Man sollte fit sein, wenn man es mit den Bären in den Karpaten aufnehmen will. Die Fitness, das muss ich zugeben, geht mir gerade völlig ab. Eigentlich wollte ich noch bis nach Lemberg in die Ukraine strampeln, aber das Schöne am Alleingang ist eben, dass man auch allein beschließen kann, wann es gut ist. Die letzten fünf Etappen bleiben vorläufig im Planungszustand. Um die Karpatenausläufer und den Aufstieg in die Tatra ist es zwar schad, aber das geht eben nur, wenn der Körper mitmacht, und der wäre gerade maximal zur Büroarbeit geeignet. „Und Sport?“ hab ich immer die Ärzte gefragt, nachdem ich eine Diagnose bekam, die halbwegs harmlos war. Die Antwort war immer doof – und solche Antworten weiß ich inzwischen selbst. Außerdem soll das Reisen mit dem Rad gesunden Spaß machen. Aus den Etappenrennen steigen auch immer wieder Fahrer aus. Jetzt hat es eben auch mal mich erwischt. Keine Tränen, im Gegenteil. Reisen mit dem Rad ist purer Luxus. Auf dem Rad sieht man Landschaften, Dörfer und Hinterhöfe, die man sonst niemals entdeckt hätte. Und man ist auch wieder fort, bevor es muffig schmeckt. Vielen Dank an alle, die virtuell mitgeredet sind. Ich hoffe, ich konnte Eich mit dieser Friedensfahrt-Mini-Serie ein wenig unterhalten. Vielen Dank für die spontane Anfeuerung, die mich auf den unterschiedlichen Kanälen erreichte. Leider muss ich auf manche Pointen nun verzichten, zum Beispiel die Entdeckung von leichter, schmackhafter Landeskost. Aber so ist das mit der Friedensfahrt. Plötzlich war sie weg vom Fenster. Der Internationale Radsportverbandes hatte sie 2005 nicht in den. Kalender der ProTour aufgenommen. Diese Zurückstufung überlebte die Veranstaltung nicht. Unter anderem sprang Skoda als Sponsor ab. Die Marke tauchte wenig später bei der Tour de France auf. Die Rechte lagen zu diesem Zeitpunkt beim tschechischen Verband. Und der bekam nichts mehr auf die Reihe. Erkenntnis der Fahrt: Das Gefährlichste an dieser Reise war zweifellos der Ruhetag.

Zugegeben, ein Sonntag in Zilina zu verbringen, hatte ich nicht geplant. Beine, Kopf und Hintern haben jedoch eine Pause verdient. Der Ort ist zweifellos würdig, schließlich stammt Peter Sagan aus Zilina. Dreimaliger Weltmeister und siebenmaliger Gewinner des Grünen Trikots der Tour de France. Die Laudatio auf den großen Peto schenk ich mir an dieser Stelle. Inzwischen wohnt er in Monaco. Steuern sparen. Manchmal frage ich mich, in welchen Appartements die Leute wohnen, die alle angeblich nach Monaco gezogen sind. Was ich weiß: Ein Flächenland ist es nicht. Arg geräumig wird’s nicht sein. Grad die Promis, die selten da sind. Die können doch auch rechnen, mehr als ein paar Quadratmeter lohnen sich doch nicht – oder sind das alles Bobbeles? Ich könnte recherchieren… aber es ist Ruhetag. So blicke ich vom dritten Stock aus dem kleinen Zimmer des „Grand Hotel“ Zilina über die schmucklosen Dächer der Stadt und denke mir die Bucht dazu. Die Stadt scheint nicht gerade reich zu sein an kulturellen Angeboten. Aber Kultur war bereits gestern. MFK Zilina gegen AS Trencin 2:1. Dabei nahm ich mein Herz in die Hand, schritt an das „Bufet“ und orderte eine Klobasa. Obwohl ich weiß, dass Stadionwürste in dieser Region eine Herausforderung sind. In diesem Punkt mache ich jetzt final einen Haken an meine Vorurteile. Die hiesige Länderküche beruht auf Fett als Geschmacksträger. Ohne Fett kriegt man in nix, was schmeckt. Wer einen Geheimtipp hat, darf ihn mir gerne zurufen. Vielleicht mach ich etwas falsch hier bei der Bestellung. Aber kommt mir bitte nicht mit diesen zentnerschweren Knödeln, die das Teller füllen wie ein Wagenrad. Die schon so weiß aussehen, dass sie nur nach weiß schmecken können. Eigentlich komisch: Hier war doch auch K.u.K Monarchie. Wahrscheinlich wurde hier nur geerntet. Gekocht wurde dann in Wien. Die Wurst war übrigens lecker. Ich gebe zu: Mehr Ernährung war an diesem Abend nicht notwendig. Heute nur Salat. Ruhetag für alle Organe, bitte. Erkenntnis des Tages: Ruhetage sind gefährlich, man könnte sich glatt dran gewöhnen, unter anderem weil man ins Tagebuch wirres Zeugs schreiben darf.

Der Sozialismus fiel, so vorhersehbar wie ich vom Rad fiel nach 133 km mit knapp 2000 Höhenmetern. Gute Idee vom Prinzip, aber nicht so und nicht so viel. Mit der Neuordnung der östlichen Staaten verlor auch die Friedensfahrt ihre Schutzpatronen. Die Parteibonzen war ihren Apparat los, und das Radrennen auch. Man hielt die wilde Fahrt am Leben, in dem man sie umkrempelte. Sponsoren dringend gesucht – und Argumente, sie zu überzeugen. Plötzlich wollte man sie doch haben, die mythischen Berge anderer Rundfahrten, Galibier, Tourmalet, und wie sie alle heißen. Bei der Friedensfahrt 1994 stand eine Bergankunft auf der Lysa Hora auf dem Programm. Es ist der höchste Berg der Beskiden, einem Gebirgszug zwischen Tschechien, Polen und der Slowakei. Runde 1300 Meter nochwas ist das Ding hoch, und weil oben ein Fernsehsender aufgebaut wurde, war praktischerweise eine Straße auf den „kahlen Berg“ (Lysa hora) angelegt. Die erste Bergankunft gewann ein Freiburger, die zweite ein Magdeburger. Weil der Berg so steil war, begaben sich viele Zuschauer an den Aufstieg. Alle waren glücklich, nur nicht die Naturschützer. Als der Lysa hora im Begriff war, eine Institution zu werden, war er weg vom Fenster. Bei der Austragung 1996 hatten Naturschützer die Strecke blockiert, das Radrennen musste umgeleitet werden und endete ohne finale Bergankunft einige hundert Meter tiefer. Die Lysa hora wurde nie wieder berücksichtigt. Als ich am Einstieg in den Berg in Papezov ankam: keine Naturschützer, also keine Ausreden. Weil ich ahnte, dass es heute länger dauern würde, war ich schon vor Achte im Sattel. Erst hindurch Frydek-Mistek, die tschechische Version von Wanne-Eickel. Mit Industrie war es dann bald vorbei. Was folgte war Wald, und nochmals Wald. Auch schön, vor allem weil die achteinhalb Kilometer hoch zur TV-Station völlig autofrei sind. Im Tempo einer beskidischen Wanderameise trat ich die Rampen hoch. Bis zu 14% steil, Serpentinen nur wenn es unbedingt sein musste. Oben wackelte ich sofort in die große Hütte, die nach dem großen tschechischen Läufer Emil Zátopek benannt wurde, der aus der Gegend stammt. Erst nachher las ich von seinen ungewöhnlichen Ernährungsgewohnheiten (Zwiebeln und Knoblauch vor dem Wettkampf), was die Suppe dort oben erklären könnte. Nur den Lernerfolg darf man mir lassen: Mutige Bestellungen nach der Belastung und nicht davor. Nur so semi gestärkt fuhr ich weiter Richtung Slowakei. An meinen Zustand an den beiden anderen Beskidenhügeln kann ich mich kaum noch erinnern. Nach einer Königsetappe gehört es zum guten Ton, dass man völlig fertig ist. Vermutlich hatte ich einen ähnlich unorthodoxen Stil auf dem Rad wie Zátopek beim Laufen. Nur dass Emil ohne Rad deutlich schneller gewesen wäre. Erkenntnis des Tages: Ein Ruhetag, das wärs jetzt.

Frydek-Mistek
Papezov
Lysa hora
Chata Emil Zátopek

Ostrau – Zilina: 133 km, ca. 1900 Höhenmeter

 

Klassische Berge kennt die Friedensfahrt keine. Kein Stilfser, kein Ventoux, kein Alpe d‘Huez. Anders als bei der Tour bezahlte kein Urlaubsort und kein Kuhkaff dafür, dass sie als Etappenorte erkoren wurden. Italiener wissen, dass die Straßen besser sind, wenn vorher der Giro drüber führte. Tour und Giro haben daher oft Etappenziele in der Provinz auf dem Routenplan. Ganz anders die Friedensfahrt des real existierenden Sozialismus. Sie wurde von Stadt zu Stadt gefahren. Die Streckenführung war weniger wichtig. Höchste Priorität hatte, wer auf der Ehrentribüne saß. Die Parteikader hielten Hof. Je voller die Stadien, desto besser. Daher waren große Städte gesetzt. Dort ließ sich’s besser repräsentieren. Durch welche Dörfer die Strecke führte, ist nur in Fragmenten überliefert. Selbst die Fahrer können sich kaum noch erinnern, an welchem Hügel sie die Konkurrenz ziehen lassen mussten. Das exakte Nachfahren einer Etappe ist kaum möglich. Auch Berge und Hügel liegen meist im Dunkeln, zumindest in online zugänglichen Quellen findet sich wenig. Bei den Anstiegen mögen mir die Insider mit der „steilen Wand von Meerane“ kommen, einem giftigen Kopfsteinpflasteranstieg in einer ostdeutschen Kleinstadt. Aber was bitte sind 40 Höhenmeter gegen die 18 Serpentinen in Alpe d‘Huez? Obwohl das Plakative fehlte, war die Friedensfahrt keinesfalls leichter als Tour oder Giro, im Gegenteil. Wenn’s nich grad an der Ostsee entlang führte, ging’s dauernd rauf und runter. Wer die Etappenfahrt auf den miserablen Straßen hinter sich hatte, empfand danach das Pavé bei Paris-Roubaix als sanften Teppich, über den man ruhig schweben konnte. An all das dachte ich heute während einer scheinbar harmlosen Etappe von Olmütz nach Ostrau. Was. Ein. Scheiss! Erst hatte man mir ein Mittelgebirge in den Weg gestellt. Dort oben gab’s nichts als einen alten Truppenübungsplatz. Die Betonplattenstraßen mit ihren aufgerissenen Nahtstellen sind überall ähnlich, nur in Tschechien noch holpriger. Ja, der Sattel ist nicht zum sitzen da, ich weiß. Dass der Wind anhaltend von der falschen Seite kommt, hatte ich bereits erwähnt. Und dann diese Gegenhügel. Dabei wollte ich in der zweiten Etappenhälfte sanft an der Oder entlang schnüren. Aber nichts da. Die rabiaten Baustellensperrungen erforderten fortlaufend Umwege. Das Tal der jungen Oder ist nicht so breit, wie ich mir das gewünscht hätte – an einem Tag, der nicht als goldener im Leistungssport gelten kann. Dass der Handyempfang überall besser ist Deutschland, stimmt übrigens nicht. Den Ortsunkundigen Alternativrouten auf Straßenschildern anzubieten, findet man doof analog. Nachnavigieren bei spärlichem Empfang. Das Leben ist eine Kreuzung. Und dann diese Straßen: Auf zehn Metern runde fünf Flicken in der Höhe von Maulwurfshügel. Wenn du da runde 100 Kilometern in den Beinen hast, summiert sich das auch zum Mont Ventoux. Und irgendwann hat dann auch das Material nachgegeben. Einige Kilometer vor Ostrau landete meine Lenkertasche auf dem Vorderrad. Um die Halterung wieder festzuzurren, hätte es einer Zange bedurft. Also einhändig in die Stadt reinbalanciert, die Tasche in der Hand, über miserable Radwege oder grausliche Großstadtstraßen. Erkenntnis des Tages: Das Lichtlein! Kurz vor meinem Hotel steuerte ich geradewegs in die Ladentür eines Cyclingshops. Das hält jetzt. Tschechisch geziert für tschechische Straßen. Ich wohne in der Stodolni Straße. Nein, der Stodolni war kein Komponist. “Sto“ heißt hundert, und „Dolni“ sowas wie… sehr frei übersetzt: Bar. Und genau dort tippte ich soeben diese Zeilen. Disziplin wär jetzt hilfreich.

Olmütz – Ostrau 130 km dank Umwege, ca. 1200 Höhenmeter, es hätten auch weniger getan.

Restaurace

Zu spät! Der Rentner, der mir entgegen fuhr, hatte einen Rasenmähermotor an sein Rad gebastelt. Ich hab’s gesehen, aber nicht schnell genug Kehrt gemacht. Jetzt isser weggetuckert und ich kann kein Bild mehr machen. Begegnet ist er mir bei Adamov. Später erfahre ich, dass in der scheußlichen Industriestadt Adamov fast das Auto erfunden wurde. Fast. Ein Historiker hatte den „Zweiten Marcus Wagen“ irrtümlicherweise falsch datiert. Die Erfinder aus meiner Heimat müssen also nichts fürchten. Der Wiener Herr Ingenieur Marcus, der zeitweise in Adamov wirkte, war später dran. Nach ihm ist die Marcusgasse benannt. Dem Tüftler, der in Adamov das Fahrrad mit Rasenmähermotor entwickelt, wurde leider keine Gasse in Wien gewidmet. Man sollte eine Online-Pedition starten. Ich knattere ohne Motor weiter Richtung Nordost und denke: bißle wie Schwarzwald, dieses tief eingeschnittene Tal. Dann quetscht sich der Radweg an immer weiteren Fabriken vorbei, Schwermetall und Maschinenbau, und ich denke: vielleicht eher Sauerland, die Täler in Ruhrpottnähe. Der Radweg steigt weiter. Oben nach der Waldkante sieht es plötzlich aus wie Schwäbische Alb. Ich denke: Lass die schlimmen Hilfsvergleiche besser sein und schau nach, wo du bist: Ich fahre durch den Mährischen Karst. Aha. Überall Felsen und Höhleneingänge. Schön hier. Nur den Gulasch mit Reis vom simplen Landgasthof würde ich das nächste Mal weg lassen. Kein Gulasch vor einem achtzehnprozentigen Idiotenbuckel. Nicht mal die vier Fleischreste, die ich serviert bekam. Nach der Steigung, von mir aus. Das komische Gulaschgewürz atme ich trotz leerer Wasserflaschen noch in Olmütz. Hier ist‘s eigentlich ganz hübsch, man darf sich von den Plattenbauten im Westen der Stadt nicht irritieren lassen. Im Zentrum ist die sechstgrößte Stadt Tschechiens hübsch hergerichtet. Ein bisschen schlafmützig wirkt es, vermutlich sind viele in Ferien. Halb Olmütz liegt an der Adria oder an der Ostsee. Nur ich bin da – und ein paar Einheimische, die hängen geblieben sind. Auch schön, so eine geräumige Stadt. Erkenntnis des Tages: Was Rückenwind ausmacht, lernst du erst richtig schätzen, wenn Du es voll vorn vorne bekommst. Ich bin doch nicht an der Ostsee, oder?

Brünn – Olmütz: 110 km, ca. 1000 Höhenmeter

Adamov
Mährischer Karst
Mährischer Karst
Olmütz

Die historische Friedensfahrt führte durch die Tschechoslowakei, Polen und die DDR und ging über zwei Wochen im Mai. International war sie, weil neben den Staatsamateuren des Ostblocks auch Belgier, Franzosen, Dänen, Spanier und viele andere mit fuhren, zum Beispiel Miguel Indurian am Beginn seiner Karriere. Die Internationalen werden den Staatsamateuren in nichts nachgestanden sein, was Doping betrifft. Für die Ostblocknationen gehörte es zum Prestige, zu gewinnen, am besten die Mannschaftswertung. Die Friedensfahrt war ein riesiges Publikumsereignis. Mehr Begeisterung als bei der Tour, behauptete man im Osten. Gegenüber den heutigen Radrennen hatte die Friedensfahrt manche Spezialität, unter anderem. Etappenziel waren stets die großen Städte. Ankunft war in der Regel in prall gefüllten Stadien. Die Profis drehten beim Zielsprint noch eine Stadionrunde auf der Aschenbahn. Es gibt viele Bilder davon. Eines davon zeigt das Publikum 1960 in Brünn, als der Deutsche Täve Schur gewann. Die Ziellinie war im Stadion Za Lusankami. Zielsprint in einem Stadion ohne Radrennbahn. Für heutige Radrennen ist mir das nicht bekannt. (Roubaix hat überhöhte Kurven) Historische Aufnahmen aus vielen Städten dokumentieren die Ankünfte. Das Za Lusankami ist heute so verfallen wie die Friedensfahrt selbst. Seit 20 Jahren kein Fußballspiel mehr. Irgendwelche Auflagen waren es, die den FC Zbrojovka Brünn zwangen, seine Spiele in einem kleineren Stadion auszutragen. Seither gilt das Za Lusankami als schönste Stadionruine Europas. Und jetzt ich: War ja klar, dass ich auch eine Stadionrunde als Etappenankunft haben wollte. Am besten in Brünn. Aber Planungsfehler. Ausgerechnet dieser Abschnitt war 160 km lang – und das mit müden Beinen. Ich gebe zu, dass ich gestern überlegte, ob ich in Znojmo in den Zug soll. Aber dann: Ölige Maschine schnurrte wieder und auch beim Fahrer durfte man von Formanstieg sprechen. Auch das Wetter passte – und wie: Ein Gewitter war im Anflug, aber es erwischte mich nicht. Der frische Wind am Rand des Wetters schob mich genau in die gewünschte Richtung. Dazu führte die zweite Etappenhälfte eben übervollstes Land. Der Rouleur war wieder am Start und surfte auf einer perfekten Welle nach Brünn. Nach runden siebeneinhalb Stunden bog ich nach einer Etappe von würdiger Friedensfahrtlänge ins Za Lusankami. Drei Arbeiter führten wohl noch Alibiarbeiten kurz vor Feierabend aus. Um Sechs schlossen sie das Tor. Da hatte ich meine Stadionrunde längst beendet, und die Bilder im Kasten, die ich mir unbedingt gönnen wollte. Erkenntnis des Tages: Wenn Tschechen eine Straße sperren, tun sie das extrem rabiat. In meinem Fall war die Straße gleich nach der Grenze gesperrt. Der Grenzübergang wohl auch, wie mir die Bauarbeiter bedeuteten. Aber ich wußte, dass ich das Stadion bei Licht nicht mehr sehe, wenn ich den Übergang 30 km weiter nehme. „Pozor“, sagten sie – und machten das internationale Zeichen für „kassieren“. laut Google Weltwissen heißt das aber nicht „Verbot“ sondern nur „Sei vorsichtig“. Kann ich nix für, falls es anders sein sollte.

Raabs an der Thaya – Brünn: 160km, ca. 1080 Höhenmeter

Bei Brezani
Am Rande des Gewitters
Grenze bei Drosendorf
Za Lusankami 1960 bei der Friedensfahrt

Daheim würde ich den Bus nehmen bei dem Wetter. Aber find mal die Linie, die dich quer durch die südböhmische Savanne chauffiert. Blöd vor allem, dass man kaum was sieht. Fotomomente keine. Wolkenverhangene Ebene ist ja nicht gerade das, was man von der schönen Reise zeigen mag. Bei der Planung stell ich mir das immer im Sonnenschein vor. Immer. Fall ich den üblichen Tourismusbilder zum Opfer, oder bin ich tatsächlich notorischer Wetteroptimist? Dann dauernd Stoßgebete: Möge bitte mein drittes Garmin Navi endlich wirklich wasserdicht sein (bis jetzt schon). Möge das doofe Geknatter, das mein Rad plötzlich von sich gibt, genauso unvermittelt verschwinden, wie es erschien (ein halber Liter Fahrradöl heute Abend könnte geholfen haben). Möge diese Schotterpiste nach der nächsten Kurve besser werden (nein). Und das, wo das Abenteuer heute erst richtig begann. Denn plötzlich bin ich in Österreich. Man nennt das wohl österreichisch Sibirien, den Norden. Korrekt ausgedrückt: Waldviertel. Fast wie Böhmen, soweit ich es durch die tropfige Brille beurteilen kann. Auf dem Weg nach Brünn war es die kürzeste Variante. Sogenannte Überführungsetappe. Vermutlich sind die anderem drei Touristen hier in Raabs an der Thaya auch auf dem Weg nach woanders. Viele Grenzregionen haben ja von der Öffnung nach Osten profitiert. Rein optisch drängt sich der Verdacht hier nicht auf. Andererseits: In den paar Waldviertler Städtchen findet man Einzelhändler, die es zu Hause kaum noch gibt: Gartenbedarf, Elektriker mit schönem Laden, Polsterer und sogar drei Trafikanten. Alles am Hauptplatz in Raabs, der Perle an der Thaya. Abseits des Hauptplatzes, andere Welt. Die Wohnhäuser gerne mal in der Architektur barackig. Die weniger reizvolle Form der Schlichtheit. Der raue Charme des Ostens beginnt schon in Niederösterreich. Wer sich mal etwas Zeit nehmen möchte, ein Buch schreiben, oder anderen Gründen ungestört leben: das Waldviertel bietet sich an, eine Gegend ohne das besondere Etwas. Auch mal schön. In diesem Punkt so ähnlich wie Nordhessen. Erkenntnis des Tages: Egal, was drumherum (nicht) ist, im Hof beim Heurigen, ist‘s immer angenehm. Erkenntnis gerade eben: Bei Zimmern am ruhigen Fluß bitte schön die Fenster geschlossen halten. Ssssssss.

Krumlov – Raabs an der Thaya: 115 km, ca. 1050 Höhenmeter

Bayrischer Wald gegen Böhmerwald 0:1. Deutlich. Auf der bayrischen Seite nahm ich eine Naturparkstraße in Halbhöhenlage. Da denkt der Stuttgarter: Aussicht. Da denkt der Wald: Was denkst du denn, ich bin doch Wald! Also keine Aussicht, zumal gleich oberhalb der Baumwipfel die Wolken hingen. Von Mauth aus kletterte ich den Goldenen Steig hoch. Muss wohl im Mittelalter ein wichtiger Handelsweg gewesen sein. Heute sagen sich Fuchs und Luchs gute Nacht. Hinter Finsterau führt noch ein einziges Sträßchen an die Grenze. Auf tschechischer Seite Feldweg. Aber was für einer. Durch ursprüngliche Hochmoore schlängelt sich das vorzügliche Teersträßchen hindurch, fein abwärts gehts sowieso. Es folgen die schönsten vierzig Kilometer Radweg, die ich je entlang schnürte. Und keine Vorurteile bitte. Keine einzige volkstümliche Blaskapelle hat mir aufgelauert. Auch nicht in den Kneipen, in denen ich zweimal Unterschlupf fand, weil sich das, was auf bayrischer Seite angestaut würde, auf der böhmischen Seite niederging. Überhaupt die Landschaft. Kein intensiver Landbau, keine angestochenen Moore und keine Forstwirtschaft, einfach ein wunderbarer Naturpark. Deutsche Kennzeichen: keine. Vielleicht trägt auch das zum Naturschutz bei. Die böhmische Seite ist so viel schöner als die bayrische. Und in Bodenmais stehen sich die Touris auf den Zehen. Apropos… Ich geb’s zu: Von der Stadt Krumlov las ich erstmals, als ich für diese Tour recherchierte. Radfahren schließt Bildungslücken. In Asien hat vermutlich jeder Zweite von der Stadt gehört. Ich versteh auch sofort warum. Hier kriegst du ganz Europa auf ein einziges Bild. Kannst Heidelberg und Rothenburg auslassen. Krumlov rules. Zumal mein kleines Pensiönchen sowas von pittoresk an der Moldauschlaufe liegt. Da bin ich ganz bei den Asiaten. Erkenntnis des Tages: Wenn du hier „Eingelegte Wurst“ bestellst, ist das keinesfalls ein Wurstsalat. Ich bekam eine längs aufgeschnittene grobe „Rote“, innen grob, mit Gurke und wasweißich gefüllt. Lecker wars, etwa die Art Radfahrernahrung, auf die ich mich so freute.

Frauenau bei Zwiesel – Krumlov 130 km, ca. 1450 Höhenmeter

Goldener Steig
Aus dem Böhmerwald stammen die Kugeln in unseren Gärten

Der Trachtenverein Brennberg feierte sein Fünfzigjähriges. Erst Kirche, dann Frühschoppen und dann erschien ich, in komplett unzünftigem Radler-Lycra. Neugierig bin ich ja schon. Drum hatte ich mich dem Festzelt genähert. Außerirdischer Hilfsausdruck. Fast monochrom, mein Dress. Manche würden sagen, so viel Figur hätt man gar nicht sehen wollen. Ganz im Gegensatz zum feinen Trachtenzwirn der anwesenden Feiergesellschaft. Ganz schön üppig alles, inklusive der roten Kugeln, die als Köpfe aus den Trachten herausschauten.. Fast hätte ich mich an einen Tisch der schön Getrachteten gesetzt. Die Madls hatten sogar Krönchen im Haar. Aber ich war unsicher, ob ich deren Sprache verstehe – und sie meine. Außerdem wäre ich bei gutem Gesprächsverlauf genötigt worden, ein Bier zu trinken. Zug hätt ich drauf gehabt. In Brennberg brannten mir bereits die Waden, und die Elektrolyte, frage nicht. Dabei war‘s erst Elfe. Der Einstieg in den Bayrischen Wald geht gleich zu Sache. Ein extrem willkürliches Mittelgebirge. Von wegen rhythmisches Treten. Steil rauf, und wieder leicht runter. Noch steiler rauf, und wieder etwas runter. So viel geschaltet hab ich mein ganzes Leben nicht wie heute. Später hat sich rausgestellt, dass auch das Runterfahren brennt. Immer diese giftigen Gegenhänge. All das ahnte ich bereits Brennberg im Angesicht der Madln und Burschen. Nee… Hat hier jemand Feigling gesagt? Hab ich nicht gehört. Bei runden hundert Kilometern, die ich noch zu absolvieren hatte, durfte ich auf keinen Fall leichtsinnig werden. Ganz besonders bedanken will ich mich beim Wetter. Die fette Wolke hat die Sonne abgehalten, wirklich eingenässt hat sie mich erst auf den letzten Metern. Bravo. Darum keine abwegigen Gedanken heute, nur Treten und Schalten, sonst nichts. Und gleich gar kein Bier zum Frühschoppen. Nur Treten und Schalten. Treten und Schalten. Erkenntnis des Tages: Nur lange genug Treten und Schalten, so kommt man ans Ziel. Allerdings weiß ich jetzt schon, was mich morgen erwartet. Bin ja erst in Zwiesel.

Regensburg – Frauenau bei Zwiesel: 134 km, ca. 1800 Höhenmeter

Brennberg
Brennberg
Auf dem Regen
Kleiner Regen

Nee, ich bin nicht altersesoterisch geworden. Friedensfahrt heißt es deshalb, weil ich einige Passagen der legendären „Tour de France des Ostens“ suchen will. Die Friedensfahrt wurde nach dem zweiten Weltkrieg von Zeitungen aus der Tschechoslowakei und Polen gestartet. Zwei Jahre später kam das Neue Deutschland dazu. Die Friedensfahrt gabs bis Mitte der Nuller Jahre. Dann war die Luft raus. Aber bis in die Tschechei hinein muss ich noch nicht denken. Erstmal Kilometer fressen. Heute unspektakulär durchs Donautal. Zeit für merkwürdige Gedanken, zum Beispiel diesen: Warum finde ich es so fürchterlich, wenn die Leute in ihren Gärten Flaggen hissen? Hab eigentlich nix gegen die deutschen Farben. Aktuell gesehen besser als Union Jack, um einen verhältnismäßig harmlosen Vergleich anzustellen. Es ist eine Frage des Formates. Wenn Firmen vor ihren Gebäuden ihr Logo auf Hochformat präsentieren, kein Problem. Wenn Fanklubs auf Riesenfahnen ihrem anarchischen Gespür für gutes Design nachgeben, kein Problem. Wenn im Garten eine deutsche (hier auch gerne bayrische) Flagge im klassischen Format hängt: Problem, Problem. Als müsste man Deutschland in Deutschland nochmal extra markieren. Oder wird’s hinter dem Gartentor extradeutsch? Bewahre! Müsste ich vor dem Gatter nochmal den Pass zeigen, um einzutreten? Oder werde ich schon vorher erschossen? Aus Notwehr. Ach, die Leute sollten lieber Blumen gießen als Flaggen hissen. An derlei Gärten bin ich mutig vorbeigesaust. Besser kein Beweisbild knipsen, sonst… siehe oben. Umgedreht hätt ich nur bei der Fahne des deutschen Reiches. Dann lieber 10 Km Umweg. Heute jedoch keine Reichsbanner und keine Bären. Nur Rehe, Fasane und Laufgänse auf der Flucht. Erkenntnis des Tages: Bin schon an Untermagerbein und Schweinspoint vorbei gefahren. Die lustigen Dorfnamen gibts sicherlich auch hinter der Grenze. Schad, dass ich’s dort nicht bemerken werde, bei all den böhmischen Dörfern.

Donauwörth – Regensburg 135 km, ca. 800 Höhenmeter

Donau bei Donauwörth
Neuburg an der Donau
Irgendwo an der Donau