Beim 24. Sporttalk der Sportregion Stuttgart durfte ich als agent provocateur die Diskussion mit einem sportpolitischen Impuls anstossen. Aber gerne. Thema: „Wahrer Sport oder Ware Sport“ Die Veranstaltung fand in Herrenberg statt. Und ich fand es nur höflich, meine Ausführungen mit einer lokalen Besonderheit zu beginnen.

 

„Haben Sie gewusst, dass in Herrenberg  einst 3 Fußball-Länderspiele stattgefunden hatten. Für die Nerds hab ich die Ergebnisse parat: Deutschland – Holland 9:2  (1958), Deutschland – Holland 3:0  (1959), Deutschland – Österreich 7:0 (1961). Die Begegnungen fanden in der grauen Spielzeit des Frauenfußballs statt. So nennt man die Jahre 1955 -1970. In dieser Zeit war es den Frauen vom DFB offiziell verboten zu spielen. Die Länderspiele wurden von der DDFV veranstaltet, der Deutschen Damen-Fußball-Vereinigung. Es handelte sich dabei um einen halbseriösen Verband, der im Verbot des Frauenfußballs eine Marktlücke erkannt hatte. 

Diese Länderspiele waren also einzig und allein eine kommerzielle Veranstaltung. Das bringt uns direkt zum Thema „Ware Sport“. Eine kommerzielle Veranstaltung hat Fußball und Gesellschaft weiter gebracht. Chancengleichheit war das gesellschaftliche Thema, das man früher noch Emanzipation nannte. Auch der Fußball profitierte. Später konnte man feststellen:  An vielen Orten, an denen der DDFV seine Damenfußball-Länderspiel ausgetragen hatte, kam der Damenfußball schneller voran. Unter anderem in Crailsheim und hier in Herrenberg.

Das Beispiel zeigt:Kommerzialisierung kann eine Gesellschaft nach vorne bringen. Muss man deshalb gleich ein Pladoyer für Kommerzialisierung halten? Gewiss nicht. Aber ein Plädoyer gegen Überkommerzialisierung. Denn aktuell ist die Gemengelage explosiv: Viele wenden sich vom Fußball ab. Viele Fans sagen: „Freunde der Sonne. Geht ihr ruhig Millionen scheffeln. Mir reichts.“ Nicht erst seit Football Leaks hat der Profifußball ein  Glaubwürdigkeitsproblem. Und das betrifft auch die Amateure.

Darum gibt es einen FC PlayFair!, dessen Präsident Claus Vogt war der Erste, der eine ganz einfache Frage stellte: Wem gehört der Fußball? Der NDR hat diese Frage in einer Sendung aufgegriffen und weitergereicht.  Einhellige Antwort: Der Fußball gehört den Fans, also allen. Doch man muss die Aussage geringfügig verbessern, schließlich sollte man die Spieler nicht vergessen. Richtig ist: Der Fußball gehört der Gesellschaft. Und wenn das stimmt, dürfen wir ihn nicht nach den Blutsaugern überlassen. Deren Ziel ist Gewinnmaximierung. Der ökonomische Gewinn bestimmt das Geschehen. Das ist fatal. Es sollte vielmehr um gesellschaftlichen Gewinn gehen. Um diesen zu bilanzieren steht ein Verfahren zur Verfügung, das immer mehr Beachtung findet: die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). Es ist ein Bewertungsverfahren für Firmen und Institutionen, das ermittelt, in wie weit sie dem Gemeinwohl, also der Gesellschaft dienen.

Als Kritieren der GWÖ wurden untern anderem definiert:
1 Menschenwürde
2 Solidarität
3 Chancengleichheit
4 Ökologische Nachhaltigkeit
5 Transparenz und Mitentscheidung

 1 Menschenwürde

Leider muss man feststellen: Den Begriff Menschenwürde hat jüngst der größte Neokapitalist des Fußballs, Karl-Heinz Rummenigge versaut, als er ihn in Unkenntnis des wahren Inhalts exklusiv für Millionäre einfordert – und auf dramatische Art deutlich machte, dass man in München jede Menschenrecht so hindreht, wie man es braucht, wenn man nur Geld damit verdienen kann. Trotzdem darf man festhalten. Die teil schleppende Gegenwehr gegen rechte Unterwanderung in den Fanblocks, Homophobie, Alltagsrassismus sind konkrete Probleme, die man offensiver angehen muss, teils offensiver als es bisher getan wird. Auch auf manchen Amateurplätzen wird Menschenwürde stellenweise vergessen. Stichwort: Schiedsrichter. Gerade diejenigen, die das Spiel zusammenhalten, erfahren oft ein Defizit im Zusammenhang mit der Menschenwürde

2 Solidarität

Die landläufige Meinung über den Grundlagenvertrag zwischen DFB und DFL ist folgende: Man denkt, darin sei geregelt, dass Gelder aus dem Profifußball den Amateuren zu gute kommen. Tatsächlich ist geregelt: Dass die Profivereine nicht zu viel an die Amateure bezahlen. Die schreiende Ungerechtigkeit wird auch von den Landesverbänden klaglos abgenickt. Stattdessen alimentiert der DFB Werbekampagnen wie „Unsere Amateure – echte Profis“. Die Solidarität der Profis mit den vielen Amateuren ist definitiv ausbaufähig. Auch was die Spielzeiten betrifft. Liga eins und zwei decken das gesamte Wochenende ab. Eine zweistündige Profifußballpause am Sonntagnachmittag würde vielen Amateuren helfen. Aber solch solidarische Ideen stehen überhaupt nicht zur Debatte.

3 Chancengleichheit

Seit Pseudovereine wie Rasenballsport Leipzig in der Bundesliga spielen, können wir Chancengleichheit vergessen. Der 17-Herren-Verein aus Leipzig spart´ sich nämlich das ganze Gedöns mit Amateurfußball und gesellschaftlicher Verantwortung restlos. Er wurde nur zu Zwecken des Dosenmarketings gegründet. Doch Chancengleichheit war schon vor Red Bull kaum vorhanden. Eine gerechtere Verteilung der Fernsehgelder würde helfen – in Bundesliga und Championsleague. Aber wenn Bayern den Hals nicht voll bekommt, wird eben mit der Superleague gedroht. Leider geht die Strategie auf.

4 Ökologische Nachhaltigkeit

Jetzt wundern sich alle Clubpräsidenten und Trainer: Was ist denn das für ein Orchideenthema? Andererseits stelle ich die Frage: Gibt es überhaupt einen Bereich der Gesellschaft, der es sich leisten kann, das Thema „Ökologische Nachhaltigkeit“ auszuklammern?

5 Transparenz und Mitentscheidung

Tatsache ist: Der oberste FiFA-Boss Gianni Infantino hat kürzlich den Straftatbestand Korruption selbst aus dem obersten Ethikcode des Fußballs entfernen lassen. Im Alleingang. Mit dem Rotstift. Das wußte man auch schon vor den Football Leaks. Soviel zu Transparenz. Fisch stinkt von oben. Amateurverbände können die Vorwürfe gegen die Oberen der internationalen Verbände zwar kaum mehr hören. Aber hören kann man auch keine DFB-Verantwortlichen, der die Missstände öffentlich anprangert. Der Eindruck entsteht: Von oben bis unten alles eine Mischpoke.

Ich stelle also abschließend fest fest: Wenn man den Fußballsport mit den Methoden der Gemeinwohl-Ökonomie beurteilen würde, die Bilanz wäre extrem ausbaufähig. Statt dessen regiert der Kommerz. Das ist deshalb enorm schade, weil der Sport, sogar der Fußball, eine gute Sache ist. Wenn man es pathetisch mag, könnte man sagen: Fußball ist die eine Sache, auf die sich die Menschheit weltweit am leichtesten einigen kann. Weitere Stichworte zum gesamtgesellschaftlichen Profit sind: Gesundheit, soziale Bindung, gesellschaftliches Engagement, Identifikation, Heimat. All das ist Fußball: ein Kulturgut, das keinesfalls dem Kommerz überlassen werden darf.

Ein letzter Punkt: Versuchen Sie mal als Frau beim VfB Stuttgart Fußball zu spielen. Die bittere Wahrheit: Unser schwäbischer Vorzeigeklub ist in manchem noch so rückständig wie der DFB vor 60 Jahren.“

Danke an den Veranstalter Sportregion Stuttgart und an Dr. Qingwei Chen für das Foto.

Weitere Infos zur Gemeinwohlbilanz gibt’s auf www.ecogood.org und www.em-faktor.de