Andere lassen sich flächige Tattoos stechen. Mein Giro di San Marino hat auch Spuren hinterlassen. Mal öfter an die Fingerchen denken beim Händewaschen. Die Finale Tappa führte mich zuerst wie Paris-Roubaix in der apulischen Variante über Steinwege, die hierzulande als normale Landstraßen eingetragen und ausgeschildert sind. Ich schlängelte mich durch die Olivenbäume und wich dem stacheligen Bewuchs am Wegesrand meistens aus. Später stellte ich auf Asphalt fest, dass die Holperpisten die Muskulatur effektiv lockern. Dementsprechend trat ich vor Bari nochmal in die Pedale, um die letzten Kilometer würdig zu pfeilen. Das mit dem Anfahren des Sprint Royale auf meinem persönlichen Champs-Élysées darf der Stadtverkehr in Bari bitteschön noch mal üben. Aber mal ehrlich: Die Sprintwertung hatte ich eh schon gewonnen. Also ordnete ich mich brav ein und benutzte meine eingebaute schwäbische Hupe nur sehr selten. Was auf dem Bild meiner Zeichnung allerdings fehlt, sind die Biere, die ich mit der eingeflogenen Liebsten sofort in Angriff nahm. Hossa, jetzt erstmal einige Giorni di Riposo. Diese werden extrem ereignislos verlaufen. Ehrenwort. Ich freu mich drauf.

Vielen lieben Dank an alle, die mich mit Likes und wertvollen Hilfestellungen salbungsvoll auf meinem Weg begleiteten. Es war mir eine feine Motivation und ein großes Vergnügen, einige wirre Gedanken, gegen die man sich im Sattel kaum wehren kann, auf diese Weise loszuwerden. Eine tolle Unterhaltung, die mir meinen dreiwöchigen Ausreißversuch aufs Wundervollste erhellte. Danke, Danke, Danke. Erkenntnis des Giro: Der Weg war schön. Das Ziel ist das Ziel.

71 km, ca. 200 Höhenmeter

Bari

Kurz- und weitsichtig schließen sich nicht aus. Ich bin beides. Außerdem hör ich schlecht. Das Alter. Der Sinn, der am längsten im Argen liegt, ist das Näschen. In Form und Funktion. Seit ich das Ding vor Jahrzehnten auf eine Tür gedozt habe, bin ich der Letzte, der einen Geruch wahrnimmt. Und wenn sogar ich behaupte, dass es stinkt, dann stinkts gewaltig. Erst dachte ich, es sei die Zwiebelernte auf den Gemüsefeldern an der Apulischen Küste. Aber warum sollte es nach Zwiebeln riechen, wenn weit und breit kein Feld ist, und schon gar keine Zwiebel? Nein, es gibt nur eine Erklärung: Es ist was faul in Apulien. Und zwar auf der Strecke zwischen Manfredonia und Andria, die mich direkt am Meer entlang führte. Teilweise links Meer, rechts Lagune oder Saline. Und immer wieder diese Faulwolken. Vermutlich teils stehendes Wasser, teils modernde Ernteabfälle und viel nicht vorhandenes Umweltbewusstsein der Pugliesen. Vom Rad aus fast besser zu sehen als vom Auto. Die Autos müssen innen eigentlich alle picobello sein. Der gesamte Müll liegt am Straßenrand, dauernd. So ist das halt. Hab nichts gesagt, sonst heißt es wieder „deutscher Oberlehrer“. An Anderer Stelle hab ich sowieso nichts zu melden, zum Beispiel im Straßenverkehr. Als Radfahrer bin ich offenbar mit Tarnkappe unterwegs. Ich zähle nichts. Verkehrsregeln schon gar nicht. Es gilt das Gesetz der ersten Hupe. Wer sie zuerst drückt, hat recht. Besonders rücksichtslos sind Fahrer, die einen Beifahrer haben, der den Arm zum Fenster heraus lehnt. Den Zusammenhang kann ich nicht erklären. Bei uns ist es ja „Fahrer mit Hut“. Hier in Apulien „Beifahrerarm aus Fenster“. Das ist ja alles nicht schlimm. Wenn man es weiß, kann man sich drauf einstellen. In jedem Land stehen die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf einem großen Schild gleich hinter der Grenze. Warum nicht auch die ungeschriebenen Gesetze? Bei „Mann mit Hut“ könnte man das schön piktographisch umsetzen. Aber ich schweife ab. Die Schönheit Apuliens offenbart sich in den Städten. Sie sind rau, chaotisch und haben Atmosphäre. Ich bin in Andria, ein paar Kilometer im Inland. Dort sind im alten Stadtkern die Gassen so eng, dass ich mit dem Fahrradlenker schon gut aufpassen muss. Die echte Schönheit des Landes zeigt sich aber auf dem Teller. Ich erwische ein saugutes Restaurant mit echter Platte als Set und wirklich besonders apulischen Gängen. Nein, kein Aal. Schön, wenn Restaurants das kochen, was sie können, und nicht das, von dem sie denken, dass es die Touristen so wollen. Man schmeckt auf dem Teller, ob’s die Küche gerne macht. Auch die Gäste mit krummem Zinken. Meine Tour geht bald zu Ende, gut so, dann kann ich mich wieder besser ums Kulinarische kümmern. Platz wäre vorhanden. Erkenntnis des Tages: Mir geht langsam der Sprit aus. Außerdem zwickt es bald da und zwackt bald dort. Die Form wär hinüber. Regeneration bitte. Morgen noch nach Bari. Dann werd ich die Beine ins Meer hängen.

80 km, ca. 200 Höhenmeter

Andria

Die kleinen Sünden… Meine strukturelle Kritik an Termoli wurde auf der heutigen Strecke sofort bestraft. Erst ging’s fuffzich Kilometer langweilig gradeaus. Eine schmucklose Schnellstraße rüber an den Gargano. Keine Dörfer, kaum Vegetation und der Duft von spontanen Müllhalden entlang der Straße. Einige Kilometer Straßenstrich am frühen Mittag bildeten die einzige Abwechslung. Schön ist anders. Währenddessen kündigte die Sonne an, dass sie heute nicht gewillt war, Pausen zu machen. Hinter San Severo überlegte ich, ob es nicht angebracht gewesen wäre, mich der nordkoreanische Ordnung auf dem Touristrand von Termoli zu fügen. Aber ich wollte ja noch zum Gargano, des Stiefels hügeliger Sporn. Mein Mittagsziel war San Marco, offenbar im Tal gelegen, bevor ich am Nachmittag noch eine kleine Bergwertung holen wollte. Man sollte halt Karten lesen können. San Marco liegt schon auf 500 Höhenmetern, was ich erst ahnte, als der komplett schattenlose Anstieg im vermeintlichen Tal nicht aufhören wollte. Den Gargano als hügelig zu bezeichnen ist schlichtweg falsch. Noch vor Mittag traten die Beine in Bummelstreik. Ich stand. Als ich auf dem letzten Tropfen meiner Wasserflaschen San Marco erreichte, stand die Sonne senkrecht. Ich bog in die erstbeste Caffebar ein, um sie leer zu trinken. Die Bedienung klagte über eine Erkältung. Am späten Nachmittag setzt ich meine Pilgerfahrt fort. Auf der Abfahrt natürlich wieder Imperatore-Feeling. Aber auch kontrollierte Fahrweise, ein Schlagloch hätte mir gerade noch gefehlt. Nach weiteren geraden Kilometern begleitet von Olivenbäumen und ohrenbetäubenden Grillenkonzerten erreiche ich Manfredonia und muss sagen: Na also… Eine gewachsene Stadt mit Charakter und schönen weißen Fassaden. So wie sich’s in Apulien gehört. Auch Strand gewiss, auch Urlaub, aber viel mehr Stadt. Morgen ist Feiertag. Abendliche Passeggiata ist obligatorisch. Die Leute kennen sich. Währenddessen kämpfen sich die Kleinwagen durch die engen Straßenschluchten. Der Gemüsestand stört kaum, er steht fast in der Straßenmitte. Am Corso Manfredi sind alle Parkbänke besetzt. Wer heute nicht passeggiert, hängt morgen als Todesanzeige auf den Anschlagsflächen. Oder sitzt im Plastikstuhl mit den Nachbarn vor der Haustüre. Italien pur. Welt in Ordnung. Als ob ich mich nicht schon wohl genug fühle, stolpere ich am Ende der Fußgängerzone ins wundervolle Stadio Miramare. Innenstadtstadion, wo gibt’s denn sowas noch? Zwei Seniorenmannschaften duellieren sich unter Flutlicht und den Augen von immerhin dreihundert Zuschauern. Die Stadionkneipe ist klasse. Obwohl mich die Lokalen Ultras neugierig mustern. Aber ich habe keine Lust auf ein Fachgespräch. Das sollte als Stadionpunkt durchgehen. Erkenntnis des Tages: Meer: toll. Vom Stadion aus gesehen.

113 km, ca. 1115 Höhenmeter

San Marco in Lamis
Manfredonia

Für die Meisten bedeutet das Meer pure Erholung. Sonne, Strand, Super. Ganz normal: Weil längst bewiesen ist, dass ich nicht mehr normal bin, kann ich’s ja zugeben: Am Meer werd ich zickig. Je touristischer, desto zick. Die Orte leben davon, dass sie langweilige Menschen bespaßen müssen. Diese Industrie erschüttert meistens die Struktur des Ortes. Termoli, wo ich heute nach anspruchslosen hundert Kilometern gelandet bin, ist auch nicht frei davon. Aber wenigstens ordentlich aufgeräumt. In der Mitte steht eine alte verwinkelte Stadt auf einer Festung, fast 360 Grad von Meer umgeben. Die paar Gassen im Inneren der Feste sind natürlich zu wenig. Die Stadt hat sich dahinter den notwendigen Raum verschafft. Wenn man sich von dort Richtung Meer wendet, hat man rechts der Festung den Industriehafen, da stinkts nach Benzin. Links der Festung befinden sich fünf Kilometer Sandstrand. Da stinkts nach verbrannter Resthaut. Am Abend schälen sich die Touris unter ihren Sonnenschirmen hervor, und wuchten ihre trägen, aber wenigstens braunen Gestalten in die Neustadt. Dort werden sie von Gastronomen erwartet, die sich mit DIN A4-großen Tischnummern aufs große Fressen vorbereitet haben. Eine CD mit spanischen Salsapop läuft dazu in Endlosschlaufe. Das vergällt der Junior-Bergziege und Senior-Meereszicke etwas die Laune. Zugegen, keiner zwang mich nach Termoli. Aber über tausend Hügel kraxeln wollte ich auch nicht. Und schon gar keine Bergankunft. Drum Termoli. Das lag halt so rum auf dem Weg zum Gargano. Gegenmittel: Die Enoteca mit Weinen aus der Molise. So heißt die kleine Region, die Abruzzen und Apulien trennt. Und: Eine napolitanische Fritteuse, in die ich mich kopfüber reinwerfe. Dachte immer die Belgier seien Frittierweltmeister. Enzo aus Napoli kann’s auch. Lecker Frutti di Mare. Doppio bidde. Und dazu ein belgisches Bier. Erkenntnis des Tages: Auch Flachetappen haben ihre Haken. Sie offenbaren sich allerdings hinter der Ziellinie.

108 km, ca.900 Höhenmeter

Termoli
Vasto
Termoli

Mensch und Maschine hatten einen Ruhetag dringend nötig. Man könnte es im Giro-Speech auch als Bergzeitfahren verkaufen. Wenn ich mich in Chieti Alto einquartiere, ist es Ehrensache, dass alle drei Bici-Spezialisten unten in Chieti Scalo sind. Höhenunterschied wie Schwäbische Alb. Aber mein Bike wieder wie neu. Achter raus. Neue Bremsbeläge. Neu bereift. Saubere Sache, gerichtet vom Spezialisten Ivan Capone. Name wie Mafia. Mundwerk wie Italia. Preise fast umsonst. Als ich zahle, bemerkt die Thekengesprächsrunde meinen Handschuhabdruck. Arm braun. Hand kalk. Finger braun. Das verrät den Deutschen. Rauf nach Chieti Scalo fahr ich doppelt so schnell wie gestern. Frische Beine, ohne Gepäck. Man soll ja auch am Ruhetag die Haxen lockern. Am Abend sitze ich in der Piazza und staune, welche Vorspeisenplatte man mit einem Lächeln zu einem einzelnen Spritz bekommt. Acht verschiedene Häppchen. Mit Dip. Weil ich es aus La Concha Stuttgart anders gewohnt bin, geh ich noch eine Bar weiter. Dorthin, wo man ordentlich angeraunzt wird, wenn man einen schmucklosen Wein haben möchte. Lecce? Hab ich irgendwann was von Lecce fantasiert? Kann mich nicht mehr erinnern. Erkenntnis des Tages: Bari ist auch Apulien. Das reicht völlig. Sind noch dreieinhalb Etappen, wenn weiterhin alles klar geht. Hicks.

10 km, ca. 240 Höhenmeter

Chieti

Einmal Mond und zurück. Ich kann mich an keinen Tag auf dem Rad erinnern, der so eindrucksvoll war, wie der gestrige. Zurück von L’Aquila durch die Abruzzen über den Campo Imperatore nach Chieti. Das hatte im Profil gar nicht so schwer ausgesehen. Waren aber laut Garmin runde 2500 Höhenmeter. Aber sehr gerne. Die Strecke war der ideale Campo für mich, den Imperatore unter den Jungbergziegen. Vom ehemaligen Gletscher ist eine riesige Hochebene übrig, die ich gegen böhigen Wind auf gerader Rumpelpiste durchschneide. Ich, Rouleur Imperatore. Schon der Aufstieg war wunderschön. Zwischen den Steinen blühen die Kräuter. Hoch geht’s so langsam, dass ich die Pflanzen am Wegesrand bestimmen könnte, hätt ich nur einen Pflanzenführer zur Hand. Oben steht ein Schild, in Memoriam Pantani. Wie schnell der den Pass hochsprintete, will ich eigentlich gar nicht wissen. Hinter der Passhöhe geht’s runter zum Mond. Hinterm Mond geht’s dankenswerterweise noch weiter, meistens runter, jedoch mit schmerzhaften Gegenhängen, damit die Beine schön wehtun. Wunderbare Dörfer durchquere ich der Abfahrt. Caffebar Pflicht. Bei der Schussfahrt mit Aussicht trotz Staunen Mund geschlossen halten. Das habe ich gelernt, sonst droht ungebetene Mahlzeit. Was ich heute lerne, praktisch Erkenntnis des Tages: Statt Aussicht schön auf die Schlaglöcher achten. Sie sind immer immer immer dort, wo man sie nicht sieht, im Schatten unter den Bäumen. Tut man’s nicht, macht’s plötzlich Pffft. Nur ein kurzes Pfft. Und dann ist die Luft raus und der Achter drin. Langsam, ganz langsam nähere ich mich nach Schlauchwechsel am Abend Chieti und schwöre mir, dass ich bei der Planung in Zukunft keine Städte auf Bergrücken mehr ansteuere. Da macht selbst die Junior-Bergziege nur noch müde „Mäh“.

118 km, ca. 2538 Höhenmeter

Camarda
Campo Imperatore
Campo Imperatore
Castel del Monte Abruzzo
Villa Santa Lucia delli Abruzzi

 

L’Aquila soll auf keinen Fall untergehen, nicht im Diario – und auch sonst nicht. Nachdem ich die großen Viecher aus dem Weg räumte, passierte ich die Abzweigung nach Amatriche. Am Abend bestellte ich eine Pizza Nocerina. Erdbeben sind in den Abruzzen allgegenwärtig. In den Gassen von L’Aquila dampft auch am Samstagabend der feuchte Baustaub. Die Passeggiata läuft. Aber anders. Nicht die Frauen bleiben stehen an den Schaufenstern (die gibt’s noch nicht). Die Männer bleiben stehen und begutachten den Baufortschritt in der Innenstadt. Fünf Jahre hat’s gedauert, bis man sich an den Wiederaufbau der Stadt machte. Zuvor zog man improvisierte Trabantenstädte in den Außenbezirken hoch. So ging’s schneller mit den Wohnungen. Noch acht Jahre nach dem Beben wohnt in der vormaligen Innenstadt kein Mensch. Die Verzögerung ist offenbar original italienisch. Ein wenig unfähige Politik, eine Prise falsche Versprechungen, der Rest versickert in der Mafia. Seit drei Jahren wird im Zentrum wieder gebaut. Die Stadt hat ein Fest organisiert. Am zentralen Platz und vor dem Castello spielen Bands. Schön, dass die Passeggiata wieder lebt. Die Leute schlängeln sich durch die ehemalige Renommiergasse. Ein Paar Caffebars sind offen. Gelati gibts auch. Für mich bitte den großen Becher. Bin im Unterzucker. Die Abruzzen haben mir zugesetzt. Zumal ich vor dem großen Anstieg bereits 800 Höhenmeter in den Waden hatte. Erkenntnis des Tages: Wenn auf Hauptverkehrsstraßen kaum jemand unterwegs ist, muss das kein ungetrübter Genuss sein. Es könnte auch daran liegen, dass bald eine Totalsperrung kommt, die die Route mit steilen Feldwegen und abgelegenen Dörfern bereichert.

119 km, ca. 2500 Höhenmeter

Villa Passo
Frondarola
Abruzzen
Abruzzen
L’Aquila

 

Der alte Herr auf dem Klapprad hätte mich heute morgen leicht überholt. Trotz Ruhetag war mein Antrieb total im Eimer. Da ging es nicht um Kleinigkeiten wie Rasur. Sondern um den Inhalt. Was ich spürte war so flexibel wie armierter Beton. Schon als ich vom Frühstück die Stufen hoch aufs Zimmer ging, wußte ich, dass es kein Tag für Helden wird. Am dritten Tag und in der dritten Woche, sagt man bei Rundfahrten, sei es am schlimmsten. Dagegen war mein dritter Tag noch Zucker. Also Wellnessradeln. Freude am Fahren unter widrigen Bedingungen. Treten, damit es wieder besser geht. Ich hatte die Wahl zwischen Mittelgebirge und öder Adria. Keine Frage. An der Adria schob die Luft leicht anlandig. Nie war Rückenwind so wertvoll wie heute. Tatsächlich erspähte ich einen RennradSenior, der in meine Richtung bummelte. Genau mein Tempo. Außerdem bog er so zielstrebig um die Ecken, dass ich von seiner Orts- und Radwegkenntnis profitierte. Zu meinem eigenen Erstaunen kam im Laufe der Etappe mein Ein-Mann-Gruppetto wieder auf Touren. Plötzlich war der richtige Schnitt auf der Ebene wieder da. Ich bog ab ins Inland. Ziel Ascoli Piceno. Famose Stadt vor beeindruckender Kulisse. Unten Bruthitze. Im Hintergrund noch schneebedeckte Gipfel. Morgen früh wird’s spannend. Trau ich mich hoch in die Abruzzen – oder besser nicht. Nach dem Frühstück nochmal genau hören, was die Beine flüstern. Erkenntnis des Tages: Je älter die Fahrer, desto bunter das Trikot.

104 km, ca. 600 Höhenmeter

Ascoli
Ascoli
Ascoli

Die Entscheidung für den spontanen Ruhetag verdanke ich auch Macerata. Von dem Flecken hatte ich zuvor noch nie gehört. Was in meinem Fall auch daran liegen mag, dass der örtliche Fußballklub nur eine Saison in der Serie B spielte, und zwar noch vor dem Weltkrieg. Aber der Flecken lag eben günstig auf der Route. Welch Überraschung! Die Stadt erstreckt sich wundervoll über einen langen Hügel. Für die Insider: Perugia geschrumpft. Innerhalb der riesigen Mauern sind so viele Caffebars und Osterien, die kann man in einem Tag gar nicht alle probesitzen. Macerata verhält sich zu Ancona wie Tübingen zu Stuttgart. Buchhandlungen und Copyshops überall. Die Fakultäten der Uni verteilen sich gleichmäßig über die Stadt. Die Studentinnen auch. Als einziger Touri versuche mich harmonisch ins Stadtbild einzufügen, versage allerdings schon beim Bartwuchs. Ein Besuch beim Barbiere unterhält mich den halben Vormittag. Als schnöder Trockenrasierer lerne ich, wie lang der Profi einschäumt. Die Waden… ach, ich bin doch kein Poser. Mit dieser Haltung bleibe ich dann doch ein Unicum unter den hiesigen Rennradstramplern. So viel Widerstand muss sein. Erkenntnis des Tages: Radfahren ist klasse. Geht aber auch ohne.

Macerata
Macerata
Macerata

Ich kann nix dafür. Adria-Bilder sind auch nicht besser. Heut ging eh manches schief, wenn man davon ausgeht, dass ich eine gemütliche Flachetappe fahren wollte. Drum zur Abwechslung nach langer Küstenfahrt geplant: Bergankunft in Macerata. Total übersehen hatte ich die innerstädtischen Berge (Marke Alte Weinsteige, nur ohne Zacke) Das ist ja Höchststrafe. Steil und in den Abgasen. Ein Himmelreich für eine Serpentine. Ich rede von Ancona. Das darf man sich vorstellen wie Stuttgart, wenn man es als ultimative S21-Lösung geflutet hätte. Wo früher Mühlhausen gewesen war, kommen jetzt die großen Dampfer rein. Staubig wär’s dann immer noch. Und steil. Mit der Idee Macerata hab ich mir’s auch nicht leichter gemacht. Diese wundervollen Dörfer und Städte thronen in der Marken majestätisch auf den Höhenzügen. Wie draufgetupft. Dreimal hab ich von unten gedacht: Das ist jetzt aber Macerata. Dreimal falsch gedacht. Das Örtchen war immer toll, aber dahinter ging’s auch immer toll wieder runter. Ein Schild warnte vor 18%. Meinen ersten zaghaften Versuch der Abfahrt hab ich sofort wieder abgebrochen. Erstmal Scheibenbremsen nachziehen. Erkenntnis des Tages: Wo’s 18 % runter geht, geht’s auch gern mal 18 % wieder rauf. Also zieh ich den Joker. Spontaner Ruhetag ist dringend geboten. Den verbringe ich komplett in der Osteria dei fiori. Ich muss ja keinen Giro gewinnen.

131 km, ca. 1500 Höhenmeter

Sirolo
Montelupone
Macerata