Kann man an das Gute im Fußball noch glauben, wenn man Michael Wulzinger zugehört hatte? Es fällt schwer, aber höchst faszinierend war die Lesung dennoch.

Lassen wir die Kirche im Dorf. Es ist nur Fußball, also ein Spiel. Man muss sich das vergegenwärtigen, angesichts der haarsträubenden Geschichten, die Michael Wulzinger am Nikolausabend im Fanprojekt erzählte. Wulzinger arbeitet seit fast zweieinhalb Jahren für den Spiegel am Projekt Football Leaks. Sein Kollege Raphael Buschmann ist die einzige Person, die mit dem Informanten mit den Decknamen John Kontakt hält. John stellt den Redakteuren mehrere Terrabyte hochgeheimer Daten aus den Insiderkreisen zur Verfügung – von tausendseitigen Verträgen bis zu kurzen E-Mails. Vieles, was im großen Fußball gerade schief läuft, geht aus den Dokumenten hervor. Wie FIFA-Präsident Infantino die eigene Ethik-Kommission austrickst, wie der FC Bayern eine Superleague plant, wie Dopingkontrollen vertuscht werden, wie Verbandskorruption gehandhabt wird… alles festgehalten in Dokumenten, die man vor Gericht nicht verwenden könnte. Und doch: In zweieinhalb Jahren Football Leaks ist noch niemand aufgetaucht, der die Echtheit des Material bezweifeln würde.

Wulzingers Schilderungen sind mitreissend. Er trägt die Geschichte, die erklärt wie Raphael Buschmann den mysteriösen John kennen lernt, und eine Kooperation zu beiderseitigem Vorteil beginnt. John ist zwar im Besitz von heißem Material, aber er möchte nicht enden wie Julian Assange. Daher vertraut er die Daten dem Spiegel an, der sich längst mit einem europäischen Netzwerk zusammengetan hat, um die Dokument auszuwerten und journalistisch aufzubereiten. Sein ursprüngliches Blog mit Namen Football Leaks nimmt er vom Netz. Das war eine von Bedingungen von Seiten der Journalisten.

Das Fanprojekt in Stuttgart ist voll. Michael Wulzinger beantwortet jede Frage ausführlich. Und mit jeder Frage kramt er eine weitere schockierende Nachricht aus dem Gedächtnis. Wulzinger hat die letzten zweieinhalb Jahre an den Leaks gearbeitet. Fulltime. Bei der letzten Frage aus dem Publikum berichtet er aus dem Vertragswerk, das der ehemalige Hoffenheimer Stürmer Firmino in Liverpool unterschrieben hatte. Pro Treffer würde Firmino 25.000 Euro aufs private Konto erhalten. Einen ähnlichen Betrag würde Verteidiger Virgil Van Dyke einstreichen – falls die Reds ein Spiel zu Null beenden. Nach zwei Stunden entlässt das Publikum den Leiter der investigativen Abteilung des Spiegel. Etwas desillusioniert zwar, dennoch bereichert und in der Hoffnung, dass eine qualifizierte und schonungsloses Veröffentlichung wenigstens manches zum Guten verändern möge. So viel Fußballromantik darf auch angesichts der schockierenden Leaks erlaubt sein. 



Lang ist’s her, da fanden in Herrenberg noch Fußballländerspiele statt. Tatsächlich: echte Länderspiele, in Herrenberg, im Fußball.  Zweimal Deutschland gegen Holland. Einmal Deutschland gegen Österreich. Wirklich, kein Witz. Das ist nur schon arg lange her. Aber diese Begegnungen sind heute noch extrem bemerkenswert. Sie stehen als Sinnbild dafür, dass sich Kommerz und gesellschaftlicher Fortschritt nicht ausschließen. Muss man deshalb ein Plädoyer für Kommerz im Sport halten? Sicher nicht. Aber ich will nicht zu viel verraten, von dem, was ich in Herrenberg erzählen will. Nicht an dieser Stelle. Pointe vorwegnehmen gehört sich nicht.

„Schneller, höher, kommerzieller – Wird der wahre Sport langsam zur Ware Sport?“ Darüber darf ich sprechen beim SportTalk 24 der Sportregion Stuttgart. Nach meinen einleitenden Worten werden sich Thomas Sprißler (OB Herrenberg), Matthias Schöck (Präsident wfv), Hans Artschwager (DHB Vize) und Claus Vogt (Präsi FC PlayFair!) die Köpfe heiß reden, wieviel Kommerz im Sport noch gut tut – und wann es einfach zu viel wird. Ich freue mich darauf, die Runde in Schwung zu bringen.

Habe die Ehre:
SportTalk24
8. November 2018, 19,oo Uhr
Mensa im Markweg-Schulzentrum     Schießtäle 33    71083 Herrenberg

 

 

 

 

Michael Wulzinger und Rafael Buschmann sind die treibenden Kräfte hinter den Football Leaks. Wer durch dieses Datenleck schaut, entdeckt die dunkle Seite des Profigeschäfts. Der Whistleblower John hat dem Magazin Spiegel 18,6 Mio Dokumente übergeben, Verträge, Vereinbarungen und Absprachen, die zeigen, dass für die Akteure im Fußball, Moral und Gesetz kaum gelten. Im Buch Football Leaks haben Buschmann und Wulzinger die Fakten gesammelt. Daraus ergeben sich spannende Fragen, unter anderem:

  • Wie fräst man sich durch ein solchen Berg an Dokumenten?
  • Wie abenteuerlich ist es, das Leck zu erforschen? Gefährlich gar?
  • Wie geht’s dem Whistleblower heute?
  • Müssen wir endgültig unseren Glauben ans Gute im Profifußball begraben?

Diese und andere Fragen darf ich an Michael Wulzinger weiterreichen. Neben einigen spannenden Passagen aus seinem Buch erwartet uns eine spannende Diskussion. Und ganz eventuell… sprechen wir auch über eine weitere aktuelle Enthüllung des Football Leaks Teams.

Meine Empfehlung:

Football Leaks live mit Michael Wulzinger
6.12, 19.30 Uhr
Fanprojekt Stuttgart, Hauptstätter Str. 41,
neben Immer Beer Herzen

Wir sehen uns. Habe die Ehre.

Volle Hütte bei der Lesung der Wochenendrebellen im Fanprojekt Stuttgart.

Es gibt Regeln. Unglaublich viele Regeln, seltsame Regeln, belastende Regeln. Bei einer Lesung der Wochenendrebellen sind sie noch verhältnismäßig harmlos. Erstens: Das Publikum stimmt ab, welcher Text gelesen wird. Zweitens: Jason ist der Wahlleiter. Wenn er zu keinem vernünftigen Ergebnis kommt, annulliert er das Ergebnis und setzt Neuwahlen an. Drittens: In der Fragerunde muss eine Frage zum Thema „Nachtzüge“ gestellt werden. Jason findet Nachtzüge klasse.

Jason, geboren 2005, ist Autist und seit seinem sechsten Lebensjahr mit seinem Vater unterwegs in den Fußballstadien Deutschlands und des benachbarten Auslands. Sein Vater Mirco von Juterczenka war anfangs der Reiseleiter des Vater-Sohn-Groundhoppingteams. Längst kann er sich seiner Rolle als Reiseleiter nicht mehr sicher sein. Im Grunde hat Jason die Organisation übernommen. Ursprünglich sollte es nur darum gehen, dem Jungen einen Lieblings-Fußballverein zu suchen. Doch nach und nach bekommen ihre Touren eine tiefere Bedeutung. Was ursprünglich dem Sohn als Erlebnisarchiv und Gedächtnisstütze dienen sollte, entwickelt sich schnell zu einem Lebensprojekt: Die vielen peinlichen, lustigen, lehrreichen, ernüchternden, teils erschütternden und nachdenklich machenden Erlebnisse und Erkenntnisse finden online eine ungeahnte und stets wachsende Schar von Fans. Auch bei der Lesung im Stuttgarter Fanprojekt wurde dies deutlich. Die Hütte in der Hauptstätter Straße war proppenvoll.

So wie Jason kein normaler Sohn ist, war der Abend keine normale Lesung. Gut so. Die Besucher waren zu Gast bei den von Juterczenkas, deren männliche Teile am Podium munter miteinander diskutierten. Die Gäste im Fanprojekt nahmen Teil am alltäglichen Leben einer Familie, die es gewohnt ist mit einem Sohn zu leben, der Asperger-Autist ist. Hochintelligent selbstverständlich. In Quantenphysik und Chaostheorie allen anderen weit voraus. Dafür in einigen anderen Dingen des Leben etwas eigen. Zu den Symptomen des Asperger-Syndroms gehört unter anderem ein Unverständnis für zwischenmenschliche Gefühle und ausgeprägte Sonderinteressen. Jason will nur ungern berührt werden. Er mag Fußball und Nachtzüge. Und er besteht darauf, dass alles korrekt abläuft. Das gehört zu den Regeln. Darum unterbricht er seinen Vater ständig und stellt kleine Unsauberkeiten in den Formulierungen von Mirco sofort richtig.

Damit sorgen Jason und Mirco zwei Stunden für beste Unterhaltung. Lehrreich und amüsant zugleich. Und am Ende legen die Beiden ihr wichtigstes Anliegen so überzeugend dar, dass ein stolzer Betrag für die Neven-Subutic-Stiftung im Spendenkässchen landet. Denn auch das gehört zu den Regeln: Mit ihren Lesungen wollen die Wochenendrebellen kein Geld verdienen. Jason hat beschlossen, Brunnen für Afrika zu finanzieren. Inklusive sanitäre Anlagen. Mehr als 25.000 Euro benötigt er dafür. Auch darum wird ein Besuch von weiteren Lesungen der Wochenendrebellen ausdrücklich empfohlen. Weitere Infos unter www.wochenendrebellen.de

Nächste Lesung im Fanprojekt Stuttgart:
Michael Wulzinger, Co-Autor „Football Leaks – die schmutzigen Geschäfte im Fußball“, 6.12.2018

 

 

Dem kritischen Fußballpublikum sei diese Veranstaltung wärmstens empfohlen. Sie ist ganz kurzfristig auf den Terminkalender gekommen. Ich freue mich auf Ronny Blaschke und Dr. Stephan Kaußen.

  • Fanprojekt Stuttgart, Hauptstätter Straße 41 (neben Immer Beer Herzen)
  • Mittwoch, 6. Juni 2018, 19.00 Uhr

Hier die „offizielle“ Pressemitteilung:

Vor der WM in Russland: Spielwiese Menschenrechte

Kann eine Weltmeisterschaft ein Gastgeberland nach vorne bringen oder bleibt dies nur eine sportpolitische Wunschvorstellung? Vielleicht ist das Gegenteil der Fall. Wenn die Versammlungsfreiheit eingeschränkt wird, Einwohner vertrieben werden und Bauarbeiter auf Baustellen zu Tode kommen, darf man das gute Verhältnis von Sport und Ethik in Zweifel ziehen. Die Wirkung eines sportlichen Großevents auf die Zivilgesellschaft eines Landes steht im Mittelpunkt des Vortrags- und Diskussionsabends im Fanprojekt Stuttgart. Zu Gast sind mit Ronny Blaschke und Dr. Stephan Kaußen zwei anerkannte Experten, die sich schon seit Jahren mit gesellschaftlichen und politischen Wirkungen von Megaevents befassen. 

Ronny Blaschke

Autor und Sportjournalist Ronny Blaschke beschäftigt sich vor allem mit ethischen Gesichtspunkten im Sport. Er schreibt an gegen Gewalt und Menschenfeindlichkeit. Für sein Engagement gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus wurde er 2013 vom DFB  mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet. Ronny Blaschke tourt seit Beginn des Jahres mit seinem Vortrag durch Deutschland. Mit seinem Bericht von der „Spielwiese Menschenrechte“ wird er die Diskussion eröffnen. Darin thematisiert er unter anderem die Aushöhlung von Menschenrechten und den Schutz von Minderheiten. Andererseits stellt er die Frage, ob Kritik auf Basis eines eurozentristischen Weltbilds überhaupt legitim erscheint.

Stephan Kaußen

Danach wird Dr. Stephan Kaußen von seinen vielfältigen Erfahrungen auf großen Turnieren berichten. Kaußen hat viele Berufe, er arbeitet unter anderem als Dozent, Politikwissenschaftler und Sportreporter. Fußballfans kennen seine Stimme aus der legendären Bundesliga-Konferenz der ARD Radiosender. Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit liegt allerdings außerhalb der Bundesliga: in Südafrika. Er schrieb unter anderem über den Beitrag des Sports zur Versöhnungspolitik im ehemaligen Apartheidstaat und analysierte den gesellschaftlichen und politischen Wandel. Kaußen kann am Beispiel Südafrika die Auswirkungen einer Weltmeisterschaft einschätzen. Auch die anderen Europa- und Weltmeisterschaften der letzten Jahre hat Kaußen aus Fanperspektive erlebt und wird von seinen Erfahrungen berichten.

Der Abend wird veranstaltet vom Fanprojekt Stuttgart mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Moderation hat Bernd Sautter. Die Veranstaltung beginnt am 19 Uhr in den Räumen des Fanprojekts Stuttgart in der Hauptstätter Straße 41. Der Eintritt ist frei.

 

Extremst feiner Podcast für VfB-Fans: der Brustringtalk. Wer anderthalb Stunden Zeit hat, kann nachvollziehen, warum wir uns verplappert haben. Erst entdeckten wir unsere Seelenverwandtschaft – und zu Schluß die Liebe. Ich betone allerdings, dass Frau Aogo damit rein gar nichts zu tun hat.

Zum Brustringtalk – der VfB Podcast
Folge 36 vom 4. Januar 2018

Unter anderem enthalten:

  • Rückblick auf die Hinrunde der Saison 2017/2018
  • Entlassung von Jan Schindelmeiser
  • Die Transfers von Akolo, Badstuber, Aogo, Beck und Ascacibar.
  • Die Rolle des Trainers Hannes Wolf
  • Das Nicht-Fritzle-II Mario Gomez
  • Der Ausblick aus die Rückrunde
  • und einige Gedanken zu 50+1 und die Ausgliederung des VfB