch zu Senioren. Hier wird man das Gefühl nicht los, dass die „Junger-Mann“-Sager die Anrede völlig arglos verwenden. „Junger Mann, würden sie uns mal fotografieren?“ Na klar, gerne. Die freundliche Dame wollte uns garantiert nicht hochnehmen, aber eben „Junger Mann“. Nimmt sie uns nicht für voll? Müssen wir erst noch mit fertig werden.

Erkenntnis des Tages: Beim Radeln ist’s höchstfein, dass man die Wälder auch olfaktorisch wahrnimmt. Welch Düfte! Welch Sinnesfreuden! Das loben die Radfahrer mit Vorliebe. Gerne verschwiegen in diesem Zusammenhang werden Recyclinghöfe und Müllkippen in der Mittagssonne.

Oderbruch am Morgen
Frankfurt/Oder
Frankfurt / Oder
Frankfurt / Oder
Endlose Kiefernwälder
Kraftwerke beim ehemaligen Tagebau vor Cottbus

Grenzerfahrung, Etappe 3: Pasewalk – Reitwein 170 km.

Nach runden 120 Kilometern waren wir ganz schön im Eimer. Blöd nur, dass noch weitere 50 auf dem Routenplan standen. Aber heute nichts zu meckern. Super Etappe. Super Rückenwind. Super Oder! Und immer wenn wir im Eimer waren und eigentlich eine einladende Gastwirtschaft gebraucht hätten, dann kam auch eine. Der Michl den Majtes mit Bratkartoffeln und das Mars zum Nachtisch förmlich inhaliert. Der Fisch ist fast am Stück runtergeflutscht. Essen wichtig, sagt der Michl. Dann weiter an der Oder entlang. Weiter und weiter. Bestes Licht am Abend: Gerichtet wie ein Spot, und trotzdem mild und temperiert. Was für ein Licht! Hatte ursprünglich gedacht, diese Oderentlanggurkerei wäre langweilig. Nö. Am östlichen Arsch von Deutschland könntest du 60 Kilometer lang pausenlos in alle Richtungen fotografieren, so schön ist das. Zugegeben, alle sechstausend Fotos würden sich ähnlich sehen. Alle so mit Bilderbuchwolken, sattem Grün und kitschigem Vordergrund. Wurscht. Der Oderkenner schätzt das malerische Detail. Selbst wenn jedes Foto aussieht, wie es kein naiver Künstler mit Harmonieanfall hinbekommen hätte: Egal. Meinen Fotokurs für Anfänger würde ich an der Oder geben. Idiotensicheres Revier. Klare Ansätze von Paradies. Storch und Reh und wir in Lycra.

Gut, kann man auch sagen: Nach Torgelow und Pasewalk kann’s nur schöner werden. Hatte mir gestern das Wortspiel mit dem Platten im platten Land extra verkniffen. Hat aber nichts genutzt. Nach fachmännischer Flickerei dann Ventilbruch beim Pumpen. Doch an so einem Tag bringt uns nichts aus der Ruhe. Im schönen Angermünde sofort ein sympathisches Repaircafé gefunden, das erst einen Monat geöffnet hat. Ersatzschläuche aufgetankt. Easy.

Gibt so Tage, an denen nix wirklich schief geht. Dass wir Silver Rouleure das Programm nicht ohne Zipperlein absolvieren, war trotzdem zu befürchten. Mittlerweile melden sich die Verschleißstellen. Bei Michl quietscht die Achillesferse, bei mir scheuert die Patellasehne. Da kommt echtes Tourenfeeling auf. Radsport hat ja nix mit Talent zu tun. Stattdessen gehört das Leidrn dazu. Etwa so wie die Atemnot, in die man gerät, wenn man den Meerrettich perfekt dosiert hat. Wie gut, dass unsere Telediagnostiker mit hilfreichen Tipps aushalfen. Das erspart es uns, den pensionierten DDR-Dopingarzt zu konsultieren, der uns einen feinen Cocktail in die Muskeln spritzt.

Erkenntnis des Tages: Es kommt meistens anders… Was als Überführungsetappe gedacht war, entpuppte sich als Highlight. Morgen stehen die Oderperlen Frankfurt und Eisenhüttenstadt auf dem Plan. Die Silver Rouleure in Lycra sind bereit für weitere Grenzerfahrungen. Mal sehen, ob das milde Licht von Brandenburg gegen diese Städte etwas ausrichten kann.

Im Lokschuppen Pasewalk
Durch Vorpommern
In der Uckermark
An der Oder bei Hohensaaten
Auf dem Oderdamm
Verladeturm bei Groß-Neuendorf

Grenzerfahrung. Etappe 2: Greifswald – Pasewalk, 130 km, flach

„Das ist gut fürs Tagebuch“, bemerkte Michl nach rund 10 Kilometer Fahrt, als ich bemerkte, einen nicht gänzlich unwichtigen Teil des Gepäcks im Hotel stehen gelassen zu haben. Immer wenn etwas gut fürs Tagebuch ist, hat es was mit Extrakilometern zu tun, oder ich hab mich blamiert. Oder beides. Also wieder 20 Kilometer mehr als notwendig. Sonst wärs zu einfach.

Wir gondeln durch plattes Land. Pommern. Vorpommern, um präzise zu sein. Michl singt Allez, Allez, Allez. Zwischen den Alleen wurden ruhige Dörfer platziert. Die Literatur fordert an dieser Stelle zwingend den Ausdruck „wo die Zeit stehen geblieben ist.“ Wäre aber gelogen. Wir sind mit dem Rad unterwegs und spät dran. Wegen mir. Trotzdem passen wir uns der Ruhe an, gleiten dahin, machen platte Witze, singen platte Lieder, das Land ist sowieso platt und in jedem kleinen Dorf mindestens ein kleiner Wohnblock Platte. Gehörte halt zum guten Ton damals, die gute alten Platte.

Über Anklam und Ückermünde rauschen wir nach Pasewalk. „Da muss man nicht gewesen sein“ sagen die Einen. „Das ist der raue Charme des Ostens“, sagen die Anderen. Innenstädte, die von der Planwirtschaft auf dem Reißbrett angelegt wurden, verströmen besonderes Flair. Irgend jemand hatte behauptet, Pasewalk hätte eine Altstadt. Keine Ahnung, wo die sein soll. Hier nur planwirtschaftlicher Städtebau. Die Platten stehen allerdings in genügend Abstand. Zwischendrin zieht’s so stark, dass das Flair restlos entweichen kann.

Warum also Pasewalk? Wegen eines Lokschuppens. In diesem Eisenbahn-Abenteuermuseum kann man übernachten. Wir haben Schlafwagenabteile im Regierungszug der DDR. Honecker soll damit nach Finnland gereist sein. Weil es in den Abteilen eng zugeht, hat Michl die Hochzeitssuite bezogen. Sie wurde im Waggon für die großen Tiere eingerichtet. Wie sich alles passend zueinander fügt.

Erkenntnis des Tages: Vorpommern heißt sogar auf polnisch etwas, das übersetzt Vorpommern heißt. Obwohl die Polen ja von der anderen Seite auf Pommern schauen. Von dort aus gesehen Hinterpommern. Das verstehe ich vorne und hinten nicht. Platte Bemerkung, gell.

An der Ryck bei Greifwald
Anklam
Anklam
Bei Rosenhagen
Greifswald Hafen
Budewitz
Bei Mönkebude
Lokschuppen Pasewalk
Lokschuppen Pasewalk
Strecke der Etappe 2

Grenzerfahrung, Etappe 1, Kap Arkona – Greifswald 170 km, 600 Höhenmeter

Etwas rechtwinkliger Menschenschlag hier in Südschweden. Hätten die lockeren Dreikronen vielleicht etwas länger hier bleiben sollen, nachdem der schwedische König am Kap Arkona die Treppe hoch ist, um das Land zu erobern. Schweden ist das meist übersehene Nachbarland Deutschlands. Gibt ja keine wirkliche Grenze in dem Sinn. Aber der freundliche schwedische Einfluß im Pommerschen Charakter hätte gerne deutlicher sein dürfen. Als Gast bitte kein Sonderwünsche, sonst „Hamwernich“, in schroff. Nicht Frühstücken ohne Anmeldung. Auch wenn’s noch so viele freie Tische draußen hätte. Nur zum Beispiel. Aber der Michl ja ausdauernd. Das barsche Grummeln wird mit beharrlicher Freundlichkeit überwunden, und guck: geht doch. Dort am Kap Arkona, dem nördlichsten Punkt auf Rügen standen wir heute morgen, um die Herausforderungen anzunehmen. Von dort aus in Richtung Watzmann (Spoiler: kam was dazwischen). Traumhafte Wege. Wunderbares Licht. Überraschend bergig, die Insel. Bestellter Rückenwind war rechtzeitig geliefert worden. Üppiges Frühstück auch. Fein!

An die Einhaltung der Hygienevorschriften wird man sogar auf dem Rad erinnert. Wenn man sich während der Fahrt unterhält (schwierig wegen laut und Aerodingsdas), ist Mundbedeckung angezeigt, sonst Mückennachtisch. Dabei war das Sassnitzer Krabbenbrötchen vom Feinsten – wer braucht da ein mächtiges Dessert? Möglicherweise auf diese Art die leise Kritik an den Pommerschen Leuten geahndet. Mag sein. So sollte man bei schlechten Witzen oder ähnlichem Hirngespinsten verfahren: Mitten im Geschwätz eine moralbewusste Hygienemücke reinfliegen lassen. Dann ist erstmal Ruhe. Noch vor der Pionte. Oder auf Hygienedemos. Da gehören Hygienemücken eigentlich hin.

Wenn die Pommern die touristische Dienstleistung komplett einstellen, ist es aber auch kacke. Was wären wir gerne vom Fährmann der Glewitzer Fähre angeraunzt worden. Da kannst du von Rügen aufs Festland übersetzen. Zugegeben, es gab ein Schild, auf dem „Fähre gesperrt“ stand. Aber wir, nicht doof: Super freundliche Einheimische gefragt, ob das stimmt. „Nö, die ist offen, da macht Euch keine Sorgen, könnt ihr ruhig hinfahren“ . Wenn die Pommern freundlich sind, sollte man misstrauisch werden. Da standen wir an der Glewitzer Fähre, nur ohne Fähre. Die einzige Alternative bestand aus einem 50 km Umweg über den Stralsunder Damm. So wurde aus Einrollen eine 170-Kilometer-Challenge, aber glücklicherweise gab’s auf dem letzten Abschnitt von Stralsund nach Greifswald wieder leichten Schiebewind.

Erkenntnis des Tages: Es gibt zwei direkte Verbindungen von Stralsund nach Greifswald. Eine neue Bundesstraße für Raser – und eine alte B96, auf der man einsam radeln kann. Die alte B96 könnte sogar denkmalgeschützt sein. Nach runden 25 Kilometer historischem Kopfsteinpflaster erreichten wir Greifswald mit allerfeinst gelockerter Muskulatur. Endlich angekommen waren wir gerührt und geschüttelt.

Vonn Breege nach Altenkirchen
Am Kap Arkona
Am Kap Arkona
Bei Goor
Bisdamitz
Sassnitz
Alte B96 von Stralsund nach Greifswald
https://youtu.be/CjYE2PMZtLs
Etappe 1 im Spot

Bin schon so fokussiert aufs Radfahren. Hab erst in Münster gemerkt, dass ich die Radhandschuhe noch an den Flossen hab. Dabei sitz ich im Zug. Die Konzentration aufs Fahrrad muss nicht das Schlechteste sein. Manchem gilt das Veloziped als letzte Erfindung, die noch human war. Das heutige Fahrrad ist in Etappen erfunden worden. Das erste Teilstück hat Karl Drais auf dem Laufrad zurück gelegt, von Mannheim nach Schwetzingen, vermutlich ohne Handschuhe.

Später versuchte man sich an Hochrädern, was vielfach mit argem Aua verbunden war. Von dort oben fiel man tief, und man tat es oft. „Nimm ein Hochrad. Du wirst es nicht bereuen, falls du es überlebst.“ So lautet der Schlusssatz von Mark Twains Essay Wie man ein Hochrad zähmt. Viele weitere Geistesblitze (Luftreifen, Rohrrahmen, Kettenantrieb, Klingel) waren notwendig, um auf die heute übliche Form des Fahrrads zu kommen, damals Sicherheitsfahrrad genannt. Eines Tages ist aus all den feinen Zutaten, die ursprünglich fürs Fahrrad gedacht waren, ein Auto geworden. Viele behaupten: Die Idee mit dem Motor war schon eine zu viel. 

Das Fahrrad gilt als humane Technologie. Weil sie nicht stinkt, weil sie vom Menschen angetrieben wird, und vielleicht das Wichtigste: weil man sie vom bloßen Draufschauen versteht. Mal völlig egal, aus welchem Carbonschnickschnack die Dinger heute gebaut werden: Das Antriebsprinzip ist so wohltuend einfach, da bleiben keine Fragenzeichen. Sieht doch jeder. Kein Kind fragt, warum ein Fahrrad fährt. Beim Auto ist das anders. Und dann braucht es für eine erschöpfende Antwort ein Studium. Wenn ich Motor erklären sollte, wär ich in drei Jahren nicht fertig. Manchmal wünscht man sich, die Leute würden ausschließlich Dinge verwenden, die sie von vorne bis hinten erklären könnten. Nur eine Frage, bevor ich diesen Gedanken als philosophische Universalformel zur Weltrettung hochsterilisiere: Wieso fährt eigentlich dieser Zug? Ach… 

Erkenntnis des Tages: Den Wunsch nach der Erklärbarkeit der Dinge verschiebe ich auf morgen. Rückenwind könnte ich übrigens ganz toll erklären. 

 

 

 

 

Jetzt echt? Schon wieder so ne Tour? Vielleicht sollte ich vorher überlegen, warum ich mich darauf freue. Wenn Bata Illic oder Costa Cordalis sich einst fürs Dschungelcamp hergegeben haben, stand auch die Frage im Raum, ob das unbedingt hätte sein müssen. Costa und Bata redeten sich damit raus, dass es etwas zu verdienen gibt – und sichtbar wurden sie auch im ganzen Land. Es war für beide zwar unter Niveau, den australischen Grillen und anderen B-Promis ein Ständchen zu singen, aber eingezogen sind sie trotzdem. Vor aller Öffentlichkeit schwitzen, Sternchen feiern und nach Kräften zu versuchen, die menschlichen Peinlichkeiten in Grenzen zu halten, ist durchaus eine Herausforderung. Und das in aller Öffentlichkeit, praktisch live und in Farbe.

Wo ist denn eigentlich der Unterschied? Radlcompagnon Michl Luz und meine Windschlüpfrigkeit cruisen in Kürze mit den Velos durchs Land. Cap Arkona auf Rügen bis Berchtesgaden, so der Plan. Immer an der frischen Luft soll ja gut sein in Zeiten unsichtbarer Gefahren. Aber gleich so dauernd? In Dschungelcamplänge quasi? Ja, und zwar mit größtem Vergnügen. Mini-Serien funktionieren, sagt man. Wir sind ja das Gegenteil von eingesperrt. Wir nutzen die Freiheit, die uns das Rad verleiht, um von Arkona bis Watzmann die deutsche Realität zu genießen. Die Konsequenz lautet zwar Pirna statt Australien, aber wir sind ja morgen schon ein Stück weiter, während Costa und Bata im Camp eingesperrt blieben.

Aber das Wichtigste ist natürlich das Rad. Es erinnert uns daran, dass echter Genuss im Leben zwangsläufig mit Strampeln verbunden ist. Wir sind Flaneure zweiter Ordnung, also nicht zu Fuß unterwegs wie der große Stuttgarter Herzschrittmacher Joe Bauer, sondern etwas zügiger und in ganz Deutschland. Etwas mehr Puls dabei, aber wir müssen halt schauen, dass die Dinge im Rollen bleiben. Darum haben wir uns auf den Osten festgelegt, mehr Dschungelcampcharakter dort, außerdem wollte ich mich in Stuttgart-Ost nicht umsonst auf die Nase gelegt haben. Das härtet ab. Grenzerfahrung verweist also darauf, dass wir stets an der Ostgrenze entlang gondeln wollen. Offensive Erweiterung des Horizonts. Reisen bildet, sagt man. Probieren wir’s aus. Ob wir geistig fit genug sind, wird sich herausstellen. In aller Öffentlichkeit. Es ist ja so: Große Künstler können sich rar machen. Es sind die Möchtegerns, die mit ihren halbstarken Ideen ins Licht und die sozialen Netzwerke drängen. Und ähnlich wie im Dschungelcamp wird’s auch bei Michl und mir: Um so lustiger je schiefer es geht. Mit der Ausnahme, dass ich bitte nicht schief in Pirna hängen möchte. Das fänd ich unlustig.

Erkenntnis des Tages: Costa Luz und Bata Sautter sind bereit für die Grenzerfahrung Ost. Italien war geplant, jetzt gehts durch Frankfurt an der Oder. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Zwei Altsternchen auf Tour. Immer wieder eine große Freude. Hoffentlich sinken die Einschaltquoten nicht all zu tief in den Keller.



Bald geht das wieder los. Einige Zeit sah es so aus, als wäre sogar mein Trainingszustand einigermaßen passabel. Irgendwie eine Coronafolgeerscheinung, nur dass man nicht mehr so allein ist auf den Radwegen des Landes. Plötzlich fahren alle. Sogar Kumpel Dietrich, der bis dato noch keine Spur von Rennradliebe erkennen ließ, schaffte sich einen hipstermäßigen Retrorenner an. Feines Teil, so eine Gitane. Auf der Marke fuhren schon Anquetil, Van Impe, Hinault und Fignon. Und jetzt eben Dietrich, mit mir durch Stuttgart-Ost. Da muss man übrigens arg auf die Straßenbahnschienen aufpassen, am Ostendplatz. „Sind die schlimmsten Unfälle“, warnte ich altklug meinen Kumpel, bevor ich auf das fein asphaltierte Band zwischen den Schienen sprang. Die Straße ist für automobilen Verkehr gesperrt. So rollte ich zwischenschienig weiter hinab Richtung Gaisburg.

Wetter sonnig, Gedanken schweifen. Radfahren ist ja auch deshalb so wundervoll, weil das Rad zur Erweiterung des eigenen Körpers wird. Man bildet mit dem rollenden Gerät eine Einheit. Man beschleunigt aus den Hüften. Lenkt mit dem Instinkt. Man spürt durch die Reifen. Körper und Maschine als Einheit. Als wäre man darauf geboren. Man atmet die Geschwindigkeit und riecht jede Note. Wenn ein Sonntagsbraten bereitet wird, nimmt man es wahr. Ein Kiefernwald ist ein Festival. Allgäuer Latschenkiefer Hilfsausdruck. Die Natur erfüllt das eigene Sein. Der Fahrtwind streicht über die Haut. Wenn man im Tritt ist, erscheint die rollende Fortbewegung als völlig mühelose Erweiterung des Seins. Hände, Füße, Räder – klarer Fall von sechs Gliedmaßen. Man strampelt zwar ein wenig, aber im Wesentlichen schwebt man. Völlig natürlich und angenehm geräuschlos. Was man allerdings auch zugeben darf: Wenn es die rollende Mensch-Maschine plötzlich gewaltsam auseinander reißt, ist es auch extra schmerzhaft.

Mein Flug war leider zu kurz, um an dieser Stelle die Eindrücke zu schildern. Von der Landung kann ich sagen, dass sie durchaus ausbaufähig war. Mein Abrollen war wohl so einigermaßen der Situation angepasst, was aber nichts daran änderte, dass das rechte Handgelenk einen großen Teil des Aufpralls im Alleingang übernehmen musste. Glücklicherweise hatte Dietrich eine Wunddesinfektion an Bord. Dass ich als altkluger Schienenwarner selbst in einer Schiene hängen geblieben war, auf dieser Tatsache will ich an dieser Stelle nicht unbedingt weiter herumtrampeln. Die Pointe war vorsehbar. Nur für mich nicht, als ich auf dem Rad daherphilosophierte und dabei diese hinterlistig angelegte Weiche übersah. Dass sich die Stuttgarter Straßenbahnen an dieser Stelle die Verzweigung hätten sparen können… den Gedanken schenkt ich mir und pack mich besser genau an der Nase, auf der ich soeben gelandet war.

Erkenntnis des Tages: Vergiss nie die Regel Nr. 1, die besagt, dass man gefälligst hinschauen soll, wo man hinfährt. Beherzige auch die Regel Nr. 2. Darin steht geschrieben, dass man ein historisches Rennrad am besten dann fahren möge, wenn man die Schrauberei daran beherrscht. Unsere kleine Ausfahrt mussten wir später mit Hinterradschaden an der Gitane beenden, irgendwo auf halber Strecke in Nellingen. Andererseits: Das Hinterrad war vermutlich schneller wieder in Ordnung als mein Bremsgelenk. Kurze Zeit später wurde es in eine Schiene gebettet. Kein Grund zur Sorge, diese Zeilen tippe ich längst wieder mit den Fingern beider Flügel.