Heimspiele // Baden-Württemberg // Bernd Sautter // Fußballbuch

Wie bitte… schon zwei Jahre her, dass „Heimspiele Baden-Württemberg“ erschienen ist? Damals hatte es der Verlag im Herbst auf den Markt gebracht, weil er sich sicher war hoffte, das Buch wäre als Weihnachtsgeschenk bestens geeignet. Stimmt, aber mal ehrlich: Heute,  zwei Jahre später, ist es keine Hoffnung, sondern vielfach bewiesen: „Heimspiele Baden-Württemberg“ ist ein Klasse Weihnachtsgeschenk. Es ist schwer, gehaltvoll und garantiert nicht nullachtfuffzehn. Es freut den Beschenkten und adelt den Schenkenden. Wer möchte, kann auch Blumen dazulegen.

Wenn man „Heimspiele Baden-Württemberg“ verschenkt, kann tatsächlich folgendes passieren: In Einzelfällen freuen sich die Beschenkten darüber. Einiger dieser Fußballkenner haben mir das bereits schriftlich kund getan. Ich sage: „Herzlichen Dank für die Zuschriften. Geht runter wie ein Strich in die Dreiangel.“

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Hallo Herr Sautter,
jetzt, da die Bundesliga-Saison vorbei ist, finde ich mal wieder Zeit, um Grundsätzliches zum Fußball zu lesen. Dabei fiel mir Ihr Buch „Heimspiele“ in die Hand, in dem ich immer wieder schmökere und das ich auch schon mehrfach verschenkt habe. Nachdem ich gerade auf der letzten Seite Ihre Email-Adresse gefunden habe, dachte ich mir, ich schicke Ihnen einmal mein Kompliment und meinen Dank für diese 94 Geschichten des Fußballs in Baden-Württemberg! Sie sind ein großes Lesevergnügen und der ultimative Beweis dafür, dass der Fußball ohne die Trainer, Spieler, Schiedsrichter, Funktionäre aus dem Ländle gar nicht denkbar wäre.

Vielen Dank dafür!

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Sehr geehrter Herr Sautter,
auf Ihr Buch bin ich durch die „Badische Zeitung“ aufmerksam geworden. Ich möchte es unserem Sohn schenken, der in Hamburg dem SC Freiburg die Daumen drückt.

Inzwischen habe ich es selbst (weitgehend) gelesen und möchte mich bedanken für dieses gelungene Werk: flott und sprachlich geschliffen, mit viel Detailkenntnis, unterhaltsam, wohlwollend humorvoll u.v.m., außerdem die badische Seite angemessen würdigend (verglichen mit SWR-Sendungen wie „Sport im Dritten“). Ich werde es noch mehrmals kaufen und verschenken.

Es sei ihm der gebührende Erfolg beschieden. Ihnen wünsche ich noch weitere solcher ideenreicher Kreationen.

Viele Grüße aus Emmendingen

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Hallo Herr Sautter,
zunächst mal vielen vielen Dank für Ihr Buch „Heimspiele Baden-Württemberg“!

Mit Genuss habe ich die einzelnen Kapitel gelesen und war auch erfreut, dass es Kapitel über meine „Heimat“ gibt! Als Dillweißensteiner (Pforzheimer) haben diese Teile des Buches natürlich für mich eine besondere Bedeutung… Egal ob Schnürles, Arthur Hiller, der FCP…

Einfach DANKE dafür!

Der Einzige, der mir persönlich gefehlt hatte (Sorry dafür, aber ich finde seine Lebensgeschichte äußerst spannend…), war Emil „Emilio“ Walter (http://m.11freunde.de/artikel/der-vergessene-barca-held-aus-pforzheim?utm_referrer=https://www.google.de/), den selbst in Pforzheim nur wenige kennen…Außerdem haben wir in unserer Vereinschronik einen Spielberichtsbogen der Kegelabteilung gefunden, auf dem Mehmet Scholl wieder zu finden ist! Weiterhin viel Erfolg, Spaß und Leidenschaft bei Ihrer Arbeit und sollte ein weiteres Buch entstehen, einen Käufer haben Sie auf jeden Fall! :-D

Für das tolle Feedback sage ich: „Danke ebenfalls. Es war mir ein Vergnügen.“ An den Leser aus Pforzheim: Stimmt! Falls es einmal eine Fortsetzung geben sollte: Emilio Walter ist auf jeden Fall drin.

Die schönste Nebensache der Welt (FC Winterthur – FC St.Pauli 0:1)

„Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht,“ stellte Sepp Herberger einmal fest. Wer am Samstag in Winterthur bei der Saisoneröffnung war, ist geneigt, dem großen alten Herrn des deutschen Fußballs zu widersprechen. Tatsächlich konnte Herberger nicht ahnen, dass es einmal so etwas wie einen „alternativen“ Fußball geben würde. Also einen Fußball mit subkultureller Prägung, der sich den üblichen Gesetzen des Kommerzes entziehen will – und trotzdem im „normalen“ Liga-Betrieb mitmischt. Zu diesen Vereinen gehören der FC Winterthur und der FC St. Pauli. Ein Spagat gewiss, aber das möge bitte an andere Stelle diskutiert werden.

Konzentrieren wir uns aufs Spiel. Oder auch nicht. Denn das Spiel war eigentlich herzlich egal. Herberger zum Trotz: Wenn sich diese beiden Teams zur Saisoneröffnung treffen, ist es völlig wurscht, wie es ausgeht. Und die Zuschauer kommen nicht, weil sie neugierig sind, wie das Spiel wohl ausgehen mag. Sie erscheinen wegen… Ach, weiß ich auch nicht.  Sie kommen halt. Und das ist auch gut so. Die alte Sportreporter-Floskel „Das Spiel lebte von der Spannung“ war völlig deplatziert. Man schaute den Kickern eigentlich nur zu, weil die Tribünen eben so geneigt sind, dass sich alle Blicke aufs Spielfeld richten. Wie beim Autofahren. Man unterhält sich intensiv – aber schaut den Gesprächspartner auf dem Beifahrersitz nicht an. Und wenn, dann nur kurz. Man weiß ja schließlich, wie er aussieht. So ähnlich geschah das auch auf der Schützenwiese. Eine ganze Sommerpause lang hatte man seine Freunde nicht gesehen. Da gab es vieles zu besprechen. Zumal die Bude voll war, St. Pauli zieht immer. Drum waren auch 5.000 statt der üblichen 3.000  erschienen. Gegen Pauli sind eben immer ein paar Freunde mehr da – aus der Schweiz, aus Süddeutschland und natürlich aus Hamburg. Dementsprechend waren sogar in der Winti-Bierkurve diejenigen in der Überzahl, die St. Pauli-Trikots trugen. Damit sahen sich  die Gastgeber natürlich in der Pflicht, sich um ihre Freunde zu kümmern. Die ganze Konzentration galt den Gästen – und zwar nicht denen auf dem Platz, sondern denen auf der Tribüne. Ein Freundschaftsspiel im eigentlichen Sinne.Movie Fifty Shades Darker (2017)Watch movie online The Lego Batman Movie (2017)

Ich wunderte mich eigentlich nur, dass drüben auf der anderen Seite des Stadions einige St.Pauli-Fans im Gästeblock übrig geblieben waren. Hätte schwören können, sie stehen alle in der Winti Bierkurve, untergehoben wie Hefe unter den Bierteig. In der prallen Sonne ist das Gemisch dann prompt aufgegangen. Selbstverständlich unter permanenter Zugabe von weiteren Flüssigkeiten. Umrühren nicht vergessen. Also tauschte man munter die Plätze. Ein bißchen „Hallo“ hier, ein kurzer Schnack da, und „Ach, Du bisch joa au doa.“ Wer seine Freunde vor lauter Halligalli aus den Augen verloren hatte, traf sie sie am Bierstand wieder. Alternatives Sehenundgesehenwerden. Tatsächlich hingen die Sonnenbrillen tief an diesem Nachmittag. Heiss war’s, was auch praktisch war, weil die gesamte Tattoo-Kollektion präsentiert werden konnte.

Nur einer stand etwas verloren rum. Ein FC-Zürich-Fan war mit einigen Kumpels auf die Schützenwiese gekommen. Während der Unterhaltung stellte sich schnell heraus, dass er noch gehandicapt war, Metall im Ellenbogen und so weiter. Offenbar waren auch andere Körperteile von härterer Sorte – vor allem diejenigen, die dort platziert sind, wo wir anderen über etwas verfügen, das zu besonnenen Gedanken fähig ist. Unser Freund aus Zürich war eingetragenes  Mitglied der Fraktion Stadionverbot. 5 Jahre hatte er bekommen, hätte also gar nicht rein dürfen durch die Kontrollen an der Schützenwiese. Aber für die Pazifisten aus Winterthur entsteht auch dabei kein Problem. Unser kleiner Hool war ohnehin von Winterthur und diesem pazifistischen Kokolores frustriert. „Ich hab mich schon durchgefragt, geht gar nichts ab heute. Ich weiß eigentlich gar nicht, wieso ich hierher gefahren bin,“ stellte der Jung-Hool im St.-Pauli-Pelz fest. Man kann sich seine Fans nicht aussuchen.

Also verzog ich mich wieder zu meinen Freunden in die Bierkurve, wo vollgepiercte Damen Süßigkeiten für fünf Franken reichten. Es sei ein Damengetränk, wurde erklärt, und so fügte ich mich gerne in der Gender-Zuordnung. Hätte der Likör nicht rosa sein sollen? Mag sein. Aber das leuchtende Hellblau funktionierte ebenfalls als Abschreckung. Darum nahm ich von einer Verköstigung Abstand, zumal mit dem Genuss des kurzen Blauen offenbar der Befehl verbunden war, hernach mit einer Portion vom sahnigen Weißen herunterzuspülen, und dabei handelte es sich ganz offensichtlich um pure Schlagsahne. Eine ungenutzten Versuchung sei genug, dachte ich, und verkrümelte mich zum Wurststand. Die Nürnberger auf der Schützenwiese schmecken tatsächlich fantastisch. „Und wann’s zweng Soss isch, saggetses – odrr ssia kommet nommali.“ So herzlich wird man selten bedient in deutschen Stadien.

Ach ja, ein Spiel gab es auch noch. Während ich mich gerade angeregt unterhielt, muss wohl drüben ein Tor gefallen sein. Wär ja auch schade, wenn ein Freundschaftsspiel Null zu Null ausginge. Gesehen hatte ich das Tor freilich nicht. Es gab ja Wichtigeres. Und trotzdem ereignete sich noch eine Szene, bei der alle im Stadion aufhorchten. Als ein Flitzer vor der neuen Gegentribüne alle Stadionwürste zeigte, die er in den letzten zehn Jahren verzehrt hatte, war die Tribüne aus dem Häuschen vor Begeisterung. Obwohl von Jugendgefährdung keine Rede sein konnte, schritten die Sicherheitskräfte ein, und führten das rollende Schlachthauserzeugnis ab. In Deutschland wäre das Ding sogar von der FSK freigeben worden. Seine Rundungen waren so nämlich so üppig ausgeprägt, dass das flatternde Stadionwürstchen darunter komplett aus dem Blickwinkel geriet.

Ach, und wie das Spiel ausging? Weiß ich gar nicht so genau. Auf jeden Fall 1:0 für den Flitzer. Und ich glaube auch 1:0 für Pauli. „Odrr?“

Für alle die nicht dabei waren, sei die Bildergalerie von Milad empfohlen, einer der genialsten Stadion-Fotografen der Welt, schon deshalb lohnt sich der Klick durch seine Galerie.

(Was das alles mit Fußball in Baden-Württemberg zu tun hat? Nun, Anfang Oktober liegt „Heimspiele“ im Buchhandel, da steht’s drin.)

Baden gegen Württemberg: Das Spiel des Jahres.

Aus den Lautsprechern im Stadion am Holzhof dröhnt die Championsleague-Hymne. Wenn Platini das erfährt, könnte es teuer werden. Einen solchen Andrang hat der Pforzheimer Fußball schon lange nicht mehr erlebt. 3.400 Zuschauer wollen das das letzte Spiel der Spielzeit 14/15 sehen –  für viele ist es gleichzeitig das Spiel des Jahres. Im Rückspiel der Aufstiegsrelegation zur Oberliga Baden-Württemberg stehen sich die Tabellenzweiten der Verbandsligen gegenüber. Aus Nordbaden der CfR Pforzheim, aus Württemberg der 1. Göppinger SV. Göppingen bringt einen 1:0-Vorsprung aus dem Hinspiel mit an den Pforzheimer Holzhof. Bisher setzt sich die Oberliga Baden-Württemberg in der Spielzeit 2015/16 aus 9 württembergischen Teams und 8 Mannschaften zusammen, die aus dem nord- oder südbadischen Raum kommen. Kommt der CfR Pforzheim weiter, ist die Liga völlig ausgeglichen, was die Landesteile betrifft.

Bisher ist der CfR nicht über die Rolle des ungeliebten Kindes hinausgekommen. Dar Holzhof ist das ehemalige Stadion des VfR Pforzheim, einer der zwei großen Pforzheimer Clubs, die vor einigen Jahren fusionierten, und damit den CfR bildeten. An der Fassade des Vereinsheims prangt auch noch fünf Jahre nach der Fusion das alte Wappen des untergegangen VfR. Links davor hängt sogar noch eine Plane mit der Aufschrift „100 Jahre VfR“. Man braucht nur eine Leiter und eine kleine Zange um die Kabelbinder abzuknipsen, an denen die veraltete Plane befestigt wurde. Aber in den letzten fünf Jahren hatte offenbar kein Mitglied eine Zange zur Hand. Das spricht Bände. Ein Alt-Fan des CfR erscheint mit einem Auswärtstrikot des ebenfalls verblichenen 1.FC Pforzheim. Niemand spürt Störgefühle. Jeder weiß: Nur wenn der neue Fusionsclub CfR endlich erfolgreich ist, wird er sich in der Stadt etablieren. Darum scheint es vor dem Spiel so, als ginge es für Pforzheim um mehr als nur um den Aufstieg. Der CfR, der immer noch als Fusionskonstrukt angesehen wird, kämpft vor allem um Akzeptanz und Unterstützung.

Die gute Nachricht für beide Vereine: Einer steigt auf. Beide Mannschaften verbinden mit Relegationsspiele keine überdurchschnittlich guten Erfahrungen. Die beiden Vorgängerclubs des CfR, das wissen alle Pforzheimer Fußballfans, waren rituelle Relegationslooser. Was der 1.FC Pforzheim und der VfR Pforzheim im letzten halben Jahrhundert ihres Bestehens an Relationsspielen und Aufstiegsrunden gegeigt hatten, passt in gebührender Ausführlichkeit in keine Vereinschronik. Immer wenn’s drum ging, zog Pforzheim den Kürzeren. Hat der CfR womöglich die Seuche geerbt? Wundern würde es niemanden. Beim 1.Göppinger SV ist die Relegationsschwäche jüngeren Datums. Göppingen war im letzten Sommer schon in diesen Ausscheidungsspielen vertreten – und zog gegen Germania Friedrichstal den Kürzeren. Die Experten behaupten, dass der CfR eigentlich favorisiert wäre. Allein vom Papier her, scheint dies nachvollziehbar. Nach der Kooperation mit dem TSV Grunbach, der seine Mannschaft aus der Oberliga zurückzog, stehen im Pforzheimer Kader zahlreiche Spieler, die bereits Oberliga-Erfahrung haben. Alle von den Grunbacher Höhen des Nordschwarzwaldes hinunter an die Enz gewechselt, wo nun der erste Anlauf genommen wird, die große alte Fußballtradition der Goldstadt wiederzubeleben. In dieser Hinsicht scheint die Qualifikation für die Oberliga das Mindeste, was der CfR erreichen sollte.

Vom Anstoß weg läuft erstmal alles wie erwartet. Pforzheim drängt. Göppingen steht tief. In der 18. Minute fliegt eine Flanke in den Göppingen Strafraum, die Daniel Calo zum 1:0 verwandelt. Der auffälligere der beiden CfR-Stürmer ist eigentlich sein Sturmpartner Dominik Salz, und das liegt nicht nur am Rugby-Kopfschutz, den er in Cech-Manier trägt. Von Salz geht ständig Gefahr aus, wenn er den Ball führt. Aber er führt ihn immer seltener. Das Gegentor weckt Göppingen, die bis zum Halbzeitpfiff feldüberlegen sind. Auch in der zweiten Halbzeit sieht es lange so aus, als würde Pforzheim auf passablem Niveau den Aufstieg verpassen. Druckvoll spielen nur die Gäste aus Württemberg. Sie erzielen sogar ein Tor, aber in der Tat liegt der Schiedsrichter richtig, als er entscheidet, dass es mit der Hand über die Linie gedrückt wurde. Eigentlich hat Göppingen nur Problem: Kopfballstärke. Nach einem Eckball für Pforzheim kommt Manuel Salz mit seinem Rugby-Helm frei zum Kopfball. 2:0. Auch das 3:0 kurz vor Schluss fällt, nachdem der CfR zwei Kopfballduelle im Göppingen Strafraum klar gewinnen konnte.

Mit freundlichem Kopfnicken und höflichen Applaus goutieren die Pforzheimer Zuschauer den größten Erfolg der jungen Vereinsgeschichte des CfR. Das unvermeidliche Wearethechampions dröhnt durchs Enztal. Danach auch die neue Clubhymne. „Der Club und die Rassler – auf ewig verwoben, gemeinsam kämpfen, das Ziel geht vor,“ so wird es auf Schlagerniveau beschworen. An den Lautsprechern liegt’s nicht, trotzdem ist die Botschaft noch nicht überall angekommen, dass der CfR die doppelte Kraft besitzt, eben die von 1.FC Pforzheim und VfR Pforzheim. Aber ein Anfang ist gemacht, denkt sich der Pforzheimer heimlich. Vielleicht wird es doch noch was, mit der Wiederauferstehung. Und möglicherweise gründet sich bald ein sogar mal ein CfR-Fanklub. Eventuell könnte es sogar sein, dass die Fußballkultur wieder im Enztal Einzug hält. Derlei Träume haben im letzten Saisonspiel 14/15 wieder Nahrung bekommen. Lange kann man es sich nicht mehr erlauben, einfach die Championsleague-Hymne zu spielen. In der nächsten Saison hören wieder ein paar mehr zu, was sich in Pforzheim tut. Und möglicherweise war der tiefe Fall allein schon deshalb hilfreich, weil man da unten, in der Relegation zur Oberliga, endlich die traditionelle Schwäche in Entscheidungsspielen besiegen konnte.

Von der Damen-Toilette in die Verlagsbroschüre

Die Mannschaft von Union Böckingen ist in vielerlei Hinsicht legendär. In den späten Zwanzigern und frühen Dreißiger Jahren waren sie eine der beherrschenden Mannschaften in Württemberg – auf Augenhöhe mit den Stuttgarter Kickers, dem VfB Stuttgart oder dem 1.FC Pforzheim. Gastspiele in Böckingen waren gefürchtet. Da gab’s immer gut auf die Socken. Die Union spielte Arbeiterfußball im Klischeesinne. Gradlinig bis rustikal. Anhand Heilbronner Derbys lässt sich schön beweisen, dass Ausschreitungen keine Erfindung des modernen Fußballs sind. Sie sind beinahe so alt wie die Sportart selbst. In Heilbronn wurden in den Zwanziger Jahren schon Spiele abgebrochen. Es soll Regenschirme von der Tribüne geregnet haben, sagt man. „Elf Spieler machen ein Dorf berühmt“, titelte eine Berliner Illustrierte im Jahre 1931, als die Union Württembergischer Meister wurde. In diesem Zusammenhang möchte ich mich herzlich beim Journalisten und Böckinger Union-Chronisten Siegfried Schilling bedanken. Aus dessen wundervollen Archiv stammen manche Informationen und die historischen Aufnahmen, die ich für das Buch verwenden durfte.

Mit Schillings Hilfe erscheinen also nach 80 Jahren die alten Böckinger Kicker wieder: Nicht nur im Buch, sondern auch in der Programmbroschüre des Silberburg Verlages wurden sie groß abgebildet, die stolzen Burschen des FV Union. Das Bild stammt von 1923. Eine würdige Formation, die sich für „Heimspiele“ in Reihe aufgestellt hatte. Erst wenn man genauer hinschaut, entdeckt man die Besonderheit: Warum haben sich die Herren bloß ausgerechnet vor der Damentoilette aufgestellt? Nun, an dieser Stelle muss ich zugeben, dass es mir im Laufe meiner umfassenden Recherchen nicht gelungen alle brennenden Geheimnisse der Fußballgeschichte zu einhundert Prozent aufzuklären. Trotz 280 Seiten geballten Informationen bleiben offenbar zentrale Fragen offen. Das muss man mal so stehen lassen können.

Doppelseite Verlagsbroschüre

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Die Heimspiele-Doppelseite in der Verlagsbroschüre

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Zugegeben, auch außerhalb von Baden-Württemberg sind Orte zu finden, die man aus fußballkultureller Sicht nicht auslassen sollte. Im Buch haben sie natürlich nichts verloren. Dort geht es einzig und allein um Baden und Württemberg. Darum habe ich auf dieser Site die Rubrik „Aus Wärts“ eingerichtet. Viel Spaß mit den Eindrücken aus Prag und Bologna. Apropos Bologna…

Wenn jemand fragt wohin du gehst, sag nach Bologna!
Wenn jemand fragt wofür du stehst, sag für Amore, Amore!

(Wanda, Bologna)

Der Weg zum Wildparkstadion in Karlsruhe ist der wohl schönste Spaziergang zu einem Heimspiel in Deutschland. So habe ich es im Buch aufgeschrieben, besser: abgeschrieben, denn eigentlich stammt der Gedanke von den neutralen Beobachtern des 11Freunde-Magazins. Wenn man für diese Kategorie den weltweit schönsten Stadion-Spaziergang  sucht, kommt man an Bologna kaum vorbei. Von den Innenstadt kann man den Passo di San Luca nehmen, den längsten Arcadengang weltweit. Insgesamt ist er etwa vier Kilometer lang. Wer mitzählen will: 658 Arkadenbögen müssen es am Ende sein, oben beim Heiligtum der Madonna di San Luca.

Fußballfans werden beim Heimspiel gewiss nicht aufsteigen, sondern nach der Hälfte der Wegstrecke beim Arco de Meloncello nach rechts abbiegen. Tatsächlich wurde beim Bau des Stadio dall’Ara eine Verzweigung des Passo di San Luca angelegt. Im Stile des 1715 fertiggestellten Bogenganges wurde ein Anschluss an den Eingang des Stadions angelegt. Die Tifosi können also trockenen Fußes von der Porta Saragossa an der Innenstadt bis zum Stadioneingang gelangen. Über eine Strecke von etwa zwei Kilometern. Ein weitwelt einmaliger  Stadionspaziergang. Symbolisch stark und wunderschön.

Wieso hat es keinen Aufstand der Gläubigen gegeben, die Verzweigung hätte doch als Gotteslästerung empfunden werden können? Die Antwort fällt leicht, sie ist erschreckend schlicht: Protest war damals keine Haltung, die ratsam erschien. Der Bau des „Stadio Littoriale“ wie es damals hieß, fällt in die faschistische Zeit, was man am Baustil unschwer ablesen kann. Die hochaufragenden Ränge bilden ein Mix aus kaiserlich-römischen und faschistischen Elementen. Eingeweiht wurde das Stadion dann von Mussolini persönlich. Dementsprechend sind keine fundamental-religiöse Bedenken überliefert.

1983 wurde das Stadion nach Renato Dall’Ara benannt, dem verdienten Präsidenten des FC Bologna, unter dem der FC Bologna seine größten Erfolg feierte. 1990 wurde es zur Weltmeisterschaft renoviert. Seither ist es unverändert. Im Moment wird über einen weiteren Ausbau diskutiert. Um mit modernen Stadien mithalten zu können, erscheint der Wunsch nach mehr Komfort verständlich. Trotz des schwierigen Baugeschichte der Arena bleibt zu hoffen, dass beim weiteren Ausbau auf den Erhalt der historischen Substanz Rücksicht genommen wird. Es wird kolportiert, dass der Investor vor den Maßnahmen die Fans zu den Ausbauplänen befragen möchte.

Ob dann auch der Säulengang wieder ans Stadion angeschlossen wird? Es ist zu hoffen. An keinem Bauwerk der Welt kann man die Verbindung von Fußball und Religion so klar ablesen. Es soll nicht wenige Fans geben, die inzwischen hoch zum Heiligtum marschiert sind, wo sie um eine sensible Renovierung des Dall’Ara an oberster Stelle nachgefragt haben.

Hier geht’s lang, durch den Bogengang,
mittenrein in die Bolognese.

Der erste und wichtigste Entscheidung bei einem Buch ist immer der Titel. Dieser Titel wird von einem weisen Expertengremium bestimmt, das der Verlag eigens zusammengestellt hat. An diesem runden Tisch sitzen alle, die mit dem Verkauf des Buches zu tun haben, also Lektoren, der Programmchef, die Obersten des Verlages und auch Buchhändler werden dazu geladen. Nur einer nicht. Der Autor. Der würde nur stören. Denn der Verlag weiß, was sich verkauft, und was nicht. Und da ist es gut, wenn der Autor, dieser verschrobene Künstler, draußen bleibt. Dann können die Experten in Ruhe entscheiden. Und das haben sie getan.

„Heimspiele“ wird der Titel sein, unter dem das Buch in den Buchhandlungen und im Netz zu finden sein wird. Bon.

Der sperrige Arbeitstitel „90 Fußballplätze in Baden-Württemberg und ihre Geschichten“, mit dem ich jetzt fast zwei Jahre vor mich hin gearbeitet hatte, wird entschlossen in die Subline weggelobt. So sei es. Einverstanden. Richtige Entscheidung. Applaus vom Autor.

Fassen wir also zusammen: Mitte Oktober wird ein Werk auf den Markt kommen, das sich in die Kategorie „Populäres Sachbuch“ einreihen wird. Der Umfang wird mit ungefähr 300 Seiten angeben, es ist fast DIN A4 groß, also ein halbes Telefonbuch, vom Umfang her.  Im Gegensatz zum Telefonbuch hat es aber ein feines Hardcover und einem Preisschild auf dem 29,90 Euro drauf steht. Für ein so umfassendes Werk darf so ein Preis schon mal drin sein, oder nicht? Hoffentlich widerspricht jetzt niemand.

Wie gesagt: ab Oktober im gut geführten Buchhandel.