IMG_1849Meine ultimative Kneipen-Empfehlung in Basel: didi:offensiv. Die Bar zur guten Fußballkultur. Eigens für die dortige Lesung hatte ich einen Text aus der Mottenkiste geholt, den ich bereits vor drei Jahren schrieb. Als kleines Dankeschön an Beni Pfister und Daniel Kessler, die die Lesung organisierten, und die vielen Fußballexperten, die sich bei der Lesung vergnügten, poste ich an dieser Stelle gerne den Text, mit dem man in Basel nichts falsch machen konnte.

Wie ich Fan des FC Basel wurde

Mitte der ersten Halbzeit begann ich mich zu fragen, ob diese Art von Abenteuertourismus wirklich sein muss. Dieser arg unfreundliche Grieche, der mir seine merkwürdigen Buchstabenzeichen ins Gesicht schleuderte, erweckte durchaus den Anschein, als könne zum Erstschlag ausholen. Ort des Geschehens: Die Olympiakos-Kurve beim Athener Lokalderby Piräus gegen Panathinaikos Athen. Wie unschwer zu erraten war, ging es um meine Spiegelreflexkamera. Ich wollte eben auch fotografisch dokumentieren, wie es im Piräus-Block zuging. Allerdings handelt es sich bei derlei wuchtigen Foto-Geräten um Teufelszeug. Sagen die Ultras. Nämlich um Handwerkszeug entweder von Bullen – oder von Journalisten. Beides bäh. Bei mir musste es sich also um einen Bullen – oder um einen Investigativjournalisten handeln. Dafür war meine Spiegelreflex Beweis genug.

Es war Not am Mann – und der Mann war ich selbst.

Ich stand allein im Stadion von Olympiakos Piräus, mitten im Block der harten Ultras. Ich, der ungeliebte, mindestens besserwisserische Deutsche. Allein unter Griechen. Und zwar von Griechen der raueren Sorte. Ein Botschafter Angela Merkels, nur ohne Steinmeier an der Seite. Und das, wo im diesem Moment die diplomatischen Bemühungen zu scheitern drohten. „Es ist nicht die Stunde der Fäuste“, hätte ich gern im Außenminister-Sprech gefordert, „es ist die Stunde der Diplomatie.“ Wo blieb eigentlich die internationale Presse mit ihren tausenden deeskalierenden Mikrophonen? Zugern hätte ich mit ernster Mine in eine hilfreiche Kamera geschaut. Es hört sich ja immer gut an, diese Sätze, die Steinmeier von sich gibt. Zum Beispiel. „Wir müssen jetzt alles tun, um weiteres Blutvergießen zu verhindern.“ Oder: „Ich habe das Gefühl, dass es noch ein Chance gibt, aber dafür müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen.“ „Die Menschen haben eine diplomatische Lösung verdient. Es ist die Stunde der Politik.“ Oder so ähnlich. Übrigens: Steinmeier hat auf seinen Reisen in die Krisengebiete der Welt noch nie selbst eins in die Fresse bekommen. In meinem Fall, für das Krisengebiet Olympiakos-Kurve, war ich mir nicht mehr so sicher. Wo war eigentlich meine Delegation? Mutterseelenallein stand ich der vollbesetzten Kurve – und blickte ins Angesicht eines radikalen Attentäters.

Mittendrin im NebelWer diese Gegend kennt, weiß, wie schnell sich eine einzelne Meinungsverschiedenheit zu einem Flächenbrand entwickeln kann. Diese Gegend, also die Kurve von Piräus, ist ein Pulverfass. Nicht nur wegen der vielen Bengalos. Eine Viertelstunde zuvor sah ich, wie sich zwei Piräus-Fans eine Schneise durch die Kurve prügelten. Der Eine drosch auf den Anderen ein. Den Nasenbeinbruch des Anderen konnte man bereits über zehn Reihen hinweg erkennen. Das hielt den Einen nicht auf, weiter zu prügeln. Von den Umstehenden wußte offenbar niemand, worum es ging. Sie wollten damit auch nichts zu tun haben – und gingen brav zur Seite. Wer will schon in eine Schlägerei verwickelt werden, wenn er nicht weiß, worum es geht? Und schon gar nicht in der Piräus-Kurve. Ich konnte das nachfühlen.

Im Moment sah es so aus, als würde sich die nächste Schlägerei an meiner Wenigkeit entzünden. Die griechischen Buchstaben schossen wie Pfeile durch die Luft. Meine Versuche, die Situation auf englisch zu kontern, schlugen fehl. Ohne seine Worte wirklich zu verstehen, war mir klar, was diese narbengezeichnete Verbrecherfresse suchte: ein Opfer. Und ich stand da, geradewegs in der Schußlinie. Endlich ist mal ein Deutscher da, wenn man ihn wirklich braucht. Endlich mal einer, den man ungestört verprügeln konnte. So oder so ähnlich stand es in seinem Gesicht geschrieben. „Otto Rehakles hilf“ beschwor ich die griechischen Götter. Aber diese Gebete mussten ins Leere laufen. Rehhagel lebt schließlich noch. Und zwar in Essen, also weit weg vom griechischen Götterhimmel. Kein Steinmeier, kein Rehhagel. Die Lage war zerfahren.

Wie war ich in diese Situation geraten?? Nun, ich war mit einer Groundhopper-Delegation unterwegs. Allerdings waren wir ohne Tickets angereist. Anfängerfehler. Drei Stunden vor dem Spiel, als die Welt vor dem Stadion noch völlig in Ordnung war, sprach ich mit mehren dunklen Gestalten, die mit einem Bündel an Karten ausgestattet waren. Doch Geld war nicht im Spiel.  Es handelte sich auch nicht um Schwarzmarkthändler, sondern um Ultra-Capos, die ihre Bande mit Eintrittskarten versorgten. Dass alle zusammengehörten, erkannte man am Unterarm. Alle ähnliche Tattoos. GATE 7 stand überall drauf. Das Zeichen der Olympiakos-Kurve. Am geschlossen GATE 7 kamen vor Jahrzehnten mehrere Piräus-Fans zu Tode.

Kein Tattoo, keine Tickets. So einfach war das. Als sich die Groundhopper-Delegation ins benachbarte Café an der Ecke zurückziehen wollte, entwickelte sich gut hörbar eine Keilerei, und zwar genau dort drüben, wo ich vorher um Tickets nachsuchte. Plötzlich schnitt die Luft in die Augen. Tränengas. Bloß weg hier. Die Kontrahenten der Keilerei waren übrigens nicht die beiden Fanlager. In griechischen Derbys sind keine Vertreter der Gastmannschaft erlaubt. Ersatzweise legen sich die Heimfans mit der Polizei an. Eine Stunde vor Spielbeginn – das Tränengas war längst über die Ägäis gezogen – wurden wir doch noch reich beschenkt. Ein Ultra-Capo, der seine Kumpels versorgt hatte, drückte uns zwei Karten in die Hand. Für lau. Allerdings in getrennten Blöcken. Die anderen beiden Delegationsmitglieder begleitete er persönlich hinein ins Stadion. Wer mit den Ultrachefs reingeht, braucht keine Karten. Die Stadionordner stecken mit den Ultras unter einer Decke. Auf meiner Karte erkannte ich die Zahl 3. Gate 3. Gottseidank nicht Gate 7. Was ein Glück. Ich ging durch Gate 3. Allerdings nur, um festzustellen, dass Gate 3 und Gate 7 auf dieselbe Tribüne führten. Ich beschoss vorsichtig zu sein. Nur ein paar Fotos, dachte ich, die würde man sicherlich machen können, das unvergessliche Erlebnis sollte schließlich festgehalten werden. Was ein Schwachsinn!

Mein letztes Bild aus dem Stadion

Da stand ich also, allein im Block, gegenüber einer griechischen Schlägerfresse, die gerade dabei war, die 30 Zentimeter, die noch zwischen uns lagen, weiter zu verkleinern. Nachdem meine ersten diplomatischen Versuche von der Schlägerfresse ignoriert wurden, beschloss ich, dass Scheitern der Verhandlungen offenbar zu machen: Ich antwortete auf schwäbisch. Die inner-europäische Diplomatie funktioniert manchmal wie Kindergarten. Wie Du mir, so ich dir. Jetzt sprachen wir auf Augenhöhe. Er verstand mich so wenig, wie ich ihn. Kommunikatives Totalversagen. Zu meiner eigenen Überraschung wirkte das Nichtverstehen beruhigend. Oder war es nur die Tatsache, dass ich meine Spiegelreflex wieder in die Tasche sortierte? Egal. Langsam schien es so, als würde die Schlägerfresse die Lust am fruchtlosen Dialog verlieren. Vor seinem Rückzug deutete er nochmal auf meine Kameratasche, dabei machte er eine Geste, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Das hörte sich nach einem Kompromiss an. Er verzichtet auf die Schlägerei, ich auf die Knipserei. Mit einem „Ischjoaschoguat“ ratifizierte ich seinen Vorschlag. Die Schlägerfresse ging dahin zurück, wo sie herkam: einige Reihen unterhalb meines Platzes verschwand er in der Menge der Ultras.

In der Halbzeit erkundigten sich meine Sitznachbarn bei mir, was denn der Grund für meinen Disput gewesen wäre. So kamen wir ins Gespräch. Um allen unnötigen diplomatischen Scharmützel aus dem Wege zu gehen, tarnte ich mich konsequent. Im Englischen sind sich der schwäbische und schwizerdütsche Akzent durchaus ähnlich. Ich gab zu Protokoll, dass ich aus Basel komme. Schweiz, neutral – und nicht mal in der EU. Praktisch, bevor mir jemand mit Staatsverschuldung kommt.

Schon bei den ersten Worten entdeckte ich allerdings den Fehler meiner Strategie. Echt doof, wenn der Sprecher, der behauptet, er wäre aus Basel, nicht mal weiß, wie man Basel eigentlich auf englisch ausspricht. Basil? Das heißt doch Basilikum. Bale? Das war vermutlich französisch. Basle?Also B-A-S-L-E geschrieben. Das hört sich wieder wie Basilikum an. Erst als ich mich dem Altgriechischen Ausdruck Basilea bediente, begann die Umstehenden zu begreifen. Oder war Basilea womöglich italienisch? Egal. Man ahnte langsam, woher ich komme. Und bevor weitere Fragen aufkamen, spielte ich meinen Trumpf aus. Ich hatte unter der Woche Euroleague geschaut. Also schwärmte ich vom sagenhaften Elfmeterschiessen, als Yann Sommer mit magischen Händen den Sieg für den FCB festhielt. Die Erzählung ergänzte ich mit einem optimistischen Ausblick auf das bevorstehende Halbfinale der Euroleague gegen den FC Chelsea. Wortreich schwärmte ich vom FCB, der absoluten Top-Mannschaft, den aufsteigenden Stern Europas. Mit meinem Wortschwall gewann ich Zeit, Zeit um mich selbst einzugrooven in meine neue Identität als Schweizer, als Supporter des FC Basel. Vermutlich wollte ich solange sprechen, bis ich selbst davon überzeugt war, jetzt ein Basel-Fan zu sein. Und in der Tat: Je länger ich sprach, umso sympathischer wurde mir mein soeben gewählter Verein – außerdem erinnerte ich mich an Marco Streller, der einst beim VfB Stuttgart alles verstolperte, was er nur freistehend verstolpern konnte. Plötzlich war ich mit Streller wieder einverstanden. Ich spürte die Euphorie in mir aufsteigen – und ich begriff: Als Basel-Fan war ich schließlich mit meinem neuen Verein im Halbfinal der Euroleague.

Doch die ganze Basel-Begeisterung verpuffte. Meine Gesprächspartnerin stellte trocken fest: „It’s funny, you look like German.“ In meinem Konter lag bereits ein wenig Verzweiflung: Ja, gab ich zu, das sei ein bekanntes Problem vieler Schweizer. Und gerade Basel läge eben nah an der deutschen Grenze. Da könne man eine gewisse Ähnlichkeit eben nicht  abstreiten. Ob sie mir meine Basel-Story wirklich abnahm, war bald egal. Endlich regierte die Gastfreundschaft. Sie wurde angedient in einem kleinen Plastikgläschen. Gefüllt mit ouzo-artigem Gebräu. Wenn einem so viel Gutes wird beschert, das ist schon einen radioaktiven Ouzo wert. Der selbstgebrannte Schnaps war gewiss nicht allererster Güte. Aber nach dem sechs Plastikgläschen stellten sich keine kulinarische Fragen mehr. Außerdem hatte man mir bald angeboten, gemeinsam zur U-Bahn-Stadion zu gehen, damit mir nichts passiere. „Schnaps-Diplomatie“, dachte ich, als wir gemeinsam zur U-Bahn spazierten. Steinmeier wäre stolz auf mich gewesen.IMG_1840

 

„Bernd Sautter aus Stuttgart ist geradezu Fußballphilosoph. Der Buchautor und ehemalige Jugendspieler in einem schwäbischen Verein betrachtet diese Sportart mit viel Liebe zum fußballerischen Umfeld.Es sind die kleinen und großen Dramen bei Fußballspielen, Sautter schildert. Die Verlierer, und nicht nur die auf dem Fußballplatz sind Inspiration für Literatur und Musik, meint er nachdenklich im BZ Gespräch und zählt dabei zahlreiche klassische Beispiele auf. Fazit: Dieses Buch beschreibt den Fußballsport als einen Teil des menschlichen Lebens.“

Dieter Erggelet in der Badischen Zeitung über mein Programm zum Neujahrsempfang des FC  Emmendingen 03

Den Jahresauftakt des FV Olympia Laupheim gestaltete ich mit Olaf Nägele, der seinen Krimi „Göttle und der Kaiser von Biberach“ im Gepäck hatte. Der Krimi ist uneingeschränkt zu empfehlen. Alle Laupheimer werden schnell erkennen, dass Nägele darin auch die Geschichte vom FV Olympia Laupheim verwendet hat.

Reiner Schick in der Südwestpresse über die Live-Auftritt mit Olaf Nägele in Laupheim: „Unterhaltsam war der Abend also – vermutlich sogar unterhaltsamer als manches Fußballspiel. Ansonsten ist Bernd Sautters Auftritt in der Olympia-Gaststätte vor allem ein kabarettistisches Dribbling. Viel Erheiterung im Saal ruft das von einer Boulevardzeitung hochgepuschte „Gipfeltreffen der Gurkentruppen“ mit dem FC Auwald bei Dietenheim als einst angeblich schlechteste Fußballmannschaft Deutschlands hervor.“

 

Einer der schönsten Momente, die ich im Zusammenhang mit dem Buch genießen durfte, erlebte ich neulich im Albgaustadion in Ettlingen bei Karlsruhe. Schon als ich die Geschichte recherchierte, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Ich hatte erfahren, dass in den siebziger Jahren ein Mann ein Stadion im Alleingang gebaut hatte. 1o Jahre schuftete er im Albgaustadion, freiwillig, und ohne, dass er fremde Hilfe in Anspruch nahm. Als wäre das nicht schon skurril genug, gab es eine weitere Überraschung. Ich konnte den Mann noch zu seinem Werk befragen. Albert Olbrechts ist eben ein solch zäher Bursche, dass ihm der normale Alterungsprozess nichts anhaben kann. Inzwischen ist er genau 100 Jahre alt – und putzmunter.

Während inzwischen schon junge Familien beim Wohnungskauf überlegen, ob die Wohnung wohl seniorengerecht sei, lebt die Familie Olbrechts wie selbstverständlich im ersten Stock. Als mit wir mit dem Stadionbauer aufbrachen, hüpfte er die Stufen hinab, dass ich mein Hüftschaden Mühe hatte zu folgen. Im StadOlbrechts2 (3 von 3)ion angekommen, glänzten seine Augen. Zum einen lag sein Werk wunderbar in der Herbstsonne. Zum anderen strahlte die neue Tartanbahn. Der ehemalige Marathonläufer und deutsche Seniorenmeister lief gleich einige Meter im Laufschritt über die Bahn. Freilich immer mit den Händen am Rollator – das sie zur Beruhigung derjeniger erwähnt, die schon in jungen Jahren nicht auf diese Gehilfe verzichten können.

Die Geschichte des Mannes, der ein Stadion alleine gebaut hatte, wird in der nächsten Ausgabe von 11Freunde aufgegriffen. Die Long Version, die die Lebensgeschichte von Albert Olbrechts nachzeichnet, gibt’s natürlich exklusiv in „Heimspiele Baden-Württemberg“. Ich freue mich jetzt schon auf die Portraits von Janek Stroisch, die er gestern im Albgaustadion schoss.

 

 

 

 

Dieses Buch ist ein Knaller für den Fußballfan aus dem Ländle, egal ob er aus Baden oder Württemberg kommt.

Martin Kuld, ka-news.de -> Link

 

Seine „Heimspiele“ sind nicht nur eine Sammlung großer Ereignisse. Sie spiegeln den Lauf der Zeit, beleuchten gesellschaftliche Entwicklungen und bestätigen damit eine alte These: Fußball ist nicht unser ­Leben, Fußball ist für viele von uns ein Teil des Lebens wie gute Songs, bewegende ­Filme oder miese Geschäfte.

Joe Bauer, Stuttgarter Nachrichten -> Link

 

Geschichten über Funktionäre, Spieler, Trainer, Stadien und Fans. Geschichten, hätten sie sich nicht so abgespielt, möglicherweise die Geschichte verändert hätten.

Reutlinger Generalanzeiger

 

Unser Urteil fällt eindeutig aus. Für jeden Fan des Fußballs, der mehr über jenen erfahren will als nur das ewig gleiche Bundesliga-Geschreibsel der einschlägigen Medien und Autoren, ist dieses Buch ein Muss. Doch auch für nicht Fußball-affine Leser, die einen fundierten Einblick in die Geschichte des Ballsports in unserem Bundesland erfahren möchten, können wir es nur ans Herz legen.

Philipp Maisel, fupa.net ->Link

 

Ein besonderer Leckerbissen erwartet Fußballbegeisterte aus Baden-Württemberg. Autor Bernd Sautter unternimmt eine fußballerische Rundfahrt durch das Bundesland: Seine Publikation ist Reiseführer, Anekdotensammlung, Bildband und Geschichtsbuch unter einem Deckel.

Magazin imspiel

 

Sautter formuliert knackig und pointiert. Herausgekommen ist ein unterhaltsames Werk.

Manuel Kern, Stuttgarter Zeitung

Heimspiele in der SWR Landesschau. Weltklasse moderiert von Florian Weber. Kreisklasse gegroundet vom Fußballautor. Danke für den Screenshot an Berzelinho. Merci für die Unterstützung beim kleinsten public viewing der Geschichte des fischlabors und an den Bildschirmen zwischen Aurich und Upflamör.

In Stuttgart muss man Abschied nehmen. Nicht von der Bundesliga (noch nicht). Für viele Fans kommt es schlimmer. Seit langem treffen sie sich in Otto’s Vesperstüble hinterm Stadion. Die Geschichte der kultigen Bier- und Schnitzel-Baracke habe ich im Buch aufgeschrieben. Meine letzten Sätze: „… die Uhr des Vesperstübles läuft ab. Es gibt keine Chance auf Verlängerung des Pachtvertrages. Die Stadt saniert gerade das gesamte Areal. Noch weiß niemand, wie die Kultkneipe zum dritten Mal gerettet werden kann.“

Inzwischen steht fest: Nichts und niemand kann das Stüble retten. Das  Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach war eines der letzten, bei dem man die Kneipe besuchen konnte. Schon als ich das Buch schrieb, musste man befürchten, dass dieser historische Ort verschwinden würde. Insofern bin ich froh, dass ich mit meinem Werk  dazu beitragen konnte, das Vesperstüble auf immer im kollektiven Fan-Gedächtnis zu verankern.

Beim Heimspiel am Samstag durfte ich die Gelegenheit nutzen,  dem Wirt Theo Wörz am Originalschauplatz „Heimspiele“ in die Hand zu drücken. Auch die Stunden danach verliefen stilecht. Otto’s Vesperstüble eignet sich bestens, um Niederlagen bei Gerstenkaltschalen und assistierenden Kräuterlikören nach Art der Jägersmänner zu vergessen. Ob die Bierbaracke nochmal einen Sieg erleben wird? Angesichts der aktuellen VfB-Niederlagenserie bei Heimspielen darf man es bezweifeln.

 

 


Laut Wikipedia gibt es zwei berühmte Menschen, die den Namen Daniel Camargo tragen. Einen Serienmörder und einen Balletttänzer. In so fern freue ich mich, dass es der Balletttänzer ist, mit dem ich gemeinsam beim „Stadtschreibtisch“ der Stuttgarter Nachrichten auftrete. Der Tänzer ist Fußball-Fan und beim Themennachmittag „Sportbuch“ gut aufgehoben. Mehrere Bücher werden vorgestellt, unter anderem eines von besagtem Camargo, eins von Cacao, eins von Gilbert Gress und eins von Bernd Sautter. Alle Autorenlegenden sind anwesend.

Tatort: Buchhandlung Wittwer am Stuttgarter Schlossplatz, Freitag, 9. Oktober, 15.00 Uhr.

Den ersten Auftritt habe ich allerdings schon am Montag, 28. September. Die Landesschau Baden-Württemberg ist furchtlos genug, um mich ins Studio einzuladen. Es wird dort um meine intensive Vorbildung als extensiver Groundhopper gehen. Eine willkommene Gelegenheit über meine Lieblingsthemen (Stadionwürste und Fangesänge) zu philosophieren.

Zu sehen am Montag, 28. September, ab 18.45 Uhr im SWR Fernsehen.

A5 Stadtschreibtisch Aktion Herbst_Ansicht

 

 

 

Langsam wird’s spannend: Letzte Schönheitskorrekturen an den Heimspielen werden soeben durchgeführt. Der offizielle Titel Heimspiele wurde auf Anraten des Verlages und der Buchhändler in Heimspiele Baden-Württemberg verlängert – und ich frage mich, ob damit die Aufforderung verbunden ist, dass ich alsbald Heimspiele Bayern oder Heimspiele Hessen in Angriff nehmen sollte. Trotz der Verlängerung lässt der Titel nichts zu wünschen übrig, was Plakativität betrifft.

Heimspiele Titel

Schön soweit, und wie steht’s bitte um die Innenseiten? Nun, da werde ich ein heißes Wochenende verbringen. Nicht nur was die Temperaturen betrifft. Die geplanten Ausflüge zu den DFB-Pokalspielen sind gestrichen, denn das Buch liegt in seiner ganzen Pracht vor mir auf dem Tisch. 300 Seiten rotstiftige Detailarbeit am eigenen Text freuen sich darauf, erledigt zu werden. Ob ich die Freude teile, da bin ich mir noch nicht im Klaren. Im Zweifel halte ich es mit dem großen Ruhrpott-Philosophen Aki Watzke, der in der letzten Saison von seiner Mannschaft „Blut, Schweiß und Tränen“ forderte. Angesichts der aktuellen Klimazone dürften bei mir allerdings keine Flüssigkeitsreserven für Blut oder Tränen zur Verfügung stehen. Ich fühle mich, wie einmal durch den Schweißwolf gedreht.

Baden gegen Württemberg: Das Spiel des Jahres.

Aus den Lautsprechern im Stadion am Holzhof dröhnt die Championsleague-Hymne. Wenn Platini das erfährt, könnte es teuer werden. Einen solchen Andrang hat der Pforzheimer Fußball schon lange nicht mehr erlebt. 3.400 Zuschauer wollen das das letzte Spiel der Spielzeit 14/15 sehen –  für viele ist es gleichzeitig das Spiel des Jahres. Im Rückspiel der Aufstiegsrelegation zur Oberliga Baden-Württemberg stehen sich die Tabellenzweiten der Verbandsligen gegenüber. Aus Nordbaden der CfR Pforzheim, aus Württemberg der 1. Göppinger SV. Göppingen bringt einen 1:0-Vorsprung aus dem Hinspiel mit an den Pforzheimer Holzhof. Bisher setzt sich die Oberliga Baden-Württemberg in der Spielzeit 2015/16 aus 9 württembergischen Teams und 8 Mannschaften zusammen, die aus dem nord- oder südbadischen Raum kommen. Kommt der CfR Pforzheim weiter, ist die Liga völlig ausgeglichen, was die Landesteile betrifft.

Bisher ist der CfR nicht über die Rolle des ungeliebten Kindes hinausgekommen. Dar Holzhof ist das ehemalige Stadion des VfR Pforzheim, einer der zwei großen Pforzheimer Clubs, die vor einigen Jahren fusionierten, und damit den CfR bildeten. An der Fassade des Vereinsheims prangt auch noch fünf Jahre nach der Fusion das alte Wappen des untergegangen VfR. Links davor hängt sogar noch eine Plane mit der Aufschrift „100 Jahre VfR“. Man braucht nur eine Leiter und eine kleine Zange um die Kabelbinder abzuknipsen, an denen die veraltete Plane befestigt wurde. Aber in den letzten fünf Jahren hatte offenbar kein Mitglied eine Zange zur Hand. Das spricht Bände. Ein Alt-Fan des CfR erscheint mit einem Auswärtstrikot des ebenfalls verblichenen 1.FC Pforzheim. Niemand spürt Störgefühle. Jeder weiß: Nur wenn der neue Fusionsclub CfR endlich erfolgreich ist, wird er sich in der Stadt etablieren. Darum scheint es vor dem Spiel so, als ginge es für Pforzheim um mehr als nur um den Aufstieg. Der CfR, der immer noch als Fusionskonstrukt angesehen wird, kämpft vor allem um Akzeptanz und Unterstützung.

Die gute Nachricht für beide Vereine: Einer steigt auf. Beide Mannschaften verbinden mit Relegationsspiele keine überdurchschnittlich guten Erfahrungen. Die beiden Vorgängerclubs des CfR, das wissen alle Pforzheimer Fußballfans, waren rituelle Relegationslooser. Was der 1.FC Pforzheim und der VfR Pforzheim im letzten halben Jahrhundert ihres Bestehens an Relationsspielen und Aufstiegsrunden gegeigt hatten, passt in gebührender Ausführlichkeit in keine Vereinschronik. Immer wenn’s drum ging, zog Pforzheim den Kürzeren. Hat der CfR womöglich die Seuche geerbt? Wundern würde es niemanden. Beim 1.Göppinger SV ist die Relegationsschwäche jüngeren Datums. Göppingen war im letzten Sommer schon in diesen Ausscheidungsspielen vertreten – und zog gegen Germania Friedrichstal den Kürzeren. Die Experten behaupten, dass der CfR eigentlich favorisiert wäre. Allein vom Papier her, scheint dies nachvollziehbar. Nach der Kooperation mit dem TSV Grunbach, der seine Mannschaft aus der Oberliga zurückzog, stehen im Pforzheimer Kader zahlreiche Spieler, die bereits Oberliga-Erfahrung haben. Alle von den Grunbacher Höhen des Nordschwarzwaldes hinunter an die Enz gewechselt, wo nun der erste Anlauf genommen wird, die große alte Fußballtradition der Goldstadt wiederzubeleben. In dieser Hinsicht scheint die Qualifikation für die Oberliga das Mindeste, was der CfR erreichen sollte.

Vom Anstoß weg läuft erstmal alles wie erwartet. Pforzheim drängt. Göppingen steht tief. In der 18. Minute fliegt eine Flanke in den Göppingen Strafraum, die Daniel Calo zum 1:0 verwandelt. Der auffälligere der beiden CfR-Stürmer ist eigentlich sein Sturmpartner Dominik Salz, und das liegt nicht nur am Rugby-Kopfschutz, den er in Cech-Manier trägt. Von Salz geht ständig Gefahr aus, wenn er den Ball führt. Aber er führt ihn immer seltener. Das Gegentor weckt Göppingen, die bis zum Halbzeitpfiff feldüberlegen sind. Auch in der zweiten Halbzeit sieht es lange so aus, als würde Pforzheim auf passablem Niveau den Aufstieg verpassen. Druckvoll spielen nur die Gäste aus Württemberg. Sie erzielen sogar ein Tor, aber in der Tat liegt der Schiedsrichter richtig, als er entscheidet, dass es mit der Hand über die Linie gedrückt wurde. Eigentlich hat Göppingen nur Problem: Kopfballstärke. Nach einem Eckball für Pforzheim kommt Manuel Salz mit seinem Rugby-Helm frei zum Kopfball. 2:0. Auch das 3:0 kurz vor Schluss fällt, nachdem der CfR zwei Kopfballduelle im Göppingen Strafraum klar gewinnen konnte.

Mit freundlichem Kopfnicken und höflichen Applaus goutieren die Pforzheimer Zuschauer den größten Erfolg der jungen Vereinsgeschichte des CfR. Das unvermeidliche Wearethechampions dröhnt durchs Enztal. Danach auch die neue Clubhymne. „Der Club und die Rassler – auf ewig verwoben, gemeinsam kämpfen, das Ziel geht vor,“ so wird es auf Schlagerniveau beschworen. An den Lautsprechern liegt’s nicht, trotzdem ist die Botschaft noch nicht überall angekommen, dass der CfR die doppelte Kraft besitzt, eben die von 1.FC Pforzheim und VfR Pforzheim. Aber ein Anfang ist gemacht, denkt sich der Pforzheimer heimlich. Vielleicht wird es doch noch was, mit der Wiederauferstehung. Und möglicherweise gründet sich bald ein sogar mal ein CfR-Fanklub. Eventuell könnte es sogar sein, dass die Fußballkultur wieder im Enztal Einzug hält. Derlei Träume haben im letzten Saisonspiel 14/15 wieder Nahrung bekommen. Lange kann man es sich nicht mehr erlauben, einfach die Championsleague-Hymne zu spielen. In der nächsten Saison hören wieder ein paar mehr zu, was sich in Pforzheim tut. Und möglicherweise war der tiefe Fall allein schon deshalb hilfreich, weil man da unten, in der Relegation zur Oberliga, endlich die traditionelle Schwäche in Entscheidungsspielen besiegen konnte.