Eigentlich nicht schlecht, dass das Badische Tagblatt seine Kritik in eine Novemberausgabe gepackt hat. Passt gut für das Weihnachtsgeschäft, in dem üblicherweise mehrere zehntausend „Heimspiele Baden-Württemberg“ verschenkt werden. Vorteil, wenn man das Geschenk im November kauft: Man kann es vorher selbst lesen.

Der FC PlayFair! hat eine seine Thesen zu einer zeitgemäßen Interpretation des Fairness-Begriffs vorgestellt. Sehr guter Verein, dieser FC PlayFair! – das sag ich, obwohl ich als befangen gelten darf. Hier unsere Thesen im O-Ton.

Im Englischen gibt es den Begriff „Sportsmanship“, er bedeutet, sich beim Sport und auch generell wie ein Sportsmann zu verhalten. Oder eine Sportsfrau. Sportlich fair bleiben. Am deutlichsten zu sehen ist ein solches Verhalten im Fußball bis heute in der englischen Premier League: Schwalben sind dort immer noch verpönt. Sogar die Fans der Heimmannschaft pfeifen eigene Spieler konsequent aus, wenn diese versuchen, durch unfaires Verhalten einen Freistoß oder Elfmeter zu schinden. Ausnahmen bestätigen diese Regel.

Im Deutschen haben wir kein dem „Sportsmanship“ vergleichbares Substantiv, allenfalls ein denglisches „Fairplay“ kommt da ran.

Und weil dieses „Fairplay“ mit ausschlaggebend war bei der Gründung unseres Vereins, des „FC PlayFair! Verein für Integrität im Profifußball e.V.“, ist dieser Text ein Plädoyer für mehr Sportsmanship. Im Profifußball und sonstwo. Auf und neben dem Platz.

Was wir uns unter mehr Sportsmanship, also Fairplay bzw. sportlich fairem Verhalten vorstellen, haben wir in elf Thesen formuliert.  Manchem mag die eine oder andere These romantisch, geradezu naiv vorkommen – aber angesichts einer allgemeinen Skrupellosigkeit und Verrohung der Sitten in so vielen gesellschaftlichen Bereichen wollen wir ganz bewusst daran arbeiten, die Maßstäbe wieder ein wenig zurecht zu rücken. Daher lauten unsere Thesen wie folgt (die Nummerierung dient ausschließlich der besseren Übersichtlichkeit und stellt keinerlei Gewichtung dar):

  1. Fairplay heißt sportlich gewinnen – nicht um jeden Preis. Wer durch überzogene Darstellungen nach einem Foul oder durch Schwalben versucht, die Regeln zu seinen Gunsten auszulegen, der handelt nicht clever, sondern unfair.
  2. Fairplay ist, wenn Denken und Handeln übereinstimmen. Wir tun, was wir sagen.
  3. Fairplay ist Respekt vor dem Gegner, Anerkennung für den Sieger und Achtung des Unterlegenen. Also z.B. Anwesenheit bei der Siegerehrung, und keine verhöhnenden Sprechchöre.
  4. Fairplay bedeutet die vorbildliche Umsetzung der Werte, auf denen unsere Gesellschaft beruht, also u.a. Schutz von Minderheiten, Chancengleichheit und die Möglichkeit, dass jeder ohne Einschränkungen am Sport partizipieren kann.
  5. Fairplay ist das aktive Hinweisen auf die Einhaltung der Spielregeln. Gegebenenfalls bis zum Sanktionieren und Entfernen unfair handelnder Personen vom Sportplatz oder Stadion (Hooligans / rechte Unterwanderung / Rassismus).
  6. Fairplay erfordert den Einbezug, die Achtung und die Teilhabe aller Personen, die am sportlichen Wettbewerb beteiligt sind. Also auch Ehrenamtliche, Schiedsrichter, Fans – selbst wenn sie mittelbar keine „Stakeholder“ sind.
  7. Fairplay ist die geregelte Teilhabe der Fans. Ein Scheinverein, der keine Mitglieder zulässt, ist demnach ein unfairer Wettbewerber.
  8. Fairplay setzt den sportlichen Wettbewerb über die Erreichung wirtschaftlicher Ziele. Wer den Sport ausschließlich mit dem Ziel der Gewinnmaximierung fördert – und seine gesellschaftliche Wirkung damit ignoriert, der handelt unfair im Sinne des Sports.
  9. Fairplay fordert von allen Beteiligten den Blick auf die Erhaltung des sportlichen Wettbewerbs, also auch nachhaltige Investitionen in die Vorbildfunktion des Sports für unsere Gesellschaft.
  10. Fairplay fordert transparente Prozesse in der Organisation des Sports. Das gilt für Verbandsentscheidungen ebenso wie für Schiedsrichterentscheidungen. Fairplay muss vorgelebt werden. Das bedeutet auch eine grundsätzliche Verunmöglichung von Korruption.
  11. Fairplay bedeutet, dass jede sportliche Handlung der Jugend zum Vorbild dienen muss.

Bernd Sautter / heimspiele / Lesung

Als ich vor vier Jahren mein Buchprojekt zum Fußball in Baden-Württemberg startete, befürchtete ich durchaus ein kleines Shitstörmle. Ich ahnte, dass Leser sich beschweren könnten, weil sie eine relevante Geschichte kennen, die man unbedingt hätte im Buch aufnehmen müssen – ohne die das Buch eigentlich nichts wert sei.

Tatsächlich habe ich manche Auslassungssünde begangen, das liegt in der Natur der Sache. Die Seiten des Buches sind leider endlich. Auf Leben und Werk der Pforzheimer Barca-Legende Emil Walter verzichtete ich, weil das Magazin 11Freunde damals die Geschichte schon perfekt aufbereitet hatte. Das alte badische Lokalderby Kuppenheim gegen Gernsbach ist hinten runter gefallen. Auch in Hohenlohe hätte ich gerne noch länger gestöbert, dieser Landstrich ist in „Heimspiele Baden-Württemberg“ gewiss nicht ausreichend gewürdigt. Um nur drei von tausend Ansatzpunkte zu nennen.

Und trotzdem: Das Shitstörmle ist bis zum heutigen Tage ausgeblieben. Stattdessen erreichen mich Mails wie die von Dieter Geiselhart. Ich werde rot und bedanke mich herzlich für das feedback

„Hallo Herr Sautter, ihr Buch habe ich zu meinem 74. Geburtstag von einem Freund, mit dem ich früher auch Fußball gespielt hatte (Sportfreunde Stuttgart) geschenkt bekommen. Ich habe einige Monate benötigt um alle Geschichten zu lesen, da der Inhalt so intensiv war , dass ich immer nur einige Passagen lesen konnte und dann alles erst mal verarbeiten musste. Zu Ihrem Buch kann ich Sie nur beglückwünschen und hoffe, dass es für Sie auch ein Erfolg wird. In meinem Fußballarchiv gibt es kein Buch, das mit einer solchen Intensität auf die Geschehnisse im BW-Fußball eingeht. Dazu noch sehr lustig (und listig) nicht verletzend und breit aufgestellt – Baden  / Württemberg  / Damen / Präsidenten / Trainer / Spiele / Plätze –alles in allem eine Zeitreise, welche man so kompakt nirgends bekommen kann. Persönlich hatte ich beruflich mit Richard Ilg (Ottos Vesperstüble) und Erlfried König (Laupheim) zu tun. Er hat es bei unserer Firma  auch versucht. Vielen Dank für das tolle Fußballbuch auch an Ihre HelferDieter Geiselhart“

Herr Geiselhart, vielen lieben Dank für Ihre freundlichen Worte. Die Anerkennung an meine Helfer ist rausgegangen, auch auch diesem Wege.

Heimspiele // Baden-Württemberg // Bernd Sautter // Fußballbuch

Wie bitte… schon zwei Jahre her, dass „Heimspiele Baden-Württemberg“ erschienen ist? Damals hatte es der Verlag im Herbst auf den Markt gebracht, weil er sich sicher war hoffte, das Buch wäre als Weihnachtsgeschenk bestens geeignet. Stimmt, aber mal ehrlich: Heute,  zwei Jahre später, ist es keine Hoffnung, sondern vielfach bewiesen: „Heimspiele Baden-Württemberg“ ist ein Klasse Weihnachtsgeschenk. Es ist schwer, gehaltvoll und garantiert nicht nullachtfuffzehn. Es freut den Beschenkten und adelt den Schenkenden. Wer möchte, kann auch Blumen dazulegen.

Wenn man „Heimspiele Baden-Württemberg“ verschenkt, kann tatsächlich folgendes passieren: In Einzelfällen freuen sich die Beschenkten darüber. Einiger dieser Fußballkenner haben mir das bereits schriftlich kund getan. Ich sage: „Herzlichen Dank für die Zuschriften. Geht runter wie ein Strich in die Dreiangel.“

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Hallo Herr Sautter,
jetzt, da die Bundesliga-Saison vorbei ist, finde ich mal wieder Zeit, um Grundsätzliches zum Fußball zu lesen. Dabei fiel mir Ihr Buch „Heimspiele“ in die Hand, in dem ich immer wieder schmökere und das ich auch schon mehrfach verschenkt habe. Nachdem ich gerade auf der letzten Seite Ihre Email-Adresse gefunden habe, dachte ich mir, ich schicke Ihnen einmal mein Kompliment und meinen Dank für diese 94 Geschichten des Fußballs in Baden-Württemberg! Sie sind ein großes Lesevergnügen und der ultimative Beweis dafür, dass der Fußball ohne die Trainer, Spieler, Schiedsrichter, Funktionäre aus dem Ländle gar nicht denkbar wäre.

Vielen Dank dafür!

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Sehr geehrter Herr Sautter,
auf Ihr Buch bin ich durch die „Badische Zeitung“ aufmerksam geworden. Ich möchte es unserem Sohn schenken, der in Hamburg dem SC Freiburg die Daumen drückt.

Inzwischen habe ich es selbst (weitgehend) gelesen und möchte mich bedanken für dieses gelungene Werk: flott und sprachlich geschliffen, mit viel Detailkenntnis, unterhaltsam, wohlwollend humorvoll u.v.m., außerdem die badische Seite angemessen würdigend (verglichen mit SWR-Sendungen wie „Sport im Dritten“). Ich werde es noch mehrmals kaufen und verschenken.

Es sei ihm der gebührende Erfolg beschieden. Ihnen wünsche ich noch weitere solcher ideenreicher Kreationen.

Viele Grüße aus Emmendingen

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Hallo Herr Sautter,
zunächst mal vielen vielen Dank für Ihr Buch „Heimspiele Baden-Württemberg“!

Mit Genuss habe ich die einzelnen Kapitel gelesen und war auch erfreut, dass es Kapitel über meine „Heimat“ gibt! Als Dillweißensteiner (Pforzheimer) haben diese Teile des Buches natürlich für mich eine besondere Bedeutung… Egal ob Schnürles, Arthur Hiller, der FCP…

Einfach DANKE dafür!

Der Einzige, der mir persönlich gefehlt hatte (Sorry dafür, aber ich finde seine Lebensgeschichte äußerst spannend…), war Emil „Emilio“ Walter (http://m.11freunde.de/artikel/der-vergessene-barca-held-aus-pforzheim?utm_referrer=https://www.google.de/), den selbst in Pforzheim nur wenige kennen…Außerdem haben wir in unserer Vereinschronik einen Spielberichtsbogen der Kegelabteilung gefunden, auf dem Mehmet Scholl wieder zu finden ist! Weiterhin viel Erfolg, Spaß und Leidenschaft bei Ihrer Arbeit und sollte ein weiteres Buch entstehen, einen Käufer haben Sie auf jeden Fall! :-D

Für das tolle Feedback sage ich: „Danke ebenfalls. Es war mir ein Vergnügen.“ An den Leser aus Pforzheim: Stimmt! Falls es einmal eine Fortsetzung geben sollte: Emilio Walter ist auf jeden Fall drin.

Jetzt mal ehrlich: Darauf habe ich mich schon lange gefreut. Noch letzten Herbst hat Gress einen Besuch in Stuttgart kurzfristig absagen müssen. Jetzt kann nichts mehr dazwischen kommen. Gress kommt zurück. Sicher. Nach dem er als Fußball-Spieler bekannt, als Trainer berüchtigt, als TV-Experte geschätzt und als Show-Juror berühmt wurde (Letzteres zumindest in der Schweiz), gibt er uns jetzt im fischlabor die Ehre.

Häufig wurde in Stuttgart über eine Rückkehr von Gress gesprochen. Über fast zwanzig Jahre hinweg stand sein Name immer auf der Kandidatenliste, wenn der VfB einen Trainer suchte. Also ziemlich oft. VfB-Präsident Mayer-Vorfelder hatte den Kontakt zu seinem ehemaligen Starspieler nie abreißen lassen. Er war sich sicher: Der Publikumsliebling wird eines Tages nach Stuttgart zurückkehren. Auch den Journalisten gefiel die Idee eines VfB-Trainers namens Gress. Sie hätten ihn gerne wieder hier gehabt. Wo er war, gab es schließlich immer etwas zu schreiben. Trotz allen guten Willens: Gress kam nie wieder zurück, zumindest nicht als Trainer. Warum eigentlich?

Das – und vieles andere – werden wir ihn fragen. Beim Heimspiel mit Gilbert Gress…

am 14.3, 20.00 Uhr
im fischlabor, Ludwigsstraße 36, Stuttgart-West,
Eintritt frei

Technische Hinweise:

Reservierungen bitte per PN an mich (also hier) oder an Mike vom fischlabor. Die Plätze werden bis 19.30 Uhr freigehalten. Zu Ehren unseres Stargastes bleibt die Fußball-Loge rauchfrei (ausnahmsweise).

Jaja, ist ja schon gut, gestern Abend habe ich schon genug gesprochen – und möglicherweise auch manches, was ich besser nicht gesagt hätte. Darum bleib ich mal ganz ruhig – und gebe nur wieder, was Moritz Werz über die Podiumsdiskussion von fupa.net geschrieben hat. Trotz meiner Mitwirkung: eine sehr anregende Veranstaltung. Danke für die Einladung an Moderator Maisel von Veranstalter fupa.net, danke für die guten Bürger an das Team vom SV Eintracht Stuttgart. Hier der Bericht von Moritz Werz:

„Die Atmosphäre im Amateurfußball ist einfach toll“

4688489Von wegen den Amateuren geht die Luft aus: „Fußball ist geil!“, sagt Bernd Sautter, ein Kenner der Szene, „wir können überall spielen – wenn es sein muss, auch auf der Obstwiese. Dann sind halt die zwei Bäume unsere Tore.“

Kurzweilig, ohne verbale Fouls, verlief die Talkrunde „Gleiche Höhe“ im Vereinsheim des SV Eintracht Stuttgart. Thema des rund 90 Minuten dauernden Gesprächs: „Quo vadis, Amateurfußball?“ Hoch droben, in Degerloch, unterm Fernsehturm, stellten Sautter, dessen Heimatklub der TSV Aurich ist, Gökhan Dogan, Trainer des Stuttgarter Bezirksligisten Sportvg Feuerbach, und Philipp Maisel, der Projektleiter des Fußballportals „FuPa“, den Reiz und die Begeisterung des Amateurfußballs heraus.

Als Vertreter des Fußball-Bezirks Stuttgart mit am Ball: Harald Müller (TB Untertürkheim). Der ehemalige rechte Verteidiger ging vor knapp 30 Zuhörern in die Offensive: „Der Fußball kommt nun mal von unten, das ist die Basis. Hier gibt es die Grundlagen. Und die Atmosphäre im Amateurfußball ist einfach toll.“

4688492Gökhan Dogan, seit März 2015 für die Nord-Stuttgarter aktiv und zuvor der sportliche Übungsleiter beim FC Stuttgart-Cannstatt, ging sogar noch einen Schritt weiter: „Man kann den Alltag und die Probleme ausblenden – das ist Fußball.“

Bernd Sautter, „Groundhopper (zu deutsch „Spiel-Hüpfer“), reist leidenschaftlich gerne, sammelt Fußballplätze und -stadien: „Wer den Virus Fußball hat, kriegt ihn zeitlebens nicht mehr los. Ich bin mir sicher: Der Fuß ist eigentlich gemacht, um gegen den Ball zu treten.“

Humoristische, kabarettistische Züge hatte die vom Fußballportal „FuPa“ wieder ins Leben gerufene Talkreihe „Gleiche Höhe“ im Guts-Muths-Weg angenommen – sportlich, gute Unterhaltung war Trumpf. Schräglage, so heißt die Betreiberfirma des Sportheims vom SV Eintracht Stuttgart. Leichte Schräglage kam in den Räumen hinterm Gazi-Stadien nur einmal auf. Als es um den strittigen Punkt ging, wie schädlich Sonntag-Nachmittagsspiele im Profibereich für den Amateurfußball sind. „Wir haben Probleme, wenn der VfB sonntags spielt“, räumte Harald Müller ein, „müssen bis zu sieben Spiele verlegen, von Vereinen, die rund um die Stuttgarter Arena zu Hause sind.“ Bernd Sautter, der so manch‘ spannende Fußball-Geschichte in Baden-Württemberg kennt, beruhigt den Bezirkschef: „Freilich könnte die DFL den Kumpels an der Basis helfen. Ich bin mir aber sicher, auch wenn die These leicht gewagt ist, der Amateurfußball wird in Zukunft wieder steigende Popularität erfahren.“

P1030585Einig waren sich die Fußball-Talker in einer anderen Sache – „Amateurfußball war früher mehr“! Einst galt das Sportheim der Vereine als der zentrale Treff, Geselligkeit war Trumpf. Die Gesellschaft, das Freizeitverhalten mag sich gewandelt haben. Angst um die Zukunft braucht sich die schönste Nebensache der Welt jedoch nicht zu machen – dem Fußball geht so schnell nicht die Luft aus.

Harald Müllers Appell: „Unsere Vereine müssen herausstellen, was sie auszeichnet. Warum dabei nicht auch andere Abteilungen mit einbinden.“

Sie haben noch nicht genug vom Amateurfußball-Talk „Gleiche Höhe“? Reinklicken: www.fupa.net

(Vielen Dank an Moritz Werz für die feinen Zeilen, merci an das Team von fupa.net für Einladung, Film und Bilder)

IMG_1849Meine ultimative Kneipen-Empfehlung in Basel: didi:offensiv. Die Bar zur guten Fußballkultur. Eigens für die dortige Lesung hatte ich einen Text aus der Mottenkiste geholt, den ich bereits vor drei Jahren schrieb. Als kleines Dankeschön an Beni Pfister und Daniel Kessler, die die Lesung organisierten, und die vielen Fußballexperten, die sich bei der Lesung vergnügten, poste ich an dieser Stelle gerne den Text, mit dem man in Basel nichts falsch machen konnte.

Wie ich Fan des FC Basel wurde

Mitte der ersten Halbzeit begann ich mich zu fragen, ob diese Art von Abenteuertourismus wirklich sein muss. Dieser arg unfreundliche Grieche, der mir seine merkwürdigen Buchstabenzeichen ins Gesicht schleuderte, erweckte durchaus den Anschein, als könne zum Erstschlag ausholen. Ort des Geschehens: Die Olympiakos-Kurve beim Athener Lokalderby Piräus gegen Panathinaikos Athen. Wie unschwer zu erraten war, ging es um meine Spiegelreflexkamera. Ich wollte eben auch fotografisch dokumentieren, wie es im Piräus-Block zuging. Allerdings handelt es sich bei derlei wuchtigen Foto-Geräten um Teufelszeug. Sagen die Ultras. Nämlich um Handwerkszeug entweder von Bullen – oder von Journalisten. Beides bäh. Bei mir musste es sich also um einen Bullen – oder um einen Investigativjournalisten handeln. Dafür war meine Spiegelreflex Beweis genug.

Es war Not am Mann – und der Mann war ich selbst.

Ich stand allein im Stadion von Olympiakos Piräus, mitten im Block der harten Ultras. Ich, der ungeliebte, mindestens besserwisserische Deutsche. Allein unter Griechen. Und zwar von Griechen der raueren Sorte. Ein Botschafter Angela Merkels, nur ohne Steinmeier an der Seite. Und das, wo im diesem Moment die diplomatischen Bemühungen zu scheitern drohten. „Es ist nicht die Stunde der Fäuste“, hätte ich gern im Außenminister-Sprech gefordert, „es ist die Stunde der Diplomatie.“ Wo blieb eigentlich die internationale Presse mit ihren tausenden deeskalierenden Mikrophonen? Zugern hätte ich mit ernster Mine in eine hilfreiche Kamera geschaut. Es hört sich ja immer gut an, diese Sätze, die Steinmeier von sich gibt. Zum Beispiel. „Wir müssen jetzt alles tun, um weiteres Blutvergießen zu verhindern.“ Oder: „Ich habe das Gefühl, dass es noch ein Chance gibt, aber dafür müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen.“ „Die Menschen haben eine diplomatische Lösung verdient. Es ist die Stunde der Politik.“ Oder so ähnlich. Übrigens: Steinmeier hat auf seinen Reisen in die Krisengebiete der Welt noch nie selbst eins in die Fresse bekommen. In meinem Fall, für das Krisengebiet Olympiakos-Kurve, war ich mir nicht mehr so sicher. Wo war eigentlich meine Delegation? Mutterseelenallein stand ich der vollbesetzten Kurve – und blickte ins Angesicht eines radikalen Attentäters.

Mittendrin im NebelWer diese Gegend kennt, weiß, wie schnell sich eine einzelne Meinungsverschiedenheit zu einem Flächenbrand entwickeln kann. Diese Gegend, also die Kurve von Piräus, ist ein Pulverfass. Nicht nur wegen der vielen Bengalos. Eine Viertelstunde zuvor sah ich, wie sich zwei Piräus-Fans eine Schneise durch die Kurve prügelten. Der Eine drosch auf den Anderen ein. Den Nasenbeinbruch des Anderen konnte man bereits über zehn Reihen hinweg erkennen. Das hielt den Einen nicht auf, weiter zu prügeln. Von den Umstehenden wußte offenbar niemand, worum es ging. Sie wollten damit auch nichts zu tun haben – und gingen brav zur Seite. Wer will schon in eine Schlägerei verwickelt werden, wenn er nicht weiß, worum es geht? Und schon gar nicht in der Piräus-Kurve. Ich konnte das nachfühlen.

Im Moment sah es so aus, als würde sich die nächste Schlägerei an meiner Wenigkeit entzünden. Die griechischen Buchstaben schossen wie Pfeile durch die Luft. Meine Versuche, die Situation auf englisch zu kontern, schlugen fehl. Ohne seine Worte wirklich zu verstehen, war mir klar, was diese narbengezeichnete Verbrecherfresse suchte: ein Opfer. Und ich stand da, geradewegs in der Schußlinie. Endlich ist mal ein Deutscher da, wenn man ihn wirklich braucht. Endlich mal einer, den man ungestört verprügeln konnte. So oder so ähnlich stand es in seinem Gesicht geschrieben. „Otto Rehakles hilf“ beschwor ich die griechischen Götter. Aber diese Gebete mussten ins Leere laufen. Rehhagel lebt schließlich noch. Und zwar in Essen, also weit weg vom griechischen Götterhimmel. Kein Steinmeier, kein Rehhagel. Die Lage war zerfahren.

Wie war ich in diese Situation geraten?? Nun, ich war mit einer Groundhopper-Delegation unterwegs. Allerdings waren wir ohne Tickets angereist. Anfängerfehler. Drei Stunden vor dem Spiel, als die Welt vor dem Stadion noch völlig in Ordnung war, sprach ich mit mehren dunklen Gestalten, die mit einem Bündel an Karten ausgestattet waren. Doch Geld war nicht im Spiel.  Es handelte sich auch nicht um Schwarzmarkthändler, sondern um Ultra-Capos, die ihre Bande mit Eintrittskarten versorgten. Dass alle zusammengehörten, erkannte man am Unterarm. Alle ähnliche Tattoos. GATE 7 stand überall drauf. Das Zeichen der Olympiakos-Kurve. Am geschlossen GATE 7 kamen vor Jahrzehnten mehrere Piräus-Fans zu Tode.

Kein Tattoo, keine Tickets. So einfach war das. Als sich die Groundhopper-Delegation ins benachbarte Café an der Ecke zurückziehen wollte, entwickelte sich gut hörbar eine Keilerei, und zwar genau dort drüben, wo ich vorher um Tickets nachsuchte. Plötzlich schnitt die Luft in die Augen. Tränengas. Bloß weg hier. Die Kontrahenten der Keilerei waren übrigens nicht die beiden Fanlager. In griechischen Derbys sind keine Vertreter der Gastmannschaft erlaubt. Ersatzweise legen sich die Heimfans mit der Polizei an. Eine Stunde vor Spielbeginn – das Tränengas war längst über die Ägäis gezogen – wurden wir doch noch reich beschenkt. Ein Ultra-Capo, der seine Kumpels versorgt hatte, drückte uns zwei Karten in die Hand. Für lau. Allerdings in getrennten Blöcken. Die anderen beiden Delegationsmitglieder begleitete er persönlich hinein ins Stadion. Wer mit den Ultrachefs reingeht, braucht keine Karten. Die Stadionordner stecken mit den Ultras unter einer Decke. Auf meiner Karte erkannte ich die Zahl 3. Gate 3. Gottseidank nicht Gate 7. Was ein Glück. Ich ging durch Gate 3. Allerdings nur, um festzustellen, dass Gate 3 und Gate 7 auf dieselbe Tribüne führten. Ich beschoss vorsichtig zu sein. Nur ein paar Fotos, dachte ich, die würde man sicherlich machen können, das unvergessliche Erlebnis sollte schließlich festgehalten werden. Was ein Schwachsinn!

Mein letztes Bild aus dem Stadion

Da stand ich also, allein im Block, gegenüber einer griechischen Schlägerfresse, die gerade dabei war, die 30 Zentimeter, die noch zwischen uns lagen, weiter zu verkleinern. Nachdem meine ersten diplomatischen Versuche von der Schlägerfresse ignoriert wurden, beschloss ich, dass Scheitern der Verhandlungen offenbar zu machen: Ich antwortete auf schwäbisch. Die inner-europäische Diplomatie funktioniert manchmal wie Kindergarten. Wie Du mir, so ich dir. Jetzt sprachen wir auf Augenhöhe. Er verstand mich so wenig, wie ich ihn. Kommunikatives Totalversagen. Zu meiner eigenen Überraschung wirkte das Nichtverstehen beruhigend. Oder war es nur die Tatsache, dass ich meine Spiegelreflex wieder in die Tasche sortierte? Egal. Langsam schien es so, als würde die Schlägerfresse die Lust am fruchtlosen Dialog verlieren. Vor seinem Rückzug deutete er nochmal auf meine Kameratasche, dabei machte er eine Geste, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Das hörte sich nach einem Kompromiss an. Er verzichtet auf die Schlägerei, ich auf die Knipserei. Mit einem „Ischjoaschoguat“ ratifizierte ich seinen Vorschlag. Die Schlägerfresse ging dahin zurück, wo sie herkam: einige Reihen unterhalb meines Platzes verschwand er in der Menge der Ultras.

In der Halbzeit erkundigten sich meine Sitznachbarn bei mir, was denn der Grund für meinen Disput gewesen wäre. So kamen wir ins Gespräch. Um allen unnötigen diplomatischen Scharmützel aus dem Wege zu gehen, tarnte ich mich konsequent. Im Englischen sind sich der schwäbische und schwizerdütsche Akzent durchaus ähnlich. Ich gab zu Protokoll, dass ich aus Basel komme. Schweiz, neutral – und nicht mal in der EU. Praktisch, bevor mir jemand mit Staatsverschuldung kommt.

Schon bei den ersten Worten entdeckte ich allerdings den Fehler meiner Strategie. Echt doof, wenn der Sprecher, der behauptet, er wäre aus Basel, nicht mal weiß, wie man Basel eigentlich auf englisch ausspricht. Basil? Das heißt doch Basilikum. Bale? Das war vermutlich französisch. Basle?Also B-A-S-L-E geschrieben. Das hört sich wieder wie Basilikum an. Erst als ich mich dem Altgriechischen Ausdruck Basilea bediente, begann die Umstehenden zu begreifen. Oder war Basilea womöglich italienisch? Egal. Man ahnte langsam, woher ich komme. Und bevor weitere Fragen aufkamen, spielte ich meinen Trumpf aus. Ich hatte unter der Woche Euroleague geschaut. Also schwärmte ich vom sagenhaften Elfmeterschiessen, als Yann Sommer mit magischen Händen den Sieg für den FCB festhielt. Die Erzählung ergänzte ich mit einem optimistischen Ausblick auf das bevorstehende Halbfinale der Euroleague gegen den FC Chelsea. Wortreich schwärmte ich vom FCB, der absoluten Top-Mannschaft, den aufsteigenden Stern Europas. Mit meinem Wortschwall gewann ich Zeit, Zeit um mich selbst einzugrooven in meine neue Identität als Schweizer, als Supporter des FC Basel. Vermutlich wollte ich solange sprechen, bis ich selbst davon überzeugt war, jetzt ein Basel-Fan zu sein. Und in der Tat: Je länger ich sprach, umso sympathischer wurde mir mein soeben gewählter Verein – außerdem erinnerte ich mich an Marco Streller, der einst beim VfB Stuttgart alles verstolperte, was er nur freistehend verstolpern konnte. Plötzlich war ich mit Streller wieder einverstanden. Ich spürte die Euphorie in mir aufsteigen – und ich begriff: Als Basel-Fan war ich schließlich mit meinem neuen Verein im Halbfinal der Euroleague.

Doch die ganze Basel-Begeisterung verpuffte. Meine Gesprächspartnerin stellte trocken fest: „It’s funny, you look like German.“ In meinem Konter lag bereits ein wenig Verzweiflung: Ja, gab ich zu, das sei ein bekanntes Problem vieler Schweizer. Und gerade Basel läge eben nah an der deutschen Grenze. Da könne man eine gewisse Ähnlichkeit eben nicht  abstreiten. Ob sie mir meine Basel-Story wirklich abnahm, war bald egal. Endlich regierte die Gastfreundschaft. Sie wurde angedient in einem kleinen Plastikgläschen. Gefüllt mit ouzo-artigem Gebräu. Wenn einem so viel Gutes wird beschert, das ist schon einen radioaktiven Ouzo wert. Der selbstgebrannte Schnaps war gewiss nicht allererster Güte. Aber nach dem sechs Plastikgläschen stellten sich keine kulinarische Fragen mehr. Außerdem hatte man mir bald angeboten, gemeinsam zur U-Bahn-Stadion zu gehen, damit mir nichts passiere. „Schnaps-Diplomatie“, dachte ich, als wir gemeinsam zur U-Bahn spazierten. Steinmeier wäre stolz auf mich gewesen.IMG_1840

 

„Bernd Sautter aus Stuttgart ist geradezu Fußballphilosoph. Der Buchautor und ehemalige Jugendspieler in einem schwäbischen Verein betrachtet diese Sportart mit viel Liebe zum fußballerischen Umfeld.Es sind die kleinen und großen Dramen bei Fußballspielen, Sautter schildert. Die Verlierer, und nicht nur die auf dem Fußballplatz sind Inspiration für Literatur und Musik, meint er nachdenklich im BZ Gespräch und zählt dabei zahlreiche klassische Beispiele auf. Fazit: Dieses Buch beschreibt den Fußballsport als einen Teil des menschlichen Lebens.“

Dieter Erggelet in der Badischen Zeitung über mein Programm zum Neujahrsempfang des FC  Emmendingen 03

Den Jahresauftakt des FV Olympia Laupheim gestaltete ich mit Olaf Nägele, der seinen Krimi „Göttle und der Kaiser von Biberach“ im Gepäck hatte. Der Krimi ist uneingeschränkt zu empfehlen. Alle Laupheimer werden schnell erkennen, dass Nägele darin auch die Geschichte vom FV Olympia Laupheim verwendet hat.

Reiner Schick in der Südwestpresse über die Live-Auftritt mit Olaf Nägele in Laupheim: „Unterhaltsam war der Abend also – vermutlich sogar unterhaltsamer als manches Fußballspiel. Ansonsten ist Bernd Sautters Auftritt in der Olympia-Gaststätte vor allem ein kabarettistisches Dribbling. Viel Erheiterung im Saal ruft das von einer Boulevardzeitung hochgepuschte „Gipfeltreffen der Gurkentruppen“ mit dem FC Auwald bei Dietenheim als einst angeblich schlechteste Fußballmannschaft Deutschlands hervor.“

 

Einer der schönsten Momente, die ich im Zusammenhang mit dem Buch genießen durfte, erlebte ich neulich im Albgaustadion in Ettlingen bei Karlsruhe. Schon als ich die Geschichte recherchierte, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Ich hatte erfahren, dass in den siebziger Jahren ein Mann ein Stadion im Alleingang gebaut hatte. 1o Jahre schuftete er im Albgaustadion, freiwillig, und ohne, dass er fremde Hilfe in Anspruch nahm. Als wäre das nicht schon skurril genug, gab es eine weitere Überraschung. Ich konnte den Mann noch zu seinem Werk befragen. Albert Olbrechts ist eben ein solch zäher Bursche, dass ihm der normale Alterungsprozess nichts anhaben kann. Inzwischen ist er genau 100 Jahre alt – und putzmunter.

Während inzwischen schon junge Familien beim Wohnungskauf überlegen, ob die Wohnung wohl seniorengerecht sei, lebt die Familie Olbrechts wie selbstverständlich im ersten Stock. Als mit wir mit dem Stadionbauer aufbrachen, hüpfte er die Stufen hinab, dass ich mein Hüftschaden Mühe hatte zu folgen. Im StadOlbrechts2 (3 von 3)ion angekommen, glänzten seine Augen. Zum einen lag sein Werk wunderbar in der Herbstsonne. Zum anderen strahlte die neue Tartanbahn. Der ehemalige Marathonläufer und deutsche Seniorenmeister lief gleich einige Meter im Laufschritt über die Bahn. Freilich immer mit den Händen am Rollator – das sie zur Beruhigung derjeniger erwähnt, die schon in jungen Jahren nicht auf diese Gehilfe verzichten können.

Die Geschichte des Mannes, der ein Stadion alleine gebaut hatte, wird in der nächsten Ausgabe von 11Freunde aufgegriffen. Die Long Version, die die Lebensgeschichte von Albert Olbrechts nachzeichnet, gibt’s natürlich exklusiv in „Heimspiele Baden-Württemberg“. Ich freue mich jetzt schon auf die Portraits von Janek Stroisch, die er gestern im Albgaustadion schoss.