Baden gegen Württemberg: Das Spiel des Jahres.

Aus den Lautsprechern im Stadion am Holzhof dröhnt die Championsleague-Hymne. Wenn Platini das erfährt, könnte es teuer werden. Einen solchen Andrang hat der Pforzheimer Fußball schon lange nicht mehr erlebt. 3.400 Zuschauer wollen das das letzte Spiel der Spielzeit 14/15 sehen –  für viele ist es gleichzeitig das Spiel des Jahres. Im Rückspiel der Aufstiegsrelegation zur Oberliga Baden-Württemberg stehen sich die Tabellenzweiten der Verbandsligen gegenüber. Aus Nordbaden der CfR Pforzheim, aus Württemberg der 1. Göppinger SV. Göppingen bringt einen 1:0-Vorsprung aus dem Hinspiel mit an den Pforzheimer Holzhof. Bisher setzt sich die Oberliga Baden-Württemberg in der Spielzeit 2015/16 aus 9 württembergischen Teams und 8 Mannschaften zusammen, die aus dem nord- oder südbadischen Raum kommen. Kommt der CfR Pforzheim weiter, ist die Liga völlig ausgeglichen, was die Landesteile betrifft.

Bisher ist der CfR nicht über die Rolle des ungeliebten Kindes hinausgekommen. Dar Holzhof ist das ehemalige Stadion des VfR Pforzheim, einer der zwei großen Pforzheimer Clubs, die vor einigen Jahren fusionierten, und damit den CfR bildeten. An der Fassade des Vereinsheims prangt auch noch fünf Jahre nach der Fusion das alte Wappen des untergegangen VfR. Links davor hängt sogar noch eine Plane mit der Aufschrift „100 Jahre VfR“. Man braucht nur eine Leiter und eine kleine Zange um die Kabelbinder abzuknipsen, an denen die veraltete Plane befestigt wurde. Aber in den letzten fünf Jahren hatte offenbar kein Mitglied eine Zange zur Hand. Das spricht Bände. Ein Alt-Fan des CfR erscheint mit einem Auswärtstrikot des ebenfalls verblichenen 1.FC Pforzheim. Niemand spürt Störgefühle. Jeder weiß: Nur wenn der neue Fusionsclub CfR endlich erfolgreich ist, wird er sich in der Stadt etablieren. Darum scheint es vor dem Spiel so, als ginge es für Pforzheim um mehr als nur um den Aufstieg. Der CfR, der immer noch als Fusionskonstrukt angesehen wird, kämpft vor allem um Akzeptanz und Unterstützung.

Die gute Nachricht für beide Vereine: Einer steigt auf. Beide Mannschaften verbinden mit Relegationsspiele keine überdurchschnittlich guten Erfahrungen. Die beiden Vorgängerclubs des CfR, das wissen alle Pforzheimer Fußballfans, waren rituelle Relegationslooser. Was der 1.FC Pforzheim und der VfR Pforzheim im letzten halben Jahrhundert ihres Bestehens an Relationsspielen und Aufstiegsrunden gegeigt hatten, passt in gebührender Ausführlichkeit in keine Vereinschronik. Immer wenn’s drum ging, zog Pforzheim den Kürzeren. Hat der CfR womöglich die Seuche geerbt? Wundern würde es niemanden. Beim 1.Göppinger SV ist die Relegationsschwäche jüngeren Datums. Göppingen war im letzten Sommer schon in diesen Ausscheidungsspielen vertreten – und zog gegen Germania Friedrichstal den Kürzeren. Die Experten behaupten, dass der CfR eigentlich favorisiert wäre. Allein vom Papier her, scheint dies nachvollziehbar. Nach der Kooperation mit dem TSV Grunbach, der seine Mannschaft aus der Oberliga zurückzog, stehen im Pforzheimer Kader zahlreiche Spieler, die bereits Oberliga-Erfahrung haben. Alle von den Grunbacher Höhen des Nordschwarzwaldes hinunter an die Enz gewechselt, wo nun der erste Anlauf genommen wird, die große alte Fußballtradition der Goldstadt wiederzubeleben. In dieser Hinsicht scheint die Qualifikation für die Oberliga das Mindeste, was der CfR erreichen sollte.

Vom Anstoß weg läuft erstmal alles wie erwartet. Pforzheim drängt. Göppingen steht tief. In der 18. Minute fliegt eine Flanke in den Göppingen Strafraum, die Daniel Calo zum 1:0 verwandelt. Der auffälligere der beiden CfR-Stürmer ist eigentlich sein Sturmpartner Dominik Salz, und das liegt nicht nur am Rugby-Kopfschutz, den er in Cech-Manier trägt. Von Salz geht ständig Gefahr aus, wenn er den Ball führt. Aber er führt ihn immer seltener. Das Gegentor weckt Göppingen, die bis zum Halbzeitpfiff feldüberlegen sind. Auch in der zweiten Halbzeit sieht es lange so aus, als würde Pforzheim auf passablem Niveau den Aufstieg verpassen. Druckvoll spielen nur die Gäste aus Württemberg. Sie erzielen sogar ein Tor, aber in der Tat liegt der Schiedsrichter richtig, als er entscheidet, dass es mit der Hand über die Linie gedrückt wurde. Eigentlich hat Göppingen nur Problem: Kopfballstärke. Nach einem Eckball für Pforzheim kommt Manuel Salz mit seinem Rugby-Helm frei zum Kopfball. 2:0. Auch das 3:0 kurz vor Schluss fällt, nachdem der CfR zwei Kopfballduelle im Göppingen Strafraum klar gewinnen konnte.

Mit freundlichem Kopfnicken und höflichen Applaus goutieren die Pforzheimer Zuschauer den größten Erfolg der jungen Vereinsgeschichte des CfR. Das unvermeidliche Wearethechampions dröhnt durchs Enztal. Danach auch die neue Clubhymne. „Der Club und die Rassler – auf ewig verwoben, gemeinsam kämpfen, das Ziel geht vor,“ so wird es auf Schlagerniveau beschworen. An den Lautsprechern liegt’s nicht, trotzdem ist die Botschaft noch nicht überall angekommen, dass der CfR die doppelte Kraft besitzt, eben die von 1.FC Pforzheim und VfR Pforzheim. Aber ein Anfang ist gemacht, denkt sich der Pforzheimer heimlich. Vielleicht wird es doch noch was, mit der Wiederauferstehung. Und möglicherweise gründet sich bald ein sogar mal ein CfR-Fanklub. Eventuell könnte es sogar sein, dass die Fußballkultur wieder im Enztal Einzug hält. Derlei Träume haben im letzten Saisonspiel 14/15 wieder Nahrung bekommen. Lange kann man es sich nicht mehr erlauben, einfach die Championsleague-Hymne zu spielen. In der nächsten Saison hören wieder ein paar mehr zu, was sich in Pforzheim tut. Und möglicherweise war der tiefe Fall allein schon deshalb hilfreich, weil man da unten, in der Relegation zur Oberliga, endlich die traditionelle Schwäche in Entscheidungsspielen besiegen konnte.

Mal ehrlich, kann man einem geneigten Leser in weniger als 90 Geschichten erklären, warum um alles in der Welt, ausgerechnet Baden-Württemberg so bedeutend sein soll –  so aufschlussreich, dass man insgesamt 94 Heimspiele lesen muss, und zwar selbst dann, wenn man in Schleswig-Holstein wohnt? Nun, dieser Versuch würde über viele Argumente führen. Die vielleicht wichtigsten drei Punkte davon sind:

Erstens: Baden und Württemberg sind frühe Hochburgen des Fußballs.

Als die Sportart am Ende des 19. Jahrhunderts nach Deutschland einsickerte, fiel sie vor allem dort auf fruchtbaren Boden, wo ein aufgeschlossenes Bürgertum die festgesetzten Konventionen der vorherrschenden Turner durchbrechen konnte. In Karlsruhe, Mannheim, Freiburg, Pforzheim und Stuttgart entwickelte sich der Sport mit hohem Tempo. Der Karlsruher FV gilt als erste deutsche Super-Truppe. Walter Bensemann, später Gründungsmitglied des KFV hatte schon zuvor das erste Fußball-Spiel auf süddeutschen Boden veranstaltet, das amtlich dokumentiert wurde. Bensemann gilt vielen als erster Fußball-Intellektueller. Später gründete er in Konstanz das kicker Sportmagazin.

Mein zweites Argument: Baden-Württemberg ist Trainerland.

Und zwar das Trainerland schlechthin. Der besagte Karlsruher FV hatte damals einen der ersten englischen Trainer angestellt, den wir in Deutschland hatten, übrigens eine revolutionäre Maßnahme. Auf wundersame Weise hat sich das Land diesen Vorsprung erhalten. Von acht Trainern, die die Nationalmannschaft bisher führten, stammen genau die Hälfte aus Baden-Württemberg: Otto Nerz, Sepp Herberger, Jürgen Klinsmann und Jogi Löw. In der Vorrunde der Saison 2014/2015 wurde ein Drittel aller Bundesligisten von Baden-Württembergern trainiert: Robin Dutt, Joe Zinnbauer, Jürgen Klopp, Christian Streich, Tayfun Korkut und Markus Gisdol. Natürlich gebe ich zu, dass eine solche Trainer-Zählung nur eine begrenzte Haltbarkeit besitzt. Oft muss man an einem Tag gleich dreimal durchzählen, damit man auf dem aktuellen Stand bleibt. Trotzdem halte ich die vielen Übungsleiter, die das Land hervorgebracht hatte, für nicht zufällig gewachsen. Nachweislich hat die badische und württembergische Trainerschule in den zurückliegenden zwanzig Jahren einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet, Deutschland und seinen Fußball wieder international konkurrenzfähig zu machen. Wo gute Trainer, da auch gute Spieler. Bildung ist alles, sagt man. Nicht nur im Fußball.

Und schließlich drittens: Baden-Württemberg ist prall voll mit einzigartigen Fußball-Revieren.

Und dabei meine ich nicht nur die Metropolen wie Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart oder Freiburg. Auch dort, wo ich es nicht erwartet hätte, bin ich plötzlich auf eine Spur eines fußball-historisch aufschlussreichen Erzählstrangs gestoßen – oder es hatte sich etwas zugetragen, das ich so bemerkenswert, tragisch, anrührend, skurril oder mysteriös fand, so dass ich meinte, es würde sich lohnen, den Dingen auf den Grasnarbe zu gehen. Und obwohl das Buch kein Reiseführer sein soll, behaupte ich: Eine Fußball-Tour durch das Land lohnt in jeden Fall. Die vorliegenden 90 Reiseziele (plus vier am Rande), die in diesem Buch versammelt sind, machen einen Anfang. Tatsächlich sind die Fußball-Plätze, bei denen ein Besuch lohnt, weit zahlreicher. Die Geschichten sind es sowieso. Doch Vollständigkeit, so habe ich mir sagen lassen, passt nicht zwischen zwei Buchdeckel, und schon gar nicht, wenn es um den Fußball des Landes geht.