Oder noch mehr? Beim Traditionsabend im VfB-Fanprojekt hat sich schnell herausgestellt, welch großes und unübersichtliches Thema wir besprechen. Doch gerade dort, wo objektive Meinungen kaum zu formulieren sind, kann ein Meinungsaustausch spannend werden. Auf dem Podium diskutierten: Hardy Grüne (Fußballhistoriker, von der FAZ als „Gedächtnis des deutschen Fußballs“ geadelt), Prof. Dr. André Bühler (Direktor des Deutschen Instituts für Sportmarketing) und Martin Harsch (Brustring-Talk). Inklusive Publikum waren mehr deutlich mehr als 50 Perspektiven auf die Tradition vorhanden.

Auf den Brustring-Talk von Martin Harsch verlinke ich an dieser Stelle gerne. Dort kann man die gesamte Veranstaltung nachhören.

https://www.brustringtalk.de/bt061-traditionsabend-im-vfb-fanprojekt-mit-hardy-gruene/

Einige Statements, quer durch die verschiedenen Epochen und Aspekte unserer Diskussion:

Martin Harsch: „Für uns Fans ist die Tradition ein ganz ganz wichtiges Thema. Mit der Tradition können wir uns abheben. Uns gibt’s länger. Wir haben schon in den Fünfzigern und Sechzigern Erfolg gehabt. Natürlich hab ich das nicht selbst erlebt. Bis mir mein Papa mal erklärt hat, wer dieser Schlienz war. „

Hardy Grüne: „Was ist eigentlich Tradition? Beim VfB ist das unbestritten. 1893 die Wurzeln, seither eine stringente Linie, da kann man definitiv von einem Traditionsverein sprechen. Es wurde Leverkusen erwähnt, es wurde Wolfsburg erwähnt. Leverkusen ist 1904 gegründet, vor der Stadt Leverkusen, seither eine stringente Linie im Fußball. Kein Traditionsverein, nur weil Bayer dazu steht, finde ich schwierig. Wolfsburg. Die Stadt Wolfsburg ist 1945 gegründet. Der VfL Wolfsburg ist 1945 gegründet. Der konnte gar nicht früher gegründet werden. Der VfL hat in den fünfziger Jahren in der Oberliga Nord gespielt, hat den HSV geschlagen. Keine Tradition? Find ich schwierig. Die Definition der Tradition ist schwer und immer eine Frage der Perspektive.“

Hardy Grüne: „Ich finde es sehr spannend zu sehen, dass Tradition auch beweglich ist. Wo wir gerade beim VfB Wappen sind… offensichtlich fängt sie beim Wappen nicht bei 1893 an, dann wären wir nämlich beim Kronenklub oder dem Stuttgarter FV, sondern wir sind bei der Zeit, so 1949, bei dem Wappen, das eingeführt wurde und jetzt wieder verwendet wird. Der Begriff Tradition ist also offenbar etwas flexibel. Viele verbinden das meistens mit einer Zeit, in der sie groß geworden sind.“

André Bühler: „Tradition hängt viel mit Geschichten zusammen, die man erlebt hat. Meine VfB Tradition besteht aus Jürgen Klinsmann, Fallrückzieher, 7:0 gegen Dortmund mit zwei Allgöwer-Toren, die Meisterschaften 92 und 2007, das sind Geschichten. Natürlich kann RB Leipzig diese Geschichten jetzt noch nicht erzählen, aber wenn es die in 40 Jahren noch geben sollte, dann haben sie die gleichen Geschichten wie der VfB jetzt.“

André Bühler: „Meine Familie regt sich traditionellerweise seit 40 Jahren über den VfB auf. Das ist auch eine Form der Tradition.“

Hardy Grüne: Wir reden ja gar nicht über Tradition, wir reden über Kommerz. Und Kommerz ist etwas, das immer zum Fußball gehört hat. Da sind wir wieder bei dem Ding Früher-war-alles-besser. Aber in den Zwanziger Jahren haben sie auch überall gemeckert, weil vieles zu kommerziell geworden ist.“

André Bühler: Was mich an dem Konstrukt Leipzig aufregt: Red Bull ist ein Marketingkonzern, die zufälligerweise auch Energydrinks herstellen. Aber sie erzählen die Geschichte, sie wollen diesen Bundesligastandort Leipzig aufblühen lassen. Absolut gar nicht! Null! Die wollen auch gar nicht erfolgreich Fußball spielen lassen. Die wollen ihre Getränkedosen verkaufen. Das ist das Narrativ und das stört mich, dass sie das nicht offen zugeben.“

Martin Harsch: „Mein Vater ist ein überzeugter Schwabe. In Fellbach aufgewachsen. Ich hatte recht früh eine Flagge vom Königreich Württemberg, auf der „Furchtlos und treu“ stand. Deswegen ist für mich das „Furchtlos und treu“ nicht negativ belegt. Es kam ja auch bei der Gründung zu dieser Verbindung zwischen Königreich und Volk. Wir gemeinsam, furchtlos und treu.“

Teaser: Nächste Veranstaltung. fan.tastic females. Ausstellung und Diskussion über Frauen in Fanszenen. Diskussion am Montagabend, 8. April 2019. Herzlich willkommen!


Schön, wenn Buch einen Anstoß gibt, die angesprochenen Themen noch etwas zu vertiefen. Das Verhältnis von Fußball und Heimat ist aktueller denn je. Die Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin hat eine viel beachtete Veranstaltung daraus gemacht. Neben meiner Wenigkeit waren geladen: der Journalist Christoph Ruf, Fritz Keller (Präsident des SC Freiburg) und Dirk Zingler (Präsident von Union Berlin). Jessi Wellmer hat moderiert.

Hier einige Bilder und Zitate:

Dirk Zingler: “Die Verantwortung der Vereine ist, für etwas zu stehen, ein klares Wertegerüst zu bieten. […] Uns geht es um ‘Fußball pur’, aber Fußball ist nicht nur das Spiel, sondern auch ein soziales Miteinander auf den Rängen.”

Fritz Keller: Der Fußball hat etwas. Wir möchten wirklich alle haben, aber sie müssen mit den Werten leben, die wir vorleben. Es gibt auch eine Chance. Gerade für Leute vom Rand der Gesellschaft, die orientierungslos sind, die sind bei uns herzlich willkommen, sie müssen aber lernen mit unseren Werten umzugehen. Das ist unsere gesellschaftliche Verpflichtung.“

Christoph Ruf: „Es geht um das Stadionerlebnis. … Für mich ist Fußball auch Heimat … Was Fußball auch leistet, ist dieses Gemeinschaftserlebnis, das du vor dem Fernseher nicht hast. … Ich glaube, das hat ganz viel damit zu tun, wie sich die Fans selbst organisieren und kann nur bedingt vom Verein beeinflußt werden.“

Wer etwas Zeit mitbringt: Einfach auf das untere Bild klicken, dann gibt’s den Mitschnitt in voller Länge. Bitte nicht erschrecken, ich hatte das Vergnügen zu beginnen.

Genauer gesagt: in der Vertretung des Landes Baden-Württemberg in Berlin. Ziemlich coole Location, muss ich schon sagen.

Schön, wenn mein Buch immer wieder Anstösse zum Nachdenken liefert. Und das sogar über die Grenzen von Württemberg und Baden hinaus. Dass dabei ein kleiner Auftritt in Berlin für mich abfällt, darüber kann ich als Schwabe nicht meckern.

Um was geht’s: Heimspiele bekommt einen Hashtag und wird zu #MeinHeimspiel. Unter diesem Motto steht ein Abend in der Vertretung des Landes Baden-Württemberg in Berlin, an dem wir der Frage nachgehen, was Fußball und Heimat miteinander zu tun haben. Konkret: Was gibt mir mein Drittligist und was kann mir Neymar nicht geben?

Auf der Bühne lauter Prominenz. Fritz Keller (Präsident des SC Freiburg) Christoph Ruf (Fan und Journalist) und Dirk Zingler (Präsident des 1. FC Union Berlin). Und ich (nicht so promiment). Moderation hat Jessi Wellmer von der ARD Sportschau.

#MeinHeimspiel
Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund
23. Januar, ab 18.30 Uhr

Danke an Steffenz für’s Beitragsbild via Pxhere

Die schönste Nebensache der Welt (FC Winterthur – FC St.Pauli 0:1)

„Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht,“ stellte Sepp Herberger einmal fest. Wer am Samstag in Winterthur bei der Saisoneröffnung war, ist geneigt, dem großen alten Herrn des deutschen Fußballs zu widersprechen. Tatsächlich konnte Herberger nicht ahnen, dass es einmal so etwas wie einen „alternativen“ Fußball geben würde. Also einen Fußball mit subkultureller Prägung, der sich den üblichen Gesetzen des Kommerzes entziehen will – und trotzdem im „normalen“ Liga-Betrieb mitmischt. Zu diesen Vereinen gehören der FC Winterthur und der FC St. Pauli. Ein Spagat gewiss, aber das möge bitte an andere Stelle diskutiert werden.

Konzentrieren wir uns aufs Spiel. Oder auch nicht. Denn das Spiel war eigentlich herzlich egal. Herberger zum Trotz: Wenn sich diese beiden Teams zur Saisoneröffnung treffen, ist es völlig wurscht, wie es ausgeht. Und die Zuschauer kommen nicht, weil sie neugierig sind, wie das Spiel wohl ausgehen mag. Sie erscheinen wegen… Ach, weiß ich auch nicht.  Sie kommen halt. Und das ist auch gut so. Die alte Sportreporter-Floskel „Das Spiel lebte von der Spannung“ war völlig deplatziert. Man schaute den Kickern eigentlich nur zu, weil die Tribünen eben so geneigt sind, dass sich alle Blicke aufs Spielfeld richten. Wie beim Autofahren. Man unterhält sich intensiv – aber schaut den Gesprächspartner auf dem Beifahrersitz nicht an. Und wenn, dann nur kurz. Man weiß ja schließlich, wie er aussieht. So ähnlich geschah das auch auf der Schützenwiese. Eine ganze Sommerpause lang hatte man seine Freunde nicht gesehen. Da gab es vieles zu besprechen. Zumal die Bude voll war, St. Pauli zieht immer. Drum waren auch 5.000 statt der üblichen 3.000  erschienen. Gegen Pauli sind eben immer ein paar Freunde mehr da – aus der Schweiz, aus Süddeutschland und natürlich aus Hamburg. Dementsprechend waren sogar in der Winti-Bierkurve diejenigen in der Überzahl, die St. Pauli-Trikots trugen. Damit sahen sich  die Gastgeber natürlich in der Pflicht, sich um ihre Freunde zu kümmern. Die ganze Konzentration galt den Gästen – und zwar nicht denen auf dem Platz, sondern denen auf der Tribüne. Ein Freundschaftsspiel im eigentlichen Sinne.Movie Fifty Shades Darker (2017)Watch movie online The Lego Batman Movie (2017)

Ich wunderte mich eigentlich nur, dass drüben auf der anderen Seite des Stadions einige St.Pauli-Fans im Gästeblock übrig geblieben waren. Hätte schwören können, sie stehen alle in der Winti Bierkurve, untergehoben wie Hefe unter den Bierteig. In der prallen Sonne ist das Gemisch dann prompt aufgegangen. Selbstverständlich unter permanenter Zugabe von weiteren Flüssigkeiten. Umrühren nicht vergessen. Also tauschte man munter die Plätze. Ein bißchen „Hallo“ hier, ein kurzer Schnack da, und „Ach, Du bisch joa au doa.“ Wer seine Freunde vor lauter Halligalli aus den Augen verloren hatte, traf sie sie am Bierstand wieder. Alternatives Sehenundgesehenwerden. Tatsächlich hingen die Sonnenbrillen tief an diesem Nachmittag. Heiss war’s, was auch praktisch war, weil die gesamte Tattoo-Kollektion präsentiert werden konnte.

Nur einer stand etwas verloren rum. Ein FC-Zürich-Fan war mit einigen Kumpels auf die Schützenwiese gekommen. Während der Unterhaltung stellte sich schnell heraus, dass er noch gehandicapt war, Metall im Ellenbogen und so weiter. Offenbar waren auch andere Körperteile von härterer Sorte – vor allem diejenigen, die dort platziert sind, wo wir anderen über etwas verfügen, das zu besonnenen Gedanken fähig ist. Unser Freund aus Zürich war eingetragenes  Mitglied der Fraktion Stadionverbot. 5 Jahre hatte er bekommen, hätte also gar nicht rein dürfen durch die Kontrollen an der Schützenwiese. Aber für die Pazifisten aus Winterthur entsteht auch dabei kein Problem. Unser kleiner Hool war ohnehin von Winterthur und diesem pazifistischen Kokolores frustriert. „Ich hab mich schon durchgefragt, geht gar nichts ab heute. Ich weiß eigentlich gar nicht, wieso ich hierher gefahren bin,“ stellte der Jung-Hool im St.-Pauli-Pelz fest. Man kann sich seine Fans nicht aussuchen.

Also verzog ich mich wieder zu meinen Freunden in die Bierkurve, wo vollgepiercte Damen Süßigkeiten für fünf Franken reichten. Es sei ein Damengetränk, wurde erklärt, und so fügte ich mich gerne in der Gender-Zuordnung. Hätte der Likör nicht rosa sein sollen? Mag sein. Aber das leuchtende Hellblau funktionierte ebenfalls als Abschreckung. Darum nahm ich von einer Verköstigung Abstand, zumal mit dem Genuss des kurzen Blauen offenbar der Befehl verbunden war, hernach mit einer Portion vom sahnigen Weißen herunterzuspülen, und dabei handelte es sich ganz offensichtlich um pure Schlagsahne. Eine ungenutzten Versuchung sei genug, dachte ich, und verkrümelte mich zum Wurststand. Die Nürnberger auf der Schützenwiese schmecken tatsächlich fantastisch. „Und wann’s zweng Soss isch, saggetses – odrr ssia kommet nommali.“ So herzlich wird man selten bedient in deutschen Stadien.

Ach ja, ein Spiel gab es auch noch. Während ich mich gerade angeregt unterhielt, muss wohl drüben ein Tor gefallen sein. Wär ja auch schade, wenn ein Freundschaftsspiel Null zu Null ausginge. Gesehen hatte ich das Tor freilich nicht. Es gab ja Wichtigeres. Und trotzdem ereignete sich noch eine Szene, bei der alle im Stadion aufhorchten. Als ein Flitzer vor der neuen Gegentribüne alle Stadionwürste zeigte, die er in den letzten zehn Jahren verzehrt hatte, war die Tribüne aus dem Häuschen vor Begeisterung. Obwohl von Jugendgefährdung keine Rede sein konnte, schritten die Sicherheitskräfte ein, und führten das rollende Schlachthauserzeugnis ab. In Deutschland wäre das Ding sogar von der FSK freigeben worden. Seine Rundungen waren so nämlich so üppig ausgeprägt, dass das flatternde Stadionwürstchen darunter komplett aus dem Blickwinkel geriet.

Ach, und wie das Spiel ausging? Weiß ich gar nicht so genau. Auf jeden Fall 1:0 für den Flitzer. Und ich glaube auch 1:0 für Pauli. „Odrr?“

Für alle die nicht dabei waren, sei die Bildergalerie von Milad empfohlen, einer der genialsten Stadion-Fotografen der Welt, schon deshalb lohnt sich der Klick durch seine Galerie.

(Was das alles mit Fußball in Baden-Württemberg zu tun hat? Nun, Anfang Oktober liegt „Heimspiele“ im Buchhandel, da steht’s drin.)